Deutsche in Ungarn - Über das Modul

Bearbeiter: Prof. Dr. Gerhard Seewann, Pécsi Tudományegyetem (Pécs/Fünfkirchen)

Erstveröffentlichung: 2012, erweitert 2018

gefördert im Rahmen des Publikationsprojektes "Geschichte der Deutschen in Ungarn (1683-2006)" durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)

Projektzeitraum: 2008-2010

Die dazugehörige zweibändige, umfangreichere Printausgabe ist im Verlag Herder-Institut 2012 erschienen.

 

Die Ansiedlung von Deutschen in Ungarn ist seit dem Ende des 10. Jahrhunderts nachweisbar. Die Gemahlin des Staatsgründers König Stephan I., die bayerische Prinzessin Gisela, kam mit deutschen Rittern, Priestern und Bauern ins Land. Im 12. Jahrhundert intensivierte sich die Siedlungsbewegung deutscher Kolonisten unter König Géza II. und es entstanden die beiden Siedlungsgebiete der Siebenbürger und der Zipser Sachsen. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts wurden zahlreiche Städte mit deutschem Stadtrecht gegründet, darunter Ofen und Pest sowie die nieder- und die oberungarischen Bergstädte, die durch den Abbau von Edelmetallen (Gold und Silber) sowie von Kupfer wesentlich zur wirtschaftlichen Blüte des Landes beigetragen haben.

Die beiden Siedlungsbewegungen des Mittelalters und der Neuzeit haben vieles gemeinsam: Auch in der Neuzeit ging es um eine Vermehrung und Verdichtung der Bevölkerung, um eine Intensivierung des Ackerbaus. Beide großen Perioden des Landesausbaus, sowohl des Mittelalters als auch der Neuzeit, standen in einem engen Zusammenhang mit dem Anstieg der Getreidepreise in Mitteleuropa. Diese verhältnismäßig lang andauernden Agrarkonjunkturen des Hochmittelalters und des 18. Jahrhunderts trugen ganz wesentlich zum Erfolg der Kolonisation bei. Sie waren die Grundlage für eine übereinstimmende Interessenkonstellation der Siedler und der Grundherren, denn beide suchten die Getreidekonjunktur zu nutzen und die Agrarproduktion zu steigern. In beiden Perioden wirkten für die Kolonisten Anreize wie einige Jahre der Steuerbefreiung, Erwerbung erblichen Grundbesitzes, verminderte Abgaben und größere Freiheiten. Die mittelalterlichen Kolonisten begründeten eine Reihe autonomer Rechtsgemeinschaften, sichtbar geworden in den Stadtrechten und den Freiheitsbriefen für das Siedlungsgebiet der Siebenbürger und der Zipser Sachsen mit nahezu uneingeschränkter Selbstverwaltung. In der Neuzeit war es vor allem das Recht der Freizügigkeit, das die Kolonisten von den einheimischen Bauern unterschied. Die Ansiedlung deutscher Kolonisten löste auch in der frühen Neuzeit eine Reihe von Angleichungsprozessen aus, nämlich in den Bereichen Recht (vor allem im Verhältnis Bauern – Grundherrn), Agrartechnik und Wirtschaftsführung. Hier ist vor allem der Übergang von der Subsistenz- zur Erwerbswirtschaft hervorzuheben, die von den Kolonisten aus Deutschland mitgebracht und von der Reformpolitik Maria Theresias und Josefs II., insbesondere der Liberalisierung des Lebensmittelhandels, wesentlich gefördert wurde. So trug die West-Ostwanderung mit ihrer Kolonisationstätigkeit in dieser Periode wesentlich zum Neuaufbau des Königreiches Ungarn nach der Türkenzeit und seiner allmählichen Modernisierung bei.

