Čeněk von Wartenberg, Boček von Kunstadt und Wilhelm von Wartenberg und Zviřetice an König Sigismund von Luxemburg

Čeněk von Wartenberg, Boček von Kunstadt und Wilhelm von Wartenberg und Zviřetice teilen dem römischen und ungarischen König Sigismund von Luxemburg mit, dass der Prager Erzbischof Konrad von Vechta Johannes Hus nicht der Ketzerei bezichtigt und bitten ihn zugleich, Hus auf dem Konstanzer Konzil eine öffentliche Anhörung zu gewähren.

Modul
Hus und die Hussiten
Sprache
Tschechisch

Kontext:

Das Schreiben führender böhmischer Magnaten wirft ein bezeichnendes Licht auf die politisch-konfessionelle Situation in Böhmen kurz vor der Abreise des vor das Konzil in Konstanz geladenen Johannes Hus und die Unterstützung eines nicht unerheblichen Teils des böhmischen Adels für den Prager Prediger, Theologen und Kirchenkritiker. Im Dezember 1412 hatte sich Hus in einem Schreiben an das Landesgericht als Versammlungsorgan des Adels gewandt, für die bisherige Unterstützung bedankt und um weitere Unterstützung bei der Reform der christlichen Gesellschaft gebeten. Dabei sollte es wiederum die große Politik sein, die den weiteren Gang der Ereignisse, auch und gerade für Hus, richtungweisend bestimmte, zumal sich die Frage der endgültigen Überwindung des Schismas durch ein einzuberufendes allgemeines Kirchenkonzil immer dringender stellte. Der Gedanke, ein solches Konzil auf den Plan zu rufen, speiste sich im Grund genommen aus den gleichen Wurzeln wie die Anstrengungen der reformorientierten Gruppe um Hus, d. h. dem inneren Bestreben der Kirche sich selbst zu reformieren. Aus diesem Grunde verbanden die Vertreter der böhmischen Reformbewegung auch große Erwartungen mit dieser Idee und hofften, ein allgemeines Konzil der westlichen Christenheit werde die gravierendsten Misshelligkeiten beseitigen.

             Die Entscheidung über die Einberufung eines Konzils fiel Anfang Dezember 1413 auf höchster Ebene bei einem Treffen des römisch-deutschen Königs Sigismund von Luxemburg mit Papst Johannes XXIII. in der südöstlichen von Mailand gelegenen lombardischen Stadt Lodi, wo vermutlich auch die causa Hus bzw. die Vorladung des Prager Magisters zur Sprache kam. Im Gefolge des Luxembrugers  befanden sich dabei auch die böhmischen Adeligen Johann von Chlum und Wenzel von Duba, die - offenkundig als Sympathisanten des Prager Magisters - bei ihrer Rückkehr nach Böhmen im Frühjahr 1414 Hus die Aufforderung König Sigismunds überbrachten, dieser möge sich unter königlichem Geleitschutz in das als Konzilsstadt bestimmte Konstanz am Bodensee aufmachen, wo Hus seinen eigenen Ruf und den des Königreichs Böhmen verteidigen könne.

            Dies war freilich nicht der einzige Grund für Hussens Entscheidung das Konzil aufzusuchen. Der Druck, der vonseiten einflussreicher kirchlicher Würdenträger sowie des einheimischen katholischen Klerus ausging, erreichte in der ersten Jahreshälfte 1414 ein solches Ausmaß, dass er den Frieden im Königreich Böhmen zu gefährden schien. Hussens Gegner legten sowohl Sigismund von Luxemburg als auch Wenzel IV. nahe, energisch gegen die Anhänger des englischen Häretikers Wyclif vorzugehen. In einem Schreiben an den neuen Prager Erzbischof Konrad von Vechta, der als vormaliger Bischof zu Olmütz und mit hohen politischen Ämtern bekleideter königlicher Amtsträger die Gunst Wenzels IV. besaß, drängte beispielsweise der Pariser Theologe Jean Gerson den Empfänger, in seiner Erzdiözese mit aller Konsequenz den Samen der wyclifitischen Lehre auszurotten. Zwar fand der Name Hus keine ausdrückliche Erwähnung, doch forderte der Absender des Schreibens, unter Hinzuziehung des weltlichen Arms, der auch gesellschaftlich bedrohenden Häresie der Lehre Wyclifs Einhalt zu gebieten.

