Kommunistische Geschichts- und Medienpolitik in Polen 1944-1989: Die Holocaust-Darstellung und deren Rezeption

Michael Zok M.A.

Dissertationsprojekt (2008-2012)

Mit der „Zäsur von 1979“ (Frank Bösch), der Ausstrahlung der US-amerikanischen Serie „Holocaust“, wird ein erinnerungskultureller Umbruch verbunden, der die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten fest in das kulturelle Gedächtnis der USA und Westeuropas verankerte. Auch das kulturelle Gedächtnis der polnischen Gesellschaft unterlag zu diesem Zeitpunkt Umbrüchen, die ebenfalls die Erinnerung an den Holocaust betrafen.

Das Dissertationsprojekt hat das Ziel, die Darstellung und Relevanz des Holocaust im polnischen Fernsehen in den Jahren von 1968 bis 1989 zu untersuchen. Dabei sollen insbesondere Täter- und Opferkonstruktionen und die Sendepolitik des Staatsfernsehens in den Blick genommen werden. Kontextualisiert wird die Untersuchung der televisuellen Erinnerungspolitik mit den Diskursen um den Holocaust innerhalb der Geschichtswissenschaft und der Publizistik und fragt nach den Grenzen des Sag- und Zeigbaren in den verschiedenen Diskursarenen sowie nach deren Interdependenzen.

Im Fokus der Untersuchung soll einerseits die Dekade des „Organisierten Vergessens“ (Marcin Zaremba), d.h. die 1970er Jahre, stehen, in der der Holocaust im polnischen Fernsehen (und nicht nur dort) nahezu vollständig marginalisiert wurde. Es soll erforscht werden, ob diese Marginalisierung auch innerhalb der Gesellschaft vorherrschte, oder ob es Versuche gab, besonders an neuralgischen Erinnerungsmomenten wie dem Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto, die Marginalisierung zu durchbrechen. Dabei soll diese Frage in einem kulturgeschichtlichen Rahmen eingebettet werden.

Das Ende der 1970er Jahre, der erinnerungskulturelle Umbruch, bildet einen weiteren Untersuchungsschwerpunkt. Zwar wurde die Serie „Holocaust“ während der kommunistischen Herrschaft in Polen nicht ausgestrahlt, dennoch stellte sie einen Impuls für die Auseinandersetzung mit der Ermordung der europäischen Juden und deren Erinnerung dar. Auch im Polnischen Fernsehen ließ sich in den frühen 1980er Jahren – ähnlich wie in Westeuropa und den USA – ein vermehrtes Interesse an den Holocaust thematisierenden Sendungen feststellen.

1985 handelte das Polnische Fernsehen hinsichtlich der sensiblen Problematik, die sich aus dem Ausland kommend mit dem polnisch-jüdischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzte, anders als zuvor bei „Holocaust“: Als Claude Lanzmanns Film „Shoah“ in den westeuropäischen Fernsehprogrammen ausgestrahlt wurde, folgte das Polnische Fernsehen diesem Beispiel und strahlte eine Kurzfassung des Dokumentarfilms aus, in dem alle Polen betreffenden Elemente gezeigt wurden.

Die Ausstrahlung von Claude Lanzmanns Film bildete den Auftakt zu einer stark vermehrten Auseinandersetzung (nicht nur im Fernsehen) mit der Thematik, die an dem geradezu als „Explosion“ zu bezeichnenden Anstieg der Ausstrahlungshäufigkeit von den Holocaust thematisierenden Sendungen abzulesen ist. Die Untersuchung wird letztendlich versuchen, zu ergründen, welche Faktoren in den Jahren 1978/79 bis 1985 – von der Nicht-Ausstrahlung von „Holocaust“ bis hin zu „Shoah“ – und darüber hinaus bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft innerhalb der Erinnerungspolitik und -kultur, der Geschichtswissenschaft und nicht zuletzt innerhalb der Medienlandschaft grundlegenden Wandlungen unterworfen waren, die die „Wiederentdeckung“ der Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden und die Thematisierung der polnisch-jüdischen Beziehungen während der Besatzung (auch im Fernsehen) förderten. Insbesondere soll auch an dieser Stelle die Frage nach neuen narrativen Elementen gestellt werden.