Urkundentext: Bauer035

OM. Andreas (!) beurkundet die durch Vermittlung Bf. Heinrichs von Leal erzielte Einigung zwischen sich und Bf. Heinrich von Kurland über die Aufteilung der Meereshäfen an der Semgaller Aa, in Windau und Libau sowie den Verzicht des Bischofs auf das ihm zustehende Drittel von Goldingen gegen Erlaß der 1000 Mark Rigisch, die der Deutsche Orden für die Verteidigung des Landes aufgewendet hat, und die jährliche Zahlung von 3 Last Gerste durch den Goldinger Komtur. Riga, 1263(?)
Besitzabtretung; Teilungsurkunde
Überlieferung:
aus A: Ausf.
Material: Perg.
Archiv: GStAPK, VIII. HA B 24: Sammlung Stavenhagen Urk. Nr. 2; Riga, Hist. StaatsA., Best. 5561, Fb. 4, Akte 2
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Frater Andreas sancte Marie domus Theutonicorum in Liuonia magister humilis omnibus presens scriptum intuentibus gratiam Ihesu Christi. Constat eque more sapientum, ut non inspiciant minora dampna, ut proinde maioribus obviare possint. Hinc est, quod post meram concordiam et unitatem, quam fecerat dominus Hinricus Lehaliensis ecclesie episcopus inter nos et dominum Hinricum Curoniensis ecclesie episcopum de portubus maris, quod nobis competebantur due portus, videlicet Semegaller A et Winda, tercia vero Lyva dicta domino episcopo et suis successoribus ex utraque parte littoris cum suis piscariis est assignata. Post hec convenimus cum eodem domino Curoniensi ex parte castri nostri et ipsius [] Ihesusbu^org dictum, in hunc modum, quod prefatus dominus episcopus cum suo capitulo renuncciavit omnibus et singulis, que habuit in tertia parte castri, opido, allodio et marchia et percircuitum fere in duobus miliaribus renuncciavit omni accioni, si quam habebat, in tercia parte castri Goldinghen et in duobus miliaribus cum suis attinenciis circa idem castrum, pro mille marcis Rigensibus mille et centum marcas argenti., quas nos exposuimus in promta pecunia et in defensione terre. Ceterum ad perpetuam memoriam prenominatus dominus et successores sui tres lastas ordei in quolibet festo sancti Martini a commendatore pretacti castri, qui tunc pro tempore fuerit, sine inpedimento optinebunt. Insuper quum ibidem civitas fuerit instaurata, tunc episcopus vel sui successores eligent in predicta civitate unam aream pro commodis suis, ubicumque velint, trecentos pedes habentem in longitudine et ducentos in latitudine. Aliud nichil iuris habet episcopus Curoniensis in civitate, in molendinis et in districtu exceptis spiritualibus, que non licent alicui nisi per episcopum excerceri. Acta sunt hec Rige in presentia domini Hinrici Lehaliensis episcopi et domini Iohannis abbatis in Dunemunde coram preceptoribus nostris, fratre Bernardo commendatore in Wenden et Hinrico Bloc commendatore Zeghewaldis et fratre Brunone commendatore Ihesusborgh et quam plurimorum honestorum, sub anno Domini M+oCC sexagesimotertio, nostro sub sigillo.
