Paramilitärische Verbände im Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit – Gewalt als Gemeinschaftserlebnis am Beispiel der baltischen Freikorps

Bearbeiter: Mathias Voigtmann M.A.

Betrachtet man die gesamtpolitische Lage im Baltikum nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, so lassen sich mehrere unterschiedliche Interessensphären herausarbeiten. Neben den nationalstaatlichen Bestrebungen Lettlands und Litauens bestand das Ziel der sich noch im Baltikum befindlichen deutschen Truppen und der deutschen Reichsregierung vorrangig darin, den Vormarsch der bolschewistischen Truppen, die gewillt waren  ihre Einflusssphären in den baltischen Ländern aus der Vorkriegszeit wiederherzustellen, zu stoppen.
So bildeten sich bereits Ende 1918 deutsche Freikorpsverbände, die ursprünglich als Sicherheitseinheiten für die sich zurückziehenden deutschen Truppen gedacht waren. Sie wurden schon bald in aktive und offensiv geführte Kämpfe sowohl mit bolschewistischen Einheiten als auch mit lettischen, estnischen und litauischen Truppen involviert. Einige der sich hier hervortuenden Akteure, der sogenannten „Baltikumer“, lassen sich später an führender Stelle im Nationalsozialismus wiederfinden.

Infolge der Kampfhandlungen kam es zu einer Zusammenführung von Tausenden aus Deutschland stammenden Freiwilligen, zum Teil angelockt durch Versprechungen auf Siedlungsland in Lettland, und von lokalen Akteuren in speziellen Gewaltnetzwerken, in denen das Gewalthandeln nicht zuletzt dem eigenem Überleben in einem Gebiet diente, wo sich die öffentliche Ordnung in völliger Auflösung befand und die Sicherheits- und Versorgungslage äußerst angespannt war. Die in diesen gewalthaft agierenden Verbänden vorherrschende Bedeutung der Gruppendynamik und deren Auswirkungen auf das explizite Gewalthandeln stellte bisher ein Desiderat der Forschung dar.

Ziel des Projektes ist es, die Binnenstruktur der Freikorpsverbände als Gewaltgemeinschaften zu analysieren und zu verdeutlichen, wie sich das dynamische Verhältnis zwischen Gruppenbild und Gewaltverhalten sowie zwischen der Regelhaftigkeit und der Exzessivität von Gewalt gestaltete. Es soll Aufschluss darüber gegeben werden, inwieweit der Aspekt bestimmter Emotionen und Ehrbegriffe das Handeln der Akteure beeinflusste. Das Gewalthandeln wird schließlich auch im Hinblick auf das Täter-Opfer-Verhältnis untersucht werden. Den Abschluss der Studie bildet die Frage nach dem Ende bzw. dem Auflösen der Freikorpsverbände als Gewaltgemeinschaften bzw. der Wiedereingliederung deren Mitglieder in die regulären strukturellen Systeme der zivilen Gesellschaft. Dies geschieht nicht zuletzt aufgrund der Analyse zahlreicher Ego-Dokumente bzw. der umfangreichen Erinnerungs- und Memoirenliteratur beispielsweise eines Ernst von Salomon, die den sogenannten „Freikorps-Mythos“, der zum Teil gezielt von den Nationalsozialisten für deren propagandistische Zwecke genutzt wurde, mitschufen.