Stadtentwicklung in Böhmen und Mähren im Mittelalter - Über das Modul

Bearbeiter: Thomas Krzenck (Leipzig)

Erstveröffentlichung: Dezember 2016

Die Entstehung und Ausbreitung der mittelalterlichen Städte in Böhmen und Mähren

Für die Entwicklung und Entfaltung des mittelalterlichen Städtewesens kommt dem 13. Jahrhundert in der böhmischen bzw. tschechischen Geschichte entscheidende Bedeutung zu, so dass Peter Moraw gar vom „Phänomen der Entwicklungsbeschleunigung oder Modernisierung“ spricht. Der sich vollziehende gesellschaftliche Umbruch veränderte das Herzogtum Böhmen, seit der Sizilischen Goldbulle von 1212 nunmehr endgültig ein erbliches Königreich, fortschreitend und dauerhaft. Das benediktinische „ora et labora“ wurde gleichsam zur Parole einer ganzen Epoche. Im langen „Jahrhundert der letzten Přemysliden“ – die seit dem 10. Jahrhundert herrschende Dynastie starb mit der Ermordung des 17-jährigen Wenzel III. in Olmütz 1306 im Mannesstamm aus – begleitete eine bemerkenswerte, insbesondere vom Landesherrn in vielfacher Weise geförderte städtische Entwicklung die fortschreitende Erschließung des Bodens. Dies macht anschaulich die im Modul präsentierte Karte zur Besiedlung der böhmischen Länder, die den Zustand um die Mitte des 13. Jahrhunderts zeigt, deutlich, ebenso jene Karte, die die Verteilung der königlichen Städte im böhmischen Staat zu Beginn des 14. Jahrhunderts zeigt.

Der gesamte Prozess der sich vollziehenden Erschließung des Landes bildete dabei einen integralen Bestandteil des hochmittelalterlichen Landesausbaus (aedificatio terrae) als eines gesamteuropäischen Prozesses der Besiedlung und Akkulturation mit weitreichenden Transformationseffekten. Für das etwa 78.000km2 umfassende Territorium Böhmens und Mährens hatte dies, nach der umfassend einsetzenden Christianisierung im 10. Jahrhundert, gravierende Langzeitfolgen in allen Bereichen des politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebens. Begriffsgeschichtlich operierte die deutsche Geschichtswissenschaft seit der Beschäftigung mit diesem Prozess im 19. Jahrhundert vornehmlich mit den Termini  „(Ost-)Kolonisation“  und hochmittelalterliche „Ostsiedlung“, während sich in der Historiographie in den böhmischen Ländern seit František Palacký vor dem Hintergrund der ethnisch-nationalen Strukturen ein jeweils in sich wiederum aufgefächerter deutschböhmischer (u. a. Adolf Bachmann, Adolf Zycha, Bertold Bretholz) und ein tschechischer Zweig (u. a. Václav V. Tomek, Hermenegild Jireček, Jaromír J. Haněl, Bedřich Mendl) durchsetzte und in den jeweiligen „nationalen“ Positionen verfestigte. Der Prozess des hochmittelalterlichen Landesaufbaus wurde dabei weitgehend konträr interpretiert. Während aus deutscher Sicht häufig die Akkulturation durch deutsche Siedler und deren positive Folgen auch für die einheimische slawische Bevölkerung in den Vordergrund rückte, widersprach die tschechische Geschichtsschreibung im Prinzip vehement einer solchen Interpretation aus ideologischen Gründen und verband damit in negativer Konnotation weitreichende Germanisierungsversuche. Vor dem Hintergrund des Falls des „Eisernen Vorhangs“ 1989 haben diese mit dieser Siedlungsbewegung verbundenen Begriffe im zurückliegenden Vierteljahrhundert historiographisch ihre im 19. Jahrhundert einsetzende politische Sprengkraft (Ideologisierung des Bilds der Ostsiedlung vor dem Hintergrund zeitgenössischer ethnisch-nationaler Spannungen, „Drang nach Osten“) jedoch endgültig verloren.

Die enge Verflechtung von ländlicher und städtischer Siedlung bildet einen grundlegenden Aspekt des Landesausbaus und tritt auch in Böhmen und Mähren klar hervor. Eingeordnet in diesen Prozess lässt sich in der tschechischen Historiographie eine noch immer anhaltende Diskussion über den Begriff „Stadt“ feststellen. Die von Václav Vojtíšek gelieferte Definition „města jsou samosprávní střediska, opevněna hradbami a nadána výsadami“ (Städte sind Selbstverwaltungszentren, durch Mauern befestigt und mit Privilegien ausgestattet“) erweist sich dabei angesichts von nur drei aufgeführten Attributen als keineswegs ausreichend, zumal die Forschung bei allen strittigen Detailfragen ein ganzes Bündel an klassifizierenden und qualifizierenden Merkmalen für die Definition, was eine Stadt ausmacht, ausgemacht hat. Hierzu gehören u. a. eine überwiegend nicht-agrarisch tätige Bevölkerung, eine verdichtete Bebauung, eine differenzierte Gewerbe- und Sozialstruktur, die Funktion als politischer, administrativer oder kirchlicher Mittelpunkt, zentralörtliche Aufgaben als Handels-, und/oder Produktionszentrum sowie zumeist deutlich sichtbare Mauern als signifikante Zeichen einer vollzogenen rechtlichen Abgrenzung gegenüber dem Land. Der Rechtshistoriker Jiří Kejř (1921-2015) hat weiterführend darauf verwiesen, dass zu den bedeutendsten Stützen für die Entscheidung, ob einem Siedlungskomplex die Qualifizierung als Stadt zuerkannt werden kann, die Bezeichnung in schriftlichen Quellen und besonders in Urkunden gehört.