Die deutschen Siedler des 18. Jahrhunderts waren ihrer Herkunft nach ethnisch wie sprachlich heterogen, konfessionell gespalten (siehe dazu Tabelle „Die konfessionelle Gliederung der Deutschen im Königreich Ungarn mit Kroatien“) und auch in ihrer sozialen Schichtung unterschiedlich (Häusler, Kleinbauern, Mittelbauern), wobei insbesondere der Anteil an Handwerkern und bäuerlichen Unterschichten unter den Kolonisten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erheblich zugenommen hat (siehe dazu Tabelle „Die deutsche Agrarbevölkerung nach Besitzkategorien“ und „Die Sozialstruktur von Magyaren, Deutschen und der übrigen Bevölkerung in Transleithanien nach Angabe der Muttersprache im Jahr 1910 in Prozent“). Ihre Ansiedlung war regional sehr unterschiedlichen Bedingungen unterworfen und sie selbst waren sich bis zum 20. Jahrhundert keiner Gemeinsamkeit bewusst und unterhielten nur fallweise Beziehungen zu ihren Herkunftsländern oder untereinander. Als Siedlungsgebiete sind im 18. Jahrhundert die Regionen Banat, Batschka, Sathmar, das südliche Transdanubien (Komitate Baranya, Tolna, Somogy, auch unter dem Begriff der „Schwäbischen Türkei“ zusammengefasst), der Bakonyer Wald nördlich des Plattensees und das Bergland rund um Ofen/Buda entstanden. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde noch das Gebiet zwischen Drau, Donau und Save: Slawonien und Syrmien, als Migrationssiedlung mit Deutschen aus dem Gebiet nördlich der Drau (aus Transdanubien und der Batschka) kolonisiert.

Der politikfreie Raum der bäuerlichen, dörflichen Lebenswelt wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts, spätestens jedoch durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen aufgebrochen und das friedliche Zusammenleben konfessionell wie ethnisch unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen allmählich zerstört. Es ging hier um mehrere historische Prozesse, die die Stadt und das städtische Bürgertum bereits Anfang des 19. Jahrhunderts beschäftigten, das flache Land jedoch erst später erreichten. Zunächst einmal war es der Prozess der Nationsbildung, der mit der Entstehung des Nationalstaates seinen Abschluss fand (in Ungarn 1848 und 1867). Die ungarische Nationalstaatselite strebte im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer stärker danach, alle Bereiche des öffentlichen Lebens zu nationalisieren. In einem ersten Schritt versuchte sie das mit dem Instrument der Sprache zu erreichen. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts wurde deshalb ein ständig zunehmender Assimilationsdruck gegenüber den fremdethnischen Minderheiten aufgebaut. Der Sprachnationalismus verschaffte sich ab 1867 mit Hilfe des Staatsapparates immer mehr Raum und erfasste die Schulen, aus der die Minderheitensprachen zunehmend verdrängt wurden. Im Zeitraum von 1867 bis 1910 fielen diesem Prozess 90% der deutschen Schulen in Ungarn zum Opfer. Der Assimilationsdruck erfasste jedoch auch das kulturelle Leben und die Presse als Medium des öffentlichen Diskurses. Um die Jahrhundertwende und danach erfasste er schließlich auch die Familien, die genötigt wurden, ihre Namen zu magyarisieren.

Die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft betreffende Veränderungen, wie die Prozesse der Urbanisierung und der Industrialisierung, insbesondere der Ausbau der Infrastruktur durch den Bau der Eisenbahn, brachen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die bis dahin geschlossenen Dorfgemeinschaften auf und führten spätestens am Vorabend und während des Ersten Weltkriegs zunächst zu einer sozialen Mobilität (Land-Stadt-Wanderung), sodann zu einer politischen Mobilisierung auch der Agrarbevölkerung, die entlang ethnischer Trennlinien verlief und nach dem Zusammenbruch des Stephanreiches 1918 sehr bald in eine politische Radikalisierung mündete.

