Deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945 - Über das Modul

Bearbeiter: Markus Roth (Marburg/Gießen)

Erstveröffentlichung: Juli 2012

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 endete die kurze Phase nationaler Selbstständigkeit der Polnischen Republik und eine mehr als fünf Jahre dauernde Zeit der Unterdrückung, Ausbeutung und des Massenmords durch die deutschen Besatzer begann. Gut zwanzig Jahre nach Ende der dritten Teilung wurde das Land erneut aufgeteilt, nun zwischen NS-Deutschland und der Sowjetunion, deren Armee am 17. September 1939 die ostpolnischen Gebiete besetzt hatte. Nach einer kurzen Phase einer Militärverwaltung wurde das deutsch besetzte polnische Territorium geteilt: Im Südwesten wurde ein Teil dem Gau Schlesien einverleibt, Großpolen im Westen wurde als Reichsgau Wartheland ebenso wie der im Nordwesten geschaffene Reichsgau Danzig-Westpreußen in das Deutsche Reich eingegliedert. Einige Regionen Nordostpolens wurden Teil der Provinz Ostpreußen. Das restliche Gebiet bildete das sogenannte Generalgouvernement. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde dieses um den Distrikt Galizien erweitert und ein neu geschaffener Bezirk Bialystok im Nordosten kam unter die Herrschaft des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch.

Damit war ein recht heterogenes Territorium unter deutsche Herrschaft gelangt. Die eingegliederten Gebiete waren die stärker industrialisierten mit weiter und enger entwickelter Infrastruktur. Auch die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung war dort sehr viel homogener – neben der polnischen Mehrheitsgesellschaft (rund 90%) gab es eine starke deutsche Minderheit (ca. 6%), daneben nur kleine ethnische Minderheiten; im Reichsgau Wartheland etwa eine kleine Gruppe von wenigen Tausend Tschechen, im Reichsgau Danzig-Westpreußen die Kaschuben. Bei genauerer Betrachtung jedoch zeigt sich ein differenzierteres Bild, waren doch die von den Nationalsozialisten als „deutsch“ definierten Minderheiten keine homogene Bevölkerungsgruppe, wie etwa der Fall Schlesien zeigt, wo die Abgrenzung bzw. Zuordnung zum Beispiel der Schlonsaken den deutschen Behörden Probleme bereitete. Auch die neuangesiedelten Deutschen aus Ostmitteleuropa wurden von den Behörden zum Teil mit Misstrauen beäugt und bevormundet. In den östlichen Teilen der westpolnischen Gebiete bildeten Juden überdies eine starke Minderheit (ca. 6%). Zwischen den verschiedenen annektierten Territorien variierte die Bevölkerungszusammensetzung (s. Materialien).

Das außerhalb der Metropolen Warschau und Krakau sehr ländlich geprägte Generalgouvernement wies eine heterogenere Bevölkerungsstruktur aus, die die Besatzer durch eine Hierarchisierung und ein Gegeneinander-Ausspielen für sich nutzen wollten. Deutsche spielten hier kaum eine Rolle, sie lebten vornehmlich in den westlichen Grenzgebieten des Generalgouvernements und in der Region Lublin (ca. 0,5%). Im Osten und Südosten stellten Ukrainer eine größere Minderheit (ca. 4,5%), die von den Nationalsozialisten in Grenzen besser gestellt und umworben wurden. Eine Besonderheit war die im Süden beheimatete Volksgruppe der Goralen, bei denen die Nationalsozialisten eine germanische Abstammung vermuteten und die sie daher privilegiert behandelten. Etwa 27.000 Menschen ließen sich als Goralen registrieren. Die stärkste Minderheit stellten mit über 12 Prozent die Juden; in zahlreichen kleineren Orten, vor allem im Südosten, lag ihr Anteil sehr viel höher, nicht selten stellten sie dort die Mehrheitsbevölkerung.