Bemerkungen
DruckDie Urkunde steht in engem inhaltlichem Zusammenhang mit Bauer 13 von 1252 Apr. 19, worin Bf. Heinrich von Ösel den durch seine Vermittlung geschlossenen Vergleich zwischen OM. Andreas und dem kurländischen Bischof Heinrich über die Abtretung der bischöflichen Ansprüchen auf Goldingen beurkundet. Soweit Amtszeiten der in der Urkunde genannten Personen anderweitig bekannt sind, passen diese durchaus zu einem Ausstellungsdatum etwa im April des Jahres 1252. Die ältere Literatur hat den Widerspruch zwischen der scheinbaren Zugehörigkeit der Urkunde ins Jahr 1252 und der in Buchstaben ausgeschriebenen und somit völlig unmißverständlichen Jahresdatierung 1263 in der Ausfertigung selbst dadurch zu erklären versucht, daß es sich bei dem vorliegenden Stück um die später vorgenommene Beurkundung eines älteren Vertrags handele (vgl. grundlegend E. Bonnel, Hat der Ordensmeister Andreas v. Stirland noch im Jahre 1263 eine Urkunde ausgestellt?, in: Mitt. 8, 1857, S. 95-101; danach Th. Kallmeyer in Mitt. 9, 1860, Anm. S. 246 f.; A. Engelmann in Mitt. 9, 1860, S. 505 Anm. 392; Ph. Schwartz, Kurland im 13. Jh., S. 72 f. Anm. 4 und zuletzt in diesem Sinne L. Arbusow, Deutscher Orden in Livland, in: JbGen. 1899 Exkurs II S. 17f.). Dabei wirken Vermutungen wie die A. Engelmanns, Andreas von Stirland (= Felben), der 1263 als Ordensmeister gar nicht mehr im Amt war, habe möglicherweise in besonderem Auftrag gehandelt, schon ziemlich abwegig. Lediglich R. Toll in Brieflade III S. 7-9 hat einen anderen Schluß aus den Unstimmigkeiten zwischen Personen und Amtstiteln und dem Ausstellungsjahr 1263 gezogen, indem er die Urkunde für gefälscht erklärte. Tatsächlich sprechen eine ganze Reihe weiterer Hinweise für diese Einschätzung. Verdächtig erscheint die Urkunde schon dadurch, daß es sich nicht um eine Gegenurkunde des Ordensmeisters zu einer bischöflich-kurländischen Urkunde handelt, wie dies bei den Teilungsurkunden des Jahres 1253 mehrfach der Fall ist. Da der als Vermittler tätige Bf. Heinrich von Ösel den erzielten Vergleich über die Abtretung des bischöflichen Anteils an Goldingen 1252 Apr. 19 unter Ankündigung der Siegel beider Parteien beurkundet hat (Bauer 13), gab es überhaupt keine Notwendigkeit, hierüber eine weitere Urkunde auszustellen. Die vorliegende Urkunde ist auch inhaltlich kein Gegenstück zu Bauer 13. Bezeichnenderweise wird dem kurländischen Bischof nur in der vorliegenden Urkunde, nicht aber in Bauer 13, in einer künftigen Stadt Goldingen ein umgrenztes Areal zu seinem Gebrauch zugestanden. Die ganze Frage der Aufteilung der Häfen in Kurland wird in der Urkunde Bischof Heinrichs von Ösel nicht behandelt. Indem die vorliegende Urkunde dem kurländischen Bischof gemäß der üblichen Drittelbeteiligung den dritten Hafen Kurlands an der Libau zuweist, knüpft sie vielmehr an eine Urkunde des päpstlichen Legaten Wilhelm von Modena an, der 1242 Apr. 19 dem Deutschen Orden je einen Platz an der Semgaller Aa und an der Windau zur Erbauung einer Burg oder Stadt überließ, dazu jeweils das Land im Umkreis von 2 Meilen mit allem Recht, Zehnten und weltlichen Nutzen (LUB 1 Nr. 171, Sen={a}s Latv. v={e}st. avoti 2 Nr. 249). In formaler Hinsicht sei darauf hingewiesen, daß die Selbsttitulatur des livländischen Ordensmeisters als "magister humilis" sonst nicht vorkommt und das Stück dadurch verdächtig erscheinen läßt (vgl. etwa PUB I,1 Nr. 181 von 1246 Apr. 10: "minister humilis"). Letztlich läßt auch die Zeugenreihe Fragen offen, die sich nicht durch die in der Forschung bisher favorisierte inhaltliche Rückdatierung in das Jahr 1252 ausräumen lassen. Zwar können die als Zeugen genannten Ordensgebietiger im April 1252 das angegebene Amt durchaus versehen haben und dies entspricht so auch den Angaben bei Fenske/Militzer Nr. 63, 77 und 124; auffällig gerade angesichts der Lückenhaftigkeit der Gebietigerreihen ist aber, daß es in allen drei genannten Ordensämtern (Wenden, Segewold, Goldingen) innerhalb eines kurzen Zeitraums und nahezu gleichzeitig, nämlich zwischen April und Oktober 1252, zu einem Wechsel des Amtsinhabers gekommen sein müßte (vgl. Bauer 14 von 1252 Okt. 18). Dies ist eher unwahrscheinlich, und die genannten Personen, für die das vorliegende Stück jeweils die einzige sichere Nennung darstellt, können letztlich ebensogut späteren Jahrzehnten angehören (ab den 1260er Jahren klaffen in allen Gebietigerreihen große Lücken) oder zur Vervollständigung der Personenangaben auf der Ordensseite schlicht erfunden sein. Zur Aufteilung des Umlands von Libau zwischen Bischof und Orden vgl. auch das ebenfalls fälschungsverdächtige Stück Erg. 60. Herr Dr. Neitmann: Bitte um eine Einschätzung des Originals (Foto), prüfen: Schrift zeitgenössisch?