Bolesław III. gegen Heinrich V.

Gallus Anonymus über den Krieg Bolesław III. Schiefmunds mit dem römisch-deutschen König Heinrich V.

2     Briefe des Kaisers an Boleslaw
Während dieser Ereignisse schickte Kaiser Heinrich IV., der noch nicht zu Rom gekrönt war, im darauffolgenden Jahr allerdings gekrönt werden sollte, eine Gesandtschaft mit Worten solcher Art an Boleslaw voraus, während er im Begriff war, mit einem starken Heer in Polen einzufallen, und sagte: Es ist nämlich unwürdig für den Kaiser und ihm nach den römischen Gesetzen verwehrt, das Gebiet des Feindes und zumal das seines eigenen Gefolgsmannes (sui militis) in feindlicher Absicht vorher zu betreten, ehe dieser, falls er gehorchen wolle, über den Frieden erfahre oder aber, wenn er Widerstand leisten wolle, über den Krieg, damit er sich vorsehen könne. Deshalb musst du entweder die Hälfte deines Reiches deinem Bruder überlassen und mir jährlich dreihundert Mark als Tribut oder aber ebensoviel Ritter für den Zug stellen, oder, wenn du dazu imstande bist, das
Reich der Polen mit mir mit dem Schwerte teilen.   
Darauf antwortete Bolesław, der Herzog des Nordens: Wenn du unser Geld oder polnische Ritter als Tribut einforderst, sollst du uns, falls wir nicht unsere Freiheit verteidigen, für Frauen halten, nicht für Männer. Einen aufrührerischen Mann aber aufzunehmen oder das einheitliche Reich mit ihm zu teilen, dazu wird mich kein Gewaltausbruch irgendeiner Macht zwingen, nur der gemeinsame Beschluss meiner Leute und die Entscheidung meines eigenen Willens. Wenn du deshalb in Güte, nicht in Schroffheit zur Unterstützung der römischen Kirche Geld oder Ritter gefordert hättest, würdest du vielleicht nicht weniger Hilfe oder Rat bei uns finden als deine Vorgänger bei unseren Vorfahren.
Darum sieh zu, wem du zu drohen suchst,
Du wirst Krieg finden, wenn du Krieg entfachst!


3    Anfang des Krieges mit Heinrich
Von dieser Antwort wurde der Kaiser über die Maßen zum Zorn gereizt. Er ersinnt etwas von solcher Art und schlägt einen solchen Weg ein, von dem er weder ab- noch zurückgehen wird, ohne Züchtigung durch sich selbst und zu seinem eigenen, übergroßen Schaden. Auch Zbigniew reizte den erzürnten Kaiser noch viel mehr aus dem Grunde, weil er versprach, dass ihm nur wenige Polen Widerstand leisten würden. Obendrein ermutigten auch die Böhmen, die von Beute und Raubzügen zu leben gewohnt sind, den Kaiser zum Einfall in Polen, weil sie sich rühmten, Wege und Pfade durch die Wälder Polens zu kennen. Der Kaiser, von solchen Mahnungen und Ratschlägen also zur Hoffnung verführt, Polen zu besiegen, betrat das Land, und als er in Bytom ankam, wurde er in all dem enttäuscht.13 Denn er erblickte das Kastell Bytom so bewaffnet und so geschützt, dass er in seinem Zorn mit Worten der Empörung auf Zbigniew schaute. „Zbigniew“, sagte der Kaiser, „so erkennen dich also die Polen als ihren Herrn an, so verlangen sie, deinen Bruder zu verlassen und unter deine Herrschaft zu kommen?“ - Und als er die durch ihr Befestigungswerk, die natürliche Lage und durch Wasserläufe unbezwingbare Burg Bytom mit den geordneten Schlachtreihen hatte umgehen wollen, bogen einige von seinen Kriegern, ruhmreiche Ritter, zur Burg ab, weil sie wollten, dass sich ihre Kriegserfahrung in Polen bewähre, und weil sie Kraft und Verwegenheit der Polen auf die Probe stellen wollten. Doch auf der anderen Seite traten die Verteidiger des Kastells aus den geöffneten Toren und mit gezückten Schwertern heraus und fürchteten weder die Menge so verschiedener Völkerschaften noch den Ansturm der Deutschen (Alemannorum) und auch nicht die Gegenwart des Kaisers, sondern sie leisteten ihnen verwegen und mannhaft Stirn gegen Stirn Widerstand. Als der Kaiser das beobachtete, wunderte er sich sehr, dass Menschen völlig ungeschützt gegen Schildbewehrte oder Schildbewehrte gegen Gepanzerte mit bloßen Schwertern kämpfen und so draufgängerisch zum Kampf eilen könnten wie zu einem Gelage. Da schickte er wie voll Empörung über den Dünkel seiner Ritter seine Armbrust- und Pfeilschützen dorthin, durch deren Ansturm die Verteidiger des Kastells wenigstens zurückweichen und sich so in die Burg zurückziehen sollten. Doch die Polen sahen Speere und die von allen Seiten durch die Luft schwirrenden Pfeile wie Schnee oder Regentropfen an. Dort aber bestätigte der Kaiser die Verwegenheit der Polen zum ersten Mal, weil er seine Leute von dort insgesamt nicht ungeschwächt zurückholte. - Nun aber wollen wir den Kaiser eine Weile durch die Wälder Polens ziehen lassen, bis wir den Flammen speienden Drachen aus Pommern zurückführen.

