Gewalt als Gemeinschaftserlebnis – Paramilitärische Verbände im Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit

Projektleiter: Prof. Dr. Peter Haslinger
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Forschergruppe
Laufzeit: 2010-2016

Der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, hatte große politische und gesellschaftliche Umwälzungen zur Folge, welche die Staatenlandschaft Europas auf das Nachhaltigste verändern sollten. Die sich nach dem Zerfall der alten Großreiche und Regime neu konstituierenden Staaten hatten von Beginn an mit Phasen der inneren Unruhen und Konflikten zu kämpfen. Vor diesem Hintergrund kam es in vielen Teilen Europas zur Bildung verschiedener paramilitärischer Verbände, welche zum Teil direkten Einfluss auf die Staatsbildungsprozesse hatten und sich durch ein großes Gewaltpotential auszeichneten.

In der Forschergruppe werden unter „Gewaltgemeinschaften“ soziale Gruppen und Netzwerke definiert, die sich durch ausgeübte oder angedrohte physische Gewalt stabilisieren. Das am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung zwischen 2010 und 2015 bearbeitete Teilprojekt „Paramilitärische Verbände im Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit“ stellt eines von insgesamt zehn Teilprojekten der Forschergruppe dar; die zeitlich zeitlich von der Antike bis zum 20. Jahrhundert und räumlich von West-, Süd-, Mittel- bis Osteuropa reichen und ausgewählte Regionen Afrikas umfassen. In den drei Teilvorhaben, die am Herder-Institut bearbeitet werden wird der Frage nachgegangen werden, welche Funktion Gewalt bzw. aktive Gewaltanwendung bei der Konstituierung und dem alltäglichen Handeln der drei Verbände spielten. In diesem Zusammenhang stellt gerade die vorherrschende Bedeutung der Gruppendynamik und deren Auswirkungen auf das Gewalthandeln ein Desiderat der Forschung dar. Diese Forschungslücke soll nicht zuletzt durch die Auswertung der im Herder-Institut zahlreich vorhandenen und bisher noch nicht analysierten Archivbestände geschlossen werden.

Im Sinne des Rahmenkonzepts der Forschergruppe werden in den Teilvorhaben die Binnenstruktur der einzelnen Verbände als Gewaltgemeinschaften analysiert werden. Hier steht das das dynamische Verhältnis zwischen Gruppenbild und Gewaltverhalten sowie zwischen der Regelhaftigkeit und der Exzessivität von Gewalt im Fokus, aber auch die Frage nach Ehrbegriffen der Akteure. Ist die Gewalt nur Ausdruck spontaner Gefühlsausbrüche, quasi von blinder Wut? Oder folgt sie rationalen Überlegungen und wird gezielt und nach bestimmten Regeln eingesetzt? In diesem Zusammenhang soll auch Aufschluss darüber gegeben werden. Das Gewalthandeln wird auch im Hinblick auf das Täter-Opfer-Verhältnis untersucht werden wie auch die Frage nach dem Ende bzw. dem Auflösen der verschiedenen Verbände als Gewaltgemeinschaften bzw. der Wiedereingliederung deren Mitglieder in die regulären strukturellen Systeme der zivilen Gesellschaft.

Paramilitärische Verbände in Ostmitteleuropa (1918-1944) – Selbstbild, Gewaltpraxis, Soziale Dynamik am Beispiel des "Eisernen Wolfes" in Litauen

Bearbeiter: Dr. phil. Vytautas Petronis

Auf Grund einer innenpolitischen Krise  führte die Zentrums- und die Rechtsopposition im Dezember 1926 einen Staatsstreich durch. Die putschende Junta ernannte Antanas Smetona zum neuen Präsidenten und Professor Augustinas Voldemaras zum Premierminister. Smetona und Voldemaras distanzierten sich rasch von den anderen Rechtsparteien, nur die Partei zu der sie beide gehörten – der ‚Bund der Litauischen Nationalisten’ (‚Tautininkai’) -  war erlaubt und vom Militär unterstützt. Smetona und Voldemaras waren sich darüber bewusst, dass ein neuer Staatsstreich möglich war. Deshalb unternahmen Smetona und Voldemaras vorbeugende Schritte: im Januar 1927 wurde „Litauens Nationale Abwehr ‚Eiserner Wolf’“ gegründet; seine Hauptabsicht war, die neue Regierung zu schützen.