Als im Jahre 1918 die Donaumonarchie zerbrach und das deutsche Siedlungsgebiet nicht nur der drei Regionen Schwäbische Türkei, Batschka und Banat durch die Grenzen der Nachfolgestaaten zerschnitten wurde, da erwuchs aus dieser Zerrissenheit erstmals ein die Siedlungsregionen übergreifendes Gruppenbewusstsein, das sich an der Idee der alle Grenzen übergreifenden deutschen Volksgemeinschaft orientierte. Zu dem bis zur Jahrhundertwende dominierenden Traditionstypus der deutschungarischen Identität mit seinem staatspatriotischen Hungarus-Bewusstsein und seiner Gesellschaftsform der Dorfgemeinschaft trat im Verlauf der Zwischenkriegszeit nunmehr der Typus der deutsch-völkischen Identität in der Organisationsform der Volksgruppe hinzu. Die Konkurrenz beider Identitätsangebote, des traditionellen wie des radikalisierten, spaltete im Verlauf der 1930er Jahre Familien und Dorfgemeinschaften, ja das ganze Ungarndeutschtum und löste heftige inner- und interethnische Auseinandersetzungen aus.

Die auf Diskriminierung und Unterdrückung ausgerichtete Nationalitätenpolitik der Titularnationen und ihrer Regierungen – nicht zuletzt auch Ungarns –, die auch nicht vor einer Kriminalisierung ihrer Opponenten aus dem Nationalitätenlager zurückschreckte, führte bei den deutschen Minderheiten dieser Länder zu ihrer politischen Radikalisierung. Da keine Einigung mit den zunehmend autoritär verfassten Regimen auf dem Wege eines Kompromisses möglich war, wie sie Jakob Bleyer in Ungarn über ein Jahrzehnt angestrebt hatte, suchten die deutschen Ethnopolitiker aus ihrer völlig festgefahrenen Lage heraus einen Ausweg durch eine immer stärkere Anbindung ihrer Politik an das Deutsche Reich zu finden. Die bereits durch Gustav Stresemann seit Mitte der 1920er Jahre ausgeübte Patronagerolle Deutschlands wurde übrigens aus genau dem gleichen Selbstverständnis heraus praktiziert, mit dem Ungarn seine Schutzmachtrolle über die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern ausübte.

Im Rahmen dieser Patronagepolitik wurde die ab 1937 von Berlin ausgehende politische Instrumentalisierung der deutschen Volksgruppen in die Tat umgesetzt. Aufgrund des am 31. August 1940 im unmittelbaren Anschluss an den Zweiten Wiener Schiedsspruch abgeschlossenen bilateralen Volksgruppenvertrages mit Ungarn und Rumänien wurde die deutsche Bevölkerungsgruppe beider Länder an das Dritte Reich ausgeliefert und der Leitung des dafür zuständigen SS-Gremiums, der Volksdeutschen Mittelstelle, unterstellt. Diese setzte die ideologische und politische Gleichschaltung, den Aufbau der Kriegswirtschaft und die SS-Rekrutierung in beiden Ländern durch. Die auf Machtexpansion angelegte Politik des Dritten Reiches entfaltete nunmehr ihre ganze zerstörerische Kraft. Jetzt ging es nicht mehr um interethnisches Zusammenleben und Bewahrung von Traditionen dreier Jahrhunderte. Vielmehr ging es ausdrücklich um Segregation und Dissimilation, um den Aufbau einer eigenen, rassistisch definierten und mit dem Anspruch der Ausschließlichkeit auftretenden, nach dem Organisationsmuster der NSDAP strukturierten Volksgruppe, die mit dem totalitären Herrschaftsanspruch des NS auch darüber verfügte, wer als Deutscher zu gelten habe und wer nicht. Mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 endete dieser politische Irrweg in Flucht und Vertreibung, Verfolgung und Diskriminierung der Deutschen im östlichen Europa und in Ungarn, wodurch vieles von dem zerstört wurde, was in Jahrhunderten davor aufgebaut worden war.