František Hoffmann wiederum definiert hieran anknüpfend in seiner Geschichte der böhmischen Stadt im Mittelalter diese wie folgt: „České středověké město bylo vývojově vyšším druhem lidského sídliště, které mělo funkce ekonomickou, geografickou, stavební, vojenskou, sociální, politickou, právní a kulturní, jejichž souhrn vytvářel v každém městě specifickou strukturu a vyhraňoval skupiny měst k určitým typům. Toto čtyřsměrné vymezení města jako druhu lidského sídliště, jeho hlavních funkcí, specifické struktury a typů umožňuje  zahrnout pod jeho pojem sídliště v dostatečné šíři i v potřebném omezení a zároveň přihlížet jak k hlediskům díferenciačním, tak zobeňujícím.“ (Die tschechische mittelalterliche Stadt stellte entwicklungsgeschichtlich eine  höhere Form menschlicher Ansiedlung dar, die ökonomische, geografische, bauliche, militärische, soziale, politische, rechtliche und kulturelle Funktionen erfüllte, deren Komplexität in jeder Stadt eine spezifische Struktur aufwies und Gruppen von Städten gegenüber anderen Typen abgrenzte. Diese vierfach spezifische Definition der Stadt als Form menschlicher Siedlung, ihrer Hauptfunktionen, der spezifischen Struktur und Typen ermöglicht es, unter diesem Begriff Siedlungen in ausreichender Breite und in notwendiger Abgrenzung zusammenzufassen und zugleich spezifische und verallgemeinernde Betrachtungsweisen zu liefern.)

Darüber hinaus hat Josef Žemlička zuletzt im Zusammenhang mit polnischen und tschechischen Diskussionen zum Stadtwerdungsprozess aus rechtlicher Sicht darauf verwiesen, dass zum einen archäologische Kriterien eine nicht unwesentliche Rolle bei entsprechenden Definitionsversuchen spielen und zum anderen Termini wie civitas, urbs, oppidum, municipium, communitas nicht zwangsläufig identisch sein müssten. Eine allgemein applizierte Definition von Stadt, ist deshalb mit Blick auf Europa nicht in Sicht, zumal Historiker, Archäologen, Rechtshistoriker, Soziologen, Demographen oder Kunsthistoriker jeweils andere Bewertungskriterien anlegen.

Besonders bemerkenswert ist auf jeden Fall die „fieberhafte“ Geschwindigkeit, mit der sich das Städtewesen in Böhmen und Mähren entfaltete, wobei die Entwicklung an der Peripherie ihren Ausgang nahm, und zwar in durchaus verschiedener Ausprägung, die gerade an der Zugehörigkeit zu den einzelnen deutschen Stadtrechtsfamilien erkennbar ist - z. B. zu Magdeburg, Nürnberg, Wien, Neumarkt und Leobschütz in Schlesien. Nicht Prag ist folglich die älteste Stadt in den böhmischen Ländern, sondern es sind Freudenthal und Mährisch-Neustadt am Nordrand Mährens (vor 1223 und 1223), gefolgt von Troppau (1224). Dem schloss sich Südmähren (Znaim) an, zumal die Markgrafschaft als im Vergleich zum kompakteren Böhmen offenes Land vornehmlich durch Aufnahme neuer Impulse von außen konkurrenzfähig zum přemyslidischen Stammland blieb.

Den Städtegründungen in Böhmen und Mähren war dabei ein durchschlagender Erfolg beschieden, weil 1. in Süd- und Westeuropa und nachfolgend auch im deutschen Sprachraum ein erprobtes, voll entwickeltes Städtemodell übernommen und 2. an die besonderen geographisch-topographischen Bedingungen angepasst wurde. Die Initiative und die Förderung des Landesherrn schuf hier den Rahmen, zumal dieser an einer Stärkung der Wirtschaftskraft seines Herrschaftsraumes, der Erhöhung des Steuerertrags, der Steigerung des Verteidigungspotentials, der Gewinnung von Verwaltungszentren sowie dem Aufbau und der Festigung eines politischen Gegengewichts zu den mächtigen Adelsgeschlechtern im Lande Interesse zeigte.

