Frauenhandel in Polen

Wie können Frauenhandel und Prostitution in Polen eingedämmt werden? Der Verfasser sieht die Hauptursache in der Verantwortungslosigkeit skrupelloser jüdischer Geschäftsleute

Modul
Antisemitismus in Polen
Sprache
Deutsch

Wenn jemand mit einem einzigen charakteristischen Symptom ein Bild der Pathologie unserer Gesellschaft zeichnen sollte, könnte er nichts Besseres wählen, als die bereits berühmte und auf der ganzen Welt bekannte Versammlung eines guten Dutzends Händler lebendiger Ware, die sich vermutlich über Konjunkturen beraten und über neue Entwicklungen diskutieren. Es gibt Fälle, in denen ein nacktes gesellschaftliches Phänomen wie z.B. der Ausbruch einer gewaltigen Auswanderungswelle wie ein Blitz die Situation erhellt. Aber dass sich ein großes soziales Drama derart krass in einem friedlichen, man könnte sagen, nicht massenhaften Ereignis zeigt, dazu braucht man eine derart unerhörte Sorte und Versammlung von Zielen, wie jener unvergessene Konvoi von wegen lebender Ware hergekommener Juden. Was bedeutet die Geschichte der konspirierenden Elendigen? Die Gesellschaft erzieht Unfreie.

Das ist unser aller Schuld. Das Elend, das zum Untergang drängt, fehlende Aufsicht, in deren Folge keine rechtzeitige Hilfe mehr möglich ist, Männer, die straflos verführen, eine moralische Atmosphäre, die dies toleriert, das ganze leichtsinnige, unorganisierte Leben in den Tag hinein, Müßiggang oben, Ratlosigkeit unten – das ist wunderbar für jegliche Agitation, allen Umsturz und alles Beutemachen. Da kommt der kanaaische Agent und entvölkert ein halbes Dorf. Es kommt ein Jude aus Südamerika und überredet sprichwörtlich alle Hausdienerinnen, Arbeiterinnen und Mädchen vom Dorf. Wir sind Flugsand, nicht mehr. Die Welt mit Prostituierten zu versorgen – eine schreckliche Sache, möge sie nicht unauslöschlich sein!

Aber vergeblich wäre es, den Beziehungskomplex abzuwägen, der sich aus einer derart fatalen Lage zusammensetzt. Vor uns liegt eine dringende und sehr praktische Aufgabe: Was ist zu tun, um die einen zu lehren und zu warnen, die anderen zu retten, die Anwerbung zu bremsen und die Vermittler und Organisatoren des Handelns auszumerzen?

Wie immer erscheint an erster Stelle die Prävention. Es besteht kein Zweifel, dass sich die Ausfuhr unserer Frauen auf die amerikanischen „Märkte“ und auf andere fast ausschließlich auf die Ignoranz der Menschen und den Mangel an Aufsicht über die Mädchen stützt, die sich materiell oder moralisch an einer Kreuzung befinden. Hier besteht ein sehr enger Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Prostitution, also mit dem Problem, gegen das wir bislang, trotz ständiger Aktualität, nichts gemacht haben.

