Miniatur: Karl IV., Wenzel IV. und Jost von Mähren

Karl IV., Wenzel IV. und Jost von Mähren – drei Luxemburger im Spannungsfeld der böhmischen Reformation und der causa Hus, Minatur gemalt um 1430

Modul
Hus und die Hussiten
Sprache
Deutsch

Kontext:

Die Anfänge der böhmischen Reformbewegung reichen in die sechziger Jahre des 14. Jahrhunderts, als mit dem Augustinermönch Konrad von Waldhausen erstmals ein sprachgewaltiger und charismatischer Kritiker der zeitgenössischen Missstände innerhalb der Kirche in Prag agierte, wohin er auf Einladung des Karls IV. übersiedelt war. Ihm folgte, noch in der Regierungszeit des frommen und durchaus Reformen gegenüber aufgeschlossenen Luxemburgers, ein weiterer Reformprediger, Militsch von Kremsier, der noch dazu – wenn auch nicht von bleibender Dauer – mit seinem sozialreformerischen Werk des „Jerusalem“-Projekts auch praktische Akzente setzte, dabei freilich zugleich den Zorn des Landesherrn auf sich zog.

            Karls Sohn und Nachfolger auf dem böhmischen und römisch-deutschen Thron, Wenzel IV., vermochte den wahrhaft gewaltigen Herausforderungen seiner Zeit (u. a. Kirchenschisma,  Reichspolitik, innerdynastische Auseinandersetzungen, Konflikte mit dem einheimischem Adel und dem Prager Erzbischof, causa Hus) nicht gerecht zu werden, was nicht zuletzt auch an seiner eigenen wankelmütigen Persönlichkeit lag. Immerhin fand die einheimische – längere Zeit aus machtpolitischen Gründen von Wenzel IV. tolerierte - Reformbewegung immer größeren Widerhall und eine heterogen zusammengesetzte Anhängerschaft bei gleichzeitiger Verschärfung der innenpolitischen Spannungen, die zugleich eine folgenreiche ethnisch-nationale Komponente aufwiesen. Als der stets lavierende Wenzel IV. im August 1419 in Prag verstarb, war die durch den ersten Prager Fenstersturz ausgelöste Revolution im Lande bereits zwei Wochen alt.

            Jost von Mähren mag mit Blick auf Reformation, Hus und Hussitismus etwas abseits stehen, doch auch den Markgrafen tangierte die wachsende Reformbewegung – u. a. im Gefolge der sog. Wilsnacker Blutwallfahrt und den böhmischen Pilgern, die hierher strömten, zumal der Ort in seinem Herrschaftsgebiet als Markgraf von Brandenburg lag. „Josts Gelehrsamkeit, sein Sinn für Recht und Gerechtigkeit und seine langjährigen Bemühungen um einen Ausgleich im Schisma waren Hus sicherlich sympathisch. Auch Jost fand offenkundig an Hus gefallen und er wurde sein Gönner“ (Štěpánek, S. 590). Johannes Hus widmete Jost seine Übersetzung von Wyclifs Schrift Trialogus 1409/10. In der Endphase von Josts Leben wurde dessen Karriere freilich durch den Kampf um den römisch-deutschen Thron geprägt, den der Mährer im Oktober 1410 siegreich gestalten konnte – bis zu seinem unerwarteten Tod im Januar 1411.

            Die Darstellung der drei Luxemburger findet sich im Memorialbuch der mährischen Stadt Olmütz, die bis in das 17. Jahrhundert hinein als Haupt der Markgrafschaft Mähren galt und die während der gesamten hussitischen Revolution als katholische Bastion mit einem antihussitischen deutschen Rat und Bischof Johann dem Eisernen ein Symbol der althergebrachten Ordnung auch und gerade in Glaubensfragen blieb. Die Verbrennung von zwei Hus-Anhängern in der Stadt im Jahre 1415, wie sie im Olmützer Memorialbuch, aus dem auch die Illumination mit den stilisierten Porträts der drei luxemburgischen Herrscher stammt, ist hierfür ein beredetes frühes Zeugnis.[1]

 

Quelle:

Státní okresní archiv Olomouc, fond: Archiv města Olomouc, knihy, Inv.-Nr. 97, Sign. 1540 - Památna kniha olomoucká (Memorialbuch der Stadt Olmütz - Codex des Wenzel von Iglau) aus den Jahren 1430-1492, 1528, fol.

 

Literatur:

Jörg K. Hoensch, Die Luxemburger, Stuttgart 2000.

Václav Štěpánek, Moravský markrabě Jošt, Brno 2002.

