Berichte des Sicherheitsdienstes der SS aus der Provinz Oberschlesien 1942-1944 - Über das Modul

Bearbeiter: Mirosław Sikora, Mirosław Węcki, Sebastian Rosenbaum

Erstveröffentlichung: Dezember 2017

 

 

In Kooperation mit:

 

 

In den bisherigen Forschungen zur Überwachung der deutschen Gesellschaft im NS-Herrschaftssystem rückte der Sicherheitsdienst der SS seltener in das Blickfeld der Historiker als die Geheime Staatspolizei. Erste fortgeschrittene Studien über die Rolle des SD in der deutschen Gesellschaft „unter dem Hakenkreuz“ veröffentlichte Anfang der siebziger Heinz Boberach (Berichte des SD und der Gestapo über Kirchen und Kirchenvolk in Deutschland 1934-1944,). Anschließend setzte dieser berühmte Archivar seine Recherchen fort und gab Mitte der achtziger Jahre eine 17-bändige Quellenedition (alle in der Einleitung besprochene Autoren und Titeln sind im Literaturverzeichnis berücksichtigt) mit fast allen im Bundesarchiv erschlossenen sogenannten „Meldungen aus dem Reich“, bzw. „Berichten zu Inlandsfragen“ des SD heraus. Dadurch erhielt der Leser Einsicht in die nahezu vollkommene Sammlung der Meldungen, die auf der Ebene der SD-Zentrale auf Grund der Berichten aus hunderten regionalen Leitabschnitten und Außenstellen des SD in den Kriegsjahren, zusammengefasst dabei aber manchmal auch „korrigiert“ worden waren. Doch gerade zahlreiche Eingriffe, insbesondere Vereinfachungen seitens der Berliner SD-Berichterstatter trugen dazu bei, dass die „Meldungen aus dem Reich“, die u.a. Heinrich Himmler, Joseph Goebbels, Robert Ley, Martin Bormann, Hans Lammers und wahrscheinlich gelegentlich Adolf Hitler vorgelegt worden waren, verhältnismäßig wenig Einzelheiten beinhalten über die eigentümliche Wahrnehmung des Krieges und der in dem Zusammenhang stehenden Schwierigkeiten durch die lokale Kommunen.
Im Frühling 1943 ist sogar in der SD-Zentrale zu einer Krise gekommen, die durch den Inhalt der Meldungen hervorgerufen wurde. Laut Boberach zeigte sich sogar Heinrich Himmler mit der skeptischen Aussprache der Berichte dermaßen enttäuscht aus, dass er von SD-Inland Führung förderte mit Berichterstattung in damaliger Form aufzuhören. Der Wandel spiegelte sich unlängst in der Umbenennung der Meldungen aus dem Reich zu den Berichten zu Inlandsfragen. Im Prinzip verloren damals diese Dokumenten an Bedeutung und waren weiter nicht mehr von der Staatsführung zu ernst genommen und zwar das alles gerade in dem Moment von welchem ab sich die Front- und damit die Wirtschaftslage schrittweise nur zu verschlechtern begann ohne irgendwelche Wachstum Tendenzen aufzuzeigen (gewisse Ausnahme macht hier Rüstungsproduktion wo sogar Ende 1944 gewisse quantitative Erfolgen erzielt wurden).
Innerhalb der letzten 20 Jahren sind mehrere Studien zum Thema Führungskorps des SD sowie der Sicherheitspolizei erschienen, darunter vor allem ausgezeichnete Bücher vom Ulrich Herbert, Michael Wildt, Jens Banach oder Robert Gerwarth.
Ein Grund für den Mangel an Regionalstudien bildet bestimmt die sehr lückenhafte Quellenbasis. Nur für wenige Reichsgaue und Provinzen sind heute Berichten der SD-Außenstellen und Leitabschnitte überliefert und manchmal auch nur für eine ausgewählte Zeitspanne. Ein sehr wichtiger Beitrag zur Geschichte des SD in Region, bietet ein hervorragendes Buch von Carsten Schreiber aus dem Jahr 2008 unter dem Titel „Elite im Verborgenen. Ideologie und regionale Herrschaftspraxis des Sicherheitsdienstes der SS und seines Netzwerks am Beispiel Sachsens“. In dieser ausführlichen Analyse geling es dem Verfasser, - dank der ganz außerordentlich gut erhaltener Personaldokumente, - nicht nur die biographische Daten der SD-Mitarbeiter und ihrer Informanten nachzuvollziehen, sondern auch den modus operandi dieses Nachrichten-Netzes eingehend zu erklären.
