Buchmalerei: Verbrennung des Magisters Johannes Hus

Diese Buchmalerei (nach 1430) in der sogenannten Martinitzer Bibel zeigt die Verbrennung des Hus. Er wurde am 6. Juli 1415 im Konstanzer Dom als Häretiker zum Tode durch Feuer verurteilt, anschließend der weltlichen Gewalt übergeben und am Nachmittag des gleichen Tages mitsamt seinen Schriften in Brand gesetzt.

Modul
Hus und die Hussiten
Sprache
Latein

Kontext:

Hussens Hinrichtung war ohne Zweifel ein „europäisches Ereignis“.[1] Johannes Hus gehörte zwar zu keinem Zeitpunkt zum erlauchten Kreis der vom hl. Wenzel angeführten böhmischen Landespatrone, doch genoss er nach seinem Flammentod 1415, abhängig von den politisch-historischen Rahmenbedingungen der böhmischen (tschechischen) Geschichte, ein hohes Ansehen unter seinen geistigen Nachfahren, das mitunter einen kultähnlichen Status erreichte und dabei nicht selten als Legitimationsobjekt für eigene national-emanzipatorische und politische Forderungen diente, mitunter auch missbraucht wurde. [2]

Nicht nur Johannes Hus wurde auf dem Konstanzer Scheiterhaufen verbrannt, auch seine persönlichen Gegenstände wie Schuhe und Kleidung übergaben die Konzilsväter und weltlichen Richter den Flammen, um so zu verhindern, dass sich ein Kult um den böhmischen Ketzer in seiner Heimat um verehrungswürdige Gegenstände des Prager Magisters entwickelte. Doch diese Zielstellung schlug fehl – die Glut des Scheiterhaufens zu Konstanz war noch nicht erloschen, da sprang bildlich gesehen der Funke nach Böhmen über und entzündete ein Feuer, das sich in dafür nahrhafter Erde wie ein Flächenbrand ausbreitete und Teile Mitteleuropas für eineinhalb Jahrzehnte durch die „Rayszen“ (=Heerfahrten) der „verdammten Hussen“ – namentlich unter dem Heerführer Prokop dem Großen - in Angst und Schrecken versetzte. Die Hussiten wurden zu einem Symbol für die böhmischen „Ketzer“, die in der Nachfolge ihres am Bodensee verbrannten Landsmannes die katholische Ordnung und die Hierarchie der Papstkirche unter dem Banner des Kelches zu erschüttern suchten und dabei als Bindeglied einer ansonsten heterogenen Struktur die sog. Vier Prager Artikel – u. a. mit der Laienkommunion in beider Gestalt (sub utraque specie) als zentraler Forderung - propagierten. Erstaunlich und überraschend zugleich erscheint dabei die Tatsache, dass sich die „Hussiten“ zwar den Prager Magister und Prediger als (im transzendenten Sinne) Führer und Märtyrer ihrer Gruppierung erwählten, sich selber aber keinesfalls als Sekte begriffen, sondern als „fromme Böhmen“ bezeichneten, während ihre Gegner sie mit auf Hus abzielenden Schimpfwörtern mit nicht geringem Erfolg zu diffamieren suchten, wie etwa – so der Chronist Laurentius von Březová - der Schlachtruf „Hus! Hus! Katzer! Katzer“ im Scharmützel am Prager Veitsberg Mitte Juli 1420 bezeugt, als ein Kreuzfahrerheer unter König Sigismunds Führung vor den Toren Prags vergeblich versuchte, die böhmische Hauptstadt zu erobern und den Gegner militärisch in die Knie zu zwingen.

Schon bald nach dem Eintreffen der Todesnachricht in Prag fanden, wie der Hus-Gegner und Abt der Kartause Dolein (Dolany) bei Olmütz, Stefan, berichtet, in der Bethlehemskapelle, der langjährigen Wirkungsstätte Hussens, Trauergottesdienste für den Märtyrer Hus statt, auch wenn angesichts der explizit negativen Haltung des Autors gegenüber den Hussiten dessen Mitteilung hierüber mit einer gewissen Vorsicht zu nehmen ist.[3] Jakobell von Mies, ein anderer Weggefährte des in Konstanz Verbrannten, nannte Hus in einer Predigt nach der Hinrichtung des Hieronymus von Prag in Konstanz Ende Mai 1416 „Christus-Ritter“; weiter erklangen am gleichen Ort, der sich zu einer Wallfahrtsstätte entwickeln sollte, vielleicht zum ersten Mal Messgesänge für einen Feiertag der „böhmischen Märtyrer“.[4] Hus und seine Anhänger hatten es geschafft, die „Bevölkerung aller gesellschaftlichen Schichten mit ihrem Reformprogramm anzusprechen so dass nach der Hinrichtung der führenden Figur der universitären Reformbewegung in Konstanz im Jahr 1415 eine Allianz zwischen der Universität, den Städten und dem Adel entstehen konnte, die im Stande war, die Ansprüche des böhmischen Thronfolgers Sigismund von Luxemburg nach dem Tod König Wenzels IV. im Jahr 1419 abzulehnen und allen seinen Versuchen, sein Erbe anzutreten, beinahe zwanzig Jahre lang im Dauerkriegszustand zu trotzen.“[5]