Grundlegende Ziele der Besetzung Polens waren von Beginn an die vollständige Vernichtung jedweder polnischer Staatlichkeit, die Ausbeutung der Ressourcen und Menschen des Landes sowie die Gewinnung neuen „Lebensraums“ für deutsche Siedler. Terror und Gewalt waren die Mittel, mit denen vom ersten Tag an diese Ziele verfolgt wurden: In den ersten Wochen und Monaten der deutschen Besatzungsherrschaft wurden tausende Angehörige der polnischen Elite getötet, kulturelle Einrichtungen geplündert und geschlossen, höhere Schulen und Universitäten geschlossen, die Schulbildung auf ein niedriges Niveau reduziert. In den annektierten westpolnischen Gebieten starteten die Nationalsozialisten eine Germanisierungspolitik, deren Ziel die Schaffung eines deutsch besiedelten Mustergaus innerhalb weniger Jahre war. Vor allem Polen, aber auch Juden, wurden, oft über Nacht, vertrieben, um Platz für deutsche Siedler aus Ostmitteleuropa zu schaffen.

Anders als die eingegliederten Gebiete unterlag das Generalgouvernement lange Zeit keiner Germanisierungspolitik, sondern war vielmehr als „Abladeplatz“ für die unerwünschten Bevölkerungsgruppen aus dem restlichen besetzten Polen vorgesehen. Erst 1942/43 geriet das Generalgouvernement in den Fokus der Himmlerschen Germanisierungspolitik. In der Region Zamość wurde mit einem Pilotprojekt begonnen, im Zuge dessen zehntausende Polen brutal vertrieben und Volksdeutsche angesiedelt wurden. Dieses Vorhaben scheiterte, kostete aber zahllosen Menschen das Leben und führte zu einem enormen Anstieg des Widerstands auch über die Region hinaus.

Vor allem aber diente das Generalgouvernement, mehr noch als das übrige Polen, als Objekt der materiellen und personellen Ausplünderung: Die Landwirtschaft wurde zugunsten des Deutschen Reiches durch ein System zunehmend eskalierenden Terrors ausgebeutet. Ein grundlegendes Element der Ausbeutung waren überdies die Rekrutierung und Deportation polnischer Arbeitskräfte, die im Laufe der deutschen Besatzungsherrschaft immer zahlreicher und mit wachsender Brutalität aufgegriffen wurden.

Die Handlungsspielräume der polnischen Bevölkerung angesichts dieser vielfältigen Unterdrückungspolitik waren eher gering, besonders in den eingegliederten Gebieten. Überdies unterschieden sich die Lebenswirklichkeit und auch die Handlungsoptionen in den verschiedenen Teilen des besetzten Polens erheblich voneinander: In den eingegliederten Gebieten waren diese sehr viel enger als etwa im Generalgouvernement. Entscheidend war zudem, welcher Bevölkerungsgruppe man angehörte, ob man auf dem Land oder in der Stadt lebte, welchen Beruf man gelernt bzw. ausgeübt hat. Die große Mehrheit der Polen versuchte, im Rahmen des Möglichen ein Stück Normalität zu wahren und irgendwie die Schreckensherrschaft zu überdauern. Der Schwarz- und Tauschhandel, auf den die Besatzungsmacht widersprüchlich reagierte, duldete sie ihn als notwendiges Übel doch teilweise, auch wenn sie ihn immer wieder als störendes Element brutal bekämpfte, florierte. Nur sehr wenige kollaborierten offen mit den Besatzern, zumal deren rassistische Ideologie und Praxis dafür kaum Anknüpfungspunkte boten. Schon sehr früh aber bildeten sich Untergrundgruppierungen, die einen vielfältigen Widerstand gegen die Besatzungspolitik organisierten und trugen, zunehmend auch gewaltsam. Vor allem der mit der polnischen Exilregierung verbundene Untergrund entwickelte ausgefeilte Strukturen mit einer Verwaltung, Untergrundgerichten und Exekutivkräften. Nach einer zunächst auf eine langfristige Vorbereitung eines Aufstands ausgerichteten Strategie ging dieser angesichts des eskalierenden deutschen Terrors 1942/43 zu einer aktiven und sofortigen Bekämpfung der deutschen Besatzer und ihrer Politik über. Vor allem das System der Ausbeutung der Landwirtschaft und der Zwangsarbeiterrekrutierung als zentrale Elemente deutschen Terrors gerieten in das Visier der Widerstandskämpfer. Trotz zum Teil empfindlicher Störungen der Besatzungspolitik durch den Widerstand funktionierte der Repressions- und Ausbeutungsapparat aber bis zuletzt.

