Antisemitismus in Polen - Über das Modul

Bearbeiter: Tim Buchen (Berlin)

Erstveröffentlichung: Januar 2013

 

Die christlich-jüdischen Beziehungen in Polen, die für das Verständnis von Antisemitismus von zentraler Bedeutung sind, haben eine lange Geschichte.

Bereits im Mittelalter kamen aschkenasische Juden auf der Flucht vor Gewalt in das Königreich Polen. Den dortigen Herrschern waren sie als Experten für Handel willkommen und wurden ausdrücklich vor Übergriffen und Verfolgungen der christlichen Bevölkerung in Schutz genommen. König Kasimir III. unterstellte die Juden im 14. Jahrhundert der königlichen Gerichtsbarkeit und erlaubte den Grunderwerb in Städten. Im darauffolgenden Jahrhundert wurden Juden häufig als wirtschaftliche Konkurrenten von Christen wahrgenommen und mithilfe des Privilegs „De non tolerandis Judaeis“ aus einigen Städten vertrieben.

Könige und Hochadel schätzten jedoch weiterhin die jüdische Präsenz und sorgten für ein eigenständiges jüdisches Selbstverwaltungssystem auf Gemeindeebene (kehilla), und mit dem „Vier-Länder-Sejm“ vom späten 16. bis zum 18. Jahrhundert auch auf Reichsebene.

Polen wurde zum religiösen Zentrum des europäischen Judentums und die polnische Judenheit nahm als eigener Stand eine stabile Position im Wirtschafts- und Sozialleben der Rzeczpospolita ein. Kennzeichnend war die Mittlerfunktion von Juden zwischen Stadt und Land sowie zwischen Adel und Bauern. Im Zuge der militärischen Niederlagen der Krone seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation und durch die Gegenreformation nahm die Bereitschaft zu religiöser Toleranz ab, während religiöse Judenfeindschaft, vor allem der Ritualmordvorwurf, zunahm. Mystische und messianische religiöse Bewegungen, wie u.a. der Chassidismus, waren eine Reaktion auf die unsicher werdende Lage der Juden in der Adelsrepublik.

Mit den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts veränderten sich auch die Lage der Juden und ihre Beziehungen mit der christlichen Umgebung, wobei sich in den verschiedenen Herrschaftsgebieten sehr bald unterschiedliche Entwicklungen abzeichneten. Verantwortlich dafür waren sowohl die jeweilige rechtliche Lage der Juden und die Politik gegenüber der Gesamtbevölkerung in den Teilungsgebieten, als auch die gravierenden Umwälzungen im wirtschaftlichen und politischen Leben des 19. Jahrhunderts. Während die Ungleichbehandlung der Juden in Preußen formal 1812 aufgehoben wurde, mussten die Juden Galiziens auf die Dezemberverfassung von 1867 warten, während der Ansiedlungsrayon in den russischen Westgebieten bis zur Revolution von 1917 bestand hatte und im Königreich Polen 1861 lediglich eine eingeschränkte Emanzipation erfolgte. Verbunden mit diesem Wandel von der ständischen Untertanengesellschaft zu einer Bürgergesellschaft war die wirtschaftliche Entwicklung, die als Übergang von einer Adels- zur Marktwirtschaft bezeichnet werden kann.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft in Galizien im Jahre 1848 ließ die Bedeutung des Geldes in der Agrarwirtschaft rapide ansteigen, eine Domäne, die traditionell von Juden besetzt wurde. Mit der Aufhebung des Verbots von Landerwerb für Juden 1867 und der durch den Ausbau der Eisenbahn und internationale Konkurrenz entstandenen Agrarkrise löste sich die hergebrachte Einteilung von Wirtschaftszweigen nach Konfessionen und Ständen auf: Christliche Bauern waren zu Geldgeschäften gezwungen, Juden mussten aufgrund der schwach ausgeprägten Industrie vor allem in Grund und Boden investieren, im Jahr 1912 hatten bereits 12% der Gutshöfe einen jüdischen Besitzer, und gerieten somit in Konkurrenz zu Bauern und Adel.

Im Königreich Polen waren Juden auf dem Land strikteren Restriktionen unterworfen, die größten Veränderungen christlich-jüdischer Wirtschaftskontakte betrafen dort daher den städtischen Raum. Durch die Lage außerhalb des Ansiedlungsrayons und eine günstige Zollregelung entwickelten sich Warschau, Łódź und Białystok zu Industriemetropolen, in denen sich völlig neue jüdische Unternehmer- und Arbeiterschichten herausbildeten, die zu einem großen Teil aus russischsprachigen Zuwanderern bestanden.

In diesem Modernisierungsprozess waren nationalistische Bestrebungen und die Politisierung der Gesellschaft insgesamt von großer Bedeutung. Somit veränderte sich auch die Diskussion der „jüdischen Frage“, also die Aushandlung des richtigen Platzes der jüdischen Bevölkerung in der Bürgergesellschaft. Im nationalliberalen, von bürgerlichen Eliten geführten Diskurs war die Assimilation der Juden an die polnische Kultur gefordert worden. Juden hätten ihre „rückständigen“ Praktiken, insbesondere Kleidung und Haartracht sowie jiddische Umgangssprache gegen „europäische“, bzw. „polnische“ einzutauschen und die jüdische Selbstverwaltung strikt auf ausschließlich religiöse Angelegenheiten zu beschränken. Im Gegenzug würde ihnen Teilhabe an der polnischen Gesellschaft gewährt.

