SS-Bericht über die Lage der Juden im Protektorat 1939-1941

Bericht des SS-Hauptsturmführers Hans Günther von der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, Prag

Modul
Protektorat Böhmen und Mähren
Sprache
Deutsch

1941, 2. Oktober, Prag

Betrifft: Entwicklung und Lage der Juden im Protektorate Böhmen und Mähren vom 15. 3. 1939 bis 1.10.1941.

I. Vermerk
Seit Eingliederung des Gebietes Böhmen und Mähren in den Grossdeutschen Raum vollzieht sich eine Entwicklung, die durch die völlige Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen, wirtschaftlichen- und gesellschaftlichen Leben gekennzeichnet ist.
Im öffentlichen Leben war die Entfernung der Juden aus der Politik, Presse, Rundfunk, Kunst und Erziehungswesen eine natürliche Folge des 15. 3.1939.

In der Wirtschaft wurden zwei Wege beschritten:

1) Die Ausschaltung der Juden aus dem Berufsleben.
Dieses Ziel wurde durch das Verbot der Berufsausübung von Rechtsanwälten, Notaren, Patentanwälten, Ziviltechnikern, ferner durch die Entlassung jüdischer Angestellter aus öffentlichen und privaten Unternehmen, und schließlich durch die etappenweise Liquidierung des gesamten Klein- und Großhandels und zahlreicher weiterer Wirtschaftszweige, erreicht.
Abgesehen von geringen Ausnahmen, die aus volkswirtschaftlichen Gründen notwendig waren, gibt es heute kein jüdisches Berufsleben mehr. Die beschäftigungs- und existenzlos gewordenen Juden werden in immer steigenderem Masse in den Arbeitseinsatz eingegliedert, besonders bei Hoch-, Tief- und Bahnbau, Regulierungsarbeiten, allen Arten von Hilfsarbeiten in Bauten und Betrieben, sowie in der Land- und Forstwirtschaft. Der Arbeitseinsatz erfolgt gruppenweise. Über die Veränderung in der wirtschaftlichen Struktur der Juden und den Arbeitseinsatz gibt die angeschlossene graphische Darstellung Aufschluß.

2) Anordnungen betreffend das jüdische Vermögen.
Den Juden wurde verboten, ohne besondere Genehmigung über ihren Liegenschafts- oder Geschäftsbesitz zu verfügen.
Ihre Guthaben bei den Geldanstalten wurden gesperrt und Auszahlungen aus ihnen durften nur bis zu einem bestimmten Betrage in jedem Monat (RM 150,- je Person) vorgenommen werden.
Den Juden wurde auch verboten, ihre Wohnungen zu vermieten.
Der Erfassung des jüdischen Vermögens dienten die verschiedenen Vorschriften über die Anmeldepflicht.
Die Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben waren vielfältig.

Am einschneidensten wirkte die Polizeiverordnung vom 14. 9. 1941 über die Kennzeichnung der Juden. Schon vorher waren folgende Anordnungen ergangen:
1) Verbote des Besuches von Vergnügungsstätten, Sportveranstaltungen, Parkanlagen, Badeanstalten, bestimmten Strassen und Plätzen, Theater, Kino und Büchereien;
2) Festsetzung bestimmter Zeiten für den Einkauf und den Besuch von Geldanstalten - hierher gehört auch die Ausgangssperre nach 20 Uhr;
3) Die Anordnung, nur einen bestimmten Wagen der Strassenbahn, nur bestimmte Postämter und Krankenhausabteilungen benützen zu dürfen;
4) Verbote der Benützung von Mietautos, Schlaf- und Speisewagen, Dampfern und Rundfunkgeräten;
5) Ausschluß aus sämtlichen Vereinen;
6) Verbot des Wohnsitzwechsels.
Das gesamte jüdische Leben im Protektorat ist heute in den Kultusgemeinden zentralisiert. Die rechtliche Grundlage dafür bildet die VO.RProt. vom 5. 3. 1940 über die Betreuung der Juden und jüdischen Organisationen, die der Jüdischen Kultusgemeinde Prag das Weisungsrecht über sämtliche Kultusgemeinden unter Aufsicht der Zentralstelle für jüdische Auswanderung Prag erteilt.
Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung Prag hat von den ihr auf Grund der angeführten Verordnung zustehenden Rechten vollen Gebrauch gemacht. Sie hat bereits die meisten jüdischen Organisationen aufgelöst. Die endgültige Liquidierung ist im Zuge. Sie hat auch durch ihren Vermögensträger den Auswanderungsfonds für Böhmen und Mähren, ungefähr 1500 jüdische Liegenschaften in Prag und in der Provinz erworben.
Außerdem hebt die Zentralstelle für jüdische Auswanderung Prag von jedem Juden, der auswandert, eine Auswanderungsumlage ein, die nach dem Vermögen gestaffelt ist.
Nach zweieinhalbjährigem Bestehen des Protektorates steht als Erfolg, daß die jüdische Wirtschaft fast vollständig vernichtet und das jüdische Leben in allen Beziehungen eingeschränkt ist.
Als Anlage ist eine statistische Übersicht über den zahlenmässigen Stand sowie die Veränderungen der jüdischen Bevölkerung im Protektorate seit 15.3.1939 beigeschlossen. Daraus ist eine Verminderung der jüdischen Bevölkerungsziffer, deren Hauptanteil auf die Auswanderung zurückzuführen ist, ersichtlich.

Die Tafel zeigt auch die vollständige Liqudierung des jüdischen Vereinslebens.
Eine andere Aufstellung zeigt die Entwicklung der Judenumsiedlungsaktion in Prag.
Aus der 2. Tafel schließlich ist das Ergebnis der Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft zu ersehen.

Stand der jüd. Bevölkerung am 15.3.1939 (nach Alter und Geschlecht)

 

Alter

Männer

Frauen

– 18

9 305

8 728

18 – 45

25 458

24 024

45 – 60

14 467

14 404

60 –

9 912

12 012

 

Gesamtzahl d. Juden 15.3.1939: 118 310
Todesfälle 15.3.1939 – 1.10.1941: 4 825
Geburten 15.3.1939 – 1.10.1941: 229


Auswanderung d. Juden vom 15.3.1939 bis 1.10.1941 (nach Weltteilen und Altersstufen)

 

 

Weltteil

– 18

18 – 45

45 – 60

60 –

Nordamerika

250

820

293

119

Südamerika

925

3172

496

80

Mittelamerika

80

464

93

32

Afrika

21

112

29

6

Asien (ohne Palästina)

531

2630

789

92

Europa

2332

7566

1843

612

Australien

16

114

33

13

Palästina

799

885

362

71


Auswanderung 15.3.1939 – 1.10.1941:  25 670

 

 

Alter

Männer

Frauen

– 18

5 536

5 418

18 – 45

15 304

16 844

45 – 60

11 514

12 927

60 –

9 068

11 494

Quelle
Protektorátní politika Reinharda Heydricha [Die Protektoratspolitik Reinhard Heydrichs]. Hg. von Miroslav Kárný, Jaroslava Milotová u. Margita Kárná. Praha 1991, Dok. 10, S. 113-117. 
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Erstellt
12.10.2015 
Zuletzt geändert
12.10.2015 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

SS-Bericht über die Lage der Juden im Protektorat 1939-1941, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Protektorat Böhmen und Mähren", bearb. von Stefan Lehr (Münster). URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/2048/details.html (Zugriff am )