Polesien als Interventionslandschaft. Raum, Herrschaft, Technologie und Ökologie an der europäischen Peripherie 1915-2015

Projektleitung: Dr. Anna Veronika Wendland, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg

Projektkoordination: Dr. Silke Fengler, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg

Projektpartner: Prof. Dr. Thomas Bohn, Professur für Geschichte Osteuropas an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Prof. Dr. Claudia Kraft, Professur für europäische Zeitgeschichte an der Universität Siegen

Projektförderung: Senatsausschuss Wettbewerb (SAW) der Leibniz-Gemeinschaft im Rahmen des Paktes für Forschung und Innovation

Laufzeit: 11/2015 – 10/2018

Die Geschichte des östlichen Europas im 20. Jahrhundert wird oft als Gewalt- und Katastrophengeschichte geschrieben. Das Ergebnis ist heute das stark raumbezogene Narrativ eines im Zeitalter der Extreme traumatisierten Osteuropa zwischen Bloodlands und Tschernobyl-Zone. Unser Ziel ist es, jenseits solcher etablierter narrativer Strukturen eine raumsensible Geschichte Osteuropas in der Moderne zu schreiben, die trotzdem den traumatischen historischen Erfahrungen Rechnung trägt.

Wir arbeiten mit einem in der Projektgruppe neu erarbeiteten Konzept, jenem der „Interventionslandschaft“. „Landschaft“ deutet an, dass wir den Raum der Geschichte nicht nur als Container verstehen. Vielmehr interessieren uns Interaktionen von Landschaft und Räumlichkeit einerseits und historischen Akteuren andererseits. „Intervention“ wird hier als Prozess verstanden, in dem die historischen Akteure nicht nur Opfer waren, sondern ihre eigenen Strategien der Aneignung, des Unterlaufens und Profitierens entwickelten – und zwar Strategien, die ursächlich auch mit den Spezifika der Landschaft zusammenhingen, in welcher die Menschen agierten.

Das theoretische Konzept soll am Beispiel der Natur- und Geschichtslandschaft Polesien [p. Polesie, ukr. Polissja, wr. Palesse, ru. Poles’e, „Waldland“, „Land am Wald“] erprobt werden. Polesien ist eine der letzten großen Auwald- und Sumpflandschaften Europas im Grenzgebiet Polens, Belarus, der Ukraine und Russlands. Im 20. Jahrhundert fanden hier gewaltige Transformationen von Landschaft und Lebenswelten statt. Interventionen erfolgten durch Raumplanung und -nutzung, durch Herrschaftsausübung und die Einführung neuer Technologien. Polesien war Schauplatz von zwei Weltkriegen, von Genoziden, von umfassenden Zentralisierungs- und Modernisierungskampagnen der jeweils herrschenden Mächte. Seit den 1930er Jahren wurden hier immer wieder Versuche unternommen, die Sümpfe trockenzulegen. Seit den 1970er Jahren plante die Sowjetunion, den ukrainischen Teil Polesiens in eine Energielandschaft umzuwandeln und errichtete drei große Kernkraftwerke mit der dazugehörigen Infrastruktur. Eines davon, Tschernobyl, ist 1986 zum globalen Symbol der modernen transnationalen „Risikogesellschaft“ und der Bedrohung durch „Risikotechnologien“ geworden.

Landkarte von Polesien im 20. und 21. Jahrhundert (Quelle: Herder-Institut, Marc Friede)

Die drei Teilprojekte

  1. Herrschaftstechniken im Sumpf und ihre Reichweiten, 1914-1941 (Universität Siegen),

  2. Melioration und Kollektivierung im belarussischen Polesien, 1965-2015 (Justus-Liebig-Universität Gießen),

  3. Das ukrainische Polesien als Nuklearlandschaft und die Transformationen lokaler Identitäten, 1965-2015 (Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg)

nehmen je unterschiedliche Zeiträume und Interventionsformen in den Blick. Daneben laden wir Experten aus unterschiedlichen Disziplinen ein, mit uns das Konzept zu diskutieren und zu schärfen. Anhand der empirischen Befunde aus den Teilprojekten und der Ergebnisse der theoretischen Diskussion möchten wir prüfen, inwieweit das Konzept der „Interventionslandschaft“ die komplexe Beziehung von Mensch, Raum, Natur und Technik im östlichen Europa besser beschreiben kann als etablierte Deutungsangebote.