Die Forschung ist sich darüber einig, dass den neuen Städten vielfach agrarische Siedlungen an Burgen (Hradská centra) als Verwaltungs- und Wirtschaftssitzen und Kirchen, Märkten und Kreuzungen von Handelswegen vorausgingen (Prag, Brünn, Olmütz, Znaim, Königgrätz, Pilsen und Leitmeritz). Deren Anfänge reichen bereits in die Regierungszeit Boleslavs I. (935-967/972) zurück. So genannte Burgzentren finden sich zuerst in Böhmen, nachfolgend auch in Mähren, sie ähnelten der Komitatverfassung in Ungarn bzw. dem Kastellansystem in Polen. Der Herrscher begann dabei, auf dem Areal eroberter und zerstörter Burgstätten eigene přemyslidische Burgwarde zu errichten, für die er loyale Verwalter bestimmte, die als comes, Präfekten, Kastellane, später als Burggrafen in den Quellen erscheinen. Ein Musterbeispiel ist Alt-Kouřim in Mittelböhmen, das seit Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch von Archäologen erforscht wurde. Offen bleibt, ob diese Zentren bereits von Beginn an als administrative, wirtschaftliche, kirchliche und fiskalische Mittelpunkte angelegt wurden oder ob sie ursprünglich ausschließlich militärische Funktionen erfüllten. Eine wichtige Rolle spielt hier die Stadtarchäologie, die in den letzten Jahrzehnten wichtige Erkenntnisse nicht allein zur mittelalterlichen Geschichte Prags und Brünns geliefert hat[1], sondern unser Wissen u. a. auch mit Blick auf  Königgrätz, Brüx, Sezimovo Ústí und Troppau siedlungs-,  bau- und alltagsgeschichtlich in entscheidendem Maße erweitern konnte und dabei für das Frühmittelalter fehlende Schriftquellen zu kompensieren vermochte.[2]

Bereits seit dem Wirken des böhmischen Landeshistorikers František Palacký (1798-1876) im 19. Jahrhundert rückte die Frage der grundlegenden administrativen Gliederung des sich ausbildenden und sich festigenden přemyslidischen Herzogtums mit seiner zentralstaatlichen Herrschaftsorganisation in den Blickpunkt der Forschung. Als entscheidend erwies sich in der Entwicklung in Böhmen und Mähren, dass es entweder zu einer rechtlichen und räumlichen Reorganisation älterer Siedlungszentren oder zur Gründung von Städten an mehr oder weniger „neuer“ Stelle kam. Diese standen in unterschiedlicher Beziehung zur bisherigen Siedlung (oppida, civitates, villae, forenses). Exemplarisch besonders deutlich wird dies im südmährischen Znaim (1226), wie die entsprechende Karte im Modul zeigt. Insgesamt lassen sich im Fall Znaim drei Entwicklungsphasen ausmachen. Am Beginn der mittelalterlichen Entwicklung steht hier ein die Furt über die Thaya (tschech. Dyje) beschützender Burgwall (Hradiště) aus großmährischer Zeit an dem aus Mittelböhmen in den Donauraum führenden Handelsweg (1). Dieser Burgwall auf dem Hügel St. Hippolyt lag gut 900m nö. von jener Furt auf einer Anhöhe über dem linken Flussufer. Er wurde in přemyslidischer Zeit vor 1037 durch eine ebenfalls auf dem linken Flussufer in unmittelbarer Nähe der Furt errichtete Burg ersetzt (2). Deren Lage auf einem exponierten Felssporn erwies sich aus strategischer Zeit  als weitaus günstiger als jene des älteren Burgwalls. Die Burg gewann im Zuge des Ausbaus der Burgenverfassung und des militärischen Gefolgschaftswesens unter Herzog Břetislav I., der 1035-1055 in Böhmen und Mähren regierte, sowie infolge des Verlusts des Gebietes zwischen Thaya und Donau für Mähren an Bedeutung. Fortan diente die Burg als eine der Hauptgrenzfestungen in Südmähren gegen die österreichische Mark der Babenberger bzw. das Herzogtum Österreich. Dabei erwuchs aus der Vorburgsiedlung bzw. den dörflichen Siedlungen östlich der Burg die 1226 durch König Přemysl Ottokar I. privilegierte Stadt (3), die nach ihrer Entstehung als Musterbeispiel eines aus gewachsener und geplanter Siedlung hervorgegangenen städtischen Mischtyps gelten kann. Znaim ist eines von gut einem Dutzend Beispielen für Stadtgründungsprivilegien in Böhmen und Mähren mit jeweils unterschiedlichem Hintergrund.

Die erst unter König Wenzel II. um 1295 gegründete Stadt Pilsen hingegen entstand, nachdem der Versuch einer Lokation des extensiv gewachsenen Suburbiums in Alt-Pilsen durch Přemysl Ottokar II. gescheitert war, 8,5km nordwestlich hiervon neu. Als klassische Lokation auf der „grünen Wiese“ hingegen gelten – als charakteristisches Produkt für einen planmäßigen Aufbau zentraler Siedlungspunkte in bislang nicht urbanisierten Regionen – Mährisch Neustadt (1213) und Brüx in Böhmen (nach 1250). Sinn und Zweck der vom Landesherrn tatkräftig und zielgerichtet geförderten Besiedlung und Urbarmachung des Landes im Zentrum und an den waldumspannten und gebirgigen Rändern  bringt in knapper Form jene von König Přemysl Ottokar II. 1265 für Politschka ausgefertigte Urkunde zum Ausdruck, deren Text sich in unserer Quellensammlung findet. Als Siedlungsunternehmer wird in diesem Dokument ein Konrad von Löwendorf im Auftrag des Königs ermächtigt, Stadt und Land Politschka nach deutschem Recht zu organisieren und zu kolonisieren: Geschehen sollte dies in dem Wissen, „dass in der Menge des Volkes der Ruhm des Fürsten besteht und dass durch eine große Zahl von Untertanen Ehre und Macht der königlichen Majestät erhoben wird. Darum sorgen wir dafür, dass zu Ehr und  Zier unserer Fürstentümer verlassene und unwegsame Gegenden, deren Lage dazu geschickt und geeignet ist, von Menschensöhnen bewohnt und bebaut zu werden, göttlichen Dienst und menschlichen Zwecken zu Nutz kommen.“ In dieser Formulierung wird auf das neue Arbeitsethos jener Epoche angespielt, das sich hinter der urkundlichen Floskel vom „göttlichen Dienst“ verbirgt – ein versteckter Hinweis auf die religiöse Triebfeder des gesamteuropäischen  Siedlungsbewegung (F. Prinz). Sie ist zugleich im kontextualen Zusammenhang ein Gradmesser für das Ausmaß der fortschreitenden Christianisierung, die sich im Siedlungsvorgang und der Städtegründung reflektiert.