Die Aktion ist also eine gesellschaftliche auf der Grundlage der sogenannten Wohltätigkeit. Man muss die ganze Gesellschaft hierzu einberufen, alle Klassen des Landes bewegen, nicht nur die Städte, und der Arbeit einen einheitlichen Charakter geben. Daher wäre in diesem Moment nichts zielführender als landesweite Beratungen, entweder der Vertreter aller Wohltätigkeitsvereine oder, wenn dies die Umstände nicht erlauben würden, zumindest der Vertreter der größeren städtischen Wohltätigkeitsvereine. In dieser Hinsicht wäre es angebracht, sich vor allem an Frauen zu wenden, ebenso an die, welche, obwohl sie Zeit haben, nichts tun, als auch an jene, deren Aufmerksamkeit von der Sache der Suffragetten in England und der feministischen Bewegung in Tasmanien in Beschlag genommen wird. Beachtet man den angeborenen Scharfsinn der Frauen, muss es leicht sein sie zu überzeugen, dass es auf der Welt kein drastischeres Symptom der „Frauenfrage“ gibt, als den Handel mit lebender Ware für den Export und den Handel mit dem eigenen Körper vor Ort. Mir scheint es, dass ich, wenn ich einen Rock trüge und das Vergnügen hätte, eine Feministin zu sein, nicht ruhig einschlafen könnte, bis ich mich mit Leib und Seele in den Kampf mit diesem ekelhaftesten menschlichen Verfahren geworfen hätte. An gleicher Stelle stehen Repressionsmaßnahmen. Wenn unsere Emigration in ihrem heutigen Stadium zu einem großen Teil künstlich ist, d.h. nicht aus natürlichen Bedürfnissen und Bestrebungen des Volkes hervorgeht, so ist es die Auswanderung der „lebendigen Ware” in Gänze. Schließlich gehen diese Frauen ins Elend, ins Leiden, in die Hölle. Sie lassen sich erobern allein durch Versprechungen, falsche Perspektiven, das wertloseste, betrügerischste Überreden. Von der hiesigen Armut gelangen sie in die fremde Hölle. Lassen sich täuschen durch Vorauszahlungen, streben nach der Befreiung aus der Klammer der Freier und Zuhälter ohne zu wissen, was auf sie wartet. Agenten und Händler, das ist die ganze Ursache dieser Emigration. Sie auszurotten, d.h. die ganze Organisation des Frauenexports zu zerstören, bedeutet, den Kopf dieser Hydra abzuschlagen.

Wenn die heutigen Gesetze nicht ausreichen, um alle Repressionsmaßnahmen zu ergreifen, dann muss man sich darum bemühen, sie zu ergänzen. Wir haben oder sollten zumindest in dieser Angelegenheit eine gewichtige und, auch wenn es schwer ist sich zu bekennen – eine kompetente Stimme haben. Unser Land stellt in Europa wahrscheinlich den größten Markt dieser Art dar. Wir leiden am meisten. Der Gesetzgeber muss die Verwaltung mit allen und den teuersten Waffen für den Kampf ausstatten. Wenn es sein muss, stimmen wir für mittelalterliche Repressionen.

Wenn die heutigen Gesetze jedoch ausreichen, dann muss die Gesellschaft ihnen zur Hilfe eilen. Die Interventionen z.B. des christlichen Vereins zum Schutz der Frauen hat mehr als ein Mal Früchte getragen. Das ist ein Beispiel zur Nachahmung. Wer auch immer die Tatsache der Ausbeutung und Überredung usw. unglücklicher Frauen kennt, der sollte verlangen, dass sich die Regierung einmischt und auf die Gerechtigkeit achtet. Über Nachsichtigkeit, Toleranz und Augenzudrücken angesichts all dessen sollte die oberste Führung informiert werden.

Leider können wir eine wichtige Aktion nicht in Betracht ziehen, nämlich den moralischen Druck auf jene zu erhöhen, die sich mit dem Handel beschäftigen, einen Druck aufzubauen, der aus ihrem nächsten Umfeld kommt. Unsere Presse reicht, obwohl sie sehr beliebt ist, dort nicht hin, unsere Meinung hat dort überhaupt kein Gewicht. Das sind alles Juden, von denen wir moralisch ähnlich weit entfernt sind wie von den Hottentotten. Wir haben nicht mal einen Berührungspunkt mit ihrer Presse, von der wir nur wissen, dass für sie die Frage von Hehlerei, Wucher, Handel mit lebendiger Ware usw. – nicht existiert. Die Versammlung von hundert Frauenhändlern stellt also lediglich einen neuen Aspekt der jüdischen Frage in Polen dar.

Man kann nicht behaupten, dass unsere Gesellschaft völlig untätig in Sachen Frauenschutz ist. Schließlich existiert der christliche Verein zum Schutz der Frau, der eine sehr lebendige Tätigkeit entwickelt. Er hat unter seinen neun Abteilungen auch eine Abteilung für den Kampf gegen die Prostitution. Er besitzt eine Abteilung zur Arbeitsvermittlung sowie dauerhafte und kurzfristige Unterkünfte für Frauen, die Arbeit suchen.  Er hat Ableger in allen größeren Städten im Land und unterhält Austausch mit ähnlichen Institutionen in Europa und Amerika. Der Verein vermag selbst gegenüber der Regierung einzuschreiten, wenn es nötig wird, gegen verbrecherischen Missbrauch einzuschreiten. Die Menschen wissen davon und melden sich, so wie ich gehört habe, zahlreich.