Der Eiserne Wolf nach militärischen Grundsätzen organisiert. An der Spitze gab es die Führer der Nation (die Gewalt) – eine Doppelposition von Smetona und Voldemaras – zusammen mit dem Generalstab des Eisernen Wolfes. Darunter standen Gruppen, die in den Landkreisen operierten, und die Basis bildeten Kommandos, die innerhalb von Kreisen und Stadtgemeinden funktionierten. Die Organisation wuchs sehr schnell, so dass der Generalstab die Legalisierung der Organisation in den Jahren 1929-1930 plante. Jedoch führten Unstimmigkeiten zwischen Smetona und Voldemaras zur Spaltung des Eisernen Wolfs im Herbst 1929. Die Anhänger des entmachteten Voldemaras versuchten mit Gewalt, ihn ins politische Leben zurückzubringen, was zu einem kompletten Verbot der Organisation im Mai 1930 führte. Von dieser Zeit an wurden die Anhänger von Voldemaras und der ganze Eiserne Wolf eine Untergrundbewegung und verfolgten weiterhin Verschwörungen, Morde und Staatsstreiche.

Das Ziel des Projektes ist daher, die dem Eisernen Wolf als Organisation inhärenten sozialen Dynamiken zu untersuchen: So werden die Mitgliederstrukturen des Eisernes Wolfs, ihre Aktivitäten als Gewaltgemeinschaft und Verbindung mit anderen Untergrundbewegungen, paramilitärischen oder radikalen Organisationen analysiert.

Paramilitärische Verbände in Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit: Gewaltgemeinschaften im Konflikt um Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg – ein deutsch – polnischer Vergleich.

Bearbeiter: Wojciech Pieniazek M.A. (Dissertationsprojekt)

Nach der Staatsgründung 1918 erhob die polnische Delegation bei den Friedensverhandlungen  Ansprüche auf die preußische Provinz Oberschlesien. Die Alliierten einigten sich auf Grund der multiethnischen Verhältnisse auf  eine Volksabstimmung im März 1921, in der die oberschlesische Bevölkerung entscheiden sollte, ob sie zu Deutschland oder zu Polen gehören wollte.
Seit 1918 kam es aufgrund von Kriegsmüdigkeit sowie soziokultureller Spannungen  in der Bevölkerung immer wieder zu Unruhen im oberschlesischen Kohlerevier, die vom deutschen Grenzschutz und Freikorpsverbänden niedergeschlagen wurden. Hier finden sich die Wurzeln des Gewaltraums Oberschlesiens, der schon vor dem Ersten Weltkrieg eine hohe Kriminalitätsrate aufwies.
In der Abstimmungszeit herrschte in Oberschlesien eine bürgerkriegsähnliche Alltagssituation, die ihre Höhepunkte in drei propolnischen Insurrektionen (1919, 1920, 1921) hatte. Es bildeten sich auf deutscher und polnischer Seite Gewaltgemeinschaften junger Männer, deren Existenz nur auf den Abstimmungskampf ausgerichtet war. Diese Paramilitärs entwickeln in diesem Kleinkrieg eine eigene Form der Gewaltdynamik, die es zu erforschen gilt.
Die deutschen Paramilitärs waren oft ehemalige Freikorpssoldaten, die durch brutale Kämpfe im Baltikum und im deutschen Bürgerkrieg geprägt waren. Das gleiche gilt für die polnische Seite, die Erfahrung in den imperialen Armeen, in jahrelanger konspirativer Tätigkeit sowie im Kleinkrieg des Ostens gesammelt hatte. Die deutschen Akteure mussten anfangs Taktiken und Arten des verdeckten Kampfes im Untergrund erlernen. Hier waren die Polen erfahrener, was aus ihrer langen Untergrundtätigkeit resultierte. Die deutschen Gewaltgemeinschaften kopierten sichtbar erfolgreich diese Gewaltform und lieferten sich mit den polnischen Kommandos einen blutigen Kleinkrieg.  Der Leittragende war die oberschlesische Zivilbevölkerung, die mit Terror und Gewalt überzogen wurde.
In der heutigen Forschung gibt es keine abschließende Analyse der Paramilitärs, die an diesem Konflikt beteiligt waren. Es überwiegen Werke mit militär- oder diplomatiegeschichtlichen Fragestellungen älterer Natur. In diesem Projekt soll eine systematische Untersuchung der Gewaltgemeinschaften in Oberschlesien erfolgen. Dazu  gehört auch eine Analyse der Binnenstrukturen und der Dynamik der Gewaltausübung dieser Paramilitärs, um die Forschungslücken zu schließen.