            In einer derart gewichtigen Entscheidung wie der Reise nach Konstanz musste Hus selbstverständlich aus seinem selbst gewählten Exil in Böhmen nach Prag eilen, um sich mit seinen Freunden zu beraten. Hussens endgültige Entscheidung stand zu diesem Zeitpunkt noch aus, zumal sich bei den Überlegungen des Predigers Argumente für und gegen eine Reise die Waage hielten. Beide entsprangen der messiasähnlichen Auffassung von der eigenen Mission, inspiriert durch das Vorbild Christi. Der optimistische Ausblick, die Teilnehmer des Konzils von der universalen Verbindlichkeit der eigenen Auffassungen hinsichtlich einer Reform zu überzeugen, wechselte mit der dunklen Vorahnung eines Inquisitionsprozesses, der auf dem Scheiterhaufen enden könne, wovon auch Hussens „Testament“ von Anfang Oktober 1414, adressiert an seinen Schüler Martin von Wolin, eindrucksvoll Zeugnis ablegt, insbesondere durch die auf den versiegelten Brief geschriebene Bemerkung: Ich bitte Dich, diesen Brief erst zu öffnen, wenn Du dessen sicher bist, dass ich tot bin. Einen noch tieferen Einblick in die innere Zerrissenheit Hussens bietet in dieser Hinsicht vielleicht dessen Brief an seine Anhänger und Freunde aus der gleichen Zeit, wo es u. a. heißt: Vielleicht werdet Ihr mich in Prag vor meinem Tode nicht mehr sehen. Wenn mich aber der mächtige Gott heimkehren lässt, werden wir einander mit Freuden wieder sehen – auf jeden Fall jedoch, wenn wir in der himmlischen Freude zusammentreffen.

            Während seines Aufenthaltes auf der Veste Krakovec (Rothschloss) suchte der adelige Burgherr, Heinrich Lefl von Lažany, der zwei Jahre zuvor in Rom selbst als Verteidiger des Ketzertums angeklagt worden war und der schon aus diesem Grunde Hussens besonderes Vertrauen genoss, seinem Gast schonend die Empfehlung des königlichen Rates beizubringen, der – nach der dringlichen Aufforderung Sigismunds von Luxemburg an seinen Halbbruder Wenzel IV. – einerseits den Böhmenkönig angesichts der überragenden Rolle Sigismunds als nicht mehr für die causa Hus verantwortlich sah und zum anderen Sigismunds Sicherheitsgarantien Vertrauen schenkte. Nach reiflicher Bedenkzeit und Beratungen mit seinen Freunden entschloss sich Hus nunmehr das Wagnis einzugehen und nach Konstanz aufzubrechen, wobei er stets, auch im Nachhinein, die Freiwilligkeit seiner Entscheidung – ungeachtet aller Warnungen und Bedenken - betonte. Seine Absicht teilte Hus König Sigismund noch auf der Burg Krakovec in einem allerdings nicht mehr erhaltenen und vor dem 1. September verfassten Brief mit, um in einem weiteren Schreiben an den gleichen Empfänger zudem in groben Zügen sein Eintreten für die lex Dei darzulegen. Zudem unterrichtete Hus auch seinen Landesherrn und dessen Gemahlin sowie einige Herren in der Gefolgschaft Sigismunds von Luxemburg über die beabsichtigte Reise zum Konzil.

