József Széll und Rudolf Hess zu Minderheitenfragen

Notenwechsel zwischen Innenminister József Széll und Rudolf Hess, Stellvertreter Adolf Hitlers, über Minderheitenfragen im Juli 1937

Modul
Deutsche in Ungarn
Sprache
Deutsch

I. József Széll, kgl. ung. Innenminister, stellte dem Ungarischen Telegraphen-Amt [MTI] folgende Erklärung zur Verfügung:

Ich möchte – und zwar in Übereinstimmung mit den zuständigen Herren Ministern – eine Erklärung über die durch die Friedensverträge hervorgerufenen, dringendsten und daher gewichtigsten Fragen Mitteleuropas abgeben, d.h. über die Minderheitenprobleme und über die sich auf Ungarn auswirkenden Aspekte dieses Problems.

Es ist bekannt, daß diese Frage Ungarn aus zweierlei Hinsicht interessiert, einerseits vom Gesichtspunkt der ungarischen Minderheiten, die anderen Staaten zugeschlagen wurden und mehrere Millionen Seelen umfassen, andererseits unter dem Aspekt der ungarischen Staatsbürger, die im verbliebenen Landesteil leben und nicht ungarischer Muttersprache sind.

Das Bestreben der ungarischen Regierungen hat sich immer darauf gerichtet, ihre hinsichtlich der im Ausland lebenden ungarischen Minderheiten eingenommenen, streng auf dem internationalen Recht beruhenden Standpunkte auf jedem Forum, das in dieser Hinsicht in Frage kommt, und unter Verwendung aller legalen Mittel bekannt zu machen sowie diesen [Standpunkten] – gemäß den Möglichkeiten – auch Geltung zu verschaffen. Diesbezüglich haben wir immer nur das angestrebt, was sich die Verträge, die sich auf diese Frage beziehen, sowieso zu Ziel gesetzt haben, nämlich das, daß unsere Minderheiten – im Besitz ihrer vollen politischen Freiheiten – ihre geistige und wirtschaftliche Kultur entwickeln können und damit ihre weitere Existenz sichern können. Wenn die Bestrebungen der jeweiligen ungarischen Regierungen in diese Richtung nur selten von Erfolg gekrönt waren, so ist das nicht auf mögliche Versäumnisse unsererseits zurückzuführen. Die gegenwärtige Verteilung der politischen Macht, die Struktur des Völkerbundes und der Zeitgeist – also Faktoren, gegenüber welchen sich das Recht und die politische Vernunft nicht durchsetzen konnten – haben diese bedauerliche Situation hervorgerufen, die am allerwenigsten zur Festigung des Friedens beigetragen hat, ja ganz im Gegenteil, die die Entwicklung des Geistes der Versöhnung geradezu verhindert hat und [auch weiterhin] verhindert.

Die logische Konsequenz dieser Auffassung ist diejenige Verhaltensweise, die die ungarische Regierung gezwungenermaßen gegenüber den Staatsbürgern, die innerhalb unserer heutigen Staatsgrenzen leben und nicht ungarischer Muttersprache sind, einnehmen mußte. Unter diesen unseren Staatsbürgern steht die deutsche Minderheit in Ungarn als zahlenmäßig stärkste Minderheit an erster Stelle. Sie wird sicherlich auch in Zukunft ihre ungebrochene Zusammengehörigkeit mit der ungarischen Nation wahren, ebenso, wie sie dies in der Vergangenheit immer getan hat.

Im Rückblick auf die historische Vergangenheit muß ich feststellen, daß auch die deutsche Minderheit nicht zur autochtonen, ursprünglich hier angesiedelten Bevölkerung des ungarischen Bodens zählt. Unsere Vorfahren haben auch unsere Mitbürger mit deutscher Muttersprache als Siedler zur Auffüllung der ausgedünnten Reihen des Ungarntums ins Land gerufen, [und zwar] zur Auffüllung der Reihen jenen Ungarntums, das in den Verteidigungskämpfen gegen den Islam, der die Basteien der Christenheit belagerte, Europa verteidigte und dabei, wie allgemein bekannt, einen sehr schweren und vielfachen Blutzoll gezahlt hat. Diese deutschen Siedler lebten mit uns immer in größter Eintracht. Niemals hatten sie Bestrebungen der herrschenden Rasse zu befürchten, die auf ihre Assimilierung gerichtet waren. Wenn es auch vorgefallen ist, daß einzelne von ihnen Ungarn wurden, so ist dies ohne jegliche Gewalt und ohne jeglichen Druck automatisch und natürlich, auf dem Weg der gesellschaftlichen Verschmelzung und Absorbierung geschehen. Und wo sie in größeren Massen lebten, haben sie auch in vollem Maße ihren deutschen Charakter bewahrt. Gerade in unmittelbarer Nähe der ungarischen Hauptstadt gibt es auch heute noch deutschsprachige Gemeinden, die zwei Jahrhunderte hindurch ungestört leben und frei ihre deutsche Kultur entwickeln konnten.

Wenn dem nicht so gewesen wäre, würden heute in Ungarn wohl keine deutschen Minderheiten mehr existieren. Auf dem Gebiet der Ausübung der staatsbürgerlichen Rechte, ebenso auf dem Gebiet der Wirtschaft, sind unsere Minderheiten gegenüber der ungarischen Mehrheit immer gleich behandelt worden, [und zwar] in einer Weise, daß ihrerseits in dieser Hinsicht niemals berechtigte Klage laut wurde.

