Bericht über die gewaltsame Auflösung des Warschauer Ghettos

Jürgen Stroop, Generalleutnant der Waffen-SS, dokumentiert seine Handlungen und das Vorgehen der SS während der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstandes, der von 19.04.-16.05.1943 dauerte

Schon bald nach den ersten Tagen erkannte ich, dass der ursprünglich vorgesehene Plan nicht zur Durchführung zu bringen war, wenn die überall im Ghetto verteilt liegenden Rüstungs- und Wehrwirtschaftsbetriebe nicht aufgelöst würden. Es war deshalb notwendig, diese Betriebe unter Ansetzung eines angemessenen Termins zur Räumung und sofortigen Verlagerung aufzufordern. So wurde ein Betrieb nach dem anderen behandelt und dadurch in kürzester Frist erreicht, dass die den Juden und Banditen sich bietende Möglichkeit, immer wieder in diese von der Wehrmacht betreuten Betriebe hinüberzuwechseln, genommen wurde. Um entscheiden zu können, in welcher Zeit diese Betriebe geräumt werden konnten, waren eingehende Besichtigungen notwendig. Die bei diesen Besichtigungen festgestellten Zustände sind unbeschreiblich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwo anders ein größerer Wirrwarr bestanden haben kann als in dem Warschauer Ghetto. Die Juden hatten alles in ihren Händen, von chemischen Mitteln zur Anfertigung von Sprengstoffen angefangen bis zu Bekleidungs- und Ausrüstungsstücken der Wehrmacht. Die Betriebsführer hatten in ihren Betrieben so wenig Übersicht, dass es den Juden möglich war, innerhalb dieser Betriebe Kampfmittel aller Art, insbesondere Wurfgranaten und Molotow-Cocktails usw. herzustellen.

Ferner ist es den Juden gelungen, in diesen Betrieben Widerstandsnester einzurichten. Ein derartiges Widerstandsnest musste bereits am zweiten Tag in einem Betrieb der Heeresunterkunfts-Verwaltung durch Einsatz eines Pionierzuges mit Flammenwerfern und Artilleriebeschuss bekämpft werden. Die Juden hatten sich in diesem Betrieb derartig eingenistet, dass es nicht möglich war, sie zum freiwilligen Verlassen der Betriebsstätte zu bewegen, weshalb ich mich entschloss, den Betrieb am nächsten Tage durch Feuer zu vernichten.

Die Betriebsführer dieser Betriebe, die meistens von einem Offizier der Wehrmacht noch betreut wurden, waren in fast allen Fällen nicht in der Lage, konkrete Angaben über die Bestände und den Ort der Lagerung dieser Bestände zu machen. Die von ihnen gemachten Angaben über die Zahl der bei ihnen beschäftigten Juden stimmte in keinem Falle. Es musste immer wieder festgestellt werden, dass in diesen Häuserlabyrinthen, die als Wohnblocks zu den Rüstungsbetrieben gehörten, reiche Juden unter dem Deckmantel eines, Rüstungsarbeiters mit ihren Familien Unterkunft gefunden hatten und dort ein herrliches Leben führten. Trotz aller ergangenen Befehle, die Juden zum Verlassen der Betriebe aufzufordern, musste mehrfach festgestellt werden, dass Betriebsführer die Juden in der Erwartung einschlössen, dass die Aktion nur wenige Tage dauern würde, um dann mit den ihnen verbleibenden Juden weiterzuarbeiten. Nach Aussagen festgenommener Juden sollen Firmeninhaber mit Juden Zechgelage veranstaltet haben. Hierbei sollen auch Frauen eine große Rolle gespielt haben. Die Juden sollen bestrebt gewesen sein, mit Offizieren und Männern der Wehrmacht guten Verkehr zu unterhalten. Es seien öfters Zechgelage vorgekommen und im Laufe derselben zwischen Deutschen und Juden gemeinsame Geschäfte getätigt worden.

