Urkundentext: Bauer002

Balduin von Alna, Pönitentiar und Nuntius des päpstlichen Legaten Otto, schließt mit König Lammekin und den Kuren der Landschaften Esestua, Durpis und Saggara sowie der namentlich genannten und weiterer Kilegunden auf beiden Seiten der Windau einen Vertrag über die Annahme des Christentums. o. O., 1230 Dez. 28
sonstige Urkunde (Kurenvertrag) Text nach A. Bauers Abschrift von Kopie im Register Gregors IX. von Transsumpt von 1232 Febr. 11 (B).
Überlieferung:
aus B: Kop. von Transs. Papst Gregors IX., Rieti 1232 Febr. 11
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Frater B[alduinus] monachus Alnensis offenbar verschrieben B., domini O[thonis] cardinalis sedis apostolice legati penitentiarius ac nuntius omnibus Christi fidelibus in perpetuum. Cum inspirante gratia spiritus sancti ubi, quando atque quantum vult spirantis [Johannes 3,8:] Spiritus, ubi vult, spirat, et vocem eius audis, sed non scis unde veniat et quo vadat
sic est omnis, qui natus est ex Spiritu. Lammekinus rex [Zu der Bezeichnung des Lammekinus als rex vgl. O. Stavenhagen, Freibauern und Landfreie S. 317 f., dem zufolge das Bestehen einer königsgleichen Herrschaft bei den Kuren aus den Quellen sonst nicht hervorgeht und Balduin seinem Vertrag mit einem Teil der Kuren durch die Verwendung des Königstitels möglicherweise besonderes Gewicht geben wollte.] et pagani de Curonia de terris Esestua [Esestua, Landschaft an der kurl. Westküste beiderseits Tebber und Durbe. Bielenstein S. 108 u. 215 hält die hier Esestua genannte Landschaft in etwa für identisch mit dem späteren Bihavelanc als der Gegend am Haff bzw. dem Libauschen See
möglicherweise handelt es sich aber auch nur um ein Teilgebiet von Bihavelanc.]
scilicet Durpis [Nach der Auffassung von Bielenstein S. 178 f. ist Esestua scilicet Durpis als gedankliche Einheit zu verstehen
der Hauptort Durben wird erklärend für das größere Gebiet genannt.]
et Saggara [Saggara, Landschaft an der kurl. Westküste beiderseits der unteren Windau. Bielenstein S. 178 hält die hier Saggara genannte Landschaft für identisch mit dem späteren Winda, richtiger handelt es sich wohl um ein Teilgebiet des Landes Winda (vgl. Bauer 19 u. Bauer 23). Zur Lokalisierung von Saggara im Mündungsgebiet der Windau vgl. auch W. Eckert, Altlettische Siedlung in Kurland S. 84 f.] et kiligundis [Kilegunde entspricht finn. kihlakunta, estn. kihelkond = Distrikt, Bezirk, (später) Kirchspiel. Der Begriff wird hier offenbar mit lat. villa gleichbedeutend gebraucht und meint das Dorf mit der zugehörigen Dorfmark. Zur singulären Verwendung des Begriffs in einer Kurland betreffenden Urkunde vgl. Bielenstein S. 272 f. und Kiparsky S. 38 f.], quarum hec sunt nomina: Thargolae{} [Tergeln 9 km sö der Windaumündung], Osua [Hasau 20 km ssw Windau], Langis [Langis, wohl in der Gegend von Landsen 3 km wnw Pilten], Venelis [Venelis, wohl in der Gegend von Wensau 5 km s Pilten], Normis [Normis, Kiligunde beiderseits der Windau nw der Abaumündung. Zur Lokalisierung des Gaus in der Gegend von Schleck und Laxdienen vgl. W. Eckert, Altlettische Siedlung in Kurland S. 86f.], Kiemala [Kimahlen 10 km nw Goldingen], Pygawas [Pygawas 10 km s Hasau. Dagegen von Bielenstein S. 209 mit Tigwen 16 km nw Goldingen identifiziert. Vgl. Kiparsky S. 137.], Sarnitus [Sernaten 12 km s Hasau], Riwa [Riwa, wohl in der Gegend von Riwenhof 0,7 km nnö der Prieve-Mündung], Saccze [Sackenhausen ca. 25 km wnw Hasenpoth], Edualia [Edwahlen 17 km wnw Goldingen], Aliswanges [Allschwangen 23 km w Goldingen], Ardus [Ardus, im nördl. Teil des Gebiets Allschwangen], Alostanotachos [Alostanotachos, wohl im Gebiet der oberen Aloxte] et de aliis kiligundis, villis ex utraque parte Winda sitis offerrent se ad fidem Christi suscipiendam terras suas, se et obsides suos [Zum Institut der Geiselschaft in den ersten Jahrzehnten des 13. Jhs. vgl. E. Blumfeldt, Über die Geiselschaft während der Kämpfe in Alt-Livland im 13. Jahrhundert, Eesti Teadusliku Seltsi Rootsis aastaraamat 9, 1980-84, Stockholm 1985, S. 17-28.] per manum nostram ad manus domini pape [Gregor IX., Papst 1227-1241] conferentes omnimode eiusdem ordinationi stare perpetuo promiserant. Nos vero domini pape vices in hac parte agentes de communi consilio ecclesie Rigensis, abbatis de Dunemunde [Abt von Dünamünde war Theodericus, vgl. Bauer 3.], mercatorum omnium, militum Christi, peregrinorum ac civium Rigensium tale cum eis pactum inivimus et firmavimus conditionem, videlicet quod in continenti sacerdotes recipient auctoritate nostra sibi destinandos, honeste in necessariis procurabunt eos et eisdem tanquam veri christiani in omnibus obedient et eorundem per omnia salutaribus monitis acquiescent
