Märtyrertod des Magisters Johannes Hus auf dem Scheiterhaufen

Der Ausschnitt aus der monumentalen Darstellung im sog. Leitmeritzer Graduale zeigt den Märtyrertod des Magisters Johannes Hus auf dem Scheiterhaufen, vor 1517

Modul
Hus und die Hussiten
Sprache
Deutsch

Märtyrertod des Magisters Johannes Hus auf dem Scheiterhaufen – Ausschnitt aus der monumentalen Darstellung im sog. Leitmeritzer Graduale

                                                                                                          Böhmen, vor 1517

Kontext:

Eine der eindrucksvollsten und zugleich künstlerisch wertvollsten Handschriften böhmischer Provenienz ist in lateinischer Sprache mit gotischer Minuskel verfasst. Als Stifter werden im Werk selbst Jakub Ronovský von Velnava und der streitbare Utraquist Václav Řepický genannt, der in den Jahren 1515-1517 das Amt des Leitmeritzer Bürgermeisters bekleidete. Damit ist zugleich eine zeitliche Orientierung für die Entstehung dieses großformatigen Gradual (706x460mm) und mit 402 Blättern umfangreichen Werkes gegeben. Für die malerische Ausgestaltung zeichnete ein anonymer Künstler verantwortlich, dem wohl zwei Gesellen zur Seite standen. Der unbekannte Meister erhielt seine Ausbildung offensichtlich im Umkreis der von Albrecht Altdorfer, Wolf Huber und dem Meister der Friedrich- und Maximilianlegende geprägten Generation der sog. Donauschule. Große, ja wegweisende Bedeutung für die Hus-Ikonographie besitzen die beiden großformatigen Darstellungen der Konstanzer „Disputation“ sowie der Verbrennung und der Himmelfahrt Hussens.

 

Quelle:

Státni oblastní archiv Litoměřice, Sign. IV C 1, fol. 244r, 245v.

Literatur:

Josef Krása u. a., Pozdně gotické umění v Čechách (1471-1526), Praha 1984 (hier v. a.  S. 442-446).

Jaroslav Macek, Mistr Jan Hus v Litoměřickém graduálu, in: Litoměřicko XXIII, 1988, S. 107-134.

David Holeton – Hana Vlhová, The Litoměřice Gradual of 1517, hg. von B. F. H. Graham (Monumenta Liturgica Bohemica 1), Praha 1999.

Jan Royt, Hussitische Bildpropaganda, in: Winfried Eberhard – Franz Machilek (Hg.), Kirchliche Reformimpulse des 14./15. Jahrhunderts in Ostmitteleuropa, Köln-Weimar-Wien 2006, S. 341-356.

Jana Kabourkova. Litoměřický graduál z roku 1517. Praha 2013 (Bachelor-Arbeit). Online abrufbar unter https://is.cuni.cz/webapps/zzp/detail/94705/ (16.10.2018).

 

Legende:

Peter von Mladoniowitz beschreibt in seiner Relatio Hussens Tod wie folgt: „Als der Magister zur Hinrichtungsstätte kam, beugte er die Knie, betete mit ausgebreiteten Händen und mit zum Himmel empor gerichteten Augen inbrünstig, Psalmverse, besonders `Gott, sei mir gnädig´ und `Herr, auf dich vertraue ich´. Bei der Wiederholung des Verses ´in deine Hände, o Herr´ wurde er von den Seinen, die dabeistanden, gehört, wie er heiter und mit ruhigem Blick betete (...) Auf Geheiß des Henkers aber erhob sich der Magister von der Stelle des Gebetes und sprach mit lauter und vernehmbarer Stimme, dass er auch von den Seinen gut gehört werden konnte: ´Herr Jesus Christus! Diesen entsetzlichen Tod will ich um deines Evangeliums und um der Predigt deines Wortes willen auf das geduldigste und demütig ertragen (...). Als sie ihm sein Gewand ausgezogen hatten, banden sie ihn mit Tauen an eine Säule, wobei er mit den Händen rückwärts an die genannte Säule gefesselt war (...). Als man ihn aber am Hals mit einer berußten Kette zusammenschnürte, betrachtete er sie, lächelte und sprach zu den Henkern: `Der Herr Jesus Christus, mein Erlöser und Heiland, ist mit einer härteren und schwereren Kette gefesselt worden, und ich Armer scheue mich nicht, um  seines Namens willen gefesselt, diese Kette zu tragen (...). Bevor aber der Magister angezündet wurde, trat der Reichsmarschall Hoppe von Pappenheim und mit ihm der Sohn des ehedem Klem an ihn heran, und sie forderten ihn auf, wie es hieß, sein noch heiles Leben zu retten und dem von ihm einst Gepredigten und Gesagten abzuschwören und es zu widerrufen. Der Magister aber blickte zum Himmel und antwortete mit lauter Stimme: ´Gott´, so sprach er, ´ist mein Zeuge, dass ich das, was mir fälschlich zugeschrieben wird und was man mir durch falsche Zeugen aufgebürdet hat, niemals gelehrt und auch niemals gepredigt habe, sondern es lag vor allem in der Absicht meiner Predigt und  aller meiner anderen Handlungen oder Schriften, die Menschen einzig und allein von der Sünde abbringen zu können. In dieser evangelischen Wahrheit aber, die ich geschrieben, gelehrt und gepredigt habe nach den Aussprüchen und Auslegungen der heiligen Lehrer, will ich heute sterben´ (...). Dann zündeten die Henker den Magister an. Er sang darauf mit lauter Stimme zuerst: ´Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner´; zum zweiten Mal: ´Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner!´ Und beim dritten Male: ´der du geboren bist aus Maria, der Jungfrau.´ - Und als er beim dritten Mal begonnen hatte zu singen, schlug ihm alsbald der Wind die Flamme ins Gesicht, und also in sich betend und Lippen und Haupt bewegend, verschied er im Herrn. Im Augenblick der Stille aber, bevor er verschied, schien er sich zu bewegen, und zwar so lange, als man zwei oder höchstens drei Vaterunser schnell sprechen kann.“[1]

Aus der Tradition der Ausgestaltung von Choralbüchern treten  vor allem die beiden ganzseitigen „Hussitenbilder“ heraus. Auf fol. 244r ist dabei – offenkundig das erste Mal überhaupt in der Darstellung des Kirchenkritikers und der Häresie angeklagten Prager Theologen - eine Anhörung Hussens auf dem Konstanzer Konzil zu sehen. Im Unterschied zum etwas früher entstandenen Codex Jenense, der Hus predigend vor dem Volke zeigt, geht es in der Abbildung im Leitmeritzer Gradual um eine der drei Hus gewährten Anhörungen Anfang Juni 1415 im Konstanzer Münster als Tagungsstätte der Kirchenversammlung. Kompositorisch hat der Künstler hier offenkundig  das Schema des Zwölfjährigen Jesus im Tempel aus Lukas 2,42-50 vor Augen.[2] Der bartlose Hus, der an seinen Fingern die Argumente bei der Disputation (die in Wahrheit in Konstanz keine nach scholastischem Brauch geführtes Streitgespräch war!) zählt, ist in ein rotes Märtyrergewand gekleidet, sein Haupt umgibt ein Nimbus (Royt, S. 352). Auf den von Engeln gehaltenen Schriftrolle ist die These der Disputation festgehalten: „Caro mea vere est cibus“ (Mein Fleisch ist wirklich eine Speise). Im Blickpunkt steht also die Eucharistie als ein zentraler Punkt im utraquistischen Glaubensbekenntnis. Die im Halbkreis versammelten Gegner Hussens – kirchliche Würdenträger und Universitätstheologen – erinnern in ihrer Darstellung an alttestamentliche Doktoren, deren Charakteristik stets der Karikatur nahestand (Krása, S. 445). Der tiefe diagonale Blick in das Kircheninnere, rhythmisiert durch vertikale Säulen in leuchtenden Regenborgenfarben mündet in der Gestalt des Johannes Hus auf der Kanzel, umgeben von einem Heiligenschein.