Seine besondere Bedeutung gewann der Widerstand mehr als durch bewaffnete Aktionen durch seine Kontrollfunktion in einer durch die schnelle Niederlage und das Terrorregime der Nationalsozialisten tief traumatisierten Gesellschaft und durch Aktivitäten, die den Selbstbehauptungswillen der unterdrückten Bevölkerung stärken sollten. Vor allem richteten sich die Aktivitäten gegen die langfristig eliminatorisch wirkende Bevölkerungs- und Bildungspolitik der Besatzer, indem ein in Europa einmaliges umfassendes Untergrundbildungswesen organisiert wurde. Tausende Schülerinnen und Schüler besuchten geheime Schulen, machten ihr Abitur und besuchten anschließend Kurse der Untergrunduniversitäten. Auch kulturelle Veranstaltungen mit Niveau gehörten dazu, wollten die Besatzer die Bevölkerung doch auf ein kulturloses Niveau herunterdrücken.

Die deutsche Besatzungsherrschaft hat in der polnischen Gesellschaft ein tiefgreifendes Trauma hinterlassen. Gleichwohl setzte ihre Erforschung durch polnische Wissenschaftler unmittelbar nach dem Krieg ein; zahlreiche Studien und Quelleneditionen lagen so schon nach wenigen Jahren vor. Auch in den folgenden Jahrzehnten, bis zum Ende der Volksrepublik, lag auf der Erforschung der Jahre 1939 bis 1945 in Polen ein Schwerpunkt, da das „polnische Martyrium“ ein zentrales geschichtspolitisches Legitimationsmoment für die kommunistischen Machthaber war. Obwohl die Forschung dieser Jahre ideologischen Vorgaben folgen musste, bilden zahlreiche Werke dieser Zeit nach wie vor die maßgebliche Grundlage für manche Aspekte der deutschen Besatzungspolitik in Polen. In der Bundesrepublik hingegen setzte die Forschung erst relativ spät ein. Sie krankte zudem daran, dass die polnische Literatur gar nicht oder nur unzureichend rezipiert wurde und Archive in Polen für westliche Forscher lange verschlossen waren. Nach 1989/90 wandten sich deutsche Historiker verstärkt der deutschen Besatzungspolitik in Polen zu, wobei dem allgemeinen Trend folgend häufig der Schwerpunkt auf die Verfolgung und Ermordung der Juden gelegt wurde.

Die komplexe territoriale und administrative Gliederung des besetzten Polens sowie die vielfältigen Maßnahmen der deutschen Besatzer erschweren es, ein in sich geschlossenes Modul zur deutschen Besatzungspolitik in Polen zu gestalten. Daher wurde es so konzipiert, dass es neben einem allgemeinen Überblick über die Besatzungsstrukturen exemplarische Einblicke in zentrale Handlungsfelder bietet.

 

Die Textquellen

Viele Quellen zu verschiedenen Aspekten der deutschen Besatzungspolitik sind bereits publiziert, vornehmlich in älteren polnischen Editionen. Allerdings sind diese oft verstreut veröffentlicht. Daher bündelt das Modul im Kapitel Verwaltungsaufbau zunächst die zentralen Verordnungen zur territorialen und administrativen Struktur der besetzten Gebiete. Daran anschließend bieten die ausgewählten Quellen in den Kapiteln Volkstumspolitik, Terror und Widerstand, Kultur und Schule, Alltag sowie Zwangsarbeiterrekrutierung und -deportation für bestimmte Regionen exemplarische Einblicke in diese zentralen Politikfelder sowie in die Reaktionen der polnischen Bevölkerung anhand ausgewählter Tagebücher und Untergrundpublikationen.