4    Bolesław rüstet zum Krieg
Als nun der rastlose Bolesław nach dem obengenannten Gefecht und nach dem Erwerb von sieben Burgen als sicher vernommen hatte, dass der Kaiser in Polen eingefallen sei, ritt er, obwohl Männer und Pferde durch die lange Belagerung geschwächt, einige der Krieger gefallen, einige verwundet und andere mit diesen nach Hause entlassen waren, zusammen mit denen, die dazu imstande waren, dahin und befahl, Übergänge und Furten der Oder auf jede nur mögliche Weise zu versperren. Deshalb wurden alle Stellen versperrt, die man entweder bei ausgetrocknetem Flussbett durchschreiten konnte, oder solche, die nur unmittelbar von den Anwohnern sich vielleicht als verborgene Übergangsstellen erproben ließen. Einige erfahrene Ritter schickte er auch gegen Glogau und zur Beobachtung der Flussübergänge voraus. Sie sollten dem Kaiser solange Widerstand leisten, bis sie, während er mit der Verstärkung unterwegs sei, auf dem Flussufer entweder überhaupt einen Sieg erlangen könnten oder dadurch, dass sie ihn dort aufhielten, wenigstens Heer und Hilfe abwarten könnten. Dort aber stand Bolesław, und zwar nicht weit entfernt von Glogau mit einem kleinen Heer, und das ist nicht verwunderlich, weil er seine Leute die längste Zeit bis zur Erschöpfung abgemüht hatte. Dort hörte er Gerüchte und Gesandtschaften, dort wartete er auf sein Heer, von dort schickte er hierhin und dahin Späher aus, von dort entsandte er Kämmerer um seine Leute und um die Russen und Ungarn (pro Pannonicis).

