Jan Žižka führt das hussitische Heer

Darstellung des Jan Žižka von Trocno [auch Jan Žižka der Einäugige] im Hussitenkodex (Göttinger Handschrift um 1465). Es zeigt ihn an der Spitze des hussitischen Heeres während der Hussitenkriege.

Modul
Hus und die Hussiten
Sprache
Deutsch

Der sog. Göttinger Hussitenkodex – Jan Žižka führt die Hussiten an

                                                                                                    Böhmen, 1. Hälfte 15. Jh.

 

Kontext:

Neben dem wohl berühmteren, zwischen 1490 und 1510 ebenfalls in Böhmen (Prag?) entstandenen sog. Jenaer Kodex gehört der „Göttinger Kodex“, mit sepiabrauner Tinte geschrieben und illuminiert in der ersten Hälfte der sechziger Jahre des 15. Jahrhunderts, in das Themenfeld antipäpstlicher Bildpolemik im Zuge der böhmischen Reformation und hussitischen Revolution und reflektiert dabei konkret die Existenz eines Milieus im (nach)hussitischen Böhmen, in dem Bildsatiren aktiv zum politischen Leben bzw. zu den geführten Auseinandersetzungen gehörten.

22 Jahre nach dem eigentlichen Ende der hussitischen Revolution (Abschluss der Iglauer Kompaktaten) war Georg von Podiebrad von den böhmischen Ständen zum König gewählt und damit die Zeit des Interregnums beendet worden. Ungeachtet der diplomatischen Bemühungen des neuen Königs verkündete Pius II. 1461 die Aufhebung der unter den Katholiken stets umstrittenen Kompaktaten. Mit der Gründung der sog. Grünberger Liga katholischer Magnaten (1465) und dem Kirchenbann gegen Georg von Podiebrad (1466) geriet der ohnehin brüchige konfessionelle Frieden in Böhmen weiter unter Druck. Militärische Konflikte mit dem ungarischen, stark in die böhmischen Angelegenheiten involvierten König Matthias Corvinus waren die Folge, die erst 1468 in Olmütz friedlich beigelegt werden konnten.

Der 43 Papierblätter umfassende, durchgängig illuminierte Göttinger Kodex, der in Böhmen selbst seit 1521 mehrfach den Besitzer wechselte und der sich seit 1776 in der Universitätsbibliothek Göttingen befindet,  gilt – neben dem in der Bibliothek des Prager Nationalmuseums aufbewahrten Jenaer Kodex mit 114 Blättern - als eine von nur zwei bekannten Bildsatiren, in denen der Gegensatz zwischen dem unverdorbenen Urchristentum und der verderbten zeitgenössischen Kirche das Hauptthema bildet. So trägt beispielsweise auf fol 17v Christus das Kreuz, während auf fol. 18r der Papst hoch zu Ross erscheint. Auf den Blättern 19v-23r wird der Simonie der Kirche die Askese der Urkirche gegenübergestellt. Im Bilderpaar auf fol. 30v und 31r vertreibt links Christus die Händler und Wechsler aus dem Tempel, während rechts ein Geistlicher ein reges Geldwechselgeschäft betreibt.

Sowohl der Göttinger als auch der Jenaer Kodex gehen textlich auf ältere literarische Vorlagen zurück, die wiederum auf dem in 14 Abschriften überlieferten Traktat „Tabulae veteris et novi coloris seu cortina de antichristo“ des hussitischen Gelehrten Nikolaus von Prag von 1412 fußen. Über diesen hussitischen Gelehrten ist nur wenig bekannt: Geboren um 1380, absolvierte er nach der Artistenfakultät in Prag ein Studium des kanonischen Rechts und erwarb 1412 den Titel eines Magister Decretorum im Haus „Zur Schwarzen Rose“ in Prag, das der böhmischen Universitätsnation gehörte und ein Zentrum deutscher Hussiten bildete, die aktiv an den mit großer Schärfe geführten theologischen Diskussionen teilnahmen. Der Traktat des Nikolaus ist im Prinzip eine Sammlung verschiedener Zitate aus dem Alten und Neuen Testament, aus kanonischen Schriften, Glossen, Dekretalien und Schriften der Kirchenväter, die thematisch in neun Abschnitte (Tabulae) untergliedert werden. In der „Prima Tabula“ wird beispielsweise das Leben Christi und seiner Anhänger dem Leben der Päpste und ihrer Gehilfen gegenübergestellt, die 2Tercia Tabula“ handelt vom Leiden Christi und der Unbarmherzigkeit des Papstes, während die „Nona Tabula“ auf der Grundlage von Prophetien aus der Heiligen Schrift dem Stellvertreter Christi auf Erden zahlreiche Sünden und Verfehlungen verwirft.