            Bevor Hus jedoch am 11. Oktober 1414 die Reise an den Ort des Konzils antrat, galt es noch zahlreiche Vorkehrungen zu treffen. Der emsige Jurist Jesenitz scheiterte zwar mit dem Versuch, von der Ende August in Prag tagenden außerordentlichen Synode eine schriftliche Erklärung über Hussens Rechtgläubigkeit zu erhalten, doch stellte er auf der anderen Seite ein ganzes Konvolut von Dokumenten zusammen, zu denen u. a. ein notariell beglaubigtes Schreiben des Kuttenberger Dekrets sowie eine kurze Übersicht aller Phasen des bisherigen Gerichtsprozesses gehörten. Darüber hinaus ergänzte der erfahrene Jesenitz die Dokumentensammlung mit einer Abschrift älterer Zeugenaussagen, die Hussens Sache unterstützen sollten, wobei er selbst eigene Anmerkungen beifügte. Zu den fieberhaften Vorbereitungen zählten auch die Reden Hussens, die dieser vor den versammelten Konzilsvätern vorzutragen beabsichtigte und die seine Rechtgläubigkeit unterstreichen sollten, etwa eine als Einleitung konzipierte, auf Matthäus 10,12f. zurückgehende Grußansprache über den Frieden (der Seele im Vertrauen auf Christus) gemäß den biblischen Versen: Wo ihr aber in ein Haus geht, so grüßet es; und so es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen. Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. Hinzu kam die Quaestio De sufficientia legis Christi, die mit einem Appell begann, die Richter mögen den Menschen aufmerksam und unvoreingenommen anhören, wobei zur Verteidigung wiederum die lex Dei als grundlegende und unverrückbare Norm diente. In der Praxis sollte Hus in Konstanz freilich keine Gelegenheit erhalten, irgendeine dieser vorbereiteten Ansprachen zu halten.

            Die Aufwendungen für die Reise nach Konstanz erstatteten Hus seine vermögenden adeligen Gönner, partiell auch König Sigismund, dessen Dienstleute Hus begleiten sollten. Die Garantie für eine gefahrlose Reise boten die Ritter Wenzel von Duba und Johann von Chlum, denen sich in Konstanz selbst Heinrich von Lacembok anschloss. Als Sekretär Johann von Chlums gehörte der Delegation der von Hus 1409 promovierte Bakkalar der Prager Artistenfakultät Peter von Mladoniowitz an, dem wir auch den Bericht, der in allen Einzelheiten über die letzte Reise Hussens und die Konstanzer Geschehnisse bis zur Verbrennung informiert, verdanken. Als offizieller Vertreter der Prager Universität schließlich komplettierte Hussens Freund, der Kanonistikprofessor Johannes von Reinstein gen. Kardinal, die Abordnung. Der eigentliche Tross bestand aus zwei Wagen und mehr als 30 Pferden.

            Die drei Aussteller des hier vorgestellten Schreibens vom 7. Oktober 1414 gehörten dem Hus unterstützenden Teil des böhmischen Adels an. Der bedeutendste und politisch einflussreichste von ihnen, Čeněk von Wartenberg (†1425), seit 1414 Oberstburggraf und damit zweitmächtigster Repräsentant im Lande nach dem König, sympathisierte früh mit Hussens Kritik an der – vom Adel auch, mit Blick auf den Grundbesitz, zunehmend als Konkurrent empfundenen - katholischen Kirche und vermittelte wohl Hussens Exil auf der südböhmischen Burg Kozí Hrádek 1413. Anfang September 1415, also bereits nach Hussens Tod, initiierte Čeněk, der später mehrfach die Fronten wechseln sollte, den Protestbrief des böhmischen und mährischen Adels an das Konstanzer Konstanz.

            Die vorliegende Urkunde aus dem Archiv der Karls-Universität ist mit den Siegeln der drei Aussteller beglaubigt. Vom ersten (linken) Siegel mit ursprünglich 31mm Durchmesser ist lediglich ein fragmentarischer Rest mit quadratischem Wappen mit Helm erhalten. Ähnliches gilt für das zweite (mittlere) Siegel mit einem ursprünglichen Durchmesser von 29mm. Dies gilt auch für das dritte (rechte) Siegel mit ebenfalls 29mm Durchmesser. Hier sind noch der ornamentale Rand und einige unlesbare Buchstaben erkennbar.