5    Die Belagerung von Glogau
Der Kaiser aber wich auf seinem Marsch nicht vom Wege ab, dadurch dass er flussaufwärts oder -abwärts Übergangsstellen versuchte, sondern dicht bei der Stadt Glogau überschritt er an einer Stelle, die man nicht einschätzen konnte, im Sturm den Fluß16, ohne dass vorher dort jemand einen Übergang im Vorhinein gewusst und ohne dass ihm jemand Widerstand geleistet hätte, mit dichten bewaffneten Scharen, wobei die Bürger unvorbereitet waren, weil die Burgleute über jene Stelle niemals Bedenken hatten und auch nicht fürchteten, dass man Bedenken habe müsse. Es war nämlich das Fest des heiligen Apostels Bartholomäus, als der Kaiser den Fluss überschritt und zu dieser Stunde das ganze Volk der Stadt den Gottesdienst hörte. Darauf beruhte es, dass er sicher und gefahrlos hinüberging und viel Beute, und zwar Menschen und auch Zelte im Umkreis der Stadt gewann. Auch von denen, die gekommen waren, das Kastell zu verteidigen, und die außerhalb des Kastells in Zelten lagen, wurden die meisten vom Kaiser daran gehindert, das Kastell zu betreten, einige hat man dort sofort angehalten, einige konnten sich, weil die Flucht dazu verhalf, befreien. Von diesen begegnete einer auf der Flucht Bolesław und erzählte alles, was sich ereignet hatte. Da machte sich Bolesław davon, aber nicht wie ein ängstlicher Hase, sondern er feuerte wie ein beherzter Krieger seine Leute an: „Ihr tapferen Krieger“, sagte er, „ihr seid in den vielen Kriegen und Feldzügen mit mir abgekämpft. Doch seid auch jetzt bereit, mit mir für die Freiheit Polens zu sterben oder zu leben! Ich jedenfalls würde schon mit einer so kleinen Schar den Kampf gegen den Kaiser aufnehmen, wenn ich ganz sicher wüsste, dort durch meinen Tod auch der Not des Vaterlandes ein Ende zu machen. Doch weil auf einen von unseren Leuten mehr als hundert Feinde kommen, ist es ehrenvoller, hier sitzen zu bleiben, als mit wenigen dorthin zu gehen und tollkühn zu sterben. Wenn wir nämlich hier sitzen bleiben und sie am Übergang hindern, wird man das als genug für einen Sieg anrechnen.“ — Nach diesen Worten begann er den Bach, über dem er stand, mit gefällten Bäumen zu versperren.


6    Waffenstillstand mit den Bürgern von Glogau
Inzwischen erhielt der Kaiser von den Bürgern von Glogau Geiseln unter folgender eidlicher Bedingung: Wenn die Bürger innerhalb eines Zeitraums von fünf Tagen nach Absenden einer Gesandtschaft (an Bolesław) Frieden oder sonst eine Abmachung zustande brächten, sollten sie nach Überbringung der Antwort, wenn entweder der Friede gestiftet oder abgelehnt sei, dennoch ihre Geiseln zurückhaben. - Und das geschah jedenfalls durch eine List (per ingenium). Der Kaiser übernahm jedenfalls unter Eid die Geiseln aus diesem Grunde, weil er - freilich in einem Meineid - glaubte, durch sie die Stadt erlangen zu können. Auch die Bürger von Glogau haben die Geiseln aus dem Grunde gestellt, weil sie Stellen der Stadt, die inzwischen vom Alter zerstört waren, (neu) befestigten.


7    Bruch des Waffenstillstandes
Aber Bolesław war nach Anhören der Gesandtschaft empört wegen der Stellung der Geiseln und drohte den Bürgern das Kreuz an, falls sie wegen der Geiseln das Kastell ausliefern sollten, und er fügte hinzu, es sei besser und ehrenvoller, dass Bürger und Geiseln durch das Schwert für das Vaterland sterben als dass sie nach vollzogener Übergabe ein Leben in Unehre einlösten und künftig fremden Völkern dienen würden. - Nach Entgegennahme der Antwort berichten die Bürger, Bolesław lehne es ab, dass der Friede unter solchen Umständen zustande komme, und sie verlangen, wie sie geschworen hatten, ihre Geiseln zurück. Darauf antwortete der Kaiser: „Die Geiseln werde ich, wenn ihr mir das Kastell ausliefert, nicht behalten, doch wenn ihr Rebellen seid, werde ich euch und die Geiseln umbringen.“ Dagegen die Bürger des Kastells: „Du wirst an den Geiseln wohl Meineid und Mord verüben können, aber du wirst durch sie, das sollst du wissen, keinesfalls erreichen können, was du verlangst!“


