Die taborischen Hauptleute und die Gemeinde in Písek schließen Frieden mit Ulrich von Rosenberg

Die taborischen Hauptleute und die Gemeinde in Písek in Südböhmen schließen einen Waffenstillstand mit dem Magnaten Ulrich von Rosenberg 1420.

Modul
Hus und die Hussiten
Sprache
Deutsch

Die taboritischen Hauptleute und die Gemeinde von Pisek in Südböhmen schließen einen Waffenstillstand mit dem Magnaten Ulrich von Rosenberg

                                                                                                   ohne Ort, 1420, November 18

Kontext:

Waffenstillstände bildeten ein integrales Instrument des spätmittelalterlichen Krieges, das sich am Beispiel der Hussitenkriege besonders signifikant verdeutlichen lässt.[1] Im konkreten Fall geht es um einen zeitlich befristeten Waffenstillstand in einem geographischen Brennpunkt des Geschehens, Südböhmen, in dem sich mit der Gründung der Stadt Tabor ein neuer politischer Machtfaktor im Lande zu etablieren begann. Machtpolitisch hatten die Taboriten es in diesem Territorium mit einem der bedeutendsten böhmischen Adeligen jener Zeit zu tun: Ulrich II. von Rosenberg (1403-1462), dessen Machtbasis gerade in Südböhmen lag und den Zeitgenossen als „Säule dieses Königreichs und dessen mächtigstes Glied“ bezeichneten. Anfänglich hegte dieser, beeinflusst durch seinen Vormund, Čeněk von Wartenberg, starke Sympathien für die hussitische Bewegung, doch führte ihn die nachfolgende politische und militärische Entwicklung rasch zurück in den Schoß der katholischen Kirche.

Nachdem die Hussiten die Stadt Sezimovo Ústí niedergebrannt und Tabor im Spätwinter 1420 an der nördlichen Grenzen des rosenbergischen Dominiums gegründet hatten, avancierte Ulrich II. von Rosenberg zu einem der führenden Verbündeten des ungarischen, römisch-deutschen und seit Ende Juli 1420 auch gekrönten – freilich nur von einem kleinen Teil des einheimischen Adels anerkannten – böhmischen Königs Sigismund von Luxemburg und Vermittler zwischen diesem und den Hussiten.

            Die im Archiv in Wittingau (Třeboň) aufbewahrten und zumeist (mit Ausnahme der hier vorgestellten Urkunde!) im vierbändigen, von Blanka Rynešová herausgegebenen Urkunden- und Briefbuch Ulrichs II. von Rosenberg edierten Urkunden zeigen, dass der südböhmische Magnat mit allen kriegführenden Parteien verhandelte und sich dabei bemühte, insonderheit auf seinem eigenen Territorium Ruhe und Ordnung zu bewahren, was ihm vor allem mit Hilfe zahlreicher Waffenstillstände in den Jahren 1420-1434 gelang.

            Der vorliegende Waffenstillstand vom November 1420 fällt zeitlich in die Periode zwischen dem Misserfolg des ersten antihussitischen Kreuzzuges vor den Toren Prags im Juli 1420, die vernichtende Niederlage der Verbände Sigismunds in der ersten großen Feldschlacht gegen die hussitischen Verbände unterhalb des nachfolgend weitgehend zerstörten Vyšehrad als Festung bei Prag und die Belagerung Pilsens durch Žižka im Februar 1421. Nachdem die südböhmische Stadt Prachatitz (Prachatice) im April 1420 bereits Ziel eines verheerenden hussitischen Angriffs geworden war, die katholischen Bewohner jedoch mit Unterstützung Ulrich von Rosenberg die Herrschaft über ihrer Stadt zurückerlangt und mehrere Utraquisten auf dem Scheiterhaufen hingerichtet hatten, tauchte am 12. November Jan Žižka (um 1360-1424), einer der hussitischen Hauptleute in Tábor, vor den Toren der Stadt auf und ließ die Stadt, die zu ergeben sich weigerte, erobern und viele Bewohner niedermetzeln. Nur einen Tage später büßte Ulrich von Rosenberg zwei seiner wichtigsten Burgen (Přiběnice, Příběničky) ein. In dieser für ihn kritischen Situation versuchte Ulrich von Rosenberg weiteren Verlusten durch einen Waffenstillstand zuvorzukommen.