Die Ausbreitung des städtischen Siedlungsnetzes vollzog sich unter den letzten Přemysliden in annährend vier unterschiedlichen zeitlichen und qualitativen Phasen, die im zweiten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts einsetzten. Am Anfang stehen dabei „früh- bzw. protostädtische“ Lokalitäten unter Markgraf Vladislav Heinrich von Mähren, die im Norden an die zeitgenössische Urbanisierung im benachbarten Schlesien anknüpften - Leobschütz,/Głubczycze Freudenthal, Troppau, Littau, im Süden hingegen im Zusammenhang mit der österreichischen Kolonisation der Donauebene standen - (Eibenschitz, Groß Bittesch, Austerlitz). In den nachfolgenden drei Dezennien entstanden in rascher Folge 10-15 erste wirklich bedeutende Königsstädte (in Böhmen Königgrätz, Leitmeritz, Brüx, Prager Altstadt, Gallus-Stadt, Mies, Aussig und Saaz; in Mähren Brünn, Göding, Iglau, Olmütz, Znaim). Spätestens seit den 1230er Jahren wurden Städte durch den Landesherrn auch auf kirchlichen Gütern gegründet (Kladrau, Raigern, Tischnowitz) bzw. um 1250 zudem finden sich zudem adelige Gründungen wie z. B. Sezimovo Ústí, Komotau oder Benisch.

In der Regierungszeit Přemysl Ottokars II. (1353-1278) bildete sich de facto ein vollständiges Netz großer landesherrlicher Städte heraus, zu denen Tschaslau, Budweis, Taus, Chrudim, Kaaden, Klattau und Melnik gehörten. Diese waren von Beginn an mit steinernen Mauern befestigt; hinzu kamen  Klosterlokationen wie Braunau, Leitomischl und Přelauč, die sich unter landesherrlichem Schutz entwickelten, wie das Beispiel Braunau unterstreicht. Das um 1260 gegründete Klattau (Klatovy) wies, wie noch die Karte im Stabilkataster von 1841 erkennen lässt, eine rechteckige, zumeist quadratische Parzellierung auf, charakteristisch für zahlreiche königliche Städte wie etwa Budweis, Politschka, Ungarisch Brod oder Hohenmauth.  Von den Gründungen der Prager Bischöfe verdienen Pilgram, Přibram und Raudnitz in Böhmen Beachtung, von jenen der Olmützer Bischöfe – hier muss besonders das Werk Brunos von Schauenburg (um 1205-1281) genannt werden – Braunsberg, Kremsier, Zwittau und Wischau in Mähren. Aus lokalen Marktzentren auf den Patrozinien des böhmischen und mährischen Adels stiegen u. a. das im Modul mit seinen städtischen Statuten im 15. Jahrhundert behandelte Böhmisch Leipa sowie Neuhaus und Chotěboř zu Städten auf.

In der Regierungszeit König Wenzels II. (1283-1305) mussten die bestehenden Städte zunächst die politischen und wirtschaftlichen Folgen des Interregnums überwinden. Das Städtenetz selbst erlebte nur einen geringfügigen Ausbau. Beispiele hierfür sind u. a. Schlan und Rakonitz. Neugründungen außerhalb des alten Siedlungskerns mit geometrischem Grundriss waren u. a. Pilsen (1295) sowie Neu Bydschau (vor 1305). Als zweitgrößte und bedeutendste Stadt des böhmischen Mittelalters entstand Kuttenberg, das – wie das Stabilkataster von 1839 nachträglich dokumentiert – topographisch eine komplizierte Entwicklung nahm und in der Hussitenzeit darüber hinaus einen Wandel des ethnisch-nationalen Charakters erlebte, wie das Privileg der hussitischen Feldheere für die Stadt von 1428 im Modul deutlich machte. Unter den kirchlichen Stadtgründern muss v. a. der Prager Bischof Tobias von Bechin (†1296) genannt werden, auf dessen Initiative  beispielsweise Böhmisch Brod und Bischofteinitz entstanden.

