Rückkehr von Evakuierten und Kriegsgefangenen nach Litauen

Bericht des Innen- und Außenministeriums an die Abteilung für Arbeit und Soziales vom 13. August 1921 über die Rückkehr von Evakuierten und Kriegsgefangenen

Innenministerium

Abteilung für Arbeit und Soziales

Kaunas, 13. August 1921

 

An die Abteilung für das Zentrum Europas des Außenministeriums

In Antwort auf Ihr Schreiben Nr. 9480 vom 8. August dieses Jahres haben wir hiermit die Ehre, Ihnen mitzuteilen, dass im Zeitraum von 1918 bis 1921 nach Litauen zurückgekehrt sind:

Verbannte                                                          179.682

Gefangene aus dem großen Krieg                      12.093

Gefangene der litauischen Armee                       43

Rotarmisten                                                         3

Geiseln                                                                60

Optanten                                                             58

 

Regelung über die Rückkehr von Verbannten und Gefangenen

Die politisch-sanitäre Kommission empfängt alle nach Litauen zurückkehrenden Personen an der Grenze, von wo sie in Quarantäne geschickt und nach der notwendigen Verweildauer in ihre Heimatorte entlassen werden.

Auf dem Weg sind an den größeren Eisenbahnverbindungspunkten Rastplätze für die Verbannten eingerichtet, wo die Rückkehrer Unterkunft, Nahrung und andere notwendige Hilfe erhalten.

In der letzten Zeit wird an der Demarkationslinie, an den Sammelstellen für die Verbannten und in der Quarantäne an die Kinder der Verbannten spezielle, vom amerikanischen Roten Kreuz erhaltene Nahrung ausgegeben. Wegen Erkrankten auf dem Weg werden an jeden Zug Sanitärwaggons angehängt.

Lage der Rückkehrer

Die Lage der Rückkehrer aus Sowjetrussland ist katastrophal. Sie alle kehren erschöpft, ausgehungert und abgerissen gekleidet zurück, aber an unseren Sammelstellen können wir ihnen keine Hilfe in Form von Kleidung, Schuhen oder Wäsche zukommen lassen, denn dazu fehlen die Mittel, und es werden keine zusätzlichen Hilfsmittel für diesen Zweck bereitgestellt.

Die Lage der russischen Verbannten (Emigranten)

Derzeit kommt mit den Zügen von litauischen Verbannten auch eine Vielzahl russischer Bürger, die vor dem Gespenst des Hungers flüchten. Diesen Bürgern wird aus humanitären Gründen in größerem gestattet, zeitweilig in Litauen einen Wohnsitz zu nehmen, oder ihnen wird geholfen, per Transit durch Litauen in andere Länder zu gelangen. Diejenigen, die als politisch unzuverlässig erscheinen, werden in Konzentrationslagern festgehalten.

Außerdem kommen in größerem Umfang mit unseren Verbannten aus Sowjetrussland auch Bürger Österreichs, Deutschlands und anderer Länder, die nach ihrer Ankunft der Obhut der Vertretungen der jeweiligen Staaten übergeben werden. Diesen Bürgern wird wie allen in unseren Zügen reisenden Personen jegliche Hilfe geleistet.

Mit dem Beginn der Hungersnot und dem Ausbruch verschiedener ansteckender Krankheiten in Russland wurde das Litauische Rote Kreuz, um die Lage unserer Bürger zu erleichtern, mit der Organisation von sanitärer und materieller Hilfe für litauische Verbannte beauftragt.

Wie viele litauische Bürger sind noch in Sowjetrussland

Aus Russland sollten etwa 60.000 Verbannte und 40.000 Optanten zurückkehren. Mit ihnen kommen häufig Kriegsgefangene aus dem Großen Krieg, die von Deutschland Richtung Russland transportiert werden. Von solchen Gefangenen, litauische Bürger, gibt es viele auch noch in anderen Staaten, für deren Rückführung alle Anstrengungen unternommen werden.

Hilfe für Kinder in Litauen

In Litauen gibt es 40 Kinderheim, in denen 5.000 Waisen und andere Kinder aus armen Verhältnissen untergebracht sind.

Die aus Amerika erhaltenen Geschenke und Nahrungsmittel wurden ohne Unterschied der Nationalität an alle in den Heimen befindlichen Kinder verteilt. In der letzten Zeit aber wurden von nirgends mehr Mittel für die Versorgung der Kinder erhalten, daher ist die Unterhaltung der Kinder auf die lokalen Selbstverwaltungen abgewälzt worden.

Damit die Versorgung der geschädigten Kriegsopfer unter sanitären und materiellen Gesichtspunkten besser organisiert würde, wäre folgendes notwendig:

Unter sanitärem Aspekt ist der Verlauf der Rückkehr von Verbannten und Gefangenen so optimal wie möglich zu organisieren, beginnend schon auf russischem Territorium.

Alle Rückkehrer sind mit der notwendigen Kleidung, Schuhen und Wäsche auszustatten.

Für nach Litauen per Transit in andere Länder einreisende russische Bürger sind erleichterte Ausreisebedingungen zu schaffen und ihre Versorgung in Litauen ist besser zu organisieren, denn die Mehrheit von ihnen, besonders Angehörige der Intelligenz können ohne Sprachkenntnisse kein Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen und müssen deshalb Einschränkungen in ihrer Lebensführung hinnehmen.

Eine nach Kaunas anreisende Delegation könnten wir mit den in Kaunas befindlichen öffentlichen und privaten Kinderheimen, den Rast- und Versorgungspunkten für Verbannte und dem Gefangenenlager, wo bis zur Klärung nichtlitauische Bürger untergebracht sind, bekannt machen. Es wäre wünschenswert, die Delegation mit den in Obeliai befindlichen Quarantäneeinrichtungen für Verbannte bekannt zu machen, die 200 Werst von Kaunas entfernt liegen. Wenn also die Delegation einverstanden wäre, könnte man mit ihr dorthin fahren.

Für den Besuch der Einrichtungen fügen wir eine Liste bei.

Der Minister

Departamentsdirektor

Abteilungsleiter

Quelle
Rückkehr von Evakuierten und Kriegsgefangenen nach Litauen, in: LCVA, f. 383, ap. 7, b. 216, l. 6-8. 
Übers.
Michael H. Kohrs 
Copyright
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Erstellt
21.01.2013 
Zuletzt geändert
29.03.2018 

Es wird empfohlen, die Quellen stets in der Originalsprache zu zitieren.

Rückkehr von Evakuierten und Kriegsgefangenen nach Litauen, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul "Litauen in der Zwischenkriegszeit", bearb. von Klaus Richter. URL: https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/1112/details.html (Zugriff am )