8    Sturm auf das Kastell Glogau
Nach diesen Worten befahl der Kaiser, Belagerungswerkzeuge fertigzumachen, die Waffen zu ergreifen, die Legionen zu teilen, die Stadt mit einem Wall einzuschließen, die Fahnenträger an die Spitze zu stellen und die Kriegstrompeten zu blasen, und er begann die Stadt von allen Seiten mit Eisen, Feuer und Belagerungswerken zu bestürmen. Auf der Gegenseite verteilen sich die Bürger selbst auf Tore und Türme, sie befestigen die Bollwerke, bereiten Abwehrmaschinen vor und tragen Steine und Wasser über den Toren und Türmen zusammen. Da glaubte der Kaiser, man könne die Gesinnung der Bürger durch Rücksichtnahme auf ihre Söhne und Freunde umstimmen. Deshalb befahl er, die Edleren von den Geiseln dieser Stadt und den Sohn des Grafen an den Belagerungsmaschinen festzubinden, in der Annahme, dass ihm so die Stadt ohne Blutvergießen geöffnet werde. Doch die Verteidiger des Kastells schonten ihre Söhne und Verwandten ebenso wenig wie die Böhmen oder Deutschen, sondern nötigten sie mit Steinen und Waffen, von der Mauer wegzugehen. Als aber der Kaiser sah, dass er mit einem solchen Einfall die Stadt niemals besiegen und die Herzen der Bürger niemals von ihrem Vorsatz abbringen könne, setzte er alles daran, mit Waffengewalt zu erlangen, was seinem Einfall versagt wird. Deshalb greift man das Kastell von allen Seiten an und erhebt ein ungeheures Geschrei.
Die Deutschen (Teutunici) stürmen gegen das Kastell, die Polen wehren sich, von allen Seiten schleudern die Wurfmaschinen Steinbrocken, die Steinschleudermaschinen (balistę) knarren, Speere, Pfeile schwirren durch die Luft, Schilde teilt so mancher Stich ,Lederpanzer sind durchbohrt, Helme trifft manch harter Stoß, Tote fallen, Verwundete weichen, Gesunde treten an ihre Stelle. Die Deutschen winden die Armbrüste, die Polen Wurfmaschinen mit Armbrüsten, die Deutschen schießen Pfeile ab, die Polen Speere mit Pfeilen, die Deutschen schwingen Schleudern mit Steinen, die Polen Mühlsteine mit vorn zugespitzten Pfählen. Die Deutschen versuchten unter dem Schutz der Balken von unten an die Mauer zu gehen, die Polen aber mischten ihnen lichterloh brennendes Feuer und heißes Wasser für ein Bad. Die Deutschen schoben eiserne Widder an die Türme heran, die Polen aber rollten Räder, die sternförmig mit Eisen besetzt waren, von oben heraus. Die Deutschen stiegen auf hingestellten Leitern hoch hinauf, die Polen aber hefteten sie an eiserne Widerhaken und hängten sie in die Lüfte.


9    Die Deutschen erlangen als Tribut Wunden und Gefallene
Inzwischen ließ Bolesław Tag und Nacht nicht nach, sondern jagte bei jeder Gelegenheit diejenigen, die wegen der Lebensmittelversorgung das Lager verließen, oft setzte er auch das Lager sogar des Kaisers in Schrecken, bald jagte er hierhin, bald dorthin, wenn er den Beutemachern und Brandstiftern auflauerte. Auf solche Weise also und während vieler Tage mühte sich der Kaiser, die Stadt einzunehmen, doch er gewann nichts anderes als täglich frisches Menschenfleisch der Seinen. Denn täglich fanden dort edle Männer den Tod, die nach Herausnahme der Eingeweide mit Salz oder Spezereien einbalsamiert und auf beladenen Wagen aufbewahrt wurden, um als Tribut Polens vom Kaiser nach Bayern oder nach Sachsen gebracht zu werden.

