König Sigismund von Luxemburg widerruft die Verpfändungen der Güter des Klosters in Ossegg

Schreiben des Sigismund von Luxemburg von 1422, in dem er die Verpfändungen des Klosters in Ossegg widerruft. Der eigentlich katholische Verbündete veräußerte Güter des Klosters, um Geld für Feldzüge zu generieren.

Modul
Hus und die Hussiten
Sprache
Deutsch

Schreiben Sigismunds von Luxemburg, in dem er die Verpfändungen der Güter des Klosters Ossegg (Osek) widerruft

 

                                                                                  Nürnberg, 1422, August 23

Kontext:

Sigismund von Luxemburg hatte im Königreich Böhmen – mit Blick auf die Durchsetzung seiner machtpolitischen Ambitionen - einen schweren Stand. Seinen Ansprüchen auf die Nachfolge seines im August verstorbenen Halbbruders, Wenzels IV., als böhmischer König konnte er zwar durch die Krönung auf der Prager Burg am 28. Juli 1420 nach außen hin formal Nachdruck verleihen, doch geschah dieser Akt lediglich in Anwesenheit einer Minderheit einheimischer (katholischer) Magnaten und darüber hinaus zwei Wochen nach der Niederlage des mit großem finanziellen und propagandistischen Aufwand betriebenen ersten Kreuzzuges gegen die Hussiten vor Prag, die in den Augen der katholischen Kirche als Ketzer galten und die ihrerseits in Sigismund den Hauptschuldigen für die Verurteilung und Hinrichtung des Johannes Hus in Konstanz 1415 erblickten. Erst am Ende der eineinhalb Jahrzehnte dauernden Hussitenkriege konnte – im Angesicht allgemeiner militärischer Erschöpfung, innerhussitischer Fraktionskämpfe und zunehmender diplomatischer Aktivitäten vor dem Hintergrund des in Basel tagenden Konzils – mit den Iglauer Kompaktaten ein (wenn auch fragiler) Kompromiss gefunden werden, der zur Anerkennung Sigismunds von Luxemburg als böhmischer König durch die einheimischen Stände führte.

Von Beginn an stellten die enormen Kosten für die Finanzierung der antihussitischen Kreuzzüge eines der Hauptprobleme in der Agenda des chronisch an Geldsorgen leidenden Sigismunds dar. Ständig galt es, neue Finanzmittel zu akquirieren. Die Instrumente, die der Luxemburger hier einsetzte, waren vielfältiger Natur. Zu ihnen gehörte unbestritten auch seine Verpfändungspolitik, mit der sich zuletzt Stanislav Bárta systematisch beschäftigt und dazu sowohl 44 überlieferte lateinische Originalurkunden als auch Volltextkopien sowie in Frage kommende königliche Regesten der Jahre 1436/37 analysiert hat. Hinzu kommen zwei Prager Handschriften mit Eintragungen einer eingesetzten Revisionskommission 1453/54, die das Ziel verfolgte, die königlichen Aufzeichnungen (insbesondere die Pfandurkunden) zu überprüfen und, soweit erforderlich, zu revidieren.

Diese Quellen bieten quantitativ wie qualitativ gleichermaßen ein aufschlussreiches Bild der konkreten Verpfändungen von Kirchengütern, die eines der entscheidenden Elemente im Prozess der Säkularisierung von Kirchenbesitz (allein in den Jahren 1419-1421 fielen nach Ausbruch der hussitischen Revolution rund 90 Prozent der Kirchengüter der Beschlagnahme oder Zerstörung anheim!) darstellten und damit den bereits von Johannes Hus heftig kritisierten größten Grundbesitzer im Königreich Böhmen machtpolitisch für einen längeren Zeitraum eliminierten.[1]

Verpfändungen von Gütern, Ämtern, Einnahmen und Rechten waren ein wesentliches Institut der römisch-deutschen Könige im Spätmittelalter. Als titulierter, jedoch von den Ständen nicht allgemein anerkannter böhmischer König nutzte Sigismund die Verpfändung von Kirchengütern in den Jahren 1420-1422 zur Satisfaktion seiner adeligen Gläubiger und zur Absicherung der Loyalität des konfessionell gespaltenen böhmischen Adels vor dem Hintergrund der kostenintensiven antihussitischen Kreuzzüge, wobei diese Vorgehensweise insofern ein Unikat im mitteleuropäischen Raum darstellt, da sie lediglich in Böhmen und Mähren anzutreffen ist.

Mit der Ausfertigung von 20 derartigen Diplomen Ende Oktober 1420 - im Zusammenhang mit der hussitischen Belagerung des Vyšehrad als der zweiten königlichen Festung in Prag – setzte diese kirchliche Verpfändungspolitik des Luxemburgers ein, die an der Jahreswende 1420/21 bereits ihren Kulminationspunkt erreichte – zu einem Zeitpunkt, als Sigismund nicht mit Einnahmen aus böhmischen Klöstern rechnen durfte, der Luxemburger jedoch ausstehende Schulden gegen seinen böhmischen Verbündeten begleichen und militärische Unterstützung durch den böhmischen Adel einfordern musste. Die erwähnten 20 Pfandurkunden umfassten die beachtliche Summe von 12.500 Schock Groschen. Zum Vergleich: Für die Dienste eines einzigen berittenen Kämpfers musste Sigismund einen halben Schock Groschen aufwenden - pro Woche.