            Am 18. November 1420 schlossen die vier taboritischen Hauptleute mit Žižka an der Spitze sowie der auf Seiten der Hussiten stehenden Stadt Pisek bei Verfall einer Konventionalstrafe von 10.000 Schock Groschen mit dem südböhmischen Magnaten einen bis zum 4. Februar 1421 geltenden Waffenstillstand. Ulrich verpflichtete sich hierin, die Bestimmungen der Vier Artikel in seiner ganzen Herrschaft einzuhalten. Der taktisch versierte und bereits erfahrene Diplomat Ulrich, ausgestattet mit einem Lobschreiben des Prager Magisters Christian von Prachatitz vom Dezember 1420 für sein Verhalten, suchte freilich rasch einen Ausweg und beabsichtigte keineswegs, den Geltungsbereich der vier Prager Artikel auf dem Rosenberger Dominium dauerhaft zuzulassen, wie aus der nachfolgenden Korrespondenz mit König Sigismund hervorgeht (Kubíková, S. 49).

Von den ursprünglich fünf angehängten Siegeln sind noch vier erhalten. Das linke Siegel zeigt in grünem Wachs einen Kelch mit der Umschrift: //izkonis  - capit // taborien // (Jan Žižka); daneben, ebenfalls in grünem Wachs, ein geteilter Schild, im oberen Feld drei, im unteren Feld eine Lilie, über dem Helm mit Bedeckung ein kleiner Mann, der in einer Hand ein Schwert hält. Die Umschrift lautet: - s – Chvalonis de Machovicz. Das in der Mitte befindliche Siegel ist verloren gegangen. Dem folgt ein Siegel in rotem Wachs, das im Siegelfeld einen Helm mit Schmuckaufsatz und Krone zeigt. Die Umschrift lautet: - s – Pavlicionis de Music. Das rechte, größere Rundsiegel schließlich zeigt in gelbem Wachs ein Schild mit dem böhmischen Löwen und der Umschrift: /// civium * de * Pieska.

 

Quelle:

SGA Třeboň – Historica Třeboň, Inv.-Nr. 245, Sign. 216. Online abrufbar unter https://digi.ceskearchivy.cz/111242/4 (17.9.2918).

 

Edition:

Archiv český, hg. von František Palacký, Praha 1844, Bd. 3, S. 280, Nr. 14. Online abrufbar unter 147.231.53.91/src/index.php (17.9.2018).

Blažena Rynešová (Hg.), Listář a listinář Oldřicha z Rožmberka 1418-1462, Bd. 1: 1418-1437, Praha 1929, S. 29, Nr. 43 (Regest). Online abrufbar unter 147.231.53.91/src/index.php (17.9.2018).

 

Übersetzung:

Norbert Heermann, Rosenbergische Chronik, hg. von Matthäus Klimesch, Prag 1897, S. 96-97. Online abrufbar unter https://archive.org/stream/norbertheermann00begoog/norbertheermann00begoog_djvu.txt (17.9.2018).

 

Literatur:

František Šmahel, Dějiny Tábora, Bd. 1,2

František Šmahel, Die Hussitische Revolution (MGH Schriften, Bd. I-III), Bd. 2, S. 1109-1131.

Anna Kubíková, Oldřich z Rožemberka, České Budějovice 2004 (hier v. a. S. 48-51).

Petr Elbel: Pravé, věrné a křesťanské příměřie... Dohody o príměří mezi husity a stranou markraběte Albrechta na jižní Moravě, Brno 2017 (Opera Facultatis Philosophicae Universitatis Masarykianae – Spisy Filozofické Fakulty Masarykovy Univerzity, Bd. 452).

