Polnische Judenpogrome

Aufstellung über Verbrechen polnischer Soldaten und Bürger an Juden nach Ortschaften geordnet

Modul
Antisemitismus in Polen
Sprache
Deutsch

DER POLNISCHE POGROMORKAN.

Über die gewaltige Flut von polnischen Judenpogromen liegt schon jetzt ein riesiges Material vor, von dem nur ein ge­ringer Teil bisher veröffentlicht worden ist. Kompetente jüdi­sche Körperschaften sind bemüht, sich authentische Berichte über die Pogrombewegung zu verschaffen, namentlich hat der Jüdische Nationalrat in Wien zahlreiche Protokolle mit Augen­zeugen aufgenommen, an deren absoluten Glaubwürdigkeit nicht gezweifelt werden kann. Aus Raummangel können wir nur einen kleinen Teil des uns zur Verfügung gestellten Materials repro­duzieren.

Wir lassen zunächst ein vom Jüdischen Nationalrat in Wien aufgestelltes und von uns ergänztes Verzeichnis der Orte, aus denen bislang Nachrichten über stattgehabte polnische Pogrome vorliegen, folgen und bringen dann die Berichte über mehrere typische Pogrome zum Abdruck. Der Lemberger Pogrom wird in einem besonderen Abschnitt dieser Schrift behandelt.

Verzeichnis der von polnischen Pogromen betroffenen Orte.

(Über die Pogrome in den mit fetter Schrift gedruckten Orten folgen unten ausführliche Berichte.)

 

Andrychów.

Plünderungen am 5. November, 90 Prozent der Plünderer gutsituierte Bauern, Weigerung der Polizei und der Bürgerwehr einzugreifen.

Baczkow.

Überfälle.

Baranów.

Geschäfte erbrochen und ausgeraubt. Stadtmiliz verhielt sich passiv, beschoss aber dann die jüdische Selbstwehr.

Błażowa.

Plünderungen und Misshandlungen.

Blozow.

Brandschatzung aller Juden, Schändung jüdischer Frauen.

Bochnia.

Plünderungen, Ritualienschändung, Misshandlungen.

Bojanow.

Überfälle.

Brodle.

Plünderungen.

Brzesko.

Plünderungen, zahlreiche Tote, Entwaffnung der jüdischen Selbstwehr durch die polnische Legion, die angeblich die Juden schützen sollte, sich aber dann selbst am Pogrom beteiligte, Inbrandsetzung jüdischer Häuser. Ermordung der Fliehenden.

Brzezin.

Ermordung einer jüdischen Familie, Schändung der Leichen.

Brzeznica.

Beraubung der jüdischen Habe.

Brzozow.

104 jüdische Familien am 25. November ausgeplündert. Ortsmiliz, zum grossen Teil auf jüdische Kosten unterhalten, war während der Pogrome „verschwunden".

Bukowska.

 

Chrzanów.

Selbstwehr schlug Pogromisten ab, bis polnische Legionäre Selbstwehr entwaffneten, Teilnahme der Legionäre am Pogrom, zwei Tote, zahlreiche Verwundete.

Czechow.

Plünderungen, Überfälle.

Czernichów.

Plünderungen.

Czudec.

Plünderungen.

Dabrowa b/Tamow.

Plünderungen, bestialische Überfälle.

Debna.

Sämtliche Juden vollständig ausgeraubt.

Deborow.

Überfälle.

Dembica.

 

Dobczyce.

Schwere Misshandlungen, Plünderungen.

Dubisko.

 

Dynow.

Plünderungen und Uberfälle, obgleich hier polnische Intelligenz zu hindern versuchte.

Działoszyce (Polen)

24 Häuser ausgeplündert, Entwaffnung der Selbstwehr, Untersuchung vereitelt, der Jude S. Czuzynowski erschossen.

Gawlowka.

Plünderungen und Misshandlungen.

Gdow.

Plünderungen, Misshandlungen, Demolierungen.

Gilowoe.

Plünderungen und Misshandlungen.

Gorka.

Schwere Verwundungen, völlige Ausplünderung.

Grabowice.

Überfälle auf jüdische Häuser mit Bomben und Handgranaten.

Grodzisko.

Die gesamte jüdische Bevölkerung mit Unterstützung der Legionäre ausgeraubt.

Gzrebow.

Plünderungen und Misshandlungen, kleine Kinder verwundet.

Hucisko.

 

Impinia.

 

Iwonicz.

Ausplünderung aller Juden, schwerste Misshandlungen unter Führung des Kommandanten der Bürgerwache.

Jamnica.

Plünderungen und Misshandlungen.

Jaroslau.