Zu den anderen erwähnungswerten Fallstudien soll man auch die Quellensammlung unter dem Titel Meldungen aus dem Norwegen (2009) einreihen, wo wiederum Berichterstattung (obwohl nicht nur des SD sondern auch der anderen Sicherheitsorgane wie Gestapo) in Bezug auf die besetzten Gebiete Norden Europas dargestellt wurde (per analogiam SD bereitete auch Meldungen aus den Niederländer usw. vor). Die Studien an der ähnlichen SD-Tätigkeit in den im Osten besetzten Gebieten weichen dagegen – aus den verständlichen Gründen - den Themen die im Mittelpunkt die verbrecherische Aktivität im Osten betrachten (Einsatzgruppen, Partisanenbekämpfung und Endlösung). Genozid wurde aber auch in Form der sog. Ereignismeldungen UdSSR und anschließend der sog. Berichte aus den besetzten Ostgebieten von der Sipo und dem SD dokumentiert (siehe: Quellenedition hrsg von Klaus M. Mallmann u. a.).
Da der SD neben den Massenmorden auch andere organische Aufgaben im Osten ausübte wie die Erkundung der Stimmung der dortigen Völker, zeigen die Dokumenten die gegenwärtig in dem Russischen Staatlichen Militärarchiv (RGVA) aufbewahrt sind. Die Stimmungsberichterstattung umfasste alle im Osten unter die deutsche Besatzung gefallenen Länder und Regionen: Ukraine, Weißrussland, Baltische Länder, Krim, Kaukasus. Wegen der begrenzten Möglichkeiten der Informationsbeschaffung in der dortigen Gesellschaften (Ausbleiben der deutschen Sprachinseln, Mangel an SD-Personal, Größe des Raumes) und der relativ kurzen Zeit, die dem Ausbau des SD-Netzes zur Verfügung stand (im Prinzip Sommer 1941 – Herbst 1943), erfüllten diese Meldungen nur im kleinen Bruchteil die Aufgaben, die den Meldungen aus dem Reichinnern einschließlich der eingegliederten Ostgebebiete von der Reichsbehörde gestellt wurden.
***
Die vorliegende Quellenedition soll ähnliche Funktion wie die Monographie Schreibers, - doch in begrenzter Form wegen des Mangels an personenbezogenen Quellen, - in Bezug auf die Region Oberschlesien samt der östlichen angrenzenden Gebieten, die vor dem Zweiten Weltkrieg zu Polen gehört haben, erfüllen.
Die Quellensammlung umfasst 40 Berichte, die im Laufe des Zweiten Weltkriegs durch die SD-Außenstellen bzw. den SD-Leitabschnitt in der Provinz Oberschlesien, d.h. im deutsch-polnischen Grenzgebiet vorbereitet wurden. Sie betreffen die allgemeine Stimmung der Bevölkerung, insbesondere ihre Beurteilung der Frontlage, sowie die Wahrnehmung der inneren Ereignissen und der führenden Personen, insbesondere Adolf Hitler.
Es soll hier hervorgehoben sein, dass die Berichte nur am Rande die an Wirtschaft sowie an die Kultur bezogenen Fragen berücksichtigen. Zwar je nach dem Bericht tauchten einzelne an Wirtschaft bzw. an Kultur anknüpfende Wahrnehmungen der Personen, die eigentliche Berichten die gezielt diese „Lebensgebiete” behandeln würden (sog. Linie D/Wirtschaft und C/Kultur) sind – von wenigen kleinen Ausnahmen abgesehen - nicht überliefert und zwar nicht nur in dieser Dokumentenauswahl, aber überhaupt in den in bisher gefundenen Dokumente des oberschlesischen SD.
Dabei wissen wir auch nicht ob solche Dokumenten in Bezug auf Oberschlesien einfach während oder nach dem Krieg verloren gegangen (zerstört) waren oder vielleicht sie nie erstattet wurden. An die zweite Möglichkeit weist die Tatsache hin, dass die die Allgemeine Stimmung und Lage bzw. den Verhalten der Minderheiten betreffende Meldungen aus OS, die Fragestellung der Gruppe C und D nicht nur auf dem regionalen Ebene (Kattowitz) aber auch auf dem lokalen Ebene (Außenstellen) verschwiegen. Es ist dabei sehr fragwürdig, dass die Außenstellen getrennte nur an die Auswertung der sozio-ökonomischen Probleme orientierte Meldungen vorbereiteten.
Man kann deswegen davon ausgehen, dass SD in Oberschlesien mit diesen Aufgaben (Informationsbeschaffung betr. Wirtschaft und Kultur) z. B. in dem Zusammenhang mit der Personalmangel überhaupt nicht oder lediglich in sehr begrenzter Form beauftragt wurde. Eine solche Ignoranz – sollte es tatsächlich der Fall gewesen sein - in gerader einer der wichtigsten Industriezentren des Reiches muss natürlich wundern.