Um ein konkretes Beispiel für eine Pfandurkunde zu nennen, sei auf das Diplom für den ansonsten unbekannten Adeligen Ryneš von Žejdlíkovice verwiesen, dem Sigismund am 28. Oktober 1420 drei Dörfer des Benediktinerklosters Břevnov bei Prag überschrieb. Die Pfandsumme für die Dörfer Svrkyně, Hole und Újezdec belief sich auf 150 Schock böhmische Groschen. Aus dem erhaltenen Urbar des Klosters von 1406 geht hervor, dass diese drei Dörfer zusammen jährlich Abgaben in Höhe von 72 Schock und 48 Groschen abzuführen hatten. Hinzu kamen noch Naturalien im Wert von etwa zwei bis drei Schock Groschen. Ryneš von Žejdlíkovice erhielt somit einen Pfandbesitz, dessen jährlicher Erlös – durchaus nicht ungewöhnlich - die Hälfte der Pfandsumme (ca. 75 Schock Groschen) ausmachte. Grund für die Verpfändung war in besagtem Fall der geleistete Dienst mit zehn Berittenen für die Dauer von 26 Wochen bei der Verteidigung der Prager Burg (130 Schock Groschen) sowie für erlittene Schäden und ausstehenden Sold (20 Schock Groschen).

Eine Wende in der Verpfändung von Kirchengütern in Böhmen und Mähren leitete mit Macht der Nürnberger Reichstag im Spätsommer 1422 ein, auf dem – vor dem Hintergrund der Vorbereitungen auf den dritten antihussitischen Kreuzzug - die  kirchlichen Amtsträger beruhigt und eingebunden werden mussten, zugleich aber auch die Ratgeber des Königs gezwungen waren anzuerkennen, dass der Akt der Entfremdung von Kirchengut aus kanonischer und römisch-rechtlicher Sicht juristisch nicht zu legitimieren war, sich diese bisher gehandhabte Praxis folglich im Gegensatz zu allgemein gültigen Rechtsnormen befand. 17 derartige Widerrufe sind bislang in diesem Kontext bekannt, sie betreffen u. a. die Konvente Kladrau (Kladruby), Chotieschau (Chotěšov), Ossegg (Osek) und Goldenkron (Zlatá Koruna), die nunmehr – wenngleich in eingeschränkter Weise und den jeweiligen lokalen machtpolitischen Verhältnissen angepasst – die Besitzhoheit zurückerlangten. Zahlreiche Kirchengüter hielt in der Praxis freilich der jeweilige (weltliche) Pfandherr bereits in festen Händen, wie dies das Beispiel des Klosters Opatowitz (Opatovice) deutlich macht.

Das durch Mönche aus dem bayerischen Waldsassen 1192 gegründete Zisterzienserkloster Ossegg, fünf Jahre später nach einem Streit zwischen Konvent und Grundherr auf die Güter des Ahnherren derer von Riesenburg transferiert, die mit zahlreichen Schenkungen von Grundbesitz für das wirtschaftliche Gedeihen des Monasteriums Sorge trugen, wurde in den Hussitenkriegen drei Mal zerstört und geplündert. Bereits im Dezember 1420 hatte Sigismund von Luxemburg zwei Dörfer aus dem Grundbesitz des Klosters an einen namentlich nicht bekannten Empfänger verpfändet, im Januar 1421 gingen gleich sieben Dörfer im Wert von 800 Schock Groschen an Vlašek von Kladno. In der Urkunde vom 23. August 1422 räumt Sigismund von Luxemburg ein, dass die Verpfändung von Klöstern trotz der allgemeinen Bedrohung durch die „Ketzer“ ganz allgemein „nicht allein von bebstlichen sunder auch von keyserlichen rechten gancz untuchtig unnd nichtig geacht ist“ und deshalb widerrufen werde.

Allerdings: Am Ende der Regierungszeit Sigismunds in Böhmen griff der nunmehr anerkannte Landesherr, wenn auch in geringerem Umfang und seine neue machtpolitische Stellung ausnutzend, noch einmal auf das politische Instrument der Verpfändung von Kirchengütern zurück. In diesem Kontext wurde weiterer Besitz des Klosters Ossegg über 1.200 Schock (vier Dörfer) an einen gewissen Hanusch Honinger verpfändet. Insgesamt ging das Kloster Ossegg erheblich geschwächt aus den Hussitenkriegen hervor, eine Tendenz, die sich im 16. Jahrhundert verstärken sollte.

 

Quelle:

Národní archiv Praha, fond Stará manipulace, kart. 1767, Sign. P 106 O 12 (deutsche Übersetzung, Abschrift aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts)

 

Edition:

Stanislav Barta, Zástavní listiny Zikmunda Lucemburského na církevní statky (1420-1437), Brno 2016, S. 252.

