Geographische Lage

Gallus Anonymus über die geographische Lage Polens

Da in der gesamten Weite des Erdkreises von den meisten Königen und Herzögen denkwürdige Taten vollbracht werden, die von der aus Abneigung stammenden Vernachlässigung der gelehrten Schriftsteller, vielleicht auch aus Unvermögen, mit Schweigen bedeckt werden, hielten wir es für der Mühe wert, um des einen ruhmvollen und siegreichen Herzogs namens Bolesław willen einige Taten der polnischen Fürsten niederzuschreiben, und zwar lieber in einem unzulänglichen Stil9, als der Erinnerung der Nachfahren überhaupt nichts Nachahmenswertes zu bewahren, hauptsächlich aber auch deshalb, weil Bolesław durch Gnadengeschenk Gottes und auf die Fürbitten des heiligen Aegidius hin geboren ward, durch den er, wie wir glauben, von Glück wohlbedacht und immer siegreich war. Weil aber das Land der Polen abseits von den Pilgerstraßen liegt und - abgesehen von den des Handels wegen nach Russland Hindurch ziehenden — nur wenigen bekannt ist, möge es niemandem abwegig erscheinen, wenn davon kurz die Rede ist, und wenn anstatt eines Teiles das Ganze in der Beschreibung eingeführt wird, möge das niemand als eine Belästigung ansehen.

Polen ist also im Norden der nördliche Teil des Slaven-Landes, im Osten hat es Russland, im Süden Ungarn, im Südwesten Mähren und Böhmen, im Westen Dakien und Sachsen1 zu Grenznachbarn. Gegen das nördliche Meer aber oder das Meer der Amphitrite hat es als Nachbarn drei sehr wilde Völkerschaften heidnischer Barbaren: Selencia, Pomoranen und Preußen. Gegen diese Länder kämpft der Herzog der Polen unablässig, um sie zum Glauben zu bekehren. Aber weder mit dem Schwert der Predigt vermochte man ihr Herz vom Unglauben zu trennen, noch konnte man das zutiefst verhaftete Otterngezücht durch das Schwert der Verfolgung ausrotten. Oft jedoch nahmen ihre Anführer, vom polnischen Herzog im Kampfe besiegt, ihre Zuflucht zur Taufe, und ebenso verleugneten sie, wenn sie ihre Kräfte gesammelt hatten, den christlichen Glauben und rüsteten erneut zum Krieg gegen die Christen. - Es gibt auch noch jenseits dieser Völker und unterhalb der Arme der Amphitrite andere heidnische Barbaren Völker und unbewohnbare Inseln, wo ewiger Schnee liegt und Eis.

Das (gesamte) Slaven-Land nun, das im Norden aus diesen teilweise abgetrennten oder selbständigen Landschaften besteht, reicht von den sarmatischen (Völkerschaften) - sie heißen auch Geten1 - bis nach Dakien und Sachsen, wenn man aber von Thrakien aus über Ungarn, das einst von den gleichfalls Ungarn genannten Hunnen besetzt war, herabkommt, grenzt es über Kärnten an Bayern. Nach Süden zu aber, wenn man entlang dem Mittelmeer vom Epirus ausgeht, wird es über Dalmatien, Kroatien und Istrien von den Rändern des Adriatischen Meeres begrenzt und dort, wo Venedig und Aquileja liegt, von Italien getrennt. Obwohl dieses Land sehr waldreich ist, hat es trotzdem Gold und Silber, Brot und Fleisch, Fisch und Honig. Es ist auch in der Hinsicht anderen Ländern am meisten vorzuziehen, dass es, obwohl es von den so zahlreichen obengenannten Völkerstämmen, christlichen und heidnischen, umgeben ist und sowohl von allen insgesamt, als auch von einzelnen oftmals bekämpft war, dennoch von niemandem völlig unterjocht wurde. Es ist das Land, wo die Luft gesund ist, der Ackerboden fruchtbar, der Wald von Honig fließend, das Wasser fischreich, wo die Krieger kriegerisch sind, die Bauern arbeitsam, die Pferde ausdauernd, die Stiere zum Pflügen geeignet, die Kühe reich an Milch, die Schafe reich an Wolle.

Quelle
Polens Anfänge. Gallus Anonymus: Chronik und Taten der Herzöge und Fürsten von Polen (Slavische Geschichtsschreiber, 10), hg. v. Josef Bujnoch, Wien (u.a.) 1978, S. 47-49. 
Copyright
Verbreitung und Vervielfältigung nur zu wissenschaftlichen Zwecken. Voraussetzung für die Nutzung in wissenschaftlichen, nichtkommerziellen Publikationen und Abschlussarbeiten ist neben der korrekten Zitation – unter Berücksichtigung der empfohlenen Zitierweise – eine entsprechende Meldung an die Projektkoordination über das Meldeformular
Erstellt
10.12.2015 
Zuletzt geändert
22.06.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Geographische Lage, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Polen in der Piasten- und Anjouzeit", bearb. von Paul Srodecki (Gießen/Ostrava). URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/2189/details.html (Zugriff am )