Diese durchaus koloniale Züge tragende Haltung wurde von polnischer Seite als ein Geschenk an die Juden bezeichnet, verlor jedoch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts rasch an Rückhalt. Nicht mehr Assimilation, sondern Antisemitismus wurde zur häufigen Antwort auf die jüdische Frage. Die Hoffnung auf die Integration der „jüdischen Massen“ in eine zukünftige Bürgergesellschaft wurde nicht nur als utopisch bezeichnet, sondern auch nicht länger gewünscht. Die Nation sollte vielmehr „gegen die Juden“ gegründet, insbesondere auf dem ökonomischen Gebiet Juden als Konkurrenten betrachtet werden. Gründe für diese Veränderung waren zum einen das gewandelte Verständnis von der Nation, die nun weniger als eine politische Gemeinschaft vorgestellt wurde, sondern als ein organischer Körper, der sich in einem Daseinskampf mit benachbarten Nationen befinde. „Fremde Elemente“ im „eigenen“ Organismus wurden als Hindernisse in diesem Kampf erachtet. Zusätzlich zu den sichtbaren Unterschieden der polnischen Juden beteiligten sich viele Intellektuelle daran, akkulturierte Juden „fremdzuschreiben“, indem sie ihnen eine grundsätzlich andere Moral und partikulare, geheime Interessen unterstellten. Hinzu kam die Beobachtung, dass viele Juden der einstigen Adelsrepublik nicht polnisch, sondern russisch (im Königreich Polen) oder deutsch (in Preußen und Galizien) als bevorzugte Umgangssprache sprachen. Sie schienen das Geschenk der polnischen Assimilation zurückzuweisen oder gar Agenten der „Germanisierung“, bzw. „Russifizierung“ zu sein.

Ebenfalls gewichtigen Anteil an der veränderten öffentlichen Meinung gegenüber Juden hatte der internationale europäische Kontext, in dem Medienereignissen wie der Berliner Antisemitismusstreit, der den Begriff Antisemitismus in den öffentlichen Diskurs einführte, die Pogrome im Zarenreich, die in Warschau im Dezember 1881 eine Nachahmung erlebten, und der Ritualmordprozess von Tiszaeszlar. In der sich seit den 1880er Jahren dynamisch entwickelnden jüdischen Frage waren diese neuen Inhalte nicht von den politischen und medialen Rahmenbedingungen, also dem Grad von Meinungsfreiheit und Alphabetisierung, Zugang zum Massenmedium Zeitung und politischer Partizipation, zu trennen. Es hatte große Bedeutung, wer sich mit welchen Mitteln neu in den einstigen Elitendiskurs einbrachte. In Galizien weitete sich vor allem seit den 1880er Jahren das Wahlrecht auf breite (männliche) Bevölkerungsschichten aus, wodurch die Stimmen der wenigen städtischen und zahlreichen ländlichen Unterschichten deutlich vernehmbar wurden. Diese setzten der bürgerlichen Vision einer Assimilation der Unterschichten eigene bäuerliche, christlich oder ethnisch begründete populistische Gemeinschaftsentwürfe entgegen, in denen Juden niemals ein Platz eingeräumt werden sollte. Entscheidend verstärkt wurde diese Abkehr vom liberalen Modell durch den Eintritt der katholischen Kirche in den politischen Wettbewerb seit den 1880er und verstärkt den 1890er Jahren, die ein Gesellschaftsideal propagierte, in dem Juden ausgeschlossen waren. Boykottkampagnen und eine Flut von antisemitischen Schriften, in denen Juden die Schuld an der schlechten ökonomischen Lage und negativen Erscheinungen des modernen Lebens angelastet wurde, fanden eine bislang unbekannte Verbreitung. Auch Juden entwickelten (zum Teil in Reaktion hierauf) dezidiert religiöse oder ethnische Optionen oder unterstützen in großer Zahl jene politischen Entwürfe, denen nicht die Gründung eines polnischen Nationalstaates zu Grunde lag.

Politischer Antisemitismus war im Habsburgischen Kontext vor allem ein christlich-sozialer, der um die Reichsratswahlen von 1897 am virulentesten war und mit einer Gewaltwelle gegen Juden in dessen Nachfolge einen Tiefpunkt der christlich-jüdischen Beziehungen bildete. Dezidiert antisemitische Agitation wurde dadurch zugleich delegitimiert und erwies sich als kontraproduktiv, wenn die staatliche Bekämpfung von Gewalt die politische Arbeit unterdrückte. Insbesondere die enorme Zuspitzung des ukrainisch-polnischen Konflikts zum Beginn des 20. Jahrhunderts sorgte dafür, dass sich politischer Antisemitismus abschwächte, da Juden als wichtige Wählergruppe das Zünglein an der Waage zwischen den beiden in etwa gleichgroßen christlichen Nationalitäten fungierten. Im Königreich Polen war die politische Partizipation bis zur Revolution von 1905 enorm beschränkt und bezog sich auch danach aufgrund des begrenzten Wahlrechts stärker auf die Städte und bürgerliche Wähler. Im Umfeld der Dumawahlen von 1912 erfolgte eine bislang nicht bekannte antisemitische Mobilisierung durch die stärkste Kraft, die Nationaldemokratie. Die von ihr eingeleitete Boykottkampagne dauerte bis zum Ersten Weltkrieg an und belastete die christlich-jüdischen Beziehungen nachhaltig.

Der polnische Staat entstand nach dem Ersten Weltkrieg aus militärischen Konflikten um seine Grenzen, bei denen vielfach Juden zu Opfern von Gewalt wurden. Unter dem Vorwurf der Kollaboration mit dem Gegner, der ukrainischen und der Roten Armee, beraubten und ermordeten polnische Soldaten jüdische Bürger. Der Umgang des neuen Staates mit seiner jüdischen Bevölkerung sorgte zu Beginn seiner Existenz für viele Konflikte mit der internationalen Staatenwelt, da sich