Sieben Pergamentblätter, ein Gästebuch und 4.631 Tabellenzeilen
- Matthias Melcher
Aufbereitung eines Forschungsdatensatzes zur „Königinhofer Handschrift“
Am 16. September 1817 fand Václav Hanka im Turm der Pfarrkirche von Königinhof an der Elbe die später nach ihrem Fundort benannte „Königinhofer Handschrift“ (Rukopis královédvorský). Das unscheinbare Manuskript aus sieben kleinen Pergamentdoppelblättern (insgesamt also 28 Seiten) sollte der entstehenden tschechischen Nationalbewegung gemeinsam mit der später entdeckten „Grünberger Handschrift“ eine kulturelle Verankerung vergleichbar zu anderen europäischen Völkern bescheinigen.
Handschriftenkammer
In den 1850er bis 1870er Jahren spielten beide Texte eine zentrale Rolle für das Selbstverständnis tschechischer Intellektueller. Doch Ende des 19. Jahrhunderts entpuppte sich die Handschrift als Fälschung, die vermutlich von Hanka selbst mit einigen Mitstreitern produziert wurde. Besonders im Widerstreit von Kritikern und Befürwortern der beiden Manuskripte, die in die tschechische Geschichtsschreibung als „Handschriftenstreit“ eingegangen ist, etablierte sich der Fundort der „Königinhofer Handschrift“ als Kristallisationspunkt ihrer Unterstützer.
Königinhof an der Elbe: eine tschechisch-nationale Pilgerstätte
Lokale national-gesinnte Aktivisten organisierten in Königinhof regelmäßig stattfindende Jubiläumsveranstaltungen anlässlich des Handschriftenfunds. Doch auch jenseits der Feierlichkeiten zog die Handschriftenkammer in der Königinhofer Pfarrkirche zahlreiche Besucherinnen und Besucher an. Der Ort war den Leserinnen und Lesern der „Königinhofer Handschrift“ wohlbekannt. Schließlich umfassten zahlreiche Ausgaben der Handschriften und deren Besprechungen in Zeitungen die Erzählung von Hankas „glücklichem Fund“ im September 1817 (vgl. Swoboda, Wenceslaw Aloys: Vorwort. In: Wenceslas Hanka (Hrsg.): Králodworský Rukopis. Königinhofer Handschrift. Prag 1829, S. I–XXII.). Manchmal war die Geschichte nüchtern wiedergegeben, öfter jedoch pathetisch ausgeschmückt und mit allerlei künstlerischer Freiheit erzählt. Als ‚virale Geschichte‘ ist Václav Hankas Fundgeschichte damit eine Fallstudie meiner Dissertation [ https://www.gs-oses.uni-muenchen.de/people/doctoral-students/melcher/index.html ] zur Verbreitung und Wirkmächtigkeit von Erzählungen in der Habsburgermonarchie des 19. Jahrhunderts.
Ein weiterer „glücklicher Fund“: das Gästebuch der Handschriftenkammer
Während eines Forschungsaufenthalts in Königinhof gelang dann auch mir ein glücklicher Fund. Denn im örtlichen Stadtmuseum hat sich das Gästebuch der Handschriftenkammer erhalten, in dem sich zwischen 1861 und 1919 über 4.600 Besucherinnen und Besucher des Fundorts eingetragen haben. Schnell war klar, dass sich das Gästebuch gut dafür eignet, die Verbreitung von Hankas Fundgeschichte empirisch zu belegen. Alle, die sich für die „Königinhofer Handschrift“ interessierten, hätten diese entweder im Prager Nationalmuseum betrachten oder in einer der zahlreichen und vielsprachigen Editionen lesen können. Den Besucherinnen und Besuchern der Handschriftenkammer ging es nicht nur um die Handschrift, sondern auch um den Ort als „Denkmal der heldenhaften Tat“ („Pomnik rekovného činu“, Pamětní kniha, S. 38), wie es ein Besucher ausdrückte. Sie hatten also die Fundgeschichte rezipiert und wurden sogar von ihr mobilisiert, selbst nach Königinhof zu kommen.
Die Forschungsdaten zum Gästebuch und ihre Aufbereitung zur Publikation
Neben den Unterschriften der Besucherinnen und Besucher bot das Gästebuch in zahlreichen Fällen auch Informationen zu ihrem Herkunftsort, dem Tag des Besuchs und ihrer Affiliation. In einigen wenigen, aber dafür umso spannenderen Fällen hinterließen die Gäste auch Kommentare – meist Loblieder auf die tschechische Nationalbewegung im Allgemeinen oder die „Königinhofer Handschrift“ im Besonderen. Um diese Forschungsdaten, die für meine Dissertation überaus relevant sind, mit der Wissenschaftscommunity zu teilen, entschied ich mich, den Datensatz aufzubereiten. Die Unterstützung des NFDI4Memory FAIR Data Fellowships war in diesem Prozess von unschätzbarem Wert. Im Lauf des einmonatigen Fellowships, das am Herder-Institut von Anna-Lena Körfer betreut wurde, arbeiteten wir unter anderem an der eindeutigen Identifizierung der Gäste und ihrer Herkunftsorte mittels der Referenzierung unterschiedlicher Normdatenressourcen wie Geonames, dem Historischen Ortsverzeichnis und der Gemeinsamen Normdatei und einer Kategorisierung der angegebenen Berufsbezeichnungen. Durch die Vergabe standardbasierter Orts- und Zeitangaben kann das tabellarisch vorliegende Gästebuch nun für eine forschungsgeleitete Weiterbearbeitung und Auswertung im Rahmen von Netzwerkanalysen und Kartenvisualisierungen genutzt werden.
Insgesamt konnte der Datensatz im Rahmen des Fellowships deutlich aufgewertet werden. Anfang 2026 ist er über das Forschungsdatenrepositorium „OstData“ interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zugänglich gemacht worden [ https://dx.doi.org/10.15463/djfpx4y368xww7n3].
Diese Arbeit ist im Rahmen des NFDI-Konsortiums 4Memory entstanden (www.4memory.de) gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unter der Projektnummer 50 1609550.