Erst die Ausstattung der Bewohner mit allen rechtlichen und wirtschaftlichen Privilegien bildete die Voraussetzung für die Entstehung der regulären, institutionalisierten Stadt des Hochmittelalters. Den Bürgern (burgenses, erst später cives) – mitunter die früheren, bereits gemischtsprachigen Bewohner, aus der Umgebung zuziehende Tschechen, hauptsächlich aber angeworbene Deutsche - wurden mit der freien Verfügung über den Besitz und mit dem Vererbungsrecht der Schutz des Hauses und gewisse Bürgerfreiheiten (libertates) zugestanden, wobei sich allmählich – längere Zeit fungierte als Repräsentant des Landesherrn vor Ort ein königlicher Richter (Gerichtshoheit), dem der Bürgermeister als zentrale Figur aus den Reihen der Bürger gegenübertrat - Strukturen der inneren Selbstverwaltung herauszubilden begannen (Schöffen, Rat) und die Entwicklung hin zu einer „dynamisch-modernen Bürgerstadt“ (Peter Moraw) mit der bekannten sozialen und daraus erwachsenden rechtlichen Differenzierung verlief. Unter der Protektion des Königs organisierte sich die Stadt selbst, was – wie im Binnenreich – in der Form des Rates geschah, den der Herrscher einsetzte oder bestätigte. Der Brünner Rat war dabei nach Wiener Vorbild mit 24 Mitgliedern der größte (schon 1243 bezeugt). In der Prager Altstadt agierten - ebenso wie in Kuttenberg - 18, sonst zumeist 12 Ratsmannen. Dass sich hieraus in der Folge ein politisches Selbstbewusstsein speiste und artikulierte, zeigen das fiktive Porträt des Notars Johannes im Brünner Schöffenbuch (nach 1350) sowie die bildliche Darstellung des Olmützer Schöppeneides (1430) in unserem Modul.

Politisch blieben die immer wieder privilegierten Städte der zentralen Gewalt des Königs zu- und untergeordnet, sie dienten – sofern nötig – als politisches Druckmittel gegenüber dem Landesadel. 1281 sind sie erstmals auf einem Landtag präsent, in der politischen Krise nach dem Aussterben der Přemysliden im Mannesstamm 1306 traten sie mit einem, wenn auch begrenzten Geltungsanspruch hervor. Seit etwa 1270 war das Amt des königlichen Unterkämmerers in den meisten Kommunen mit Stadtbesteuerung und Stadtsteuerung befasst, jeweils ein solcher Unterkämmerer amtierte für Böhmen und für Mähren. Die Ratslisten zeigen, soweit überliefert, bei aller Unklarheit im Detail eine deutliche, sogar erdrückende Überzahl deutscher Namen. Die politische Rolle der Städte in den Wirren der hussitischen Revolution 1419-1434/36 wird im Modul anhand zweier politischer Rivalen – der Prager Altstadt und Tabors – verdeutlicht.

Neben der mit umfangreicher Rodungstätigkeit verbundenen, in erheblichem Umfang von deutschen Bauern betriebenen ländlichen Besiedlung, die damit eine Verbesserung ihrer Rechtsstellung erreichten (ius theutonicum), ist die Entstehung der Städte in Böhmen und Mähren nämlich vor allem mit dem Vordringen deutscher Siedler und Kultur verbunden, wodurch wie eingangs angedeutet ein bis 1945 bestehender ethnischer und sprachlicher Dualismus begründet wurde. Eine nennenswerte deutsche Zuwanderung hatte bereits im Übergang zum Hochmittelalter eingesetzt: als älteste deutsche Gemeinde gilt das suburbium der Stadt Prag, wo Herzog Sobieslav II. in den Jahren 1174-1178 den unterhalb der Prager Burg bei St. Peter am Poritsch siedelnden Deutschen gestattete, nach ihren Rechten und Gewohnheiten (u. a. mit einem eigenen Pfarrer und Richter) zu leben. Seit der zweiten Hälfte des 12. bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts drangen Deutsche von allen Seiten in Böhmen und Mähren ein: Bayern zogen durch die Senke der Eger, durch Österreich und das untere Mähren; Franken, Thüringer und Sachsen kamen über das Erzgebirge, weitere Siedlergruppen drangen über die Oberlausitz und Schlesien ins Land, wobei keineswegs die slawische Binnenkolonisation unterschätzt werden darf (in Mähren entstand so eine Vielzahl tschechischer Gemeinden im Umkreis von Brünn und Znaim). Wegen des häufigen Fehlens von Gründungsurkunden und Berichten fällt es schwer, den genauen Zeitpunkt, die Rechtsstellung der Bürger und den Ablauf des Aufbauprozesses im Einzelnen zu rekonstruieren. Sämtliche Dokumente, die für die königlichen Städte bestimmt waren, wurden in der Kanzlei des Landesherrn ausgefertigt; zur Etablierung einer städtischen Selbstverwaltung mit eigenen städtischen Kanzleien kommt es erst in den 1240-er Jahren. Infolge der wesentlich günstigeren Quellenlage kann die landesherrliche Städtepolitik erst unter Přemysl Ottokar II. ab 1253 besser nachgezeichnet werden, die sich unter dem Motto „construere, fundare, plantare, locare“ zusammenfassen lässt.

