SFB-TRR 138: Teilprojekt A06: Versicherheitlichung und Diskurse über Rechte von Minderheiten und Mehrheiten in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert

Projektleitung: Prof. Dr. Peter Haslinger, Dr. Heidi Hein-Kircher

Projektförderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Projekt-Webseite: Sonderforschunsgbereich/Transregio 138 "Dynamiken der Sicherheit. Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive"

Seit dem Aufstieg konkurrierender nationaler Bewegungen wurden multinationale Grenzgebiete der Imperien im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als Unsicherheitsräume wahrgenommen: Je nach Akteursperspektive (Behörden, politische Aktivisten, Expertengruppen) kam es zur Konzeptualisierung solcher Gebiete als von Konflikten zerrissen, als unzureichend verwaltet, durch Irredentismus gefährdet, und schließlich als Sicherheitsrisiko in der Frontstellung des Ersten Weltkriegs sowie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als Lösungsversuche dieser Problemlagen in potenziellen Konflikträumen traten neben die auf Kontrolle und Sicherung ausgerichteten polizeilich-militärischen Ansätze seit der Jahrhundertwende zunehmend auch Versuche einer Verrechtlichung von Konflikten und einer Aushandlung von Ausgleichen. Das Teilprojekt will offenlegen, wie solche Verrechtlichungsdiskurse mit bereits etablierten oder gewohnheitsrechtlich tradierte Verfahrensweisen und Praktiken des Interessenausgleichs auf lokaler Ebene zusammenwirkten, die auf Rechtsvorstellungen und Rechtswirklichkeit gleichermaßen bezogen waren. Die rechtliche Umsetzung von Sicherheitsvorstellungen wird dabei als kommunikativer Gesamtprozess begriffen, der auf unterschiedlichen Ebenen abläuft (national, regional, lokal) und spezifische Akteursgruppen umfasst. Es stehen somit Perspektivverschränkungen zwischen Sicherheitsvorstellungen von Staat, Mehrheiten- und Minderheitenvertretern, Parteien und Medien im Fokus. Untersucht wird außerdem, unter welchen Bedingungen und in welcher Weise externe Rechtskonzepte (d.h. von gesamtstaatlichen Administrationen und Parteien, politischen und gesellschaftlichen Kräften in Nachbarstaaten oder auch durch internationale Gremien formulierte Lösungsansätze) rezipiert wurden.

Das in der ersten Förderphase bearbeitete Teilprojekt besteht aus zwei Teilvorhaben, die einen Teil der Ostgebiete der Zweiten Republik Polen sowie die tschechoslowakische Karpatoukraine während der Zwischenkriegszeit in den Blick nehmen.

In der ersten Studie wird die Verschränkung der Versicherheitlichungsdiskurse zwischen Regierungs- und Regionalpolitik, Fachwissenschaft und medialen Diskursen analysiert. Das zweite Vorhaben untersucht deren praktische Umsetzung bzw. die Rückwirkungen vor Ort, an Fallstudien aus den Regionen Pińsk (heute Weißrussland), Stanisławów (heute Westukraine, Ivano-Frankivs’k), Užhorod (heute Westukraine, Transkarpatien).