Die Zahl der in den ersten Tagen aus den Häusern herausgeholten und erfassten Juden war verhältnismäßig gering. Es zeigte sich, dass sich die Juden in den Kanälen und besonders eingerichteten Bunkern versteckt hielten. Wenn in den ersten Tagen angenommen worden war, dass nur vereinzelte Bunker vorhanden seien, so zeigte sich doch im Laufe der Großaktion, dass das ganze Ghetto systematisch mit Kellern, Bunkern und Gängen versehen war. Diese Gänge und Blinker hatten in allen Fällen Zugänge zu der Kanalisation. Dadurch war ein ungestörter Verkehr unter der Erde zwischen den Juden möglich. Dieses Kanalnetz benutzten die Juden auch dazu, um unter der Erde in den arischen Teil der Stadt Warschau zu entkommen. Laufend trafen Meldungen ein, dass Juden sich durch die Kanallöcher zu entziehen versuchten. Unter dem Vorwand, Luftschutzkeller zu bauen, wurden seit dem Spätherbst 1942 in diesem ehemaligen jüdischen (Wohnbezirk die Bunker errichtet. Sie sollten dazu dienen, sämtliche Juden bei der schon lange vermuteten neuen Umsiedlung aufzunehmen und von hier aus den Widerstand gegen die Einsatzkräfte zu organisieren. Durch Maueranschläge, Flugzettel-und Flüsterpropaganda hatte die kommunistische Widerstandsbewegung im ehemaligen jüdischen Wohnbezirk auch erreicht, dass mit Beginn der neuen Großaktion die Bunker sofort bezogen wurden. Wie vorsorglich die Juden gearbeitet hatten, beweist die in vielen Fällen festgestellte geschickte Anlage der Bunker mit Wohneinrichtungen für ganze Familien, Wasch- und Badeeinrichtungen, Toilettenanlagen, Waffen- und Munitionskammern und großen Lebensmittelvorräten für mehrere Monate. Es gab besondere Bunker für arme und reiche Juden. Das Auffinden der einzelnen Bunker durch die Einsatzkräfte war infolge der Tarnung außerordentlich schwierig und in vielen Fällen nur durch Verrat seitens der Juden möglich.

Schon nach den ersten Tagen stand fest, dass die Juden keinesfalls mehr an eine freiwillige Umsiedlung dachten, sondern gewillt waren, sich mit allen Möglichkeiten und den ihnen zur Verfügung stehenden Waffen zur Wehr zu setzen. Es hatten sich unter polnisch-bolschewistischer Führung sogen. Kampfgruppen gebildet, die bewaffnet waren und für die ihnen greifbaren Waffen jeden geforderten Preis zahlten.

Während der Großaktion konnten Juden gefangen werden, die bereits nach Lublin bzw. Treblinka verlagert waren, dort ausbrachen und mit Waffen und Munition versehen in das Ghetto zurückkehrten. Die polnischen Banditen fanden im Ghetto immer wieder Unterschlupf und blieben dort fast unbehelligt, weil keine Kräfte vorhanden waren, in diesen Wirrwarr einzudringen. Während es zu -nächst möglich war, die an sich feigen Juden in größeren Massen einzufangen, gestaltete sich die Erfassung der Banditen und Juden in der zweiten Hälfte der Großaktion immer schwieriger. Es waren immer wieder Kampfgruppen von 20 bis 30 und mehr jüdischen Burschen im Alter von 18 bis 25 Jahren, die jeweils eine entsprechende Anzahl Weiber bei sich hatten, die neuen Widerstand entfachten. Diese Kampfgruppen hatten den Befehl, sich bis zum Letzten mit Waffengewalt zu verteidigen und sich gegebenenfalls der Gefangennahme durch Selbstmord zu entziehen. Einer solchen Kampfgruppe gelang es, aus einem Siel der Kanalisation in der sog. Prosta einen Lastkraftwagen zu besteigen und damit zu entkommen (etwa 30 bis 35 Banditen). Ein Bandit, der mit diesem Lastkraftwagen angekommen" war, brachte 2 Handgranaten zur Entzündung, die das Zeichen für die sich im Kanal bereithaltenden Banditen waren, um aus dem Siel herauszuklettern. Die Banditen und Juden - es befanden sich darunter auch immer wieder polnische Banditen, die mit Karabinern, Handfeuerwaffen und 1 IMG, bewaffnet waren - bestiegen den Lkw, und fuhren dann in unbekannter Richtung davon. Der letzte Mann dieser Bande, der Wache im Kanal und den Auftrag hatte, den Deckel der Kanalöffnung zu schließen wurde gefangen. Von diesem stammen die vorstehend gemachten Angaben. Die angesetzte Fahndung nach dem Lastkraftwagen ist leider ergebnislos verlaufen.

