Piłsudski-Kult: Namenstagsfeiern

Piłsudski-Kult: Leitartikel zu den Namenstagsfeiern in der regierungsnahmen Zeitung Głos prawdy [Stimme der Wahrheit]

Modul
Zweite Polnische Republik
Sprache
Deutsch

Zum 19. März

 

Jeder von uns hat diesen einen eigenen Tag im Jahr, an dem unsere Freunde uns spüren lassen, wie viel Freude wir ihnen mit unserer Herzlichkeit und unseren Taten bereiten und auf welch eine Dankbarkeit sie dank unserer Taten stoßen.

 

 

Der 19. März erfüllt ganz Polen: das ist der Tag des Staatsmannes, der dank seiner ungeheuerlichen Arbeit, von hier stammend, sich über die Landesgrenzen entwickelte; er strahlte in der Konstellation der überaus reinsten Kräften des gegenwärtigen Europas, durchdrang sogar diese Harmonie der allerbesten Töne, welche zusammengefügt im lebendigen Akkord der gegenwärtigen Welt zusammenfließen.

 

 

Es gibt in Polen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts keinen Menschen, der auf seinem Weg wirkend, kämpfend, sich mühend und leidend, diesen Staatsmann nicht getroffen hätte – und von diesem Mann keine Erleuchtung des Vorbildes und der Hilfe auf dem schwierigsten Weg empfangen hätte.

 

Es gibt kaum eine Angelegenheit, einen Freiheits- und Gerechtigkeitskampf auf unserer Erde, die nicht ohne die schwersten Opfer gerade durch diese Hand geführt worden ist, mit Begleitung, Bewaffnung, durch Willen und Schutz, mit dem Herzen und der Mühe und ständiger Wachsamkeit, erfüllt von der ritterlichen Autorität  – von Józef Piłsudskis Hand.

 

 

Sein Namenstag, also der Tag an dem wir zeigen wollen, wie viel dieser Oberbefehlshaber bewirkt hat, ist für uns ein besonderer. Denn die großen Verdienste und übernatürlichen Taten dieses Staatsmannes bewirken, dass er aus diesem Anlass eine ehrenhafte Abgeschiedenheit erfährt. Er steht alleine, nicht nur mit uns zusammen, sondern mit der Frucht seiner Arbeit – alleine seinem Vaterland gegenüber.

 

 

Ein überaus würdevoller Moment, erfüllt von dem höchsten Ansehen für die Menschlichkeit.

 

 

Ein Moment, in welchem wir, seine Zeitgenossen, noch einmal mit eigenen Augen sehen können, wie ein einziger Mensch für das ganze Volk genügt. Wie ein einziger Mensch zum Wendepunkt in der Geschichte der Nation werden kann.

 

 

Vom Zeitpunkt der ersten Freiheitsschritte in dem niedergetreteten Land, von diesem Zeitpunkt, wo auf dem Grzybowski-Platz[1] die ersten Kampfschüsse gefallen waren, beginnt der große Zug dieses Mannes durch unser versklavtes Land. Damals kämpften mit ihm – was oft in der Geschichte vorkommt und was der große Ruhm der Enteigneten und brennende Schande für die Besitzer ist: die Ärmsten und die durch das Schicksal Gezeichneten.

 

 

Und gerade mit ihnen brach er auf im Namen der höchsten Ordnung der polnischen Freiheit.

 

Die ganze damalige Meinung, die die Richtung der Nation vorgegeben hat, verschärfte sich in geschickten Beweismitteln dafür, dass er den Kampf zum Schaden den Zielen des nationales Daseins angezettelt hat.

 

 

Als er diesen Kampf überstanden hat, schuf er, ständig auf der Suche, neue, bessere Kampfinstrumente: er organisierte eine disziplinierte Gruppe der entflammten Herzen –  und wieder schloss sich fast die ganze Meinung von den linken Gruppierungen kommend und bis zum Rand „der einzigen nationalen Gruppierung“ gegen ihn zusammen.

 

Als er während des großen Kampfes des Weltkrieges seine Schützen zu Taten riss, versuchten die Staatsmänner mit elenden Vermutungen, den Führer in eine Falle der “Tradition“ und des Kompromisses zu locken. Wenn er aus den Legionen eine neue Festung für den Kampf um die Freiheit des Vaterlandes machte – so führten sie diese Legionen zu nicht erwähnungswürdigen Niederlagen.

 

Und als der Feldherr aus diesen Niederlagen doch ein Wappen des Leidens und des Widerstandes schuf – da übergaben ihn die Staatsmänner der  niederträchtigen Vermutungen in die Hände des Feindes.

 

Während er eingesperrt in seinem Gefängnis saß, wuchs er in den Herzen der Soldaten und des Volkes zum Helden und dann, als er als Retter in die Heimat zurückkehrte, lauerte man auf ihn nachts mit meuchlerischen Waffen.