 

Quelle:

Knihovna Akademie věd České republiky Praha, Sign. 1 TB 3, fol. 11v.

Online abrufbar unter www.manuscriptorium.com/apps/index.php (13.7.2018).

 

Literatur: 

Jan Květ, Nejstarší české vyobrazení upálení M. Jana Husi v bibli Martinické, in: Českou minulostí. Práce žáků V. Novotného, Praha 1929, S. 175-193.

Karel Stejskal – Petr Voit, Iluminované rukopisy doby husitské, Praha 1991, S. 53 (Katalog-Nr. 31).

Jan Royt, Ikonografie mistra Jana Husa v 15. až  18. století, in: Miloš Drda-František J. Holeček-Zdeněk Vybíral, Jan Hus na přelomu Tisíciletí, S. 405-451 (Husitský Tábor. Supplementum 1), Tábor 2001, S. 405-451.

Pavlína Rychterová, Jan Hus: der Führer, Märtyrer und Prophet. Das Chrisma im Prozess der Kommunikation, in: Pavlína Rychterová – Stefan Seit – Raphaela Veit (Hg.), Das Charismas. Funktionen und symbolische Repräsentationen, Berlin 2008, S. 423-445.

Milada Studničková, Hus jako světlo prvého dne. K ikonografii Martinické bible, in: Česká husitská reformace. Slánské rohovory, Sláný 2010, S. 32-38. Online abrufbar unter https://issuu.com/ivohornak/docs/screen-reformace-2010/6 (13.7.2018).

Milada Studničková, Středověká vyobrazení Janan Husa – teologické interpretace historických událostí. AUC – Historia universitatis Carolinae Pragensis 53, 2014, S. 79.92. Online abrufbar unter https://www.academia.edu/17804876/St%C5%99edov%C4%9Bk%C3%A1_vyobrazen%C3%AD_Jana_Husa_teologick%C3%A9_interpretace_historick%C3%BDch_ud%C3%A1lost%C3%AD_Acta_Universitatis_Carolinae_Historia_Universitatis_Carolinae_Pragensis_2014_s._79_92 (13.7.2018).

Milena Bartlová, Pravda zvítězila. Výtvarné umění a husitství 1380-1490, Praha 2015.

Dies., Iconography of Jan Hus, in: František Šmahel – Ota Pavlíček (Hg.), A Companion to Jan Hus, Leiden-Boston 2015, S. 325-341.

Michal Šroněk – Kateřina Horníčková, Husovy obrazy v 15. až 17. století, in: Jan Hus 1415-2015, hg. von Zdeněk Vybíral u. a., Tábor 2016, S. 57-71.

 

Legende:

Die Verbrennung des Johannes Hus in der sog. Martinitzer Bibel vom Beginn der 1430er Jahre gilt als älteste Darstellung von Hussens Märtyrertod im böhmischen (tschechischen) Milieu.[6] Seine Predigttätigkeit in der Bethlehemskapelle hatte aus Hus bereits zu Lebzeiten einen Charismatiker gemacht. Hinzu kam seine – durch die Relatio de magistri Johanne Hus des Konstanzer Augenzeugen Peter von Mladoniowitz wirkmächtig vermittelte – „Rolle als Verteidiger der göttlichen Wahrheit gegen das Konzil und als demütiger Märtyrer“ (Rychterová, S. 438). Dies machte den toten Hus, dessen Asche auf Veranlassung seiner Richter in den Rhein gestreut worden war, um seinen Anhängern keine Reliquie in die Hand zu geben, gleichsam zu einem Heiligen für seine böhmischen Gefolgsleute. Mit dem Flammentod hatte die Passio Hussens  ihren Abschluss gefunden – und begründete nun fast postwendend sein „zweites Leben“ (d. h. Nachleben).