Entwaffnung der jüdischen Selbstwehr am 13. November durch Stadtkommandanten, am 15. November Plünderungen und Misshandlungen. Nach Ermordung von fünf Juden im benachbarten Dorfe Tuczempy jüdische Selbstwehr wieder gestattet.

Jaworzno.

Alles ausgeplündert.

Jedlicz.

Niederbrennen der jüdischen Häuser.

Jelesznia.

 

Jeslo.

Niederbrennen der jüdischen Häuser.

Jezow.

40 jüdische Familien ausgeplündert, geschlagen, zur Flucht ge­

zwungen.

Kalbuszowa.

Landesgerichtsrat Dr. Czerny bewilligt nicht die Bildung der judischen Selbstwehr. Vandalisches Vernichtungswerk.

Kelwarya.

 

Kielce (Polen.)

700 Juden meist schwer verwundet, viele Tote.

Kocieza.

 

Koszarowa.

Plünderung durch organisierte Banden, ebenso in zahlreichen Dörfern der Umgebung.

Kreszowice.

Geschäfte und Wohnungen gewaltsam erbrochen und ausgeraubt.

Krzyzanowice.

 

Kurow.

 

Las.

 

Lechowice.

 

Lemberg.

Diesem Pogrom ist ein Abschnitt unserer Schrift gewidmet.

Lenkowice.

 

Leszice.

 

Limanowa und Umgebung.

Durch Banden ausgeraubt, schwere Misshandlungen.

Lubomil (Polen).

45 jüdische Familien ausgeraubt, viele Verwundete, 5 tötlich.

Maidan.

 

Mielec.

Entwaffnung der jüdischen Selbstwehr, Beteiligung polnischer Milizianten an den Plünderungen.

Morawica.

Plünderungen.

Mszana-Dolna.

Bei Feier anlässlich der Befreiung Polens Ausplünderung aller Juden am Ort und in den Dörfern der Umgebung.

Niepołomice.

 

Nieszotomice.

 

Nisko.

Plünderungen, Erpressungen.

Niszowice.

Plünderungen. 20-jähriges Mädchen erschossen.

Oczkowice.

 

Oświęcim.

Abwehr der Angriffe von Hooligans, die mit Bewilligung pol­nischer offizieller Persönlichkeiten die Juden angriffen, durch die jüdische Selbstwehr (9. November).

Pilzno b Tarnow.

 

Prevel.

 

Pewla wielka.

Überfälle.

Przemyśl.

Nach Eroberung der Stadt durch die Polen Plünderung der jüdischen Häuser, schwere Misshandlungen, Entwaffnung der jüdischen Selbstwehr durch reguläre polnische Truppen, zahlreiche Tote und Verwundete. Kommandant belegt jüdische Bevölkerung mit Kontribution von 3 Millionen Kronen unter Androhung der Entfesselung eines Militärpogromes; Ausführung der Absicht verhindert durch den lokalen polnischen Nationalrat.

Przeworsk.

Die Häuser ausgeraubt, Insassen furchtbar geschlagen.

Radomysi wielki.

Geschäfte erbrochen, ausgeplündert, die Waren auf bereitstehende Wagen verladen. Gendarmeriekommandant verhindert ein Eingreifen der Miliz.

Ranizow.

 

Rejcza.

 

Rejnow.

 

Roprzyce.

Plünderungen, Misshandlungen.

Rozwadow.

Wiederholte Pogrome, Verhetzung durch den polnischen geistlichen Probst Okon, Teilnahme polnischer Offiziere und Legio­näre, viele Juden verwundet.

Rymanów.

Wohnungen und Geschäfte ausgeraubt, Beute auf Wagen (auch von reichen Bauern) weggeführt.

Saybuscher Bezirk.

 

Sedziszdwie.

Am 13. Dezember 1918 und den folgenden Tagen Plünderung von Läden und Misshandlungen unter Teilnahme von Soldaten und Legionären.

Siersza.

Räubereien, Totschlag.

Slenien.

 

Spotnia mala.

 

Spotnia wielki.

 

Staszów.

Plünderungen

Strzyzow.

Sämtliche Juden ausgeraubt.

Szczakowa.

Plünderungen, polnische Legionäre Anführer, Schaden drei Mil­lionen Kronen, geraubtes Gut unter Legionäre verteilt.

Sziemieniec.

 

Tarnobrzeg.

Einige Familien fürchterlich misshandelt und ausgeraubt. Verhetzung durch den Pfarrer.

Tarnow.

Überfälle und Plünderungen, schliesslich durch jüdische Selbstwehr Einhalt getan.

Ticzyn.

Sämtliche jüdische Geschäfte geplündert. Lebensgefährliche Verwundungen.