Die grundlegenden ideologischen Vorstellungen, die mit der sogenannten Volkstumspolitik im besetzten Polen zusammenhängen, fassen die Quellen in diesem Kapitel zusammen, etwa Hitlers programmatische Reichstagsrede vom Oktober 1939 sowie zentrale konzeptionelle Papiere wie den Generalplan Ost. Überdies wurden Dokumente zur praktischen Umsetzung dieser Planungen aufgenommen. Im Kapitel Widerstand und Terror bietet die Quellenauswahl einen exemplarischen Ausschnitt zu den Aktivitäten des polnischen Untergrunds und dessen Bekämpfung durch die Besatzungsmacht im Juni 1943 auf dem Gebiet des Generalgouvernements. Quellen deutscher und polnischer Provenienz vermitteln beide Perspektiven, die der Besatzer und die der Besetzten. Das Kapitel Schule und Kultur konzentriert sich auf die Situation polnischer Schulen, ihrer Lehrer und Schüler im Reichsgau Wartheland, wo die Schulpolitik Modellcharakter für andere besetzte Gebiete haben sollte. Im Kapitel Alltag soll durch deutsche und polnische Dokumente das vielfältige System der alltäglichen Unterdrückung der polnischen Bevölkerung sowie deren Reaktion darauf veranschaulicht werden. Die Zwangsarbeiterrekrutierung und -deportation werden am Beispiel des Generalgouvernements behandelt. Neben den grundlegenden Verordnungen, Besprechungen und Aufrufen findet sich hier auch eine frühe Reaktion des polnischen Untergrunds auf die deutschen Maßnahmen.

 

Die Materialien

Die im Kapitel Materialien zusammengefassten Statistiken und Graphiken, Zeitungsartikel und Fotos ergänzen die Textquellen und vermitteln einen Eindruck von der Dimension nationalsozialistischer Besatzungspolitik und ihrer Folgen. Sie sind analog zu den Kapiteln der Textquellen angeordnet.

Grundlegende Informationen zur ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung im besetzten Polen zu verschiedenen Zeitpunkten und bezogen auf die verschiedenen territorialen Einheiten vermitteln die im Kapitel „Volkstumspolitik“ aufgenommenen Statistiken. Darüber hinaus verdeutlichen Statistiken zur Vertreibung der polnischen Bevölkerung aus den eingegliederten Gebieten die Dimension und zeitliche Dynamik dieser Politik.

Die schwierigen Lebensbedingungen unter deutscher Besatzung lassen sich auch aus statistischen Daten ablesen. Übersichten über amtliche Lebensmittelpreise und solche auf dem Schwarzmarkt, über die Lohnentwicklung sowie die Rationssätze können für sich betrachtet und miteinander in Bezug gesetzt einen anderen Einblick in den Alltag der Bevölkerung und in ihre existenziellen Nöte bieten.

Den fundamentalen und nachhaltigen Einschnitt, den die Zwangsarbeiterrekrutierung und -deportation für die polnische Gesellschaft bis heute bedeuten, machen die Statistiken in diesem Kapitel deutlich, indem der gesamte Umfang, die zeitliche Entwicklung und die geographische Dimension abgebildet werden. Wandzeitungen und Dokumente des Widerstands illustrieren zudem die Mechanismen von Propaganda und Gegenpropaganda.

Zur Orientierung der zeitlichen Abläufe dient dem Nutzer eine Chronologie, die zentrale Ereignisse und Verordnungen für die deutsche Besatzungspolitik ebenso festhält wie für bestimmte Zeiträume exemplarisch weniger bekannte Ereignisse, die der Kontextualisierung der Textquellen dienen.

Eine umfassende Auswahlbibliographie führt die wichtigen Quelleneditionen zur deutschen Besatzungspolitik auf und berücksichtigt überdies die wichtigen Monographien zu verschiedenen Aspekten deutscher Okkupationspolitik in Polen, vorwiegend in westlichen Sprachen. Da zu wichtigen Bereichen nach wie vor nur polnischsprachige Werke vorliegen, wurden auch diese hier angeführt.