Ibrahim ibn Yaqub - Ältester Bericht über das Land der Polanen

Der Jude Ibrâhîm ibn Ja'qûb berichtet Mitte des 10. Jahrhunderts von der Ausbreitung der Slawenländer bis Mitte des 10. Jahrhunderts und den Gepflogenheiten der dort beheimateten Stämme.

Der Jude Ibrâhîm ibn Ja'qûb erzählt: Die Slawenländer erstrecken sich vom Syrischen (d. i. Mittelländischen) Meer bis zum Okeanos nach Norden. Völker1 aus dem Innern (Norden) haben sich jedoch eines Teiles derselben bemächtigt und wohnen bis auf den heutigen Tag zwischen ihnen. Sie bilden viele verschiedene Stämme (adschnâs). In früheren Zeiten waren sie geeint durch einen König, den sie Mâchâ2 nannten. Der war von einem Stamm, der Welînbâbâ3 hieß, und dieser Stamm stand bei ihnen in Ansehen. Dann trat Zwiespalt unter ihnen ein, und ihre Organisation ging zugrunde; ihre Stämme bildeten Parteien, und in jedem ihrer Stämme kam ein König zur Regierung. Zur Zeit haben sie vier Könige: den König der Bulgaren, Bûîșlâw4, den König von Prag (Prâga), Böhmen und Krakau, Mescheqqo5, den König des Nordens, und Nâqûn6 im äußersten Westen.

[…]
So bauen die Slawen die meisten ihrer Burgen; Sie gehen zu Wiesen, reich an Wasser und Gestrüpp, stecken dort einen runden oder viereckigen Platz ab nach Form und Umfang der Burg, wie sie sie beabsichtigen, graben ringsherum und schütten die ausgehobene Erde auf, wobei sie mit Planken und Pfählen nach Weise der Bastionen (tawâbî) gefestigt1 wird, bis die Mauer die beabsichtigte Höhe erreicht. Auch wird für die Burg ein Tor abgemessen, an welcher Seite man will und man geht auf einer hölzernen Brücke aus und ein.

[…]
Was nun das Land des Mescheqqo anlangt, so ist es das ausgedehnteste ihrer Länder, und es ist reich an Getreide, Fleisch, Honig und Fischen7. Er zieht die Abgaben in gemünztem Gelde8 ein, und dieses bildet den Unterhalt seiner Mannen; in jedem Monat bekommt ein jeder eine bestimmte Summe davon. Er hat  3000 Gepanzerte, und das sind Krieger9, von denen das Hundert 10000 andere aufwiegt. Er gibt den Mannen Kleider, Rosse, Waffen und alles, was sie brauchen. Wird einem von ihnen ein Kind geboren, so befiehlt er sofort Anweisung des Unterhalts, ob es nun männlich oder weiblich sei, und wenn es geschlechtsreif geworden ist, verschafft er ihm, wenn es männlichen Geschlechtes ist eine Frau und entrichtet für es die Heiratsgabe (niḥle) an den Vater des Mädchens- ist es aber ein Mädchen, verheiratet er es und gibt die Heiratsgabe dem Vater desselben. Die Hochzeitsgabe ist bei den Slawen groß, und ihr Verfahren dabei ist wie das der Berber. Werden einem Manne 2 oder 3 Tochter geboren, so sind sie der Grund seines Reichtums, werden ihm aber Sohne geboren so verarmt er. Es grenzen an Mescheqqo im Osten die Rûs und im Norden die Brûs (Preußen).


1) Qabâil (Plural von qabile) sind eigentlich Nomadenstämme, aber meist größere Verbände weshalb es Burckhardt (Beduinen und Wahaby) durch „Nationen" wiedergibt.
2) Diese Stelle schob Bekrî aus Mas'ûdi ein; der Name ist wahrscheinlich entstellt. Vermutung in Marquarts Streifzügen, Leipzig 1903, S. 146 ff.
3) Das b kann durch Veränderung der Punkte, die oft nicht gesetzt werden, j und n gelesen werden. Gemeint sind die Wolynjane, s. Marquart a. a. O. S. 147.
4) Boleslav I. von Böhmen regierte 935-967; ihm folgte Boleslav II. 967-999.
5) Die Verdoppelung des q ist, wie Westberg zeigt, begründet. Auslautendes He in fremden Namen entspricht in magribinischen Texten häufig einem o, vgl. Ibn Ja'qûb's Umschreibung des Namens Otto; Wright führt Carlo und Don Pedro als Belege an. Mieszko I. etwa 960-992.
6) Text: Nâqûr. Naccon starb nach Westberg spätestens 967.

7) De Goeje las ḥût statt ḥarth (Ackerland) der Handschriften.
8) al-mathâquil sind wohl richtig als Marktmünzen gedeutet; die Übersetzung „byzantinische Münzen“, die sich bei Wattenbach und andern findet, beruht auf einer ganz willkürlichen Textveränderung, und auch, davon abgesehen, wäre der gewonnene Ausdruck durchaus unwahrscheinlich; auch an Samarqander Münzen, wie sie damals im slawischen Osten und germanischen Norden kursierten, und wie sie Ṭarṭûschî in Mainz sah, ist kaum zu denken.

9) Codex  Landberg liest statt adschnâd indschâd: eine Hilfe.

Quelle
Ibrahim ibn Yaqub - Ältester Bericht über das Land der Polanen, in: Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert, hg. v. Georg Jacob, Berlin u. Leipzig 1927 (Quellen zur deutschen Volkskunde 1), S. 11-14. 
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Erstellt
30.11.2015 
Zuletzt geändert
24.09.2020 

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Ibrahim ibn Yaqub - Ältester Bericht über das Land der Polanen, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Polen in der Piasten- und Anjouzeit", bearb. von Paul Srodecki (Gießen/Ostrava). URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/2147/details/3147.html (Zugriff am )