Aus der Meldungen ist zu schließen zu dass der Schwerpunkt der Erkundung der Bevölkerung nicht in der regionalen Ereignissen sondern in der für ganzen Staat relevanten Fragen lag. Deswegen wurde auch den NS- und Staatsfunktionären der lokalen oberschlesischen Strukturen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt und zwar zugunsten der Hauptfiguren wie Hitler, Göring, Goebbels oder Himmler. Eine solche Betrachtung machte auch Sinn wenn man die in dem ganzen Reichsgebiet gesammelte Informationen irgendwie zusammenstellen und miteinander vergleichen möchte und deswegen die gemeinsamen Nenner brauchte.
Die oberschlesischen Berichte bilden lediglich einen Bruchteil der Berichterstattung des SD, die flächendeckend das Gebiet des ganzen Reiches samt den eingegliederten Ostgebieten berücksichtigte. Um die Glaubwürdigkeit und damit die Zuverlässigkeit dieser sogenannten Meldungen aus dem Reich zu gewährleisten, sind von 1938 bis 1942 mehr als 600 SD-Außenstellen entstanden, die wiederum durch über 50 Leitabschnitte verwaltet waren. Ihr Zweck war es, der Reichsführung – über die Leitabschnitte und anschließend über die SD Zentrale in Berlin – laufend Auskunft über die Reaktion der deutschen Bevölkerung und die Völker in besetztem Europa angesichts der in Berlin getroffene Entscheidungen und beschlossene Gesetze sowie gegenüber der Politik der Großmächte zu geben.
Die hier ausgewählten Berichte stammten aus allen damaligen 14 SD-Außenstellen, die wiederum dem für Provinz Oberschlesien zuständigen SD-Leitabschnitt Kattowitz untergeordnet waren. Die Außenstellen-Berichten sind jede Woche oder jede zweite Woche bzw. zusätzlich zum besonderen Anlass vorbereitet (z.B. die von SD Zentrale in Berlin sofort geförderte Beurteilung der Wirkung der gegebenen Führerrede) und nach Kattowitz entweder per Post (auch als Versand über die Deutsche Bahn) geliefert oder via Fernschreiberanlage der Gestapo gesendet. Dort wurden sie zusammengefasst, verkürzt, und dabei natürlich sachmäßig umgearbeitet. Von den paar Ausnahmen abgesehen sind in dem Modul nur die Außenstellen-Berichten einbezogen. Dies obwohl die Leitabschnitt-Berichten –in dem lückenhaften Ausmaß – auch in Archive überliefert sind. Sie sind jedoch viel mehr oberflächlich als das „Rohstoffmaterial” aus Außenstellen und bilden eine Zwischenstufe auf dem Weg zum noch mehr lapidaren (in Bezug auf Oberschlesien) und extrem raffinierten „Meldungen aus dem Reich“.
In der Regel war jede Außenstelle für ein bis drei Kreise verantwortlich. Üblicherweise bestand eine Außenstelle aus nicht mehr als 5 bis 10 haupt- und nebenamtlichen SD-Mitarbeitern (Angehörigen), denen wiederum ein paar Zehnte sogenannten Vertrauensmänner, Beobachter und eben Zubringer zu Verfügung stand. Diese inoffiziellen geheimen Mitarbeiter waren mit der Aufgabe beauftragt, regelmäßig in ihren Arbeitsplätzen, sowie im Kollegenkreis, und sogar Familie allgemeine Stimmung zu erkennen, und auch einzelne maßgebliche Meinungsäußerungen zu erfassen und den SD-Mitarbeitern weiterzugeben. Auch zufällig, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln mitgehörte Gespräche, wurden erfasst. Es handelte sich dabei um positive und negative Kommentare sowie alle interessante Meiningen zur Kriegslage usw.
Die gesamtmenge der im OS haupt-, neben- und ehrenamtlich für SD auf dem Gebiet der Berichterstattung tätigen Funktionären kann auf nicht mehr als 200 geschätzt werden. Diese wiederum hatten zur Verfügung nicht mehr als 1000 regelmäßig befragte und dabei bewusste Vertrauensmänner und Zubringer. Dieses Potential sollte mit der Überwachung der 4,1-Millionen Einwohner der Provinz Oberschlesien beauftragt sein.