10    Panischer Schrecken der an der Spitze und bei der Nachhut bedrängten Deutschen
Und als der Kaiser gesehen hatte, dass er weder durch Waffen noch durch Drohungen, weder durch Geschenke noch durch Versprechungen die Bürger hätte umstimmen und dass er, auch wenn er dort länger gestanden wäre, nichts hätte erreichen können, hielt er Rat und verlegte darauf das Lager gegen die Stadt Breslau.19 Auch dort lernte er die Kräfte Boleslaws und sein Wesen kennen. Denn wohin auch immer der Kaiser sich wandte oder wo auch immer er das Lager oder Wachposten aufstellte, zog auch Bolesław bald früher, bald später einher, und immer war er dem Standquartier des Kaisers nahe. Und wenn der Kaiser weiterziehend sein Lager abbrach, war auch Bolesław als Wegbegleiter da, und wenn jemand aus den Reihen trat, wusste er nicht mehr, wo es zurückging, und wenn bisweilen mehrere auf der Suche nach Lebensmitteln oder Pferdefutter im Vertrauen auf ihre Zahl etwas weiter vom Lager vorgingen, stellte sich sofort Bolesław mitten zwischen ihnen und dem Heer entgegen, und während sie unter solchen Umständen Beute machten, wurden auch sie selbst zur Beute Boleslaws. Aus diesen Gründen hatte er ein so großes und so gerüstetes Heer in einen solchen Schrecken versetzt, dass er sogar die Böhmen (die von Natur aus Räuber sind)20 gezwungen hatte, entweder das, was sie selbst hatten, zu essen oder zu hungern. Niemand wagte nämlich das Lager zu verlassen, kein Knappe nahm sich heraus, Gras zu sammeln, keiner, über die aufgestellte Linie der Wachposten hinauszugehen, um den Leib zu entleeren. Man fürchtete Bolesław Tag und Nacht, alle dachten nur an ihn, man nannte ihn den „Nichtschlafenden Bolesław“. Wenn es wo ein Wäldchen, ein Gebüsch gab, rief man: „Aufpassen!
Dort steckt er!“ - Es gab keinen Platz, wo man nicht Bolesław vermutete. Auf solche Weise ließ er ihnen pausenlos keine Ruhe, wie ein Wolf packte er welche bald an der Spitze, bald am Ende, bald bedrängte er sie in den Flanken. Und so gingen die bewaffneten Krieger täglich vor, und immer wieder hielten sie nach Bolesław Ausschau, als wenn er da sei. Auch des Nachts schliefen alle in ihren Brustpanzern oder saßen in den Quartieren, die einen hielten Wache, andere schritten während der ganzen Nacht rundum das Lager ab, andere riefen: „Wachet, hütet, bewahret!“
[...]
12    Der Kaiser ist gezwungen, um Frieden zu bitten
Einige edle und nachdenkliche Männer aber, die das hörten, staunten und sprachen zueinander: „Wenn Gott nicht diesem Mann zur Seite stünde, würde er ihm niemals einen solchen Sieg über die Heiden schenken, und niemals würde er uns so mannhaft gegenüberstehen. Und wenn Gott ihn nicht mit Macht so erhöhte, würde ihn unser Volk niemals so lobpreisen.“ Aber Gott tat dies vielleicht nach geheimem Ratschluss, er, der das Lob auf den Kaiser auf Bolesław übertrug. Des Volkes Stimme pflegt nämlich immer mit der Stimme des Herrn zusammenzutreffen. Darum ist es klar, dass das Volk, wenn es das Lied singt, dem Willen Gottes gehorcht. — Dem Kaiser jedoch missfiel das Lied des Volkes, und sehr oft verbot er es zu singen, aber er veranlasste das Volk nur umso mehr zu einer solchen Unverfrorenheit. Doch der Kaiser, der an den warnenden Beispielen und Geschehnissen erkannte, dass er das Volk durch nutzloses Bemühen leiden ließ, dem göttlichen Willen aber nicht widerstehen konnte, dachte insgeheim an etwas anderes, täuschte aber vor, etwas anderes tun zu wollen. Jedenfalls erwog er, dass ein so großes Kriegsvolk nicht länger ohne Beute leben konnte und dass Bolesław fortwährend wie ein brüllender Löwe sie umkreiste. Pferde verendeten, die Männer litten unter Nachtwachen, Anstrengung und Hunger, dichte Wälder, morastige Sümpfe, stechende Fliegen, spitze Pfeile, bissige Landleute ließen nicht zu, dass das erfüllt wurde, was man sich vorgenommen hatte. Deshalb gab er vor, nach Krakau gehen zu wollen, er schickte Friedensunterhändler zu Bolesław und verlangte eine Geldsumme, aber nicht in solcher Höhe und auch nicht so hochmütig, wie er vorher gefordert hatte, mit folgenden Worten.