 

 

Übersetzung:

„Wier Joann genandt Zischka von Trocznow, Ckwal von Machowicz, Zbinko von Buchow, Pawlik von Muzicz vnndt die Gemain zue Pissek alß Glauwiger bekennen hie mit diesem Brief ingemain vor jedermöniglichen, die ihn sehen oder lesen hören werden, daß wier aingetretten seindt vnndt tretten ain in ainen recht cristlichen Stillstandt biß hin in die Fastnacht vnndt denselben ganczen Ertag mit dem wolgebomen  Herrn Herrn Virich von Rosenberg sambt allen den Seinigen. Versprechen  auch, diesen gewissen Stilstandt ihme zue halten mit vnserem gueten cristlichen Glauben mit allen vnseren Gemainden hef Yerpfendung zehentausendt fß gr. gueten Silbers Prager Wehrung. Ynndt wier obbeschriebene  Glauwiger sowol Bürger vndt Haubtleulthe der Stat Piska[2], Richter, Bürgermaister, Rathmanen, wie auch die gancze Gemain dieser Stadt,  neben ihnen vndt für sie gesambt mit ainer vnczerthailten Handt versprechen, den obbesagten Accord vndt Yertrag bey zehentausendt ß gr. zue halten; aber daß obbesagter Herr Ylrich von Rosenberg vnnß auch  halten soll auf allen seinen Herschafften diese vier Stukh : daß daß Wort Gottes frey sein solle, 2. daß der Leichnam Goteß vndt sein hailiges Bluet werde außgespendiert vndt gegeben allen Gläubigen ohne Außnehmung der Personen, 3. daß der Pfaffen Stifftungen oder Gueter zerbrochen werden, 4. die Todtsinde auf seinen Gütern solle er verwehren, auf allerlengist er kan vnndt mag, vnndt das bey obgedachter Yerpfendung. Wofern wier aber nit hielten obgesagten Stilstandt (das Got nit geben wolle), so sollen vnndt geloben wier, obbesagtes Pfandts von der Vermahnung an innerhalb aineß Monats Volziehung auf Cromaw[3] oder Gracsen[4], wo Ynns Vnsere Glaubiger hinweisen werden, zu laissten. Ynndt wan  wier solch besagtes Pfandt in ainem Monat nit werdten erlegen, so geben wier dem wolgebornen Herrn Herrn Vlrich von Rosenberg oder seinen Porgkraffen vollige Macht vndt Recht, dass sie mögen erstlich vnnß vndt den Vnserigen aller Maß vndt Gestallt zu verklagen sollen, aufhalten,  schaczen so lang, biß wier ihnen daß obberverte Pfandt nit endtrichten werden. Dießem allem zue fesster Haltung haben wier vnsere Petschafften diesem Brief angehengt. So geben vnndt geschrieben anno von Cristi Gebohrt 1420, den Montag in Octava St. Martini.''


[1] Vgl. dazu Petr Elbel, Alexandra Kaar, Robert Novotny (Hrsg.): Zwischen Feinden und Freunden. Kommunikation im spätmittelalterlichen Krieg, Wien-Köln-Weimar 2018.

[2] Pisek.

[3] Krumau (Český Krumlov).

[4] Gratzen (Nové Hrady).

Quelle
Waffenstillstandsvertrag mit Ulrich von Rosenberg 1420, in: SGA Třeboň – Historica Třeboň, Inv.-Nr. 245, Sign. 216. Online abrufbar unter https://digi.ceskearchivy.cz/111242/4 (17.9.2918). 
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Erstellt
26.11.2019 
Zuletzt geändert
27.07.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Waffenstillstandsvertrag mit Ulrich von Rosenberg 1420, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Hus und die Hussiten", bearb. von Thomas Krzenck. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/3157/details.html (Zugriff am )