Das Arbeitsgebiet auf der niedrigsten Stufe der deutschen Gesellschaft wurde klar von der Führer der SD-Außenstelle in Solingen nahe Düsseldorf klar angewiesen: „Die objektive Erfassung der Stimmung der Bevölkerung ist eine der verantwortungsvollsten und schwersten, darum aber auch schönsten Aufgaben des SD. An ihrer Lösung haben gleicherweise sämtliche Beobachter, Mitarbeiter und besonders ausgewählte V-Männer  beizutragen. Außenpolitische Ereignisse, militärische Operationen, innerpolitische Vorgänge, Gesetze, Verordnungen und Erlasse auf den verschiedensten Lebensgebieten wirken unmittelbar oder durch Presse, Rundfunk oder Diskussionen innerhalb der Bevölkerung auf diese ein und beeinflussen deren Stimmung. Die richtige und erschöpfende Erfassung aller Auswirkungen gibt den jeweils zuständigen Ministerien und Zentralstellen die Möglichkeit, auftretende Mängel durch Erlasse neuer oder Änderung bestehender Anordnungen zu beheben oder zu mildern, auftretende Missverständnisse durch Aufklärung in Rundfunk oder Presse zu beseitigen, Gerüchten entgegen zu treten usw.“ (RGVA Moskau, Polizei- und Verwaltungsbehörden im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten Nr. 1323, Inventar 2, Sign. 156, Sicherheitsdienst des RFSS, SD-Leitabschnitt Düsseldorf, Außenstelle Solingen, Arbeitsanweisungen für die „aktuelle Stimmungs- und Lageberichterstattung“, Solingen, 7.12.1940, S. 47).
In den Jahren 1941-1944 war der SD-Leitabschnitt Oberschlesien mit Sitz in Kattowitz durch SS-Obersturmbannführer Oskar Leopold Podlich geleitet. Podich ist 1908 in Striegau/Niederschlesien geboren als Sohn eines Oberlokomotivführers. In der 20er arbeitete er als kaufmännischer Angestellter in verschiedenen Unternehmen. Ende 1932 wurde er in die SS (Ausweisnummer 61.984) und anschließend als hauptamtlicher Mitarbeiter in dieser Organisation beschäftigt. Im März 1933 trat er in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 1.500.445). In 1935 wechselte er zum SD-Hauptamt in Berlin. In den nächsten Jahren war er für den SD im Sudetenland und dem Protektorat Böhmen und Mähren tätig. Nach Kriegsanfang Podlich war in SD in Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich eingesetzt. Im August 1940 wurde er zum SS-Sturmbannführer befördert. In Oberschlesien verblieb er wahrscheinlich bis zum Eintreffen der Roten Armee. Sein Nachkriegsschicksal ist unbekannt (Bundes Archiv Berlin-Lichterfelde, Berlin Document Center, SSO 385 A und [RS] E 5093 - Verschiedene Personalakten zu Oskar L. Podlich).
Die hier vorgelegten Berichte wurden von den Modulbearbeitern aus einer umfangreichen Sammlung ausgewählt. In der Tat sind rund 600 ähnlichen Meldungen aus dem Gebiet Oberschlesiens, in den drei polnischen Staatsarchiven (in Warschau, Kattowitz und Oppeln) überliefert und teilweise (Warschau, wo die Außenstellen-Meldungen aus der Zeit November 1942 – März 1943 aufbewahrt sind) von den Historiker schon recherchiert (was aus den bei den Akten angelegten Einsichtskarten herauskommt). Die überwiegende Mehrheit der Dokumenten betrifft den Zeitraum ab Herbst 1942 bis Sommer 1944, so dass keine genaue Einsicht insbesondere in den ersten drei Jahren des Krieges besteht. Die ausführliche Zusammensetzung der Akten samt ihrer chronologischen und sachlichen Aufteilung auf dem einzelnen Archive wurde schon besprochen (Sikora 2015).
Bei der Auswahl der 40 Dokumente für diese Quellenedition wurden vor allem drei Faktoren berücksichtigt.
•    Erstens sollten die Berichte gleichmäßig das Gebiet der Provinz decken, also jede Außenstelle sollte mindestens einmal mit ihrem Bericht repräsentiert sein. Weiterhin ermöglicht eine solche Lösung die Perspektive der einzelnen Bevölkerungsgruppen (Deutschen, Polen, Schlesier), die ungleichmäßig die Provinz besiedelt haben, genauer zu beleuchten.
•    Zweitens die Berichte sollten nach Möglichkeit alle relevanten Kriegsereignisse betrachten, natürlich nur diejenigen, die überhaupt in allen sechshundert Berichten zwischen Spätherbst 1942 und Sommer 1944 erwähnt waren.
•    Drittens sollten die Berichte, je nach Möglichkeit, verschiede Kategorie der Kriegsereignisse wiederspiegeln. Deswegen neben den überwiegenden Bezüge auf die Geschehen an den Fronten, findet man in den ausgewählten Quellen auch Kommentare über die Innenpolitik, Versorgungslage, Kriegserbrechen usw.
