Litauen im Zweiten Weltkrieg - Über das Modul

Bearbeiter: Klaus Richter

Erstveröffentlichung: November 2018

Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands und kurze Zeit später der Sowjetunion auf Polen im Zuge des Hitler-Stalin Paktes führte zunächst zu einer Welle polnischer Flüchtlinge nach Litauen. Zur Freude von Nationalisten übergab Stalin zudem Vilnius – die Stadt war nach dem Zweiten Weltkrieg von Litauen als Hauptstadt beansprucht, aber in die Zweite Polnische Republik eingegliedert worden – an die litauische Republik. Die „Rückkehr“ von Vilnius (sowie das Trauma der Abtretung des Memellandes an Nazi-Deutschland im vorangegangen Jahr) führten dazu, dass die im Gegenzug an die Sowjetunion gemachten Konzessionen der Truppenstationierung auf litauischem Territorium und die folgende schleichende Besetzung des Landes zunächst kaum wahr genommen wurden. Erst nach der Flucht des Präsidenten Antanas Smetona und dem Beitrittsgesuch Litauens zur Sowjetunion am 3. August 1940 durch eine nun kommunistische Regierung wurde dem Großteil der Bevölkerung klar, dass Litauen kein eigenständiger Staat mehr war.

In den folgenden Monaten folgten Enteignungen und Deportationen von „Klassenfeinden“, die Nationalisierung mittlerer und großer Unternehmen, sowie die Auflösung aller nationalen Organisationen. Zugleich formierten sich lokale litauische Widerstandgruppen, die unter der am 17. November 1940 in Berlin gegründeten antisowjetischen und antisemitischen Litauschen Aktivistenfront (Lietuvių Aktyvistų Frontas) vereint wurden und 35.000 Mann zählten. Zugleich verschlechterte die Sichtbarkeit von Juden, die unter dem autoritären Smetona-Regime von öffentlichen Ämtern weitgehend ausgeschlossen waren, in dem kommunistischen Machtapparat vor dem Hintergrund der willkürlichen und mit einem hohen Maße an Gewalt durchgeführten Verhaftungen und Deportationen die Beziehungen zwischen Litauern und Juden beträchtlich. Insbesondere Angehörige der Opfer sowjetischer Repressionen begannen, Juden und Sowjetherrschaft gleichzusetzen.

Am 15. Juni 1941 begann eine Welle von Massendeportationen (ca. 17.000 Personen) durch den NKVD, die die litauische Gesellschaft zerrüttete. Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion eine Woche später wurde daher von vielen Litauern als Befreiung begrüßt. Zeitgleich mit der Nachricht vom Einmarsch der Wehrmacht auf das Territorium der Litauischen SSR begann ein Aufstand bewaffneter Widerstandsgruppen (Schätzungen der Teilnehmer an dem Aufstand schwanken zwischen 15.000 und 100.000), die Soldaten der sich zurückziehenden Roten Armee, lokale sowjetische Beamte sowie Juden angriffen, wobei letztere Gewalt in ihren Höhepunkt in einem viertägigen Pogrom in Kaunas mit nahezu 4 000 Opfern fand. Bereits im Juli ging diese spontane Gewalt in die systematische, von den deutschen Besatzern organisierte Erschießung der litauischen Juden in der Provinz und nahe den Städten über.

Die Hoffnungen litauischer Nationalisten um die LAF auf eine Wiederherstellung litauischer Unabhängigkeit erfüllten sich nicht. Zwar ließen die deutschen Besatzer zunächst die Gründung einer Provisorischen Regierung zu, diese wurde allerdings in Entscheidungsprozessen ignoriert und bereits am 5. August wieder aufgelöst. Während die höheren Ebenen der Verwaltung mit Nazi-Funktionären besetzt wurden, blieben jedoch Positionen in den örtlichen Verwaltungen größtenteils weiterhin in den Händen von Litauern. Am 25. Juli 1941 wurde des Reichskommissariat Ostland gebildet, innerhalb dessen Litauen einen Generalbezirk mit Verwaltungssitz  in Kaunas unter Generalkommissar Adrian von Renteln bildete.