Paramilitärische Verbände im Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit – Gewalt als Gemeinschaftserlebnis am Beispiel der baltischen Freikorps

Bearbeiter: Mathias Voigtmann M.A. (Dissertationsprojekt)

Betrachtet man die gesamtpolitische Lage im Baltikum nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, so lassen sich mehrere unterschiedliche Interessensphären herausarbeiten. Neben den nationalstaatlichen Bestrebungen Lettlands und Litauens bestand das Ziel der sich noch im Baltikum befindlichen deutschen Truppen und der deutschen Reichsregierung vorrangig darin, den Vormarsch der bolschewistischen Truppen, die gewillt waren  ihre Einflusssphären in den baltischen Ländern aus der Vorkriegszeit wiederherzustellen, zu stoppen.
So bildeten sich bereits Ende 1918 deutsche Freikorpsverbände, die ursprünglich als Sicherheitseinheiten für die sich zurückziehenden deutschen Truppen gedacht waren. Sie wurden schon bald in aktive und offensiv geführte Kämpfe sowohl mit bolschewistischen Einheiten als auch mit lettischen, estnischen und litauischen Truppen involviert. Einige der sich hier hervortuenden Akteure, der sogenannten „Baltikumer“, lassen sich später an führender Stelle im Nationalsozialismus wiederfinden.

Infolge der Kampfhandlungen kam es zu einer Zusammenführung von Tausenden aus Deutschland stammenden Freiwilligen, zum Teil angelockt durch Versprechungen auf Siedlungsland in Lettland, und von lokalen Akteuren in speziellen Gewaltnetzwerken, in denen das Gewalthandeln nicht zuletzt dem eigenem Überleben in einem Gebiet diente, wo sich die öffentliche Ordnung in völliger Auflösung befand und die Sicherheits- und Versorgungslage äußerst angespannt war. Die in diesen gewalthaft agierenden Verbänden vorherrschende Bedeutung der Gruppendynamik und deren Auswirkungen auf das explizite Gewalthandeln stellte bisher ein Desiderat der Forschung dar.

Ziel des Projektes ist es, die Binnenstruktur der Freikorpsverbände als Gewaltgemeinschaften zu analysieren und zu verdeutlichen, wie sich das dynamische Verhältnis zwischen Gruppenbild und Gewaltverhalten sowie zwischen der Regelhaftigkeit und der Exzessivität von Gewalt gestaltete. Es soll Aufschluss darüber gegeben werden, inwieweit der Aspekt bestimmter Emotionen und Ehrbegriffe das Handeln der Akteure beeinflusste. Das Gewalthandeln wird schließlich auch im Hinblick auf das Täter-Opfer-Verhältnis untersucht werden. Den Abschluss der Studie bildet die Frage nach dem Ende bzw. dem Auflösen der Freikorpsverbände als Gewaltgemeinschaften bzw. der Wiedereingliederung deren Mitglieder in die regulären strukturellen Systeme der zivilen Gesellschaft. Dies geschieht nicht zuletzt aufgrund der Analyse zahlreicher Ego-Dokumente bzw. der umfangreichen Erinnerungs- und Memoirenliteratur beispielsweise eines Ernst von Salomon, die den sogenannten „Freikorps-Mythos“, der zum Teil gezielt von den Nationalsozialisten für deren propagandistische Zwecke genutzt wurde, mitschufen.