Die oberschlesischen Berichte teilen sich je nach dem Ort der sie erstattender Außenstelle auf mindestens zwei bzw. drei Gruppen. Die erste umfasst Außenstellen, die schon vor der Eroberung Polens im September 1939 auf dem Gebiet des Reiches (sog. Westoberschlesien) tätig waren: Neustadt, Grottkau, Kreuzburg, Oppeln, Ratibor, Gleiwitz und gewissermaßen auch Beuthen. Die letztgenannte erstreckte nach dem Kriegsausbruch ihre Gewalt auch über den polnischen Kreis Tarnowitz. Die zweite Gruppe bilden die während des Krieges in den sogenannten eingegliederten Ostgebieten errichteten Außenstellen: Kattowitz, Pless, Rybnik, Bielitz, Teschen, Loben und Sosnowitz. Diese unterscheiden sich wiederum voneinander dadurch, dass die vier letztgenannten sich teilweise oder völlig mit den Kreisen bzw. Kreisteilen beschäftigten, die vor dem Jahr 1918 nicht zum Deutschen Reich, sondern dem russischen Zarenreich (AS Loben, AS Sosnowitz) bzw. dem Österreichs-Ungarischen Reich (AS Bielitz, AS Teschen) einverleibt waren.
Dieser Unterschied - obwohl mit der Ausnahme von Teschen - sind in den Jahren 1939-1941, nach der die sog. Deutsche Volksliste (DVL) in der Provinz Oberschleien eingeleitet wurde, noch vertieft worden. Die meisten Einwohner der Ostoberschlesien (Kattowitz, Pless usw.) wurde die deutsche Staatsangehörigkeit - obwohl manchmal in begrenzter Form – eingeräumt. Das geschah wegen der verschiedenen Faktoren, darunter nationalitätsmassiger und sprachlicher Natur, doch auch wegen der Angst der hiesigen Bevölkerung, als Folge des Bekennens zum Polentum, enteignet und ausgesiedelt oder sogar verhaftet zu sein. Dagegen gelten die Einwohner der sogenannten Oststreifen mit Kreisen Blachstädt und Warthenau (die durch SD in Loben überwacht waren), Sosnowitz, Krenau und Ilkenau (die dem SD in Sosnowitz unterlagen), sowie Saybusch (zuständig SD Bielitz) mit wenigen Ausnahmen als reine Polen, bzw. Juden, die auf diesem Gebiet in Menge von zirka 100 Tausend ursprünglich lebten.
Im Mittelpunkt der hier vorgestellten Berichten befinden sich u. a. solche bahnbrechende Ereignisse wie: Schlacht um Stalingrad, Niederlage im Afrika, Landung der Alliierten in Italien sowie anschließender Stutz Mussolinis, weiterhin U-Bootsaktivität und Luftkrieg. Darüber hinaus erfahren wir über die politischen Ereignisse (wie Ernennung Himmlers zum Innenminister), über die Judenverfolgung und damals noch umstrittene Frage der Ermordung der polnischen Offiziere bei Katyn. Weitere vernommene spannende Gesprächsthemen sind auch sicherlich solche wie: Auseinandersetzung der Bevölkerung über die Kriegsdauer, Erschöpfung Russlands, erhoffte Wunderwaffe und Vergeltung gegen Groß Britannien, sowie über die Lage in dem pazifischen Kriegsschauplatz.
***
Zu den wichtigsten erwähnungswerten lokalen d.h. oberschlesischen Problemen zählten der Gebrauch der polnischen bzw. sog. schlonsakischen Sprache (Mundart) durch die Bevölkerung, sowie verschiedene Folgen der Einführung der Deutschen Volksliste, insbesondere hinsichtlich der in die 3. Gruppe der DVL eingereihten Personen, die - in der Menge von zirka ein Million - in Berichten häufig als „Zwischenschicht“ bezeichnet sind.
Einen weiteren Themenbereich lieferten die Operationen der polnischen Widerstandsbewegung. Schließlich bildet Alltagsleben Einwohner Oberschlesiens mit zahlreichen Schwierigkeiten in Versorgung mit Verbrauchsgütern einen wesentlichen Punkt der Berichterstattung. Ausnahmsweise sind auch die Reibungen zwischen den Reichsdeutschen, Volksdeutschen sowie den deutschen Umsiedler beleuchtet (Sikora, 2018).
