LOEWE-Schwerpunkt „Konfliktregionen im östlichen Europa“

Projektleitung: Prof. Dr. Peter Haslinger (Direktor des Herder-Instituts), Prof. Dr. Monika Wingender (Geschäftsführende Direktorin des Gießener Zentrums östliches Europa)

Administrative Koordination: Dipl.-Phil. Aksana Braun, Justus-Liebig-Universität Gießen

Projektförderung: Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE), Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Kooperationspartner: Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Deutsches Polen-Institut Darmstadt, Zentrum für Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg, Schader-Stiftung in Darmstadt

Laufzeit: 01/2017 – 12/2020

Der vom Land Hessen im Rahmen der Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE) bewilligte Schwerpunkt nimmt „Konfliktregionen im östlichen Europa“ in den Blick. Die Forschungsvorhaben sind thematisch breit und interdisziplinär angelegt: Über die aktuelle Ukraine-Russland-Krise hinaus analysiert der neue LOEWE-Schwerpunkt die Geschichte und die Gegenwart weiterer Konfliktregionen im östlichen Europa. Durch welche Akteure und Medien werden Konflikte konstruiert, wie manifestieren sich die Konflikte, welche Dynamiken kennzeichnen die Konfliktverläufe und wie sind konkurrierende Interpretationen zu bewerten? Diesen und weiteren Fragen gehen die Forscherinnen und Forscher in insgesamt 12 Postdoc- und Promotionsprojekten nach. Beteiligt sind die Fachgebiete Osteuropäische Geschichte, Slavistik, Turkologie, Politikwissenschaft und Soziologie.

Die Qualifikationsprojekte werden von einem Transferprojekt begleitet, das zahlreiche öffentlichkeitswirksame Maßnahmen wie Medienpartnerschaften, Ost-West-Tandem-Autorenschaften und Ost-West-Dialog-Symposien vorsieht. Hier wird Wissen als Deutungswissen für Politik und Medien angeboten. Der LOEWE-Schwerpunkt nutzt dabei die neuen digitalen Kommunikationsmöglichkeiten und unterstützt durch entsprechende Lehrmaßnahmen im internationalen Projektnetzwerk die Reflexion über die konkurrierenden Deutungsgrundlagen in Ost und West. Bedeutend ist die im LOEWE-Schwerpunkt laufende Forschung auch im Hinblick darauf, dass durch diesen LOEWE-Schwerpunkt der Leibniz-Forschungsverbund „Krisen einer globalisierten Welt“ und die sowohl in der Leibniz-Gemeinschaft wie an der Universität Gießen bereits stark vertretenen Kompetenz zum Östlichen Europa eine neue Qualität erlangt und zu weiteren Projektinitiativen führen kann.

Teilprojekte am Herder-Institut

(Wissens)mediale Repräsentationen interethnischer und erinnerungspolitischer Konflikte: Westukraine, Siebenbürgen, Südslowakei seit 1980

Ungarisch-russische Grenze bei Körösmezö, Bildarchiv Inv-Nr. 216139

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Peter Haslinger

Bearbeitung: Dr. Eszter Gantner

 

Auch heute finden wir im östlichen Europa zahlreiche Beispiele für die dynamische Verschränkung von politischen, interethnischen und erinnerungskulturellen Konflikten. In diesen werden Minderheitenfragen gemeinsam mit konkurrierenden Interpretationen historischer Entwicklungen und außen- und geopolitischen Orientierungen verhandelt. Das Teilprojekt soll daher untersuchen, wie sich unter den Bedingungen einer veränderten Wissenschafts- und Medienlandschaft die Darstellung der Vergangenheit von Konfliktregionen in der wissenschaftlichen Literatur sowie in populärhistorischen Darstellungen fassen lassen. Dadurch soll für das Gesamtanliegen des LOEWE-Schwerpunkts deutlich werden, wie Deutungswissen in grenzüberschreitenden Dialogsituationen und Negativverschränkungen bereitgestellt und medial positioniert wird. Zu einigen repräsentativen Beispielen sollen auch massenmediale Kontexte (Zeitungen, Fernsehen, Internetquellen) mit einbezogen werden.