Aber, was soll man sagen? Der Verein, der eine derart wichtige Aufgabe übernahm, der Auge in Auge dem größten Unglück der Menschheit gegenübertritt, dessen soziale Bedeutung jedem in den Blick gelangen müsste, hat nicht genügend Mittel, zählt nicht Tausende und Abertausende von Mitgliedern und weckt nicht das Interesse der Allgemeinheit. Ein klassischer Beweis unserer Untätigkeit, Gleichgültigkeit, Ratlosigkeit und Mangel an sozialem Denken unter unserer Intelligenz. Mir wurde gesagt, dass der Verein eine vielfach größere Tätigkeit entfalten könnte, wenn er nur eine garantierte Hilfe an Menschen und Geld erhielte. Anstatt einer allumfassenden gesellschaftlichen Zusammenarbeit ist es eine Handvoll Leute guten Willens, die mit dem wenigen schwer gesammelten Geld arbeiten.   Leser, welche diese Vorwürfe gnädig lesen, werden womöglich gütig zustimmen:

– Ja! Ja! Man muss nützliche Institutionen unterstützen.

Aber was würden sie sagen, wenn z.B. der Verein, der so viele ausgestreckte Hände sieht und derart viele obdachlose Existenzen sieht, auf den Straßen eine Spendenaktion starten würde?

– Noch eine Sammlung! Wie langweilig!

Da uns die Möglichkeit genommen wurde, die soziale Frage in ihrem breiteren Aspekt zu entschärfen und die Gesellschaft so zu organisieren, dass die Quellen des Unglücks und der massenhaften Degenration trocken gelegt werden, sowie die Volksmassen gemäß einem einheitlichen und kontinuierlichen Plan zu erheben, zu bilden und zu zivilisieren, so müssen wir auf jeder Schulter mehr als eine freie gesellschaftliche Initiative und philantropische Institution tragen. Aber möge die Gesellschaft verstehen, dass dies häufig der einzige Weg ist, sich auf einem kulturellen Niveau zu halten, den Prozess der Verwilderung aufzuhalten, Tränen zu trocknen und verirrte Individuen zu retten.

Selbst das reiche, kluge und politisch wie gesellschaftlich hervorragend eingerichtete, moralische England überlässt nicht alles den Pflichtinstitutionen, sondern sucht in den freien philanthropischen Organisationen einen Weg, das Volk zu moralisieren. Es gibt z.B. die National Vigilance Association, die sich um junge Frauen kümmert, an der Rückkehr von Prostituierten ins normale Leben arbeitet, ihnen Arbeit vermittelt, usw. Philanthropie, was für ein mächtiges Wort selbst im englischen Leben, welche Ausmaße und welche Inhalte könnte es dort annehmen, wo die staatlichen Institutionen weit zurück sind hinter dem sich verkomplizierenden gesellschaftlichen Leben! Das ist ein großes soziales Drama, grell, aber nur episodisch ausgeleuchtet in der Tatsache des Handels mit lebendiger Ware. Heute ist vielleicht der Moment, in dem die Agitation mit Wort und Feder eine Auseinandersetzung beginnt und Vorträge für die Allgemeinheit und die Intelligenz verliest, sie ermuntert zum Vereinsleben. So könnte man die träge Masse zur Arbeit ermuntern, ihre schlafenden Sinne beleben, das abgestumpfte Gewissen wecken. Es ist vielleicht der Moment gekommen, um gerade viele Frauen, denen bis jetzt jeglicher sozialer Gedanke fern liegt, zu Bewusstsein zu bringen, zu erwärmen und zur Arbeit zu bewegen.

B. K.

Quelle
B.K.: Frauenhandel, in: Kurjer Warszawski, 29.11.1913. 
Übers.
Tim Buchen 
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Erstellt
23.07.2012 
Zuletzt geändert
11.05.2015 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

B.K.: Frauenhandel, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Antisemitismus in Polen", bearb. von Tim Buchen. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/861/details.html (Zugriff am )