Trzebinja.

Plünderungen und Vernichtungen, die polnische Behörde beiahl Miliz ruhig zuzusehen. Bevölkerung stellt Heiligenbilder in die Fenster, um die jüdischen Häuser kenntlich zu machen.

Tuczempy, Dorf bei Jarosław.

Vier jüdische Frauen und ein Säugling ermordet, tags darauf ein judischer Fähnrich erschlagen.

Ustrzyki dolno.

Auferlegung schwerer Kontribution unter Androhung eines Bombardements, Plünderungen, ein Jude ermordet.

Warschau.

Überfälle und Beraubungen.

Wielepola.

Plünderungen.

Wielkie drogi.

Plünderungen.

Wiśnicz (Bezirk Bochnia).

Prügelexekution an der männlichen jüdischen Bevölkerung auf Befehl des polnischen Kommandanten.

Wodzisław (Polen).

Fünfzig jüdische Familien in Ger Nacht zum 19. November ausgeplündert, ein Jude getötet, Beteiligung polnischer Milizianten in Zivilkleidung an den Plünderungen. Die Ansprache eines polnischen Vertreters aus Krakau verhindert am 19. November furchtbare Judenmetzelei.

Zakliczyn.

Wohnungen und Geschäfte geplündert.

Zator.

Wohnungen und Geschäfte geplündert, Beute auf Wagen fortgeschafft.

Zawoja.

Geschäfte und Wohnungen geplündert.

Zebna.

Plünderungen.

Żmigród.

Verwüstungen und Plünderungen. Requirierte Miliz aus Jaslo macht kehrt, weil „es sich nur um Juden" handelt.

Żołynia (Bezirk Lancut).

Plünderung am 17. und 18. Dezember, der 80-jährige Israel erschlagen, 12 andere Juden schwer verwundet; zur Wiederherstellung der Ordnung aus Lancut gesendete polnische Soldaten kehren nach halbstündigem müssigem Aufenthalt nach Lancut zurück.

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WARSCHAU.

„BÜRGER!

An dem freudigen Tage, an dem die letzten Spuren einer fremden Herrschaft getilgt waren, boten die Strassen der Stadt einen schrecklichen Anblick. Wehrlose und unschuldige Menschen wurden überfallen. In verschiedenen Stadtbezirken sind förmliche Razzien auf die Juden veranstaltet worden. Sie wurden ergriffen, misshandelt und sogar einige der zufällig Vorübergehenden würfen getötet.

Ein Teil der Presse, der tendenziöse und lügenhafte Nachrichten von angeblichem feindlichen Verhalten der jüdischen Bevölkerung gegen Polen und seine Armee verbreitet, versuchte die aufgespeicherte Energie des Volkes auf die Juden zu entladen.

Das Sicherheitskomitee der jüdischen Bevölkerung, welches aus sämtlichen jüdischen Berufs-, Kultur- und politischen Organisationen der Rezidenzstadt Warschau hervorgegangen ist, erhebt entschieden Protest gegen die unehrenhafte und in den Folgen unabsehbare Agitation.

Wir stellen fest, was schon mehrfach von allen jüdischen Organisationen ausgesprochen worden ist, dass die jüdische Bevölkerung sich mit dem gansen polnischen Volke in den Bestrebungen ein unabhängiges und unteilbares Polen zu errichten, solidarisch erklärt.

Das Komitee protestiert gegen die Vergewaltigungen, die an den jüdischen Bürgern verübt wurden, und wendet sich mit einem Apell an das polnische Volk, dass es dieser Ungerechtigkeit, die den jüdischen Bürgern zugefügt wird, ein Ende bereitet und ihnen die Sicherheit gewährleistet.

Das Sicherheitskomitee der jüdischen Bevölkerung"

Warschau, den 11. November 1918.

Quelle
Polnische Judenpogrome, in: Chasanowitsch, Leon: Die polnischen Judenpogrome im November und Dezember 1918. Tatsachen und Dokumente, Stockholm 1919, S. 28ff. 
Copyright
Verbreitung und Vervielfältigung nur zu wissenschaftlichen Zwecken. Voraussetzung für die Nutzung in wissenschaftlichen, nichtkommerziellen Publikationen und Abschlussarbeiten ist neben der korrekten Zitation – unter Berücksichtigung der empfohlenen Zitierweise – eine entsprechende Meldung an die Projektkoordination über das Meldeformular
Erstellt
24.07.2012 
Zuletzt geändert
12.05.2016 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Polnische Judenpogrome, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Antisemitismus in Polen", bearb. von Tim Buchen. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/878/details.html (Zugriff am )