Angeprangert werden im Göttinger Hussitenkodex in Text und Zeichnungen hieran anknüpfend der (bereits von Hus und anderen scharf kritisierte) verfehlungsreiche Lebenswandel der zeitgenössischen Geistlichkeit, weltliches Besitz- und Machtstreben der Kirche, Unkeuschheit des Klerus, Kleiderordnung und Idolatrie. Die einfachen, mitunter derb wirkenden und spärlich kolorierten Federzeichnungen stellen in Form von Antithesenpaaren zumeist handelnde Personen einer knapp umrissenen Szene in den Mittelpunkt. Kurze alttschechische Texte, Bibelzitate sowie kurze Erläuterungen und Glossen zur dargestellten Szene folgen als Ergänzung. Historisch belegt ist ein Bericht über einen Priester, der sein eigenes Kind ermorden ließ.

Die Illustrationen im Göttinger Kodex, entweder mit sepiabrauner Tinte ausgeführte oder kolorierte Federzeichnungen, stammen offenkundig von dem unbekannten Schreiber bzw. mehreren (drei?) ihm zur Seite stehenden Personen. Ihre oberflächliche bzw. geläufige Umsetzung durch die Technik der kolorierten Handzeichnung deutet auf eine Serienproduktion. Die geringe(re) künstlerische Qualität lässt freilich nicht auf das Verhältnis  von Hussitentum und Kunst schließen, zumal Handschriften ähnlichen Charakters auch andernorts in Europa entstanden.

 

Quelle:

Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 2° Cod. Ms. theol. 182 Cim, fol. 82r

 

Edition:

Eine Übersetzung der alttschechischen Texte des Göttinger Hussitenkodex findet sich in: Victor Svec, Bildagitation. Antipäpstliche Bildpolemik der böhmischen Reformation im Göttinger Hussitenkodex, Weimar 1994, S. 173-202 (Art in Science – Science in Art, Bd. 3).

Zum Vergleich des alttschechischen Textes ist der Jenaer Kodex heranzuziehen. Vgl. Kamil Boldan u. a., Jenský kodex – faksimilé, Praha 2009. Allerdings gibt es geringfügige Abweichungen!

 

Literatur:

Die Handschriften in Göttingen. Bd. 2. Universitätsbibliothek. Geschichte, Karten, Naturwissenschaften, Theologie, Handschriften aus Lüneburg. Berlin, Verlag von A. Bath, 1893 (Verzeichnis der Handschriften im Preußischen Staate, 1, Hannover, 2).

Online abrufbar unter bilder.manuscripta-mediaevalia.de/hs//katalogseiten/HSK0718_b407_jpg.htm (23.5.2018).

Katalog der Slavischen Handschriften in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland, bearbeitet von Elke Matthes, Wiesbaden 1990, S. 85-87.

Master Nicholas of Dresden, The old colour and the new. Edited and translated by H. Kaminsky u. a., in: Transactions of the American Philosophical Society, N. S. Vol. 55 P. 1, 1965, S. 5-93.

Horst Bredekamp, Kunst als Medium sozialer Konflikte. Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution, Frankfurt am Main 1975.

František Šmahel, Die Tabulae veteris et novi coloris als audiovisuelles Medium hussitischer Agitation, in: Studie o rukopisech 29, 1992, S. 95-105.

Victor Svec, Bildagitation. Antipäpstliche Bildpolemik der böhmischen Reformation im Göttinger Hussitenkodex, Weimar 1994 (Art in Science – Science in Art, Bd. 3).

Kamil Boldan u. a., Jenský kodex – komentář, Praha 2009.

Milena Bartlová, „Prout lucide apparet in tabulis et picturis ipsorum2. Komunikační úloha obrazů a textů v počátcích husitismu, in: Studia mediaevalia bohemica 3/2012, S. 249-274.

Milena Bartlová, Výtvarné umění a husitství 1380-1490, Praha 2015.

 

 

Bildbeschreibung (Vorlage: Svec, Bildagitation, S. 88-91)

Blatt 38r zeigt den genialen und gefürchteten, aus einem verarmten und in Südböhmen beheimateten Kleinadelsgeschlecht stammenden hussitischen Feldherrn Jan Žižka von Trocnov (um 1360-1424) an der Spitze eines Aufgebotes von bewaffneten Gottesstreitern. Der Heerführer ist mit einer gepolsterten grünen Waffenkappe, darunter einer roten, bis auf die Schultern reichenden Gugel, einer weißen Jacke und einer grünen Hose bekleidet. Zizka, dessen Augen angesichts seiner vollständigen Erblindung von einer grauen Binde verhüllt werden, und dessen rechte Hand aufrecht einen mächtigen ockerfarbigen Streitkolben am unteren Ende umklammert, während die linke Hand den Zügel seines vorwiegend in weißer Farbe gestalteten Pferdes hält, folgt auf der rechten Seite ein mit Streitkolben, Hellebarden, Morgensternen und Dreschflegeln bewaffneter hussitischer Heerhaufen. Der Gottesstreiter an der Spitze trägt eine große, die Köpfe der Krieger weit überragende, dreieckige rote Fahne mit dem sichtbaren Zeichen der Hussiten – dem Kelch und der Hostie. Am linken Bildrand schreitet ein Priester, über dem mit roter Tinte die Bezeichnung „kniez“ zu lesen ist, in weißem Chorhemd und grünem Rock voran. Mit vorgestreckten Armen umklammern seine beiden Hände eine auf einem langen Stab befestigte Monstranz, die die Gestalt einer mit stilisierten Strahlen versehenen Sonne besitzt.