Das Projekt fokussiert dabei auf drei Regionen, nämlich die Westukraine, Siebenbürgen und die Südslowakei, die folgende Charakteristika aufweisen: 1) Sie waren im 20. Jahrhundert als interethnische Begegnungszonen das Objekt von erbittert ausgetragenen Territorialkonkurrenzen zwischen benachbarten Staaten und zudem von teils dramatischen demografischen Veränderungen gekennzeichnet (bis hin zu Deportationen und Massenmorden). 2) Diese Themen wurden im Untersuchungszeitraum von der Wissenschaft immer intensiver aufgegriffen und sukzessive auf-gearbeitet, dies jedoch teils in konfliktiver Weise, teils auch in Rückgriff auf neue Ansätze in der internationalen Forschung. 3) Seit den 1990er Jahren kam es in allen drei Regionen auch zu einer Neubewertung der regionalen Multiethnizität, vor allem zur Wiederentdeckung des jüdischen An-teils der regionalen Geschichte, aber auch zu fortdauernden Ausblendungen (etwa was die Geschichte der Roma betrifft). 4) In den Jahren, die hier den Untersuchungszeitraum bilden, standen diese Regionen auch im Fokus populärer Darstellungen, auch da sich die Medienlandschaften mit den politischen, ökonomischen und technischen Rahmenbedingungen (Transformation, Pluralisierung, Digitalisierung) tiefgreifend veränderten.

Geschichtspolitik, Identitätsökonomien und Integrationskonzepte als konstituierende Faktoren des russisch-ukrainischen Krisenraums (1945-2015)

Teilprojektleiterin: Dr. Anna Veronika Wendland

Bearbeitung: Iryna Lysenko M.A., Anna Kolbanenko

 

Konflikte um die Deutungshoheit in der Geschichte der Ukraine begleiten die neuere und neueste Geschichte dieses Landes seit der Konstituierung der modernen ukrainischen Nationalbewegung. Dabei ging es infolge der langjährigen Zugehörigkeit ukrainischer Territorien zum Russischen Reich bzw. der Sowjetunion immer auch um die Interpretation der ukrainisch-russischen Verflechtungsgeschichte. Bestimmte Formen historischer Erinnerung im Spannungsfeld ukrainischer und russischer Geschichte wurden dabei in Abhängigkeit von politischen Konstellationen und den da-mit verbundenen Integrationsprojekten privilegiert, andere diskriminiert. Geschichtspolitische Kontroversen um die Rolle der Ukraine in einem russisch dominierten Eurasien oder in einem neu zu definierenden europäischen Raum befeuern wiederum auch geopolitische Diskurse um die Persistenz globaler kultureller Konfliktlinien im östlichen Europa.