Auf Antrag der ungarischen Regierung Ende Mai 1945 gaben die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz ihre Zustimmung zur „Aussiedlung“ der Deutschen aus Ungarn. 60.000 Deutsche und Magyaren wurden im Zeitraum vom Dezember 1944 bis Februar/März 1946 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, von denen bis 1949 nur zwei Drittel zurückkehrten. Von der mit Kollektivschuld und Faschismusvorwurf legitimierten Vertreibung im Zeitraum vom Januar 1946 bis Juni 1948 waren ca. 200.000 Ungarndeutsche betroffen, in ihrer Mehrheit wurden sie in die amerikanische, rund 50.000 in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands vertrieben. Die rechtliche Diskriminierung der in Ungarn verbliebenen ca. 220.000 Ungarndeutschen wurde zwar in mehreren Schritten 1949/50 aufgehoben, doch politisch wurden sie erst 1983 rehabilitiert, als das Politbüromitglied György Aczél erstmals in einem Land des Ostblocks die Kollektivschuldthese und damit auch die Vertreibung verurteilte: „Unsere Überzeugung ist auch, dass keinerlei kollektive Verantwortung gerechtfertigt war“. In diesem langen Zeitraum von 1950 bis 1983 erschien es daher vielen Ungarndeutschen ratsam, ihre ethnische Zugehörigkeit zu verleugnen oder zu tarnen und sich sprachlich so weit wie möglich zu assimilieren, so dass Anfang der 1980er Jahre nur mehr jedes zehnte Kind bei seinem Schuleintritt noch Deutschkenntnisse vorweisen konnte. Auch in den zwei Jahrzehnten nach der politischen Wende von 1989 ist es nicht gelungen, trotz erheblicher Investitionen im Bildungsbereich diesen Assimilationsprozess zu stoppen, so dass vor allem die junge Generation ihr Bekenntnis zur ethnischen Gruppe vielfach nicht mehr mit Kenntnis und Gebrauch der deutschen Sprache verbunden sieht.

 

Textquellen

Aufgenommen wurden Quellen zur Geschichte der Deutschen in Ungarn vom Ende des 17. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Leitender Gesichtspunkt bei der Auswahl der Quellen für das Jahrhundert der Ansiedlung nach der Befreiung des Landes von der Herrschaft der Osmanen war die Berücksichtigung der wichtigsten Akteure des Kolonisationsprozesses: die Kolonisten, die Grundherren und der Staat. Der Staat ist durch Gesetze, Weisungen und Werbebriefe vertreten; die Grundherren durch Ansiedlungsverträge, welche die mit den Kolonisten ausgehandelten Ansiedlungsbedingungen festschrieben;die Kolonisten wiederum mit Eingaben und Bittgesuchen an staatliche Behörden und ihre Grundherren, die ihre Beschwerden und Probleme dokumentieren, ferner mit privaten Briefen, die sie von Deutschland oder von Ungarn an ihre Verwandten in beiden Ländern richteten und uns über ihre Motive für die Auswanderung aus Deutschland nach Ungarn unterrichten, aber auch über die Verhältnisse, die sie in Ungarn vorfanden. Für die Zeit von 1849 bis 1989 werden die Versuche der politischen Mobilisierung der Deutschen in Ungarn (Petitionen, Parlamentsreden, Parteiprogramme) und die durch Gesetze, Verordnungen und bilaterale Verträge gesetzten Rahmenbedingungen der Minderheitenpolitik durch entsprechende Quellenstücke dokumentiert.

 

Materialien

Die statistischen Materialien unterrichten über die demographische Entwicklung, die Siedlungs- und Sozialstruktur und die Schulverhältnisse der Deutschen in Ungarn im 19. und 20. Jahrhundert. Die ausgewählten Karten geben vor allem Aufschluss über die Siedlungsstruktur und deren Veränderungen durch höchst verschiedene Prozesse wie der Urbanisierung, der Assimilation und der Vertreibung im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Eine Anzahl von Porträts stellt führende Persönlichkeiten der Minderheitenpolitik auf Seiten des ungarischen Staates wie der Deutschen vor.