Erste Tschechoslowakische Republik - Über das Modul

Bearbeiter: Mirek Němec (Ústí nad Labem)

Erstveröffentlichung: Januar 2012

Die Tschechoslowakische Republik entstand als ein Nachfolgestaat der Habsburger Monarchie nach Ende des I. Weltkriegs. Als Gründungstag, der bis heute als Staatsfeiertag in Tschechien gefeiert wird, gilt der 28.10. An diesem Tag rief der tschechoslowakische Nationalausschuss erfreut über das Kapitulationsangebot der österreichisch-ungarischen Monarchie den „tschecho-slowakischen Staat“ ins Leben. Der selbstständige Staat schien im Nachhinein eine Quintessenz der nationalen Bemühungen der tschechischen Gesellschaft zu sein. Diese entwickelte sich während des 19. Jahrhunderts ökonomisch, kulturell, politisch und organisatorisch so weit, dass sie, abgesehen vom eigenen Nationalstaat, durch alle Attribute, die eine politische Nation ausmachen, gekennzeichnet wurde.  Die wichtigsten politischen Parteien entstanden schon vor 1918. Als sog. Fünferausschuss [Pětka] beeinflussten ihre Vertreter wesentlich die Innenpolitik des Staates in den ersten Krisenjahren der Republik Anfang der 1920er Jahre.

Bereits vor der Ausrufung des unabhängigen Staates wurden in den USA unter den dorthin emigrierten Tschechen und Slowaken und unter Leitung des künftigen langjährigen Präsidenten des Staates Thomas Garrigue Masaryk (1850-1937, Staatspräsident 1918-1935) Gespräche geführt über die Möglichkeiten eines gemeinsamen Staates der beiden kulturell verwandten Nationen. Mit mehr Schwierigkeiten, aber doch in ähnlicher Art und Weise wurde über den Beitritt der Ruthenen im ehemaligen nordöstlichen Teil des Königreichs Ungarn, der sog. Karpatenukraine/ Karpathenrussland (Podkarpatská Rus/ Zakarpatská Ukrajina) verhandelt.

Obwohl als Nationalstaat der Tschechen und Slowaken  – die zum Staatsvolk der „Tschechoslowaken“ zusammengeführt wurden – bezeichnet, lebten in den durch die Versailler Friedensverträge festgelegten Grenzen der Tschechoslowakei noch Deutsche, Ungarn, Ruthenen, Polen, Juden und Rumänen. Besonders die starke deutsche Minorität in den Grenzgebieten der böhmischen Länder und die vor allem in der Südslowakei lebenden Ungarn (aber auch die Polen im ehemaligen Österreich-Schlesien) pochten auf dem Prinzip der Selbstbestimmung und versuchten die anvisierten Grenzen der neuen Republik in Frage zu stellen, indem sie einen Anschluss an ihre Mutterländer suchten.

Von Anfang an bestand die große Herausforderung der Republik im Umgang mit der ethnischen und kulturellen Vielfalt und dem strukturellen und wirtschaftlichen West-Ost-Gefälle. Die 20jährige Existenz des Staates hindurch beeinflusste die nationale Problematik alle Bereiche des öffentlichen Staatslebens. Wie auch die Monarchie an der Nationalitätenfrage scheiterte, kennzeichnete das Ende der Republik im Jahre 1938 ein Auseinanderdriften der Nationen. Doch es finden sich auch Versuche der politischen Elite der Republik, die national geladenen Konflikte zu lösen. Die Zerschlagung der Republik hing viel mehr mit der außenpolitischen Situation zusammen, mit der Ausschaltung der Demokratie in den Anrainerstaaten und der folgenden Durchsetzung von autoritären Regimen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Das Bündnis-System der „Kleinen Entente“ funktionierte in der Politik der 1930er Jahre keineswegs, die Versuche nach Kontakten zu der Sowjetunion konnten dieses Manko kaum wettmachen. Besonders der auf innere Konsolidierung durch Expansion ausgerichteten Politik des deutschen Nationalsozialismus konnte die Tschechoslowakei mit ihren demokratischen Prinzipien, die manche deutschsprachige Immigranten zu schätzen wussten, und außenpolitischen Isolation kein Paroli bieten.

In diesem Kontext muss auch die Verschränkung der wirtschaftlichen Lage mit dem Nationalitätenproblem beachtet werden. Die modernen Industrieanlagen und der außerordentlich hohe Bildungsstandard in den böhmischen Ländern, wie auch der Umstand, dass die Tschechoslowakei als ein Siegerstaat betrachtet wurde, führten dazu, dass die tschechoslowakische Krone eine der stabilsten Währungen der 1920er Jahre war. Die Stabilität wirkte sich positiv auf die Loyalität von nicht-tschechischen und nicht-slowakischen Staatsbürgern zum tschechoslowakischen Staat aus, allerdings begann dieses Fundament in den Jahren der Weltwirtschaftskrise, die die Industrielandschaft der Tschechoslowakei verspätet, aber sehr heftig gerade im Krisenjahr 1933 erschütterte, zu bröckeln.  Die Folgen der wirtschaftlichen Krise ruinierten die Industriestruktur vor allem in den westlichen Teilen der Republik und wurden nationalpolitisch instrumentalisiert.

Die Frage, wie ein demokratischer Staat aufgebaut wird und mit der multikulturellen Realität umging, die Suche nach einem modus vivendi für das Zusammenleben in einer Staatsgesellschaft unter demokratischen politischen Bedingungen, das Beleuchten der dargebotenen und verpassten Chancen, sind und bleiben ein dankbares Forschungsfeld in der Zeit der Globalisierung.