 

Literatur:

Karel Beránek – Věra Beránková, Zur Tätigkeit einer in den Jahren 1453-1454 zur Revision von Pfandurkunden in Böhmen eingesetzten Kommission, in: Folia Diplomatica 2, 1976, S. 187-197.

Milan Moravec, Zástavy Zikmunda Lucemburského v Českých zemích z let 1420-1437, in: Folia Historica Bohemica 9, 1985, S. 89-177.

Stanislav Bárta, Odvolání zástav statků církevních institucí Zikmundem Lucemburským na obecném sněmu v Norimberku 23. srpna 1422, in: Časopis Matice Moravské 133, 2014, S. 383-407.

Ders., Zástavní listiny Zikmunda Lucemburského na statky chotěšovského kláštera (1420-1437), in: Mediaevalia Historica Bohemica 15/2, 2015, S. 7.45.

Ders., Formulář a typologie zástavních listin Zikmunda Lucemburského v českých zemích (1420-1437), in: Sborník archivních prací 66, 2016, číslo 1, S. 3-37.

Ders., Zástavní listiny Zikmunda Lucemburského na církevní statky (1420-1437), Brno 2016 (Opera Facultatis Philosophicae Universitatis Masarykianiae, Bd. 457).

 

Text:

Wir Sigismundus, von Gottes gnadenn Roemischer koenigk, allczeyt merher des reychs, auch Ungeren, Beheem, Dalmacien, Croacien koenigk, thun kundt mit disem gegenwertigen brieff allermenniclich wie wol, das wir mit grosser nodt benoedtigt zw widerstandt den boesen meynungen der keczer in Behem, die do gancz mit gewalt uber handt genommen haben, alzo auch, das sie die gerechtglaubigen Cristen nicht allein ertoedten und erschlahen, sunder sie auch aller yhrer gutter beraubt haben, der Gottes heusser auch domit nit schonendt, welche noch alzo in yhrer verstockungen bleibent, in meynunge sein, denn christlichen namen gancz zcuvortilgen, nicht schonen deß geschlechth noch des alders, die geistlichen gutter nicht allein des gestiffts zw Prage sunder auch ander kirchen, closter und pfarren, auch waset stands sye sein, etlichen personen verschriben und zw besiczen gegeben habenn, als wir dan auch des closters gutter in Ozzck Cistercer ordens in vorgangen zceitten gethan noch wol ingedenck sein, die weil dan solche vorschenckunge und entpfrembdung geistlichr gutter gegen weltlichen personen auch auß welcherley ursach gescheen nicht allein von bebstlichen sunder auch von keyserlichen rechten gancz untuchtig unnd nichtig geacht ist und soll werden. Der halebn wir nicht auß irthum und unvorsichtigkeit soendr auß wol bedachten mut und zceitlichen aller churfursten des heyligen Roemischen reychs und andrn vielen fursten, graffen und graffschafften des heyligen reichs und der cron Behem vor gehabten rath die vorgedachten verschenckung unnde entpfremdung der gutter des vorgenannten closters, es sey auch, wem es woll und auß welcherley ursach halben dis alles gescheen auß Roemischer unnd Behemischer koeniglicher gewalt durch disen gegentwertigen brieff haben widerrufft unnd zcu nichtigkt, widerruffen, zcu nichtigenn und sprechen, verkundigen und declariren sie auch gancz krafftloß unnd untuchtigk, darneben auch beuelhendt und welendt, das der erwirdig abt des vorgenanten closters Ozzck auch auß eigener gewalt sich einlaß solche gutter zw halden unnd zcu gebrauchen, sie ligen auch, wo sie wollen one verhinderung idermeniclich auch der, die do unßre verschreibung darüber haben, aber sust mit gewalt besiczen, darneben im auch macht hab anczunemmen und zcu erwelen schucz herrn und gehilfen soelche gutter einczunemenn noch seinen nucz ßo offt es ym wirt von noedten sein unter dem geczeugniß unser kuniglichen maiestet sigill. Geben zcu Nirrbenberg nach Christi geburth 1422 am sontag vor sant Bartholmes tag, unßer reich des Ungerischen etc. im 36, des Roemischen im 12 unnd des Bemischenn im 3.


[1] Exemplarisch hierzu Jaroslav Čechura, Die Säkularisation der kirchlichen Güter im hussitischen Böhmen und Sigismund von Luxemburg, in: Sigismund von Luxemburg. Kaiser und König in Mitteleuropa 1387-1437, hrsg. von Josef Macek, Ernö Marosi und Ferdinand Seibt, Münster 1994, S. 121-131.

Quelle
König Sigismund von Luxemburg widerruft Verpfändungen, in: Národní archiv Praha, Fond Stará manipulace, Kart. 1767, Sign. P 106 O 12 (deutsche Übersetzung, Abschrift aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts). 
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Erstellt
26.11.2019 
Zuletzt geändert
27.07.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

König Sigismund von Luxemburg widerruft Verpfändungen, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Hus und die Hussiten", bearb. von Thomas Krzenck. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/3159/details.html (Zugriff am )