 

Zwischen solchen Intrigen fing die Arbeit von Józef Piłsudski in dem wieder geborenen Polen an. Er sah dem Werk der langjährigen Gefangenschaft ins Gesicht, dem Alpdruck der parteiischen Aufwiegelei, die sich in den Seelen der Bürger feindselig ausbreitete.

 

Diesen Alpdruck hat er nicht mit Füßen getreten, er glaubte nämlich an die Kraft und Ernsthaftigkeit seiner Arbeit.

 

Er hat die Nationalarmee durch seine Arbeit, durch Aufopferung aller Ambitionen und durch persönlichen Mut beim Tragen der Verantwortung geschaffen. In ihre Reihen nahm er gütig alle auf, sogar in fremden Armeen ausgezeichnete bewaffnete Würdenträger. Diese Armee führte er in den Kampf um die polnische Grenze während des letzten Kampfes und so rettete er das Land und Europa vor dem Unglück.

 

Alsdann zehrte der Schatten der Gefangenschaft an dem polnischen Innenleben während der Nationalheld gegen einen auswärtigen Feind kämpfen musste. Schlechte Menschen versuchten damals aus der Stirn des Vaterlandes den Glanz des eigenen Sieges zu stehlen. Sie versuchten die Einflüsse und die Macht zu teilen und an sich zu reißen, die Ordnung der Arbeit zu zerstören, ja sie meinten zu erreichen, dass sie mit der Person des 1. Präsidenten Narutowicz auch den Sinn der Ordnung ermorden, die Józef Piłsudski dem Vaterland brachte.

 

Dann hielt der Feldherr inne während seines großen Weges. Es stellte sich heraus, dass es niemanden im ganzen Polen gab, dem ans Herz ging, welches Unrecht der Alpdruck der Gefangenschaft dem Werk der Freiheit und der Ordnung in dem wieder geborenen Polen zugefügt hat.

 

Wenn sich dieser Staatsmann je bei seinen Arbeiten fürchtete, dann spürte er jetzt Furcht gegenüber der Niederträchtigkeit, die sich im Vaterland ausbreitete.

 

Der Feldherr verließ uns und mit ihm zusammen gingen auch Gesundheit, Ordnung und Sinn jeglichen Handelns und so geschah es, dass das Land nach gerade drei Jahren in nutzlosen Tumult des Eigennutzes und der Dieberei wie auch im Verlust des Gemeinwesens versank.

 

Polen stand also am Rande des Abgrundes, dort, wo die rechtmäßige Herrschaft endet und wo ein  unaufhörlicher Anschlag geschmückt durch Paragraphen der scheinbaren Rechtsnorm beginnt. Und das alles innerhalb der Grenzen, wo wir schon mehrmals in der Vergangenheit tragische Schicksale bitter erlitten haben.

 

Es kam damals zum schwersten Kampf im Leben der Nation: zwischen dem schrecklichen Relikt aus der Zeit der Niederlage und der neuzeitlichen Ordnung der demokratischen Befugnisse.

 

Die Wahrheit stand gegenüber der Demagogie.

 

Großes Lebensrecht gegenüber dem Paragraphen der Geringfügigkeit.

 

Quelle der Kraft gegenüber der Formel der Kraftlosigkeit.

 

Mut gegenüber Schlitzohrigkeit.

 

Berufung gegenüber der Befähigung.

 

Mensch der Geschichte gegenüber dem Faktor der Sinnlosigkeit.

 

Als die Wahrheit siegte und ihre Schlüsse zog, als die Staatsform für die Zukunft vor schrecklichen Erschütterungen geschützt werden sollte, als Erfahrung des Blutes, der Liebe und der Opfer von Tausenden Helden die sinnvolle Verfassung umschlossen wollte –  wie nach den aufständischen Kämpfen bei Rogów, Łódź, Bezdany, Łowczówek oder Rańcza, nach den Schlachten an der Weichsel und Memel – verband sich die dunkle Energie der politischen Anarchie gegen das Werk der Liebe und der Ordnung in der polnischen Demokratie.

 

Heute, am Namenstag des Staatsmannes, welcher Polens Ehre, der Verteidiger seines Glücks und Schöpfer seiner Freiheit ist – sollte man sich an all diese Sachen erinnern: das Volk soll sehen, wie die verwinkelten Pfade der Floskeln, des Hochmuts und der Dummheit verlaufen und wohin die große Wahrheit der Kämpfe, Leiden und der erhabensten Ehre führt, geleitet von dem Leben der Nation.

 


[1] Der Grzybowski-Platz war Schauplatz revolutionärer Ausschreitungen 1905. (Anm. d. Bearb.)

Quelle
Zum 19. März, in: Głos prawdy [Die Stimme der Wahrheit], Nr. 77, 18.03.1929, S. 2. 
Übers.
Maria Garbers 
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Erstellt
25.03.2013 
Zuletzt geändert
05.02.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Zum 19. März, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Zweite Polnische Republik", bearb. von Heidi Hein-Kircher. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/1119/details.html (Zugriff am )