Dabei kam es in seiner böhmischen Heimat zunächst zu einer Radikalisierung der einheimischen Reformbewegung, die schließlich im Sommer 1419 in eine Revolution münden sollte – mit allen damit verbundenen Verwerfungen, zu denen auch die Vertreibung katholischer Geistlicher und Ordensangehöriger, deren Ermordung sowie die Plünderung und Zerstörung von Kirchen und Konventen gehörte, wobei festgehalten werden muss, dass der Hussitismus nicht allein durch das Prisma chronikalischer Nachrichten sowie der antihussitischen, die ikonoklastische Zerstörung von Klöstern, Reliquien, kostbaren liturgischen Gewänder, Figuren und Bilder schildernden Propaganda wahrgenommen werden darf.[7] Vielmehr erfolgte eine Art Neuorientierung in der Kunst (dialektische und narrative Bilder, etwa in illuminierten Handschriften mit dem späteren sog. Jenaer Codex als herausragendem Beispiel[8]).

Zu den neuen „visuellen Zeichen utraquistischer Identität“ gehören u. a. Kelch, Jan Hus als Schlüsselfigur und neuer heiliger Märtyrer sowie der Schmerzensreiche Christus in der Plastik. Die häufig wiederholte Vorstellung von einem massenhaften Exil bildender Künstler aus dem hussitischen Böhmen und vor allem aus Prag entsprach zumindest in der Langzeitperspektive nicht der Realität. In diesem Kontext ist auch die Entstehung der sog. Martinitzer Bibel – benannt nach dem adeligen Besitzergeschlecht der Herren von Martinitz im 17. Jahrhundert – zu Beginn der 1430er Jahre zu betrachten. Diese enthält im Kern den lateinischen Text der Vulgata mit Prologen (fol. 9r-403r) und ist von der Bestimmung her als – worauf die vielen Glossen hindeuten - „Studienbibel“ einzustufen. Die Texte sind in jeweils zwei Spalten zu 51 Zeilen auf insgesamt 434 Pergamentblättern (350 x 240mm) verfasst und werden von 51 kalligraphischen und 108 gemalten Initialen geschmückt.

Aus der Tradition biblischer Bilddarstellungen schert hier die Szene mit Hussens Verbrennung völlig aus. Sie gehört in den „Kontext der Stabilisierung des Kirchenalltags der Utraquisten um 1430“ (Bartlová, Pravda zvítězila, S. 117) und damit verbunden der „Eingliederung Hussens in den Rahmen der traditionellen Repräsentation von Heiligen, einschließlich ihrer visuellen Darstellung in Kirchen“ (ebd., S. 119). Welche Gründe waren nun dafür ausschlaggebend, die wohl nachträglich eingefügte Darstellung der Verbrennung Hussens gerade an dieser Stelle der Martinitzer Bibel – neben der Initiale mit der Erschaffung der Welt - festzuhalten? In der Initale selbst wird bildlich Bezug genommen auf 1 Moses I, 14: „Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre.“ Zugleich erhellt eine Glosse, dass die Darstellung eine Exegese ist, die den biblischen Vers von Gen 1,4 im Kontext mit 2 Kor 6,14 im Neuen Testament aktualisiert: „Zieht nicht gemeinsam mit den Ungläubigen am fremden Joch. Denn was hat die Gerechtigkeit zu schaffen mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?“ Die Verbrennung Hussens lässt sich folglich als „bildliche Glosse, als aktualisierende Exegese von Genesis 1,14 ansehen“ (Studničková, Hus jako světlo prvého dne, S. 35). Hus wird als Licht gezeigt, als Verteidiger der göttlichen Wahrheit und Nachfolger Christi. Ihm wird damit gleichsam der Status eines Heiligen zuerkannt, der am siebenten Tage bei Gott in ewigem Frieden ausruht.

Manches deutet zugleich darauf hin, dass es sich bei der Figur links von Hus, zu Füßen des lodernden Scheiterhaufens, um den Magister Peter von Mladoniowitz handeln könnte. Dieser war Hus verbunden gewesen, Augenzeuge seines Flammentodes in Konstanz, ihm verdanken wir durch seine Relatio Einzelheiten zu Hussens Kerkerhaft in der Stadt am Bodensee, er schilderte Hussens letzte Augenblicke und präformte das Bild Hussens als Märtyrer. Nach seiner Rückkehr nach Prag erwarb Peter den Magistertitel an der Universität und wurde vier Jahre später zum Priester geweiht, der nachfolgend an der Kirche St. Michael in der Prager Altstadt wirkte, sich als gemäßigte Utraquist etablierte, nach seiner Verbannung 1438 an seine Pfründe in der Prager Altstadt zurückkehrte und 1440 das Amt des Rektors der Prager Universität bekleidete. Kleidung und Buch weisen den in der Martinitzer Bibel Dargestellten als Gelehrten aus, ob er jedoch zugleich als Auftraggeber oder gar Besitzer der Bibel angesehen werden kann, bleibt unklar.