Bei dem bewaffneten Widerstand waren die zu den Kampfgruppen gehörenden Weiber in gleicher -Weise wie die Männer bewaffnet und zum Teil Angehörige der Haluzzenbewegung. Es war keine Seltenheit, daß diese Weiber aus beiden Händen mit Pistolen feuerten. Immer wieder kam es vor, daß sie Pistolen und Handgranaten (polnische Eierhandgranaten) bis zum letzten Moment in ihren Schlüpfern verborgen hielten, um sie dann gegen die Männer der Waffen-SS, Polizei und Wehrmacht anzuwenden.
Der von den Juden und Banditen geleistete Widerstand konnte nur durch energischen, unermüdlichen Tag- und Nachteinsatz der Stoßtrupps gebrochen werden. Am 23.4.1943 erging vom Reichsführer-SS über den Höheren SS- und Polizeiführer Ost in Krakau der Befehl, die Durchkämmung des Ghettos in Warschau mit größter Härte und unnachsichtlicher Zähigkeit zu vollziehen. Ich entschloss mich deshalb, nun mehr die totale Vernichtung des jüdischen Wohnbezirks durch Abbrennen sämtlicher Wohnblocks, auch der Wohnblocks bei den Rüstungsbetrieben, vorzunehmen. Es wurde systematisch ein Betrieb nach dem anderen geräumt und anschließend durch Feuer vernichtet. Fast immer kamen dann die Juden aus ihren Verstecken und Bunkern heraus. Es war nicht selten, dass die Juden in den brennenden Häusern sich solange aufhielten, bis sie es wegen der Hitze und aus Angst vor dem Verbrennungstod vorzogen, aus den Stockwerken herauszuspringen, nachdem sie vorher Matratzen und andere Polstersachen aus den brennenden Häusern auf die Straße geworfen hatten. Mit gebrochenen Knochen versuchten sie dann noch über die Straße in Häuserblocks zu kriechen, die noch nicht oder nur teilweise in Flammen standen. Oft wechselten die Juden auch ihre Verstecke während der Nacht, indem sie sich in bereits abgebrannte Ruinen verzogen und dort solange Unterschlupf fanden, bis sie von den einzelnen Stoßtrupps aufgefunden wurden. Auch der Aufenthalt in den Kanälen war schon nach den ersten 8 Tagen kein angenehmer mehr. Häufig konnten auf der Straße durch die Schächte laute Stimmen aus den Kanälen herausgehört werden. Mutig kletterten dann die Männer der Waffen-SS oder der Polizei oder Pioniere der Wehrmacht in die Schächte hinein, um die Juden herauszuholen und nicht selten stolperten sie dann über bereits verendete Juden oder wurden beschossen. Immer mussten Nebelkerzen in Anwendung gebracht werden, um die Juden herauszutreiben. So wurden an einem Tage 183 Kanaleinsteiglöcher geöffnet und in diese zu einer festgelegten X-Zeit Nebelkerzen herabgelassen mit dem Erfolg, dass die Banditen vor dem angeblichen Gas flüchtend im Zentrum des ehemaligen jüdischen Wohnbezirks zusammenliefen und aus den dort befindlichen Kanal Öffnungen herausgeholt werden konnten. Zahlreiche Juden, die nicht gezählt werden konnten, wurden in Kanälen und Bunkern durch Sprengungen erledigt. Je länger der Widerstand andauerte, desto härter wurden die Männer der Waffen-SS, der Polizei und der Wehrmacht, die auch hier in treuer Waffenbrüderschaft unermüdlich an die Erfüllung ihrer Aufgaben herangingen und stets beispielhaft und vorbildlich ihren Mann standen. Der Einsatz ging oft vom frühen Morgen bis in die späten Nachtstunden. Nächtliche Spähtrupps, mit Lappen um die Füße gewickelt, blieben den Juden auf den Fersen und hielten sie ohne Unterbrechung unter Druck. Nicht selten wurden Juden, welche die Nacht benutzten, um aus verlassenen Bunkern ihre Lebensmitte Vorräte zu ergänzen oder mit Nachbargruppen Verbindung aufzunehmen bzw. Nachrichten auszutauschen, gestellt und erledigt.