Eine besondere Rolle spielten die böhmischen und mährischen Bergstädte. Die silberhaltigen Erzlagerstätten von Mies (westlich von Pilsen) wurden bereits vor 1188 entdeckt. Um 1234 begann man zudem, die Vorkommen bei Iglau und wenig später auch die von Deutsch-Brod (Havlíčkův Brod) und in der Nähe von Mährisch-Neustadt abzubauen. Die Bergleute kamen aus Sachsen, aus dem Harz und aus Tirol. Rasch verwandelte sich der kleine Ort Iglau am gleichnamigen Fluss in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu einer wichtigen Bergbausiedlung, die 1249 Stadtrecht erhielt. In den Anfängen der Stadt Iglau verbinden sich drei große „Probleme“ der böhmischen (tschechischen) Geschichte des 13. Jahrhunderts: die Stadtentstehung, die Anfänge erfolgreicher Erzförderung sowie die deutsche Kolonisierung. Aufnahme gefunden hat in diesem Kontext in unserem Modul das sog. Privilegium A, eine Urkunde von 1249, mit der König Wenzel I. mit seinem Sohn, Přemysl Ottokar, Markgraf von Mähren, den Bürgern in Iglau und den dortigen Berglauten die in seinem Reich geltenden Rechte und Freiheiten konfirmierte. Es handelt sich bei diesem Privilegium um eines der wichtigsten und interessantesten historischen Dokumente des 13. Jahrhunderts, da es sowohl die älteste mitteleuropäische Kodifikation des Bergrechts sowie eines der ältesten Stadtrechte in Böhmen und Mähren enthält. Iglau steht im Modul, ähnlich wie Brüx, Mährisch Neustadt oder Olmütz, für noch im 13. Jahrhundert vorgenommene Bestätigungen von bereits erteilten Privilegien. Die Blütezeit in den Revieren Iglau und Deutsch-Brod dauerte kaum ein Jahrhundert, seit dem Ende des 13. Jahrhunderts nahmen die Gruben von Kuttenberg den ersten Platz ein. Die Bezeichnung Kuttenberg kommt dabei vom mittelhochdeutschen Wort kütte, was „Grube“ oder „Graben“ bedeutet. Entdeckt wurden die Silberadern gegen 1280, Knappen aus Freiberg in Sachsen beuteten diese aus. König Wenzel II. privilegierte den Abbau und ließ auf der Grundlage des Iglauer Rechts vier Bücher schreiben, die das Bergrecht kodifizierten (Ius regale montanorum, 1300) und die weite Verbreitung fanden.

Die böhmischen und mährischen Städte gehörten seit ihrer Gründung bis zur Schlacht am Weißen Berg (1620) zu einem der beiden grundlegenden Rechtskreise – dem sächsisch-magdeburgischen (norddeutschen) oder dem Nürnberger (süddeutschen) bzw. Wiener, wobei die Zugehörigkeit entscheidend von der geographischen Lage, zugleich jedoch von den politischen, ökonomischen und praktischen Interessen des Stadtherrn abhing. Die Grenze zwischen beiden Rechtskreisen verlief dabei, wie auch die Karte „Die Königsstädte in den böhmischen Ländern zu Beginn des 14. Jahrhunderts“ im Modul verdeutlicht, grob eingeordnet entlang einer wellenförmigen Linie Komotau – Schlan – Prag – Kolin – Chrudim – Chrudim – Politschka – Gewitsch – Prerau in Richtung des Flusses Waag nach Ungarn. Eine spezifische Stellung nahm die böhmische Landesmetropole Prag ein. Die sog. Kleinseite (Minor civitas Pragensis sub castro Pragensi - kleinere Stadt Prag) gehörte zum sächsisch-magdeburgischen Recht, die Altstadt hingegen zum Nürnberger Rechtskreis. Magdeburg und Nürnberg bekleideten folglich gegenüber den böhmischen und mährischen Städten die Rolle einer Appellationsinstanz in komplizierten Fällen einer unklaren bzw. strittigen Rechtsauslegung (Rechtsbelehrungen bzw. Rechtsmitteilungen). Innerhalb Böhmens und Mährens bildete sich zudem eine mehrstufige Hierarchie der Appellationsorte heraus, wobei Leitmeritz für das sächsisch-magdeburgische Recht und die Prager Altstadt für das Nürnberger bzw. süddeutsche Recht an der Spitze standen. Daneben fungierte Eger (Cheb) im Rahmen der Sonderstellung des Egerlandes als Zentrum eines kleineren Rechtskreises für nordwestböhmische Städte; in den Grenzregionen sind zudem mehrere Fälle der Berufung böhmischer Städte nach Mähren (Iglau) und in die Oberlausitz (Zittau) überliefert. Leitmeritz, das erstmals 1057 genannt und 1262 in einer Urkunde Přemysl Ottokars II. mit dem ius et consuetudo Maydburgensium ausgestattet wird, fungierte als anerkannter Oberhof der Städte sächsisch-magdeburgischen Rechts in Böhmen und Mähren, so dass von einem „Rechtstransfer“ gesprochen werden kann, mit dem sich  seit 2004 eine interdisziplinäre Forschergruppe an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig unter dem Titel „Das sächsisch-magdeburgische Recht als kulturelles Bindeglied zwischen den Rechtsordnungen Ost- und Mitteleuropas in komparativer Sicht beschäftigt.[3] Eine chronikalische Nachricht von 1272 besagt, dass König Přemysl Ottokar II. mit seinen Beratern das Magdeburger Recht sammelte und auswählte, „was zur Schaffung einer besseren Rechtsordnung im Königreich vorteilhaft sein könne“. Die kartographische Darstellung der verschiedenen Einflussbereiche in den böhmischen Ländern vermittelt dabei ein „suggestives Bild intensiver deutscher Prägung“ (Friedrich Prinz), das freilich insofern zu relativieren ist, da sich bereits vor der hochmittelalterlichen Kolonisation mit ihren weitreichen Folgen eine differenzierte bodenständige Sozialstruktur zentraler Orte auszuprägen begonnen hatte.