Mit Blick auf die Aufgabe des Schwerpunktes, die Bereitstellung von Deutungswissen über Mechanismen der Genese von Konflikträumen im östlichen Europa, bildet das Teilprojekt zwei Arbeitshypothesen über die Rolle von Geschichtspolitik bei der Generierung des russisch-ukrainischen Konfliktraums. Diese sollen empirisch und systematisch geprüft werden. Hypothese 1 besagt, dass geschichtspolitische Konfliktfälle sich im ukrainisch-russischen Diskurs um bestimmte geschichtsterminologische Felder gruppieren, die als Verdichter und Marker für kontroverse Inhalte fungieren. Diese beziehen sich häufig wiederum auf unterschiedliche Konzepte politischer Integration. Dazu gehören 1) die sich gegenseitig beeinflussenden, aber auch widerstreitenden imperialen Selbstkonzepte des Kleinrussen (maloross) im 19. bzw. Sowjetmenschen im 20. Jh. sowie das national-kulturelle Selbstkonzept des Ukrainers, 2) die ukrainische Staatlichkeit und Territorialität im Spannungsfeld zwischen Nationalstaatsversuch (1917-1920), Sowjetukraine (1922-1991) und Unabhängigkeit seit 1991, 3) die Kriegs- und Gewalterfahrungen 1930-1945 im Spannungsfeld von Opfer/Täter, Widerstand/Kollaboration (mit Bezug auf die NS-Besatzung) und Befreiung/Besatzung (mit Bezug auf die Restituierung sowjetischer Herrschaft) sowie 4) die sowjetukrainische Erfahrung seit 1945 als Modernisierung vs. Russifizierung. Hypothese 2 legt als Vermutung zugrunde, dass politische Akteure solche kontroversen Felder entweder mit dem Ziel der Partizipation an politischer Macht oder mit jenem des Machterhalts nutzen, an eigene Zwecke anpassen und anreichern. Ziel ist es, historisches Deutungswissen über politische Bruchzonen zwischen der Ukraine und Russland bereitzustellen.

Loyalitäts- und Minderheitenkonflikte im Baltikum von der Jahrhundertwende bis 1940

Lettland (Ausschnitt): Sig. 46IID2_11

Teilprojektleiterin: Dr. Heidi Hein-Kircher

Bearbeitung: Vera Volkmann M.A., Maximilian Brisach

Das Baltikum ist wegen seiner ethno-kulturellen Vielschichtigkeit und geostrategischen Bedeutung eine europäische Konfliktzone, in der sich in der Moderne immer wieder Loyalitäts- und Minderheitenkonflikte sowie imperiale Hegemonieansprüche manifestierten. An der Wende zum 20. Jahrhundert war der deutsche Adel auf dem Land und das deutschsprachige Bürgertum in den Städten sozial dominierend; die autochthone Bevölkerung lebte zumeist auf dem Land, während die russischsprachige Bevölkerung sich vor allem in industrialisierten Regionen und Städten ansiedelte oder als Beamte/Militärs dorthin versetzt wurde. Damit stand das Baltikum im Spannungsfeld verschiedener parallel laufender und sich gegenseitig verstärkender sozialer, politischer und nationaler Prozesse und Veränderungen von Loyalitäten wie die einsetzende Urbanisierung, Industrialisierung und dem Bestreben Russlands, die deutschbaltische soziale Dominanz zu brechen und die Region zu russifizieren sowie schließlich der Nationalstaatsgründungen.

Das Teilprojekt analysiert die Rückwirkungen von politischen Zäsuren und Transformationsphasen, die zu Separations- und Souveränisierungsprozessen (Revolution 1905, Weltkrieg/Revolutionen 1917, Nationalstaatsgründungen mit Demokratisierung und sozio-ökonomischer Transformation, Etablierung autoritärer Regime) führten, auf die lokale und regionale Ebene und auf die örtlichen sozialen Dynamiken. Es untersucht, wie sich Loyalitäten neu formierten und hierdurch die Beziehungen der ethno-konfessionellen Gruppen auf der lokalen Ebene veränderten.

Konkurrierende Konzepte von Governance: Die Freie Stadt Danzig und der Völkerbund zwischen lokalem und transnationalem Konfliktmanagement (1919-1939)