ab hostibus eos sicut seipsos defendent
ab eisdem omnes tam viri quam mulieres et infantes sacri regenerationem baptismatis indilate recipient et aliorum ritus christianorum observabunt. Episcopum autem domini pape auctoritate instituendum eisdem cum reverentia ac devotione tanquam patrem suum ac dominum recipient et in omnibus tanquam domino suo et episcopo aliorum more debito christianorum perfectissime obedientes eidem obtemperabunt ipsi reverentiam ac subiectionem domino et episcopo suo debitam impendentes. Ad ea vero iura, que persolvere tenentur indigene de Gothlandia [Die Regelung der kirchlichen Abgaben nach dem Vorbild Gotlands dürfte damit zusammenhängen, daß Balduin die päpstliche Bestätigung der gotländischen Regelung von 1230 Jan. 23 und 31 auf seiner Reise nach Riga, die ihn über Gotland führte, dorthin überbracht haben dürfte.], per omnia perpetuo tenebuntur episcopo suo suisque prelatis annuatim persolvenda, ita quod nec regno Dacie nec Suercie[]%Suescie subicientur. Perpetuam enim eis indulsimus libertatem, quamdiu eos apostatare non contigerit. Pacto tamen inito et in cartula presenti conscripto robur perpetuum obtinente expeditiones super paganos tam pro terre christianorum defensione quam pro fidei dilatatione faciendas frequentabunt. Infra biennium domino pape se presentabunt et secundum eiusdem arbitrium per omnia perpetuo se habebunt et ordinationem
medio autem tempore instituta nostra perfecte servantes ac precepta nobis obedient in omnibus et per omnia obtemperabunt salva in omnibus auctoritate domini pape. Quod ut perpetuam obtineat firmitatem, presentem cartam exinde conscriptam sigilli nostri, H[ermanni] Lealensis episcopi et aliorum supra denominatorum munivimus appensione. Actum anno Domini M+oCC+oXXX+o in die Innocentum.(?)
Bemerkungen
DruckIn der Literatur herrscht Übereinstimmung, daß die beiden Kurenverträge Balduins Bauer 2 u. Bauer 3 in die Monate Dezember 1230 und Januar 1231 zu datieren sind (vgl. E. Bonnell, Chronographie II S. 70, A. Büttner, Mitt. 11, 1868, S. 57, Ph. Schwartz, Kurland im 13. Jh., S. 22 Anm.1, R. Toll u. Ph. Schwartz in Brieflade III S. 219 f., G. Rathlef, Mitt. 12, 1880, S. 253 f.). Dieser Datierung ist aufgrund des offensichtlichen Zusammenhangs zwischen den beiden Stücken und der ihrer inneren Logik gemäßen Einordnung zwischen die Stücke Bauer 1 u. Bauer 4 uneingeschränkt zuzustimmen. Zudem stellt die 1230 Apr. 4 erfolgte Beauftragung des Kardinaldiakons Otto von S. Nicolai in carcere Tulliano mit der Untersuchung der strittigen Bischofswahl in Riga den terminus post quem auch für das Erscheinen des Vizelegaten Balduin in Livland dar; frühere Aufträge oder Aufenthalte Balduins bewegen sich im Bereich der Mutmaßung (so bei N. Busch, Geschichte Ösels, Exkurs I S. 82-84). Wahrscheinlich ist, daß der Kardinaldiakon, der im Mai 1230 in der Gegend von Lüttich und Doornik sowie in Brügge nachweisbar ist, bei dieser Gelegenheit das Kloster Alna (Aulne südl. Charleroi) aufsuchte und Balduin als Pönitentiar zu sich nahm. Daraufhin reisten beide nach Dänemark, von wo Otto Balduin als seinen Vizelegaten nach Livland schickte (vgl. F. Benninghoven, Der Orden der Schwertbrüder S. 270). Die vorliegende Urkunde kann demzufolge nicht nach dem Weihnachtsstil 1229 Dez. 28 zu datieren sein. Vielmehr erscheint es plausibel, daß Balduin seinen ersten Kurenvertrag nach Marienjahren datiert hat, wie dies in Livland bis in die 1230er Jahre zuweilen üblich war, oder auch entsprechend der Gewohnheit seiner Heimatdiözese Lüttich nach Osterjahren (vgl. H. Grotefend, Taschenbuch der Zeitrechnung S. 12), welche Unterscheidung im vorliegenden Fall ohne praktischen Belang für die Auflösung des Datums als 1230 Dez. 28 wäre. Legt man allerdings dem zweiten Kurenvertrag Balduins dieselbe Datierungsgewohnheit zugrunde, ergeben sich gewisse Widersprüche, die derzeit nicht völlig ausgeräumt werden können (vgl. sub Bauer 3). Papst Gregor IX. bestätigte 1232 Febr. 11 den Neugetauften in Kurland die ihnen von Bf. Balduin von Semgallen in seiner Zeit als päpstlicher Vizelegat gewährten Freiheiten (gedr. LUB 1 Nr. 124, Rodenberg, Epist. saec. XIII Bd. 1 Nr. 463 u. Sen={a}s Latv. v={e}st. avoti 1 Nr. 181). Etwa gleichzeitig scheint die zunächst in der Hand der Kuren verbliebene besiegelte Ausfertigung des Freiheitsbriefs während eines Feldzugs von den Schwertbrüdern geraubt und vermutlich vernichtet worden zu sein, vgl. die Angaben der päpstlichen Zitationsschrift von 1234 Nov. 20 (Bauer 7 [10] u. [42]). Text derzeit nach A. Bauers Abschrift aus dem Register Gregors IX. (B).