Die Besatzungspolitik in Litauen richtete sich nach den deutschen Kriegszielen sowie der nationalsozialistischen Rassenideologie. Langfristig sollte Litauen deutscher Siedlungsraum und Teil des Deutschen Reiches werden. 16.300 Deutsche Siedler übernahmen bis Herbst 1942 Land litauischer Bauern. Ein (geringer) Teil der litauischen Bevölkerung solle eingedeutscht, der Rest vertrieben werden. Zu einer systematischen Umsetzung dieser Pläne kam es nicht. Juden hingegen wurden von Beginn der Eroberung Litauens Opfer einer organisierten Vernichtungspolitik. In Kaunas und Vilnius wurden Ghettos errichtet. Innerhalb von sechs Monaten ermordeten das Rollkommando Hamann, die „Spezialeinheit“ (Ypatingasis būrys) sowie die Litauische Hilfspolizei (Tautinio Darbo Apsaugos Batalionas – TDA) ca. 80 % aller litauischen Juden in der Provinz, in dem Wald bei Paneriai (Ponar) sowie im IX. Fort bei Kaunas. SS-Standartenführer Karl Jäger, Kommandeur des Einsatzkommando 3, berichtete am 1. Dezember 1941, das „Judenproblem“ in Litauen sei gelöst, 137.346 Juden, Roma und Geisteskranke seien ermordet worden. Die überlebenden Juden wurden als Zwangsarbeiter verwendet, bis im Sommer 1943 die Ghettos in Kaunas und Vilnius „liquidiert“ und in Konzentrationslager umgewandelt wurden. Insgesamt wurden ca. 215.000 der Juden in Litauen (einschließlich der Region um Vilnius) ermordet, wobei die Verstrickung litauischer Kollaborateure in die Prozesse von Identifikation, Verhaftung und Ermordung als hoch einzustufen ist.

Obwohl es verhältnismäßig wenig aktiven Widerstand seitens der litauischen Zivilbevölkerung gab, kann von einer vorbehaltlosen Willfährigkeit ebenfalls keine Rede sein. Trotz intensiver Versuche blieb das Projekt einer litauischen SS-Legion erfolglos. Erst mit der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Roten Armee nach Litauen meldeten sich im Februar 1944 über 10.000 litauische Freiwillige zum Dienst in den „Litauischen Sonderverbänden“ (Lietuvos vietinė rinktinė). Aktiver Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft fand in erster Linie seitens sowjetischer sowie polnischer Partisaneneinheiten statt. Als Reaktion auf einen Angriff sowjetischer Partisanen wurde am 16. Oktober 1944 das südlitauische Dorf Pirčiupiai niedergebrannt, wobei 116 Menschen – nahezu die gesamte Bevölkerung, davon fast die Hälfte Kinder – umkamen.

Im Juli 1944 begann die Rote Armee ihre Offensive auf Vilnius und Šiauliai. Zeitgleich begannen polnische Widerständler der Heimatarmee einen erfolgreichen Aufstand gegen die deutsche Herrschaft in Vilnius, wurden jedoch durch die einrückende Rote Armee entwaffnet. Die meisten Deutschen, die größtenteils im Memelland lebten, flohen im Herbst 1944 nach Deutschland. Litauen kam erneut unter sowjetische Herrschaft. In der Konferenz von Moskau am 9. Oktober 1944 stimmte Churchill der Wiedereingliederung Litauens (mit Vilnius) in die Sowjetunion zu. Der Großteil der polnischsprachigen Bevölkerung aus Vilnius wurde nach Polen umgesiedelt.

Die Geschichte Litauens im Zweiten Weltkrieg ist geprägt von dem Wechsel sowjetischer zu nationalsozialistischer Herrschaft und den Implikationen, die dies für das Zusammenleben der ethnischen Gruppen in Litauen (Litauer, Juden, Polen) sowie für den fundamentalen langfristigen Wandel in der Demographie der Region hatte. Diese Spezifika liegen der Auswahl der Textquellen und Materialien zu Grunde.
Die Textquellen

Die Textquellen sind sowohl nach thematischen wie auch nach chronologischen Gesichtspunkten ausgewählt worden, mit Sektionen zur sowjetischen Besetzung Litauens, dem „Juni-Aufstand“ und der Provisorischen Regierung, dem Holocaust, der deutschen Militärverwaltung, sowie zum Einmarsch der Roten Armee und der erneuten Integration in die Sowjetunion. Die Einbeziehung von Quellen der sowjetischen und nationalsozialistischen Besatzer einerseits und andererseits der litauischen Provisorischen Regierung soll dem Handlungsspielraum aller Akteure gerecht werden. Quellengenres beinhalten Propaganda, Direktiven, Berichte, Musterungsaufrufe, usw. Die Auswahl kann durch Quellen des Moduls „Litauen in der Zwischenkriegszeit“ ergänzt werden, das weitere Dokumente zu den litauisch-sowjetischen Beziehungen 1939-40 sowie zur Integration Litauens in die Sowjetunion beinhaltet.
Die Materialien

Die Materialien entstammen größtenteils dem so genannten „Strukturbericht über das Ostland“, herausgegeben durch das Reichskommissariat Ostland in Riga 1942. Die Karten und Statistiken geben nicht nur Aufschluss über Verwaltung, wirtschaftliche Entwicklung, Bevölkerungsbewegungen und Bevölkerungsverteilung, sondern können als Quellen selbst zum Gegenstand historiographischer Analyse werden. Sie geben Einblicke in die Erwartungen und das Ordnungsdenken der Besatzer sowie in die allgemeine Wirtschaftspolitik, aber auch in die Sinnhaftigkeit und Sprache statistischer und kartographischer Quellen überhaupt.