Die Illumination stammt aus der Werkstatt des sog. Meisters des Krumauer Kodex, der sich selbst an der Ausschmückung des Martinitzer Bibel nur zu in geringem Umfang beteiligte: Neben der Initiale mit dem knienden Moses (fol. 46v) lässt sich ihm die Darstellung von Hussens Verbrennung auf fol. 11v zuschreiben. Die Martinitzer Bibel befindet sich seit 1967 im Besitz der Tschechischen (vormals Tschechoslowakischen) Akademie der Wissenschaften zu Prag.


[1] Pavlína Rychterová, Die Verbrennung von Johannes Hus als europäisches Ereignis. Öffentlichkeit und Öffentlichkeiten am Vorabend der hussitischen Revolution, in: Martin Kintzinger (Hg.), Politisches Öffentlichkeit im Spätmittelalter, Ostfildern 2011, S.  361-383 (Vorträge und Forschungen, Bd. 75). Online abrufbar unter https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf/article/view/18056 (30.9.2019).

[2] Vgl. hierzu Thomas Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer,  Gleichen – Zürich 2011, S. 184-200, sowie Jaroslav Šebek, Verehrungsgeschichte, in:Stefan Samerski (Hg.), Die Landespatrone der böhmischen Länder. Geschichte – Verehrung – Gegenwart, Paderborn 2009, S. 287-296.

[3] Vgl. Stephan von Dolein, Epistolae ad Hussitas I,. hrsg. von Leopoldus Wydemann, in: Pez, Bernhardus: Thesaurus anecdotorum novissimus. Bd. IV/2. Graz 1723; in Auszügen [Štěpán z Dolan]: Listy husitům. In: Výbor z české literatury doby husitské I 1963, 226-231; lateinisch: 250-254.

[4] Vgl. exemplarisch František M. Bartoš, Mistr Jan Hus v bohoslužbě církve podobojí, in: Národopisný věstník československý, 17, 1924, S. 20-38.

[5] Vgl. Pavlína Rychterová, Die Verbrennung von Johannes Hus (wie Anm. 1), S. 361-362.

[6] Als älteste Darstellung darf nach František Šmahel das vermutlich Mitte der 1420er Jahre entstandene Altargemälde des Sieneser Malers Stefano di Giovanni di Consolo da Cortona, um 1400-1450) angesehen werden, das sich seit 1976 in der Nationalgalerie in Melbourne befindet. Vgl. hierzu František Šmahel, Husitská revoluce, Bd. 4, 2Praha 1996, S. 480, Abb. 161. Dargestellt ist hier der Tod eines Ketzers auf dem Scheiterhaufen. Des Weiteren siehe Milena Bartlová, Renesanční obraz s námětem upálení českého kacíře, in: Ad vitam et honorem. Profesoru Jaroslavu Mezníkovi přátelé a žáci k pětasedmdesátým narozeninám, hg. von Tomáš Borovský - Libor Jan – Martin Wihoda, Brno 2003, S. 771-777. Die Vfn. tendiert mit gewichtigen Argumenten eher zu der Auffassung, es könne sich bei dem Dargestellten um Hieronymus von Prag gehandelt haben, der ein Jahr nach Hus auf dem Scheiterhaufen landete.

[7] Vgl. Milena Studníčková: Kališnická ikonografie a dobová zpodobení Mistra Jana Husa, in: Petr Čornej-Václav Ledvinka (Hrsg.), Praha Husova a husitská 1415-2015, Praha 2015, S. 127-134.

[8] Kamil Boldan-Pavel Brodský- František Šmahel u.a.: Jenský Kodex, 2 Bde., Praha 2009.

Quelle
Verbrennung des Magisters Johannes Hus, in: Knihovna Akademie věd České republiky Praha, Sign. 1 TB 3, fol. 11v. 
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Erstellt
04.12.2019 
Zuletzt geändert
19.02.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Verbrennung des Magisters Johannes Hus, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Hus und die Hussiten", bearb. von Thomas Krzenck. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/3163/details.html (Zugriff am )