Es ist ein Grundprinzip unserer Minderheitenpolitik, daß Ungarn den altdeutschen oder anderen Staatsbürgern mit nicht-ungarischer Muttersprache mindestens eine so vorteilhafte Behandlung zukommen lassen möchte, wie auch wir diese mit Recht von jenen Staaten erwarten können, auf deren Gebiet Minderheiten mit ungarischer Muttersprache leben. Unsere Rechtsschöpfung, die sich auf das Minderheitenproblem bezieht, steht auch in voller Übereinstimmung mit diesem Grundprinzip.

Daraus folgt, daß Ungarn auf dem Gebiet der Minderheitenfrage auch keinerlei erneute, grundlegende Maßnahmen treffen muß. Es ist nur notwendig, und dies ist der entschiedene Wille und das entschiedene Ziel der ungarischen Regierung, daß die bereits erlassenen, existierenden Bestimmungen auch im praktischen Leben vollständige Verwirklichung erfahren. Insofern dieser Absicht und Zielsetzung der ungarischen Regierung widersprechende, unverantwortliche Bestrebungen festgestellt werden können, ist die Regierung dazu entschlossen, ihre gesamte Autorität in jedem einzelnen Fall einzusetzen, wenn sie die in der Minderheitenfrage niedergelegten staatlichen Grundprinzipien gefährdet sieht.

Diese Entschlossenheit der Regierung bezieht sich in erster Linie auf die Schulfrage, auf die Möglichkeit zur Einrichtung von kulturellen und religiösen Vereinigungen sowie darauf, daß sie – wie sie all das in einer Weise, die jeglichen Zweifel ausschließt, bereits wiederholt erklärt hat – nicht erlauben wird, daß sich Bestrebungen, die sich gegen die Freiheit der Kultur und des Sprachgebrauchs der deutschen und der anderen nicht-ungarischsprachigen Minderheiten richten, durchsetzen werden – so, wie dies auch der Herr Religions- und Unterrichtsminister nicht nur einmal und in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise erklärt hat.

Ich als königlich ungarischer Innenminister, der an erster Stelle für den richtigen Ablauf der ungarischen Verwaltung verantwortlich ist, kann am schnellsten erfahren, wenn sich – entgegen dem Willen der Regierung – solche unverantwortlichen Bestrebungen offenbaren, und ich bin entschlossen, nicht nur die Autorität meiner einzelnen Ministerkollegen, sondern, wenn nötig, die der gesamten Regierung für alle solche Fälle zu Hilfe zu rufen, bei denen ich in der Minderheitenfrage die grundlegenden Leitlinien des Landes als gefährdet betrachte.


II. Rudolf Hess, der Stellvertreter des Führers und Reichskanzlers [Adolf] Hitler, gab in Zusammenhang mit den Ausführungen des ungarischen Innenministers József Széll, die den ungarischen Standpunkt in der Minderheitenfrage skizzieren, folgende Erklärung ab:

Die öffentliche Meinung in Deutschland hat die Äußerungen von Minister Széll in der ungarischen Presse, in denen er den Standpunkt seiner Regierung in der Frage der Volksgruppen bekannt gab, mit Zufriedenheit aufgenommen. Der ungarische Innenminister setzte sich für das Verlangen ein, daß die in fremden Staaten lebenden ungarischen Volksgruppen im Besitz ihrer vollen politischen Freiheit ihre geistige und politische Kultur zum Ausdruck bringen können und so auch weiterexistieren können. Und diese berechtigte Forderung stimmt auch völlig mit unserer Auffassung hinsichtlich der deutschen Volksgruppe überein.

Eine große Beruhigung bedeuteten für uns die Worte des Herrn Minister Széll, mit welchen er die entschiedene Absicht der ungarischen Regierung zum Ausdruck bracht, daß hinsichtlich der deutschen Volksgruppe „die bereits erlassenen, existierenden Bestimmungen auch im praktischen Leben vollständige Verwirklichung erfahren sollen“. Hier geht es um Maßnahmen, die dem Deutschtum in Ungarn die freie geistige Entwicklung gewährleisten. Wenn Herr Minister Széll darauf verweist, daß er seine Erklärung in Übereinstimmung mit den zuständigen Ministern abgegeben hat, und darauf, daß es die feste Absicht der ungarischen Regierung ist, ihre gesamte Autorität in allen Fällen einzusetzen, in denen die Durchführung der staatlichen Grundprinzipien in der Minderheitenfrage als gefährdet angesehen wird, dann konstatieren wir dies mit aufrichtiger Zufriedenheit. Wir können uns daher darauf verlassen, daß sich für die deutsche Volksgruppe in Ungarn die Möglichkeit eröffnet, daß sie neben der politischen Freiheit und der wirtschaftlichen Gleichrangigkeit auch ihre Kultur ungehindert entwickeln kann.

Im Hinblick auf die Jahrhunderte alte Freundschaft zwischen dem deutschen und dem ungarischen Volk ist es – das möchte ich nachdrücklich betonen – unser Wunsch und unsere Hoffnung, daß die deutsche Volksgruppe in Ungarn wie bislang so auch in Zukunft dem ungarischen Staat in Treue dienen und so auch weiterhin die Brücke zwischen den zwei Völkern bilden wird.

Quelle
József Széll und Rudolf Hess zu Minderheitenfragen, in: Magyar Országos Levéltár, Sajtólevéltár, MTI jelentések, 1937. július 14. és 15.[Ungarisches Nationalarchiv, Pressearchiv, MTI Berichte, 14. und 15. Juli 1937]. 
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Erstellt
29.11.2011 
Zuletzt geändert
09.02.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

József Széll und Rudolf Hess zu Minderheitenfragen, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Deutsche in Ungarn", bearb. von Gerhard Seewann. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/380/details.html (Zugriff am )