Herrschaftstechniken im Sumpf und ihre Reichweiten, 1914-1941

Pinsk Hauptfriedhof (Quelle: Diana Siebert)

Projektleitung: Prof. Dr. Claudia Kraft, Universität Siegen

Projektbearbeitung: Dr. Diana Siebert, Universität Siegen

Das Projekt untersucht, mit welchen Zielen und Methoden militärische und zivile Interventen in Kriegs-, Bürgerkriegs- und Friedenszeiten ihre Herrschaft über die Einheimischen und über den als widerständig empfundenen Raum in der sehr dünn besiedelten Region Polesien etablierten.

Polesien war Kriegsschauplatz und Frontabschnitt des Ersten Weltkriegs. Der westliche Teil gehörte von 1921 bis 1939 zu Polen, der östliche zur Sowjetunion. Von 1939 bis 1941 besetzte die Sowjetunion auch den westlichen Teil als ein ihr im Hitler-Stalin-Pakt zugestandenes Gebiet. Einheimische wie Nichteinheimische nahmen Polesien in dieser Periode ganz verschieden wahr: die einen als pittoresken Gegenstand von Landschaftsmalerei, andere als Torfausbeutungs-Gebiet; die einen als eine dünn besiedelte Region, sogar als sumpfige terra non grata, andere als Region jüdischer Schtetl. Polesien wurde auch als ur-ukrainische, ur-belarussische, ur-slawische Landschaft projiziert. Wie haben Lern- und Wissenstransferprozesse in dieser Zeit die Handlungsanweisungen und Raumkonzepte der jeweils Herrschenden beeinflusst? Welche Widerstands-, Unterordnungs- und Aneignungsstrategien entwickelten einheimische Bewohner der Städte, Schtetl und Dörfer gegenüber den ihnen begegneten Kriegs-, Verwaltungs-, Besiedlungs-, und Modernisierungs- , kurz: Herrschaftstechniken?

Polesien war in dieser Zeit eine Region zwischen Aufeinanderprallen und Zusammenarbeit, zwischen Anziehung und Abstoßung, zwischen Terror und Normalität, zwischen Territorialisierung und neuer „Verwilderung“, zwischen Ver- und Entsicherheitlichung, zwischen Zuschreibung zum Anderen und zum Eigenen.

In einer klassische Analyse von Archivtexten und Sekundärliteratur analysieren wir die Mechanismen, durch die in dem bald umkämpften, bald nahezu niemanden interessierenden Polesien eine Interventionslandschaft produziert, tradiert und zerstört, erinnert und vergessen wurde.

Melioration und Kollektivierung im belarussischen Polesien, 1965-2015

Quelle: Artem Kouida

Projektleitung: Prof. Dr. Thomas Bohn, Justus-Liebig-Universität Gießen

Projektbearbeitung: Artem Kouida, Justus-Liebig-Universität Gießen

Das Projekt untersucht das belarussische Polesien im Kontext der sowjetischen Moderne im Poststalinismus. Es geht der Frage nach, inwieweit Polesien als landwirtschaftliches und sozio-kulturelles Experimentierfeld diente. Das Generalschema der Melioration wurde bereits unter Chruschtschow entworfen, eine nachhaltige Veränderung wurde aber erst 1965 durch Breschnews neue Land- und Dorfpolitik angestoßen. Ein umfassendes Meliorationsprogramm als Maßnahme zur Entwicklungsbeschleunigung des sowjetischen Agrarsektors berücksichtigte unter anderem auch die Pripjatsümpfe. Insgesamt wurden etwa zwei Millionen Hektar Land „optimiert“. Allerdings führten die fachliche Unkenntnis der Bearbeitung von trockengelegten Gebieten und die unzureichende wissenschaftliche Erforschung des Bodenbestandes zu Erosions- und Versandungsprozessen. Zu dieser Zeit ist der inoffizielle Begriff „Weißrussische Karakumwüste“ in den Umlauf gebracht worden.