Als Oberhof der Städte sächsisch-magdeburgischen Rechts in Böhmen hat Leitmeritz seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert eine große Menge von Schöffensprüchen und auch einige Rechtsmitteilungen aus Magdeburg erhalten, die inhaltlich einen breiten Kreis innerstädtischen Rechtslebens erfassen, wie das im Modul wiedergegebene Beispiel der Bäcker bezeugt, wobei die hier angesprochenen Vorschriften sich auch auf andere Berufsgruppen und Städte übertragen lassen – auch außerhalb des sächsisch-magdeburgischen Rechts. Erhalten blieb ein Großteil der überlieferten Rechtsmitteilungen freilich nur in tschechischer Übersetzung, was dem Umstand geschuldet ist, dass  Leitmeritz 1421 – also in der hussitischen Revolution – den Pragern unterstellt und die bisherige deutsche Dominanz in der Sprachinselstadt auch in der Verwaltung durch eine tschechische ersetzt wurde und im Verlaufe des 15. Jahrhunderts deutsche Namen ganz aus dem Rat verschwinden. Zwar blieb das sächsisch-magdeburgische Recht weiter in Kraft, freilich in tschechischer Sprache.

Um 1300 lebte, bei einer geschätzten Bevölkerungszahl von 1,5 Millionen Menschen, bereits etwa ein Sechstel der Menschen in Städten. Ein Netz von 252 Städten und Städtchen überzog jetzt bereits das Königreich Böhmen, wobei namentlich die Přemyslidenkönige des langen 13. Jahrhunderts als die Gründungs-„Väter der böhmischen, mährischen und einiger schlesischer Städte“ (František Hoffmann) gelten. Ein Jahrhundert später lag diese Zahl bereits bei 389, am Ausgang des Mittelalters im Jahre 1500 sogar bei 650 Städten und Landstädten, die entweder den Status einer königlichen, d. h. landesherrlichen Stadt besaßen oder als Untertanenstadt und damit zum Besitz einer kirchlichen Institution oder eines weltlichen Herrn gehörend, galten.

Wie sich das innerstädtische Leben in verschiedenen Bereichen gestaltete, zeigen neben exemplarisch im Modul aufgenommenen Statuten – etwa jenen der Prager Schneider aus dem 14. Jahrhundert – vor allem in den Bereich der Verwaltung fallende Quellen, zu denen beispielsweise die Ausgabenlisten der Stadt Eger oder die Losungsbücher der Stadt Brünn gehören, die den wichtigen Bereich städtischer Finanzen beleuchten. Des Weiteren sind aus dem reichhaltig überlieferten Bestand böhmischer und mährischer Bürgertestamente des Spätmittelalters zwei letztwillige Verfügungen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Modul enthalten, die zumindest partiell auch das Alltagsleben tangieren.

Als „Randgruppe“ der mittelalterlichen Stadtgesellschaft haben auch Juden in Böhmen und Mähren eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. Ihre Anwesenheit reicht wohl bereits bis in das 9. Jahrhundert zurück, 973 berichtet der jüdische Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub im Zusammenhang mit einem Besuch des Handelsplatzes Prag von Juden, ohne dass freilich von einer hier ansässigen jüdischen Gemeinde die Rede sein kann. Für das Jahr 1091 wiederum spricht der Prager Domdekan Cosmas in seiner Chronik dezidiert von Juden und Judenniederlassungen. Aus dieser und anderen Erwähnungen darf geschlussfolgert werden, dass die Stellung der im Lande lebenden Juden mit jener im Rheinland vergleichbar gewesen sein dürfte. Eine Situation, die sich vor dem Hintergrund der ausbrechenden Kreuzzüge seit 1095/96 freilich rasch ändern sollte, wie bei Cosmas, der eine sehr reservierte Haltung gegenüber den Juden einnahm, auch deutlich wird, wenn er vom Aufenthalt vieler Kreuzfahrer in Prag und der zwangsweisen Taufen von Juden schreibt. Deren ambivalente Stellung kennzeichnete die weitere Entwicklung. Die Fortsetzer des Cosmas zeigten an den Juden kein Interesse, spektakuläre Vorfälle oder Verfolgungen waren im weiteren 12. und bis tief ins 13. Jahrhundert offenbar nicht zu verzeichnen. Im sog. Privilegium Sobieslaum (zwischen 1174 und 1178), das auf ein Privileg Wratislaws I. (um 1080) zurückgeht, werden beim prozessualen Zeugenbeweis Juden in gleicher Rechtsstellung wie die Deutschen und Romanen erwähnt.