13  Brief des Kaisers an Herzog Bolesław von Polen
Der Kaiser an Herzog Bolesław von Polen Gnade und Heil. - Nachdem ich deine Tüchtigkeit kennengelernt habe, stimme ich den Ratschlägen meiner Fürsten zu und werde nach Erhalt von dreihundert Mark in Frieden von hier abziehen. Das genügt mir vollauf zur Ehre, wenn wir zugleich den Frieden haben und die Liebe. Wenn es dir aber gefällt, dies abzulehnen, wirst du mich bald am Sitz von Krakau erwarten können.


14  Antwortschreiben an den Kaiser
Daraufhin erwiderte der Herzog des Nordens: Dem Kaiser wünscht Bolesław, Herzog von Polen, wohl Frieden, aber nicht in der Hoffnung auf Geldsendungen. Es steht in eurer kaiserlichen Macht, zu gehen oder zurückzukehren, doch bei mir wirst du dennoch für Angst oder irgendeine Bedingung auch nicht einen Obolus finden. Lieber will ich nämlich zur (selben) Stunde bei Erhaltung der Freiheit die Herrschaft über Polen verlieren als in einem Frieden mit Schande sie für immer behalten.

15  Der Kaiser kehrt zurück und nimmt als Tribut Leichen mit
Als der Kaiser dies gehört hatte, ging er an die Stadt Breslau heran, wo er nichts anderes erreichte als aus den Reihen der Lebenden Tote. Und als er vortäuschte, nach Krakau zu gehen und dabei längere Zeit hierhin und dahin rings um den Fluss herumzog und auf solche Weise Bolesław Schrecken einzujagen und seinen Sinn zu ändern gedachte, war Bolesław deshalb überhaupt nicht beunruhigt und antwortete den Gesandten nichts anderes als früher. Da nun der Kaiser sah, dass er durch langes Verweilen eher Schaden und Schande zu erwarten habe als Ehre und Gewinn, entschloss er sich, weil er als Tribut nichts anderes als Leichen forttrug, abzuziehen. Dadurch, dass er vorher hochmütig eine hohe Geldsumme forderte, gewann er, obwohl er zum Schluss wenig verlangte, auch nicht einen Denar.23 Und da er die alte Freiheit Polens hochmütig zu unterjochen gedachte, machte der gerechte Richter jenen Plan zunichte und rächte das, Unrecht an dem Ratgeber Svatopluk, und zwar jenes und (manches) andere.

Quelle
Krieg Bolesław III. Schiefmunds mit dem römisch-deutschen König Heinrich V., in: Polens Anfänge. Gallus Anonymus: Chronik und Taten der Herzöge und Fürsten von Polen (Slavische Geschichtsschreiber, 10), hg. v. Josef Bujnoch, Wien (u.a.) 1978, S. 172-187. 
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Erstellt
10.12.2015 
Zuletzt geändert
24.09.2020 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Krieg Bolesław III. Schiefmunds mit dem römisch-deutschen König Heinrich V., in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Polen in der Piasten- und Anjouzeit", bearb. von Paul Srodecki (Gießen/Ostrava). URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/2190/details.html (Zugriff am )