Grundlage der Untersuchung ist erstens die Planungsebene, bei der auf die Archivbestände der 1966 in Pinsk eingerichteten Polesischen Hauptverwaltung für Wasserwirtschaft des Ministeriums für Wasserwirtschaft der UdSSR zurückgegriffen werden kann. Der zweite Schwerpunkt liegt auf den Strategien von Aneignung, Adaptation und Widerstand durch die Bevölkerung, die sich in den Protokollen und Berichten der lokalen Räte und Parteikomitees, aber auch in Eingaben und Interviews widerspiegeln. Aus der Binnenperspektive stellt sich die Frage, inwiefern die Einheimischen nicht nur Objekte von Planungs- und Optimierungspolitiken waren, sondern als Subjekte mit je spezifischen Strategien und Verfahrensweisen auf diese Herausforderungen reagierten, wie sie von neuen Anforderungen zu profitieren suchten oder sie umgingen und unterliefen, und wie sie auf Neuankömmlinge aus den Forschungsinstituten und Baubrigaden reagierten.

Das ukrainische Polesien als Nuklearlandschaft und die Transformationen lokaler Identitäten, 1965-2015

Mitarbeiter auf dem Weg zum AKW Tschernobyl (Quelle: pripyat.com, Alexander Sirota)

Projektbearbeitung: Dr. Svetlana Boltovskaja, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg

Das Projekt untersucht die Geschichte des ukrainischen Polesiens als Interventionsgeschichte im Kontext der (post-)sowjetischen Atomenergiewirtschaft. In den 1970er Jahren entstanden dort drei Kernkraftwerke mit der dazugehörigen Infrastruktur: Tschernobyl, Rivne und Chmelnyckyj. Damit hielt die „Atomstadt“ (atomograd) als urbane Kommune neuen Typs Einzug in dieses Sumpfgebiet. Großbaustellen und kerntechnische Anlagen gaben der einheimischen Bevölkerung neue Berufsperspektiven und zogen Arbeitsmigranten aus der gesamten Sowjetunion an. Die sowjetische Propaganda machte daraus eine Erfolgsgeschichte von Modernisierung, Bildung und Wohlstandsmehrung. Gleichwohl gibt es kaum gesicherte Daten über die tatsächlichen Vorteile für die Region und die lokale Wahrnehmung dieser Entwicklung.

Mit der Katastrophe von 1986 kam die Kostenseite der Atomenergie zum Tragen. Polesien wurde auf eine ganz neue Weise zur Interventionslandschaft: durch umfassende Umsiedlung der Bevölkerung, durch kostspielige Schadensbehebung der akuten Folgen, an der allein zwischen 1986 und 1992 bis zu 600.000 Menschen teilnahmen; durch die Rückkehrerbewegung sowie durch die spätere Umwertung der Tschernobyl-Evakuierungszone zum wissenschaftlichen Testgebiet; durch Katastrophentourismus und illegale Plünderungen der Zone.

Für Rivne und Chmelnyckyj hingegen brachte die Stilllegung des AKW Tschernobyl im Jahr 2000 einen Aufschwung. Dort wird die Geschichte der Energielandschaft bis heute als ukrainische Erfolgsgeschichte wahrgenommen und fortgeschrieben.

Das Projekt beschreibt die neuartigen Beziehungen, die durch die Interaktion von technologischen Artefakten, Akteuren und Landschaft entstanden. Im Zentrum steht die Frage, wie das technopolitische Regime lokale Identitäten und Lebenswelten transformierte. Die Untersuchung stützt sich auf Archivalien, visuelle Quellen, museale Darstellungen und vor allem auf Interviews mit (ehemaligen) Bürgern der Atomstädte sowie mit Bewohnern der umgebenden Regionen.