Quelle:

Archiv univerzity Karlovy, Listiny, signatura I/70.

Online abrufbar unter http://digitool.is.cuni.cz/R/XUSB4J2CFAXLTRXHJ18CQVFTTGGK7HKMVAQBTSATM575G93J35-00362?func=results-jump-full&set_entry=000076&set_number=004709&base=GEN01-DUR02 (18.10.2018).

Edition:

František Palacký, Documenta Mag. Joannis Hus vitam, doctrinam, causam in Constantiensi concilio achtam et controversias de religione in Bohemia annis 1403-1418 motas illustrantia, Praha 1869, Nr. 63, S. 531-532.

Online abrufbar unter http://147.231.53.91/src/index.php?s=v&action=jdi&cat=49&bookid=257&page=531&action_button.x=0&action_button.y=0 (18.10.2018).

Literatur:

František Šmahel, Die hussitische Revolution, 3 Bde. (MGH, Schriften 43/I-III), München 2002.

Václav Novotný, M. Jan Hus. Život a učení, Teil 1, Bd. 2, Praha 1921.

Miloslav Polívka, Hussens Adel – Hussens König, in: Jan Hus. Zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen, hg. von Ferdinand Seibt, München 1997, S. 81-90.

Peter Hilsch, Johannes Hus. Prediger Gottes und Ketzer, Regensburg 1999.

Thomas Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer, Gleichen – Zürich 2011.

Text:

My Čeněk z Wartenberka, naywyšší purkrabie Pražský, Boček z Kunstatu odjinud z Poděbrad, Wilém z Wartenberka odjinud ze Twieřetic, službu swú wěrnú wzkazujem a wyznáwáme tiemto listem, že poctiwý mistr Jan Hus poslal jest list swój nám, když sme byli w obescné radě s mnohými jinými pány, prose nás, abychom otázali kněze Konrada arcibiskupa Pražského, jenž jest tudiež s námi byl, wieli do něho které kacierstwie aneb který blud, že sě chce najprw zde zprawiti, aneb utrpěti, jakož slušie aneb hodné jest, nezprawilli by sě, pakli newie, aby také to wyznal, a dal jemu swědectwie toho pod swú pečetí. To sme učinili, a wyznal jest tudiež kněz arcibiskup dřiewe řečený, řka, že newie nižádného kacierstwie ani bludu na mistra Husi, aniž jemu dáwá winy; než papežten ho winí, před tiem sě mistr Hus zpaw. A k tomu na swědomie swé sme i pečeti přitiskli k tomuto listu. A také nejjasnější králi, pane náš milostiwý, země České dědici i cti jejie obránce, a milowníče! Prosíme Twé Milosti, rač sě k tomu statečně a milostwiě přičiniti, aby dřiewe řečenému mistru Janowi bylo dáno na swolání zjewné slyšenie  k jeho pawdě, aby nebyl pokútně pohaněn k haubě jazyku našeho i země České. Nebť ufáme pánu bohu a TMti, že tudy znikneme narčenie křiwého. Psán w Praze, léta od narozenie syna božieho po tisíci po čtyrech stech čtrnádctého, w tu neděli po S. Francisku.

Quelle
Čeněk von Wartenberg, Boček von Kunstadt und Wilhelm von Wartenberg und Zviřetice an König Sigismund von Luxemburg, in: Archiv univerzity Karlovy, Listiny, signatura I/70. Online abrufbar unter http://digitool.is.cuni.cz/R/XUSB4J2CFAXLTRXHJ18CQVFTTGGK7HKMVAQBTSATM575G93J35-00362?func=results-jump-full&set_entry=000076&set_number=004709&base=GEN01-DUR02 (18.10.2018). 
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Erstellt
18.12.2019 
Zuletzt geändert
13.02.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Čeněk von Wartenberg, Boček von Kunstadt und Wilhelm von Wartenberg und Zviřetice an König Sigismund von Luxemburg, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Hus und die Hussiten", bearb. von Thomas Krzenck. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/3198/details.html (Zugriff am )