Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts als Zäsurgeschichte – Das Beispiel der frühen Weimarer Republik

Postkarte, Sammlung Goettinger-Bildwerk, Inv.-Nr. 177641

Projektleitung: Prof. Dr. Peter Haslinger

Projektpartner: Institut für Deutsche Sprache Mannheim (Gesamtkoordination), Institut für Zeitgeschichte

Projektförderung: Senatsausschuss Wettbewerb (SAW) der Leibniz-Gemeinschaft im Rahmen des Paktes für Forschung und Innovation

Laufzeit: 2010-2014

Demokratie bzw. Demokratisierung zählt zu den grundlegenden Prinzipien des 20. Jahrhunderts. Dem Umbruch von der Monarchie zur Demokratie (1918-1925) kommt sowohl sprach-, als auch konzept- und diskursgeschichtlich eine grundlegende Bedeutung zu: Zum ersten Mal in der Geschichte der Demokratie wurde der Versuch unternommen, eine auf einer genuin demokratischen Verfassung basierende parlamentarische Demokratie zu etablieren. Die Grundlegung und Erprobung demokratischer Prinzipien in diesem Zeitraum ist für das weitere 20. Jahrhundert bestimmend und somit ein wichtiger Bestandteil einer Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen.

Gleichzeitig ist diese Umbruchzeit von diskursiven Beharrungsmechanismen gekennzeichnet, etwa durch den Fortbestand eines aus der Kaiserzeit hineinreichenden konservativ-nationalistischen Wortschatzes sowie eines antidemokratisch-rassistischen Wortschatzes der radikalen Rechten. Demokratiegeschichte wird hier daher nicht als eine teleologische Entwicklung hin zu „mehr Demokratie“ konzeptualisiert, sondern als eine stetige Auseinandersetzung mit demokratischen Konzepten, die sich in Demokratisierungs- und Entdemokratisierungsschüben manifestiert.

Durch die Zusammenarbeit von Sprach- und Geschichtswissenschaft wird die Interdependenz zwischen politisch-gesellschaftlichen und diskursiv-sprachlichen Zäsuren in dem Vorhaben mit der sprach-, konzept- und diskursgeschichtlichen Perspektive eng geführt. Das Forschungsprogramm zielt sowohl inhaltlich als auch methodisch auf die Vernetzung von drei disziplinären Zugängen zu einem gemeinsamen Forschungsgegenstand. Es soll inhaltlich eine Forschungslücke schließen und leistet insofern im transdisziplinären Verbund einen zentralen Beitrag zu einer Phase der jüngeren Geschichte, die von den beteiligten Disziplinen zwar als Zäsur apostrophiert, deren empirisch fundierte Darstellung jedoch als Desiderat ausgewiesen ist. Methodisch zielt das Vorhaben auf die Etablierung eines Modells einer Diskursanalyse, das die Möglichkeiten und Grenzen von Interdisziplinarität auslotet. Die Ergebnisse des Vorhabens werden in einem gemeinsamen Sammelband publiziert. Darüber hinaus werden die lexikalisch-semantischen Ergebnisse in einem gemeinsam erarbeiteten Diskurswörterbuch dargestellt.

Dazugehöriges Forschungsprojekt:

Der Ostgrenzen-Diskurs der Weimarer Republik

Bearbeiterin: Agnes Laba M.A. (2010-2015)

Das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete für Deutschland eine wirtschaftliche und (außen-) politische Schwächung sowie Gebietsverluste an beinahe allen Grenzlinien. Vor dem Hintergrund eines auf expansive Territorialpolitik angelegten Krieges wogen die territorialen Verluste besonders schwer. In ihnen schienen sich alle Folgen der Niederlage zu konzentrieren. Vor allem die in Folge des Versailler Vertrages entstandene Grenze im Osten wurde zu einer Projektionsfläche für die deutsche Nichtakzeptanz der Kriegsniederlage und die Forderung nach ihrer Revision zu einer Art common sense. Eine kaum überschaubare Flut an Publikationen, wissenschaftlichen Abhandlungen, Presseberichten, Landkarten, Postkarten usw. zum Thema Ostgrenze und anverwandten Themenkomplexen (z.B. Auslandsdeutschtum) wurde herausgegeben, die durch den Versailler Vertrag entstandene Ostgrenze dadurch delegitimiert, während alternative, vermeintlich richtige Grenzziehungen entworfen und begründet wurden.

Ausgehend von der Tatsache, dass in einer Gesellschaft als politische Probleme wahrgenommene Momente Konstruktcharakter haben und ihre Wahrnehmung als solche von ihrer Ver- und Aushandlung in relevanten gesellschaftlich-politischen Diskursarenen und den Narrativen, in deren Rahmen sie diskutiert werden, abhängt, widmet sich das Dissertationsprojekt dem diskursiven Moment der Ostgrenze der Weimarer Republik. Anhand des Werkzeugs der historischen Diskursanalyse werden die Struktur und Funktion des Diskurses analysiert: Es wird nach den Diskurspartizipanten, den Diskursarenen und -medien gefragt, sowie nach den diesen Diskurs bestimmenden Narrativen, Theorien und Argumentationslinien.

Die Arbeit knüpft an die aktuelle Grenzforschung an, die Grenzen nicht mehr nur als starre Linien auffasst, sondern als das Ergebnis von Diskursen und gesellschaftlichen Praktiken. Gleichzeitig schließt sie sich dem Plädoyer für eine Grenztheorie an, die den Gegenstand der Grenze zugleich auch als Produzenten einer durch die von ihm etablierte politische Ordnung geprägten Gesellschaft begreift. Grenzen werden somit als Moment konzeptualisiert, dessen Funktion und Bedeutung von der Gesellschaft, hier allen voran entscheidender gesellschaftlicher Akteure, bestimmt werden; gleichzeitig wirken Grenzen wiederum aktiv auf diese Gesellschaft zurück und üben somit Einfluss auf Politik und Gesellschaft aus. Damit vereint diese Arbeit zentrale Fragestellungen des spatial turn und der historischen Diskursanalyse.

Quellengrundlage bilden neben der politisch-publizistischen Debatte im Pressewesen und eigenständigen Publikationen, Schulbücher, Landkarten und bildliche Quellen in Form von Bildpostkarten und Karikaturen.