Unter der Regierung Přemysl Ottokars II. gewannen die kurz zuvor für Österreich erlassenen Statuta Iudeorum (Fridericiana) de facto den Charakter allgemeiner Privilegien für die jüdische Bevölkerung, wobei die Juden fortan als servi nostrae bzw. servi camerae regis bei Zahlung entsprechender Steuern unter dem Schutz des Landesherrn standen, was sie freilich nicht dauerhaft – bei ambivalenter Haltung ihrer „Beschützer“ - vor Vertreibung und Verfolgung bewahrte, wie ein königliches Mandat von 1454 für die Brünner Juden in unserem Modul deutlich macht. Juden lassen sich in gut 20 Städten Böhmens und Mährens sicher nachweisen (u. a. in Prag, Eger, Hohenmauth, Olmütz, Brünn, Znaim, Böhmisch Krumau und Budweis), angenommen werden darf deren Präsenz freilich auch in weiteren Städten (u. a. Pilsen, Leitmeritz, Kolin und Klattau). Immer wieder erscheinen Juden in den Schriftquellen des Hoch- und Spätmittelalters als Geldgeber nicht allein für Stadtbürger, wie das Beispiel aus dem Launer Stadtbuch in den Jahren  1347-1362 zeigt, sondern auch für den Hochadel bis hin zum Landesherrn, ebenso liehen sich hohe geistliche Würdenträger bei Juden Geld.

Die Sachkultur in böhmischen und mährischen Städten wird exemplarisch an zwei Beispielen verdeutlicht: Zum einen handelt es sich um archäologische Funde aus Brünn, die Glas- und Keramik  aus dem 14. Jahrhundert fokussieren, zum anderen wird die Frage der Frömmigkeit anhand eines in den Jahren 1490-1495 angefertigten Missale für den Marienaltar der Brünner Pfarrkirche St. Jakob aufgezeigt.

Seit 1989 hat die tschechische Stadtgeschichtsforschung – neben einer Gesamtübersicht zur Entstehung der mittelalterlichen Städte in Böhmen und Mähren durch František Hoffmann[4] – zahlreiche moderne Stadtgeschichten vorgelegt, die auf einer systematischen Auswertung der archäologischen und schriftlichen Quellen basieren. Exemplarisch verwiesen sei auf die entsprechenden Bände zur mittelalterlichen Geschichte von Olmütz, Brünn und Pilsen.[5] Darüber hinaus wurden älteren Editionsprojekte wie beispielsweise die Libri erectionum erfolgreich fortgeführt[6] sowie neue in Angriff genommen. Erwähnung verdienen in diesem Zusammenhang vor allem die Libri civitatis, ein von mehreren Archiven und universitären Forschungseinrichtungen initiiertes und betreutes Projekt zur systematischen Erschließung und Edition mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Stadtbücher.[7] Kartographisch muss auf den 2014 erschienenen, schwergewichtigen „Akademischen Atlas zur tschechischen Geschichte“ verwiesen werden, der eine Fülle von Karten zum Stadtwerdungsprozess in den böhmischen Ländern bietet. Darüber hinaus präsentiert der 1994 begonnene und vom Historischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in Prag als Bestandteil des Projekts europäischer historischer Städteatlanten betreute historische Städteatlas böhmischer und mährischer Städte eine wertvolle Sammlung von Kartenquellen und Bilddokumenten zu mittlerweile fast 30 Orten in Tschechien. [8]


[1] Vgl. exemplarisch Mediaevalia Archaeologica 2. Brno a jeho region, Praha-Brno 2000.

[2] Eine aktuelle Übersicht jetzt in Jan Klápště, The Archeology of Prague an the Medieval Czech Lands, 100-1600, Sheffield-Bristol 2016.

[3] Vgl. hierzu die ausführlichen Angaben unter https://www.saw-leipzig.de/de/projekte/das-saechsisch-magdeburgische-recht-als-kulturelles-bindeglied-zwischen-den-rechtsordnungen-ost-und-mitteleuropas.

[4] Vgl. František Hoffmann, České město ve středověku (Die tschechische Stadt im Mittelalter), Praha 1992.

[5] Jindřich Schulz (Hg.), Dějiny Olomouce, Bd. 1, Olomouc 2009; Dějiny Brna 1: Od pravěku k ranému středověku Redakteur: Rudolf Procházka, Brno 2011, Dějiny Brna 2: Středověké město. Redakteur: Libor Jan, Brno 2013. Jaroslav Douša-Marie Malivánková Wasková, Dějiny Plzně 1. Do roku 1789, Plzeň 2014.

[6] Eine genaue Übersicht präsentiert Ivan Hlaváček, Zu den tschechischen Forschungen über böhmische mittelalterliche Städte nach 1989, in: Olga Fejtová, Michaela Hrubá, Václav Ledvinka, Jiří Pešek, Ludmila Sulitková, Städte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als Forschungsthema in den letzten zwanzig Jahren, Praha 2013, S. 67-93.

[7] Vgl. hierzu die auch in deutscher Sprache vorliegende Übersicht unter www.libricivitatis.cz/index.php/de/.

[8] Informationen hierzu unter www.hiu.cas.cz/cs/mapova-sbirka/historicky-atlas-mest-cr.ep/.