Den Raum oberhalb der Zeichnung füllt ein alttschechischer Text, dem die rote Antiqua-Initiale „L“ in gelbem Feld vorangestellt ist:

„(alttschechisch“)

„Leta panie M cccc xix w kralowstwi Czeskem powstali su lide proti wsse(m) duchowni(m) pro nesslechtetnost gich Neb su se byli przieliss w sodomske hrziechy a mrzke nesmiernie wydali pan(n)y panie manzelky wdowy smilstwe(m) nestidnie porussugicz A hrziechi ruffianskymi opigenim kostlarzstwim lakomstwim lanim zaneprazdnili A lide z wole bozie gim toho del trpieti nemohucz Giez byli palili topili wieczeli z zemie wyhnali Gichz kostely klasstery kaply domy dwory palili borzili russili Obrazy zwony kalichi ornati knihy messne monstranczy spalili z sekali rozmietali Tomv chtiecz aby byli kniezi dobrzij cznosti a nabozni nasledugicz prwnich swatych Cztenie wssem lidem kazali hrziechy na sobie y na lidu stawowali Kterizto toho czasu lide swoyskem s wozi s brani po zemi gezdili a s malem neodieneho lidu mnozstwie odienczow porazeli magicz haytmana bratra zizku slepeho a przed ni(m) kniez nesa monstranczi.“

 

deutsche Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1419 erhoben sich im Königreich Böhmen die Menschen gegen alle Geistlichkeit wegen ihrer unedlen Gesinnung, denn sie haben zu viele schändliche und sodomitische Sünden auf sich geladen. Herren, Frauen, Ehegattinnen und Witwen waren unverschämt der Unzucht zugetan. Weiter haben sie sich mit Kuppelei, Trunkenheit, Würfelspiel, Geiz und Flüchen die Zeit vertrieben, so dass es die gottesfürchtigen Menschen nicht mehr ertragen konnten. Darum brandschatzten, ertränkten, erhängten sie und jagten die Frevler aus dem Land. Ihre Kirchen, Klöster, Kapellen, Häuser und Höfe zerstörten sie, Bilder, Glocken, Kelche, Ornate, Bücher und Messmonstranzen verbrannten, zerhackten und zerstreuten sie. Und das deshalb, weil sie wollten, dass die Priester gut, tugendhaft und fromm sind, dem Beispiel der ersten Heiligen folgend. Sie haben den Menschen die Schrift gepredigt, boten den Sünden Einhalt. In dieser Zeit fuhren sie mit Wagen und Waffen, ohne Harnische in kleinen Gruppen durchs Land und besiegten die großen Kreuzheere. Bruder Žižka der Blinde führte sie an, vor ihm ein Priester mit der Monstranz.

 

Unterhalb der Zeichnung finden sich noch drei Schriftzeilen, die der zweiten Strophe des Hussitenchorals „Die wir Gottesstreiter sind“ (Ktož jsú boží bojovníci) entstammen und wie folgt lauten:

„Neprzietel se nelekaite namnozstwie nehledte pana sweho w srdczy mieygte proni a s nim boyugte a przed neprzately neutiekayte Heslo wssichni pamatuygme buoh nass krziknieme a na korzistech se nezastawuygme

Piesen“

(dt.: Den Feind sollt Ihr nicht fürchten ungeachtet seiner großen Zahl! Den Herrn im Herzen bewahret, für ihn Ihr kämpfen sollt und nicht vor dem feinde fliehen, merket die Parole: Gott ist unser Herr, rufen wir, und die Beute beachten wir nicht.)

 

Im Vergleich zur farbenprächtigeren Darstellung der analogen Szene im Jenaer Kodex dominiert in letzterem eine intensivere, farbenprächtigere Kolorierung. Darüber hinaus findet sich über Žižka die Inschrift „Zizka nass bra-tr wierny“ (Zizka, unser getreuer Bruder). Abweichungen gegenüber dem Göttinger Kodex zeigt auch die figurale Komposition der Gottesstreiter mit Blick auf Gestik und Mimik (Gesichter).

Quelle
Darstellung des Jan Žižka von Trocno, in: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, 2° Cod. Ms. theol. 182 Cim, fol. 82r. 
Übers.
Thomas Krzenck 
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Erstellt
26.11.2019 
Zuletzt geändert
27.07.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Darstellung des Jan Žižka von Trocno, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Hus und die Hussiten", bearb. von Thomas Krzenck. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/3156/details.html (Zugriff am )