Libuše Spáčilová – Vladimír Spáčil, Památná kniha olomoucká (kodex Václava z Jihlavy) z let 1430-1492, 1528, Olomouc 2004.

Jindřich Schulz (Hg.), Dějiny Olomouce, Bd. 1, Olomouc 2009.

Bohdan Kaňák, Tajemství olomouckých městských knih, Olomouc 2014, S. 56-65.

 

Legende:

Innerhalb der Quellen zur mittelalterlichen Stadtgeschichte von Olmütz nimmt das 1430 durch den Stadtschreiber Wenzel von Iglau begonnene Memorialbuch (Codex Wenceslai de Iglavia) eine besondere Stellung ein – textlich wie bildlich. Hierfür steht in erster Linie auf fol. 2v eine illuminierte Darstellung, die den Schwur des Olmützer Rates (Schöppeneid) zeigt, wobei die 11 dargestellten Ratsmitglieder (Schöffen), die sich im Text auf fol. 1ra konkreten Namen zuordnen lassen und die, um einen Tisch gruppiert, mit zwei Fingern der rechten Hand in idealtypischer Weise unter einem Christus-Bild den Schwur ablegen, für das Wohl der Stadt in ihrer Amtszeit Sorge zu tragen. Im Vordergrund ist darüber hinaus in der linken unteren Ecke, der Stadtschreiber – eben Wenzel von Iglau, der zwischen 1423-1442 in Olmützer nachweisbar ist – abgebildet.

Die zweite, etwas kleiner ausfallende Illumination (13,5 x 16,2 cm) zeigt auf fol. 1r drei thronende - und dabei künstlerisch in hohem Maße stilisierte – Herrscher, bei denen es sich um die drei Luxemburger Karl IV., dessen ältesten Sohn aus der dritten Ehe des Kaisers mit Anna von Schweidnitz, sowie Jost von Mähren, den Sohn des Grafen Johann Heinrich von Tirol, dessen jüngeren Bruders Karls IV., handelt, die alle – als böhmische Könige wie Karl IV. und Wenzel IV. und als Markgraf von Mähren (Jost) - die Stadt Olmütz in ihren Regierungszeiten wiederholt privilegierten und denen mit der Darstellung im Memorialbuch ein bleibendes Andenken gewidmet wurde. Alle drei Luxemburger zeigen dabei ihre Herrschaftsinsignien.[2]


[1] Auf fol. 5va heißt es dazu: „Et quia ipsius civititatis Olomucensis cives duos laycos, qui Iohannis Hus articulos erroneos predicabant, contra voluntatem domini Laczkonis, capitanei in Moravia, ... combuerre mandaverant.“ In einem Protestschreiben der Prager Universität an den reformorientierten mährischen Landeshauptmann Lacek von Krawarn gegen die Verbrennung identifizierte der Rektor der Hohen Schule, Brikec von Buda, einen der Hingerichteten als Studenten der Alma Mater und „eifrigen Verteidiger des göttlichen Gesetzes“ (Bohdan Kañák, Město a husitství, in: Dějiny Olomouce 1, S. 187). In der Zeit der sog. Herrschaft der Bruderschaften (Mitte der 1420er Jahre bis erstes Drittel des nachfolgenden Jahrzehnts) widerstand die Bischofsstadt erfolgreich dem politischen und militärischen Druck der böhmischen und mährischen Hussiten. Im Memorialbuch der Stadt Olmütz wird darüber hinaus geschildert, wie ein städtisches Aufgebot Olmützer Bürger 1437 die durch die Hussiten besetzte Stadt Littau (Litovel) zurückeroberten.

[2] Zur Privilegierung von Olmütz durch Karl IV. 1346 und 1376 vgl. u. a. die Internetseite des Staatlichen Bezirksarchivs in Olmütz, online abrufbar unter https://archivy.olomouc.eu/archivy/20209 (5.9.2018). Beide lateinischen Urkunden werden hier näher in ihrem Kontext beschrieben.

Quelle
Karl IV., Wenzel IV. und Jost von Mähren um 1430, in: Státní okresní archiv Olomouc, fond: Archiv města Olomouc, knihy, Inv.-Nr. 97, Sign. 1540 - Památna kniha olomoucká (Memorialbuch der Stadt Olmütz - Codex des Wenzel von Iglau) aus den Jahren 1430-1492, 1528, fol. 
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Erstellt
04.12.2019 
Zuletzt geändert
03.03.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Karl IV., Wenzel IV. und Jost von Mähren um 1430, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Hus und die Hussiten", bearb. von Thomas Krzenck. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/3162/details.html (Zugriff am )