Danzig (Ausschnitt): Kartensammlung Sig. K_7_VIII_D_21

Teilprojektleiter: PD Dr. Christian Lotz

Bearbeitung: Adrian Mitter M.A., Christian Heimann

Bis in die Gegenwart geht die Unterstellung einer Konfliktregion unter internationale Kontrolle mit der Erwartung einher, vorhandene Konfrontationen nicht weiter eskalieren zu lassen bzw. langfristig zu befrieden. Auch die Akteure im 1920 gegründeten Völkerbund erwarteten nach dem Ersten Weltkrieg, dass sich der Streit zwischen Polen und Deutschen um die Stadt Danzig auf solchem Weg lösen ließe. Bisher sind in erster Linie die ideologischen und propagandistischen Konfrontationen um die nationale Zugehörigkeit Danzigs zum deutschen oder polnischen Staat sowie die Strategien des Völkerbunds zu deren Entschärfung untersucht worden. Demgegenüber sind Governance-Konzepte auf deutscher, polnischer und internationaler Seite hinsichtlich der praktischen Herausforderungen für Verkehr, Handel, Wirtschaft und Ökologie der Freien Stadt Danzig zwischen den Weltkriegen kaum beachtet worden. Das Teilprojekt nutzt daher Danzig als Beispiel, um (a) das Verhältnis zwischen lokalen, nationalen und transnationalen Handlungsspielräumen und Governance-Konzepten zu erforschen, und (b) um das Ineinandergreifen von politischen, ökonomischen und ökologischen Faktoren bei der Verschärfung oder Entspannung des Konflikts zu analysieren.

Das Teilprojekt fokussiert mit der Freien Stadt Danzig einen eng begrenzten Raum, so dass es die Verflechtung von lokalen und transnationalen Elementen analysieren kann. Als einziges Teilprojekt bearbeitet es den Völkerbund und damit eine internationale Organisation vor 1945, deren Leistungen, aber auch Scheitern die Einrichtung ähnlicher Organisationen nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Anspruch an die Leistungskraft verschiedener Governance-Konzepte maßgeblich prägte. Schließlich erweitert es die räumliche Perspektive, indem das Danzig-Teilprojekt nicht nur eine weitere Region untersucht, sondern durch Danzigs Handelsbeziehungen auch Verflechtungen mit anderen europäischen und außereuropäischen Regionen beachtet.

Transferprojekt

„Wissenschaft in einem gemeinsamen Europa“

Bearbeitung: Theresa Schnurbus

Teilprojekte in Gießen

Internationales Konfliktmanagement und europäische Integration im Spiegel des neuen Ost-West-Konfliktes. Russland, Ukraine, Georgien und Moldova – internationale Strategien im Vergleich
Teilprojektleiterin: Prof. Dr. Andrea Gawrich
Postdoc: Dr. Vera Axyonova (beurlaubt wegen Elternzeit); Dr. Lusine Badalyan (in Vertretung)

Sprachen- und Nationalitätenpolitik zwischen Internationalisierung, Nationalisierung und Regionalisierung – ethnische Konflikte in der Ukraine, in Russland und weiteren östlichen Staaten des Europarats
Teilprojektleiterin: Prof. Dr. Monika Wingender
Postdoc: Dr. Nadiya Trach

Wahlen, Abstimmungen und Umfragen als Faktoren in der Konfliktdynamik Russland/Ukraine
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Andreas Langenohl
Projektmitarbeiterin: Sophie Schmäing, M.A.

Die Ukraine: Überlappungsregion und Normexport in der Kulturwissenschaft
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Thomas Daiber
Projektmitarbeiter: Ruben Biewald, M.A.

Weißrussifizierung und Sowjetisierung. Belarus im Spannungsfeld von Polen und Russland 1905-2015
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Thomas Bohn
Projektmitarbeiter: Mark Berman, M.A.

Ein Teil der russischen Welt? Diskursive Konstruktion von kasachischer Nationalgeschichte als Strategie zur Behauptung postsowjetischer Eigenstaatlichkeit
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Mark Kirchner
Projektmitarbeiterin: Güldane Akbaş, M.A.

Makedonien als internationale Interventions- und (Des-)Integrationslandschaft: Globale und lokale Akteure (1890-2015)
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Stefan Rohdewald
Projektmitarbeiter: Denis Ljuljanovic, M.A.

Vom kosmopolitischen Schmelztiegel zur ethnisch segregierten Gesellschaft: Die Region Lodz 1905-1949/2015
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg
Projektmitarbeiter: Michal Turski, M.A.