Wenn man berücksichtigt, dass die Männer der Waffen-SS zum größten Teil vor ihrem Einsatz nur eine 3- bis 4-wöchentliche Ausbildung hinter sich hatten, so muss der von ihnen gezeigte Schneid, Mut und die Einsatzfreudigkeit besonders anerkannt werden. Es ist festzustellen, dass auch die Pioniere der Wehrmacht die von ihnen vorgenommenen Sprengungen von Bunkern, Kanälen und Betonhäusern in unermüdlicher einsatzfreudiger Arbeit vollbrachten. Offiziere und Männer der Polizei, die zu einem großen Teil bereits Fronterfahrungen hatten, bewährten sich erneut durch beispielhaftes Draufgängertum.

Nur durch den ununterbrochenen und unermüdlichen Einsatz sämtlicher Kräfte ist es gelungen, insgesamt 56 065 Juden zu erfassen bzw. nachweislich zu vernichten. Dieser Zahl hinzuzusetzen sind noch die Juden, die durch Sprengungen, Brände usw. ums Leben gekommen, aber zahlenmäßig nicht erfasst werden konnten.

Schon während der Großaktion wurde die arische Bevölkerung durch Plakatanschlage darauf hingewiesen, daß das Betreten des ehemaligen jüdischen Wohnbezirks strengstens verboten ist und dass jeder, der ohne einen gültigen Ausweis im ehemaligen jüdischen Wohnbezirk angetroffen, erschossen wird. Gleichzeitig wurde mit diesen  Plakatanschlägen die arische Bevölkerung nochmals darüber belehrt, daß jeder, der einem Juden wissentlich Unterschlupf gewährt, insbesondere den Juden außerhalb des jüdischen Wohnbezirks unterbringt, beköstigt oder verbirgt, mit dem Tode bestraft wird.

Der polnischen Polizei wurde genehmigt, jedem polnischen Polizisten im Falle der Festnahme eines Juden im arischen Teil der Stadt Warschau 1/3 des Barvermögens des betreffenden Juden auszuhändigen. Diese Maßnahme hat bereits Erfolge aufgewiesen.

Die polnische Bevölkerung hat die gegen die Juden durchgeführten Maßnahmen im Großen und Ganzen begrüßt. Gegen Ende der Großaktion richtete der Gouverneur einen besonderen Aufruf, der dem Unterzeichneten vor Bekanntgabe zur Genehmigung vorgelegt wurde, an die polnische Bevölkerung, mit welchem diese unter Hinweis auf die in letzter Zeit erfolgten Mordanschläge in dem Gebiet der Stadt Warschau und auf die Massengräber in Katyn über die Gründe zur Vernichtung des ehemaligen jüdischen Wohnbezirks aufgeklärt und zum Kampf gegen kommunistische Agenten und Juden aufgefordert wird (s. beiliegendes Plakat).

Die Großaktion wurde am 16.5.1943 mit der Sprengung der Warschauer Synagoge um 20.15 Uhr beendet.

Nunmehr befindet sich in dem ehemaligen jüdischen Wohnbezirk kein Betrieb mehr. Es ist alles, was an Werten, Rohstoffen und Maschinen vorhanden war, abtransportiert und verlagert worden. Alles, was an Gebäuden und sonst vorhanden war, ist vernichtet. Eine Ausnahme hiervon macht nur das sogen. Dzielna-Gefängnis der Sicherheitspolizei, welches von der Vernichtung ausgeschlossen wurde.

Quelle
Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!, in: International Military Tribunal, Dokument 1061-PS, S. 5-11. online verfügbar unter http://www.holocaust-history.org/works/stroop-report-old/htm/intro001.htm 
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Erstellt
03.12.2014 
Zuletzt geändert
17.09.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Holocaust in Polen", bearb. von Imke Hansen. URL: https://www.herder-institut.de/resolve/qid/2457.html (Zugriff am 16.10.2021)