            Auch die Darstellung von Hussens Verbrennung (fol. 245v) weicht von älteren Bildkompositionen ab. Das Geschehen zeichnet sich durch konnotierte Monumentalität der Szene und die Dramatik des Geschehens aus. Die Darstellung des auf dem Scheiterhaufen stehenden Hus mit unversehrter Tonsur und Priestergewand soll darauf verweisen, dass die Entweihung des Verurteilten durch das Konzil im Angesicht Gottes ungültig ist. Die Darstellung ist verbunden mit Apotheose, Himmelfahrt und Krönung des verbrannten Märtyrers durch Engel. Die Seele des gerade hingerichteten Ketzers wird auf der Rauchwolke, die von seinem Scheiterhaufen ausgeht, in die himmlische Glorie getragen und von Engelschören empfangen. Gott selbst, der über allem thront, nimmt Hus im Himmel auf, zwei Engel halten über dem Haupt des Märtyrers eine Krone. Hus erlebt so eine ikonographische Neudeutung: Er ist Märtyrer und Heiliger der neuen, utraquistischen Kirche und wird als solcher verehrt!


[1] Für den gemäßigten Utraquisten Peter von Mladoniowitz, dessen wechselvolle Lebensbahn 1440 im Übrigen ebenfalls an die Spitze der Carolina führte, ist Hus schon ein Heiliger, der Chronist sieht – gerade mit Blick auf die Wortwahl – Parallelen zur Passion Christi. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zum Bild des Märtyrers, das Hus in seinen letzten Lebensmonaten bekanntlich ja selbst durch Haltung und Worte zu prägen begann. Vgl. Hus in Konstanz. Der Bericht des Peter von Mladoniowitz. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Josef Bujnoch, Graz-Wien-Köln 1963, S. 253-257.

Do nam der henker und band inn mit häß und mit allem an ain uffrecht brett. Und stallt im ain schemel under sin füß, und leit holtz und stro umb inn und schutt ain wenig bech darin und zündet es an. Do gehub er sich mit schryen vast übel und was bald verbrunnen. Und do er aller ding verbrunnen was, dannocht was die infel in dem für (= Feuer – Th. K.) gantz. Do zerstieß sy der henker. Und do verbran sy och und ward der böst schmachk, den man schmeken möchte; wann der cardinal Pangracius hett ain rossmul, daz starb an der statt von elti, daz ward davor da hin gegraben. Und von der hitz tett sich daz ertrich uvv, daz der schmak heruß kam. Darnach furt man die äschen gentzlichen, was da lag, in den Rin.“ – So schildert in der jüngst von Thomas Martin Buck vorbildhaft edierten, um 1460 entstandenen Aulendorfer Handschrift der sog. Konzilschronik der Konstanzer Stadtbürger Ulrich Richental - kein Teilnehmer des Constantiense, gleichwohl jedoch Augenzeuge -, der 1437 im fast biblischen Alter von 90 Jahren verstarb und dessen, in weit mehr als einem Dutzend Handschriften überlieferte Chronik eine der wichtigsten Quellen über die größte Kirchenversammlung der abendländischen Christenheit im Mittelalter darstellt, Hussens Ende. Richental berichtet, ohne jeden Zweifel an der ecclesia romana – kurz: gut katholisch -,  knapp und wenig pathetisch über das Ende des böhmischen Ketzers Johannes Hus, d. h. die im wahrsten Sinne des Wortes s p e k t a k u l ä r e Verbrennung am 6. Juli 1415 vor den Toren der Konzilsstadt am Bodensee. Für Richental starb der gepeinigte Hus schreiend, die sich öffnende Erde und der Kadavergeruch sollen in Ulrichs Schilderung auf die Hölle verweisen, das erwähnte Maultier war ein Bastard von Pferd und Esel, beide Tiere galten als Symbole der Ketzerei und des Hochmuts. Alle Umstände fügten sich laut Ulrich Richental also in den verdienten Tod eines unverbesserlichen Ketzers ein! Vgl. Chronik des Konstanzer Konzils 1414-1418 von Ulrich Richental. Eingeleitet und herausgegeben von Thomas Martin Buck, Ostfildern 2010, S. 67-68.

[2] „42. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht.  44. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. 46. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50. Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

Quelle
Märtyrertod des Magisters Johannes Hus auf dem Scheiterhaufen, in: Státni oblastní archiv Litoměřice, Sign. IV C 1, fol. 244r, 245v. 
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Erstellt
15.09.2020 
Zuletzt geändert
16.09.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Märtyrertod des Magisters Johannes Hus auf dem Scheiterhaufen, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Hus und die Hussiten", bearb. von Thomas Krzenck. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/3208/details.html (Zugriff am )