Die Frage der ethnischen und sprachlichen Spezifik Oberschlesiens beschäftigte seit Ende des 18. Jahrhunderts die preußische und deutsche Öffentlichkeit. Die zivilisatorische Rückständigkeit Oberschlesiens gegenüber anderen Teilen Preußens wurde heftig diskutiert, als ihre Ursachen wurden die slawischen (bzw. polnischen) Eigenschaften ihrer Bewohner und ihr Katholizismus angedeutet. Es entstand der Begriff "Wasserpolak", der auf die Besonderheit des oberschlesischen Volkes gegenüber sowohl Deutschen wie auch und Polen hinweisen sollte. Nach 1918 betonte die deutsche Elite den kulturellen deutschen Habitus der Ureinwohner der Region und unterschied zwischen Sprache und Nationalbewusstsein – bei diesem Ansatz wurden die Oberschlesier manchmal als "polnischsprachige Deutsche" behandelt. Die Verbindungen zwischen Oberschlesiern und Polen würden in dieser Optik lediglich durch die sog. großpolnische Agitation künstlich stimuliert. Nach der Teilung der Region 1922 in der polnischen Woiwodschaft Schlesien behaupteten die Vertreter der deutschen Minderheit, dass Polnisch-Oberschlesien der einzige Teil der Republik Polen sei, in dem die Nationalität nicht mit der Sprache übereinstimme (d.h. viele Deutsche sollen Polnisch sprechen), was auch auf Teschener Schlesien übertragen wurde. Dieses Konzept wurde von der polnischen Seite entschieden abgelehnt. Die Polen betrachteten das prodeutsche oberschlesische Volk als eine national unbewusste, aber im Grunde doch ethnisch polnische Bevölkerung.
Die nationalsozialistische Idee Oberschlesiens drückte sich in der Idee des sog. „Großen Schlesiens“ aus, das Niederschlesien (ausschließlich deutsches Gebiet) und Oberschlesien (germanisierungsbedürftig) umfasste. Nach der Eingliederung der polnischen Provinz Schlesien in das Reich in Oktober 1939 wurden die neu eroberten schlesischen Gebiete in die Idee des "Großen Schlesiens" aufgenommen. Es wurde das „ewig Deutsche“ in Ost-Oberschlesien und Teschener Schlesien hervorgehoben, aber der Hinweis auf die ethno-linguistische Ambivalenz der neuen Territorien wurde nicht ganz vermieden. Deutschtum galt als die kulturelle Dominante Oberschlesiens (deutsche Leitkultur), slawische Akzente wurden als vorübergehend wahrgenommen und zum Verschwinden verurteilt.
Die Haltung der deutschen Behörden zur ethno-linguistischen Situation in der oberschlesischen Provinz um die Wende der 1930er und 1940er Jahre war geprägt von der Reflexion deutscher nationalistischer Intellektueller wie Karl Schodrok (Sczodrok), Leiter des Amtes für oberschlesische Landeskunde. Seine Analyse des nationalen Problems in Oberschlesien vom 18 August 1939 galt als Grundlage für die von der Volksdeutschen Mittelstelle formulierten Leitlinien für die Behandlung einheimischen Oberschlesier aus dem ehemaligen preußischen Oberschlesien und Teschener Schlesier (Schlonsaken) – wie der Historiker Ryszard Kaczmarek behauptet. Trotz der Anerkennung ihrer teilweisen rassischen Fremdheit von den Deutschen wurden sie doch als eindeutschungsfähig wahrgenommen, was zudem einen Durchbruch in der rassistischen Lehre der Nazis bedeutete. Im Dokument des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP vom 25. November 1939 wurden die preußischen Oberschlesier als "Wasserpollaken" bezeichnet und die Schlesier aus dem Teschener Gebiet als „Schlonsaken“, beide als "Polonisierten Deutsche"; zusammen wurden sie auf insgesamt etwa 1,5 Millionen Personen geschätzt. Diese beiden Gruppen bildeten eine Kategorie, die als "Zwischenschicht" (zwischen Polentum und Deutschtum) genannt wurde und zum Gegenstand der deutschen Nationalitätenpolitik geworden sind. Die Hauptidee war die rücksichtslose Germanisierung dieser Bevölkerung.
In der Volkszählung, die seit Dezember 1939 auf dem Gebiet der ehemaligen Woiwodschaft Schlesien durchgeführt wurde, erklärte die Mehrheit der Bevölkerung im "preußischen" Teil der Woiwodschaft die deutsche Volkszugehörigkeit. Im Teschener Schlesien war das Ergebnis viel komplizierter: 36,6% betrachteten sich als Schlesier, 24% als Polen, 21% als Tschechen und 18% als Deutsche. Im Rahmen der Deutschen Volksliste (DVL), die seit März 1941 verliehen wurde, erhielt die Mehrheit der „Zwischenschicht“ die 3. Gruppe der DVL. Diese Gruppe brachte einen „schwachen“ Angebot für die Besitzer – Staatsbürgerschaft nur bis auf weiteres und zahlreiche Einschränkungen für die Inhaber. Im Effekt begann die Zwischenschicht Deutschland den Rücken zu kehren. Es kam zu einer paradoxen "Repolonisierung" der „Zwischenschicht“ und diese Tendenz, die bis zum Zerfall des Dritten Reiches festgehalten hat, wurde auch in den SD-Berichten festgestellt.
***
Die Quellenedition gliedert sich in Berichte und ergänzendes Material. Die Berichte thematisieren I. Rückschau, II. Im Schatten Stalingrads, III. Italien im Mittelpunkt, IV. Der Anfang vom Ende. Der letzte Teil besteht aus verschiedenen Bildern, sowie einzelnen Dokumente, Karten, Diagrammen, und einer Tabelle. Auf Grund dieser Medien sollen sich Leser/innen besser in die Themenkomplexe SD (I) sowie Oberschlesien (II) mit seiner Bevölkerung (III) während des Krieges hineinversetzen können.
Die leitende Fragestellung des Themenmoduls betrifft des Verhaltens der Bevölkerung Grenzlandgebietes Oberschlesien den Kriegsbedrohungen gegenüber im Allgemeinen, sowie der Reaktion der einzelnen Nationalitätsgruppen, Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen an der sich immer deutlicher enthüllte Krise und Niederlage des Staates Adolf Hitlers. Darüber hinaus setzen die Autoren der Quellenedition voraus, dass der Leser versuchen wird die in den Berichten erwähnten Ereignissen (insbesondere Gerüchte) und mögliche Schönfärbereien mit den gegenwärtigen Festlegungen der Historiker zu vergleichen und dadurch die Schlussfolgerungen hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der „Meldungen aus dem Reich“ überhaupt zu ziehen.
Last but not least die hier vorliegenden Dokumente können auch in dem breiteren d.h. über das Oberschlesien, den SD und den Zweiten Weltkrieg hinausgehenden Kontext, erörtert werden. Einerseits sie liefern uns Einsicht in die Ergebnisse einer der wichtigsten Aufgaben des Sicherheitsorgane und des Geheimdienstes im Allgemeinen (siehe: Hughes-Wilson 2016;  Andrew 2018). Die Überwachung der eigenen und gleichzeitig die Erkundigung der Stimmung der anderen Gesellschaften war keinesfalls eine Erfindung des Totalitarismus, obwohl gerade Sowjet Union hat dieses Arbeitsgebiet der Sicherheitsorganen (GPU/später NKVD) schon in Laufe der 20er zur Vollendung geführt hat. Die plan- und regelmäßige, dabei den konkreten Zwecke dienende Ausspähung der Gesellschaften fang spätestens im Frankreich nach der Revolution 1789. Es war anschließend übernommen und entwickelt durch die Großmächte im Laufe des 19. Jahrhunderts, wobei am Anfang des 20. Jahrhunderts fast alle unabhängige Staaten Europas sowie Japan und USA über die in Überwachung spezialisierten Institutionen verfügten. In dem letztgenannten entstanden schließlich auch erste professionale unabhängige Meinungsforschungsinstitute (z. B. Galllup).
Den zweiten Kontext bildet die soziologische Bedeutung der Dokumente. Wenn wir sogar berücksichtigen würden, dass SD-Modus Operandi stark durch die politische und ideologische Voraussetzungen geprägt war und dadurch den Inhalt der Meldungen beeinträchtigt wurde, dann bleiben immer noch die schon veröffentlichte, sowie die hier präsentierte und schließlich die noch im Archiv verbliebene SD Meldungen, eine der wichtigsten Quellen solcher Art weltweit. Anhand dieser Dokumente kann man solche sozilogische Erscheinungen verfolgen wie das Gerüchten-Verbreiten. Weiterhin es stellt sich ganz möglich heraus die die von der Politologin Elisabeth Noelle-Neumann formulierte sogenannte Schweigespirale-Theorie zu beweisen. Dieser Paradigma zufolge bekennen sich die Menschen in den privat und insbesondere in den öffentlichen Gesprächen zu ihrer tatsächlichen Auffassung erst dann wenn sie zu Recht einschätzen, dass diese mit der öffentlichen Meinung einhergeht. In diesem Zusammenhang besonders interessant ist nicht nur das was es in den vorliegenden Meldungen gibt aber auch das was dort überhaupt nicht auftaucht (wie Verfolgung und Ermordung der Juden).

Erklärung der wichtigsten Begriffe in den Berichten:
LA Kattowitz = SD-Leitabschnitt in Kattowitz
Hauptaussenstelle (HAS)    wegen des besonders breiten Einsatzgebiets und der in dem Zusammenhang stehenden personalbezogenen Stärke trugen die Stellen in Oppeln und Gleiwitz den Name Hauptaussenstelle. Im Gegensatz zur HAS Gleiwitz, die sonst wie die übrigen Außenstellen (AS) arbeitete, hatte HAS Oppeln besondere Befugnisse, d.h. sie verwaltete über die benachbarten AS (Neustadt, Grottkau, Kreuzburg, vorläufig Ratibor), die statt direkt LA Kattowitz, der HAS Oppeln ihre Berichten jeweils übersandt hatten.

III/A-D/1-4 = Römische Ziffer III bedeutet Hauptamt III SD-Inland im Reichssicherheitshauptamt. Die Buchstaben A, B, C oder D bedeuten fachlichen Bereich der Berichterstattung: A – Allgemeine Stimmung und Lage (in Prinzip in der deutschen Bevölkerung), B – Minderheiten, C – kulturelle Fragen unter ganzen Bevölkerung (auch Wahrnehmung der Presse- und Rundfunknachrichten), D – Wirtschaft und Versorgung der ganzen Bevölkerung. Diese buchstäblichen Bezeichnungen geben aber nur sehr grob den Inhalt des jeweiligen Berichts wieder, die manchmal im Rahmen des bestimmten Bereichs auch andere Sachen berühren. Die Nummern 1, 2, 3 oder 4 nach dem Buchstabe dienen dazu das Thema des Berichtes noch mehr einzuengen, deshalb entspricht jede arabische Ziffer den insgesamt 16 (4x4) weiteren sog. Lebensgebieten. Die wichtigsten waren III A 4 (Allgemeines Volksleben) und III B 2 (Stimmung und Verhalten der Polen - hier ist manchmal auch sog. Zwischenschicht berücksichtigt). In den hier ausgewählten Berichten nur selten erscheinen andere Bezeichnungen (z.B. III C 4 betr. Presse, Schrifttum und Rundfunk).

VM = Vertrauensmann – eine Kategorie der inoffiziellen aber erfassten Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst.
Zubringer = eine Kategorie der inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst. Zubringer waren weniger als VM mit dem SD gebunden, sie waren manchmal nicht in den Karteikarten des SD erfasst und galten als minderwertige Informationsquelle im Vergleich mit VM.

 

Abkürzungen in der Dokumenten-Beschreibung:
AP Katowice = Archiwum Państwowe w Katowicach; Staatsarchiv in Kattowitz
AP Opole = Archiwum Państwowe w Opolu; Staatsarchiv in Oppeln
AIPN = Archiwum Instytutu Pamięci Narodowej w Warszawie; Archiv des Instituts für Nationales Gedenken in Warschau
GK = Główna Komisja Badania Zbrodni Hitlerowskich w Polsce; Hauptkommission zur Verfolgung der Hitler-Verbrechen in Polen
BAB = Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde
BDC = Berliner Document Center
MG = Muzeum w Gliwicach; Museum in Gleiwitz

Hinweise betr. der während des Umschreibens der Berichte eingeführten Änderungen (auf den unten genannten Regeln ist gelegentlich verzichtet worden).
Nur die Schreibmaschinenschrift wurde berücksichtigt und nicht die Handschrift; das bezieht sich auch auf handschriftliche Unterstreichen sowie Unterschriften, die nicht lesbar sind.
Die Stempelabdrücke (z.B. Eingangsbestätigung) sind beibehalten worden.
Die Rechtfertigung ist neugefasst, vor allem die Zeilen; deshalb unterscheiden sich gegenwärtige Seitennummern- und zahlen von denen des Originals. Die sachlichen Abschnitte bzw. Kapitel (z. B. Versorgungslage, Ostfront, Gerüchte) sind dagegen bewahrt worden. Die Absätze wurden unterschiedlich, je nach dem Bericht, behandelt.
Die Rechtsschreibung kommt aus der Zeit 1901-1996 (z.B. hinsichtlich des Es-Zett), ist also in der ursprünglichen Form geblieben.
Kleine buchstäbliche Fehler sind korrigiert worden, bzw. das umstrittene Wort ist mit dem Zeichen [sic!] versetzt worden.
Dort wo fehlen die wichtige für das Verstehen des Textes Buchstaben und Wörter sind diese ergänzend zwischen den Klammern [ ] untergebracht worden. Überall wo die Unterschrift unlesbar ist steht: [unlesbar]. In den Klammern sind auch eventuell nötige Kommentare untergebracht [z. B. Unterschrift fehlt]
Auf die Erklärung der im Text vorkommenden Namen, Ortsnamen, Daten, Ereignissen und anderen Tatsachen ist verzichtet worden.