Konzertkritik

Der Verfasser dieser Kritik argwöhnt, nichtjüdische Künstler würden durch das jüdische Warschauer Bürgertum boykottiert und so an ihrem künstlerischen Erfolg gehindert

Modul
Antisemitismus in Polen
Sprache
Deutsch

Das Konzert am vorigen Sonntag war nicht gut besucht, wir wissen auch nicht, wie es am Donnerstag sein wird. Mögen unsere Vermutungen falsch sein: Das Talent, der Name, die Kunst sprechen gegen uns, und doch zittert unsere Sybille. Wie man sieht, steht Fräulein Neruda nicht in der Gunst einer großen Koterie, die für musikalisch gilt und gelten will. Ihr fehlten die Adlernase, die dunkle Gesichtsfarbe, die schwarzen Haare und andere Züge des nichtarischen Geschlechts; sie spricht kein rollendes r, ihr Name endet nicht auf berg, blatt, kranc, stern oder ähnliches. Ihr fehlt es also an Gründen für die Unterstützung durch jenen geheimnisvollen Bund, der sich über ganz Europa und vor allem über uns gelegt hat. Seine Mitglieder helfen und unterstützen sich gegenseitig, seien sie Bankier, Tenor, Spekulant oder Geiger. Dieser Bund nutzt alle Mittel: Reklame, Applaus, Geschrei und sogar Geld. Es gibt einen Gedanken, der den bärtigen Mann auf den billigen Plätzen mit der vornehmen Loge im geheimen verbindet: Ihr Fortkommen, ihr unbedingtes Fortkommen. Jeder Erfolg des einzelnen, ob in der Bank Rothschilds, im Orchester Meyerbeers oder bei den Lorbeeren Rachels, ist ein Erfolg ihres ganzen Volkes. Derjenige, von dem du annimmst, er kenne nichts außer seinen Wechseln und den Prozenten, die er fordert, spricht darüber mit der gleichen Ruhmsucht wie jeder andere Stammesbruder. Diese Macht – in unserer Stadt ist es eine richtige Macht – konnte Fräulein Neruda für sich nicht gewinnen: ihr fehlt der wichtigste aller Titel. Vielleicht steht die Anekdote, die wir neulich in einer ausländischen Tageszeitung lasen, in einem Zusammenhang hiermit. In Rotterdam sammelt der Bankier Ellinckhuyzen Zeichnungen für die Aktien des Suezkanals. Im Kontor taucht ein seriöser Engländer auf und verlangt 500 Aktien. Der Bankier händigt sie ihm aus. Der Engländer macht langsam das dicke Portemonnaie auf und zahlt. Darauf erklärt der Bankier, daß die Summe zu groß sei, da derzeit eine Aktie 50 Franken wert sei. Wenn das so ist, sagt der Engländer, dann geben Sie mir bitte 1000 Aktien. – Sie gaben mir nur 50 000 Franken – sagt der Bankier. – So wenig? – fragt der Käufer – ich wollte dafür 500 000 Franken anlegen, bitte geben Sie mir also 10 000 Aktien. Der Bankier händigte ihm die Aktien aus und wunderte sich über diese Investition, die derzeit nur sehr geringe Aussichten hat. Nach langem Zögern erklärte der Engländer, in der Bibel von einer Prophezeiung  gelesen zu haben, die besagt, daß an der Landenge von Suez ein Kanal gebaut werden wird, der den Israeliten die Rückkehr nach Ägypten ermöglichen werde. Er nannte die Kapitelnummer und den Vers, es soll sich tatsächlich um eine Prophezeiung Jeremias handeln. Die ausländische Tageszeitung verbürgt die Wahrheit dieser Anekdote. Wie auch immer si non e vero… Nach dem Lesen fingen wir an, im Buch Jeremias nach dem Vers zu suchen, bis jetzt haben wir die ersehnte Bibelstelle jedoch nicht gefunden. Wenn wir die Stelle finden, werden wir den Text abdrucken. In jedem Fall hat der Suezkanal noch weniger Aussichten als je zuvor. Es kommt nicht auf Lord Palmerston an, selbst Jeremias würde sich dem Kanal widersetzen, weil keiner der Nachkommen derer, die aus Ägypten ausgezogen sind, in das Land zurückkehren möchte, das ihre Vorfahren so ungern vor 3000 Jahren verlassen haben. Das gilt zumindest für ihre bei uns heimischen Nachfahren.

Quelle
Konzertkritik, in: Bartoszewicz, Kazimierz: Wojna żydowska w roku 1859 (początki asymilacyi i antisemityzmu.) [Der jüdische Krieg im Jahre 1859 (Anfänge der Assimilation und des Antisemitismus)], Warszawa/Kraków 1913, S. 36ff. 
Übers.
Francois Guesnet (Hg.): Der Fremde als Nachbar. Polnische Positionen zur jüdischen Präsenz. Texte seit 1800, Frankfurt 2009, S. 135-136. 
Copyright
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Erstellt
18.07.2012 
Zuletzt geändert
07.02.2017 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Konzertkritik, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Antisemitismus in Polen", bearb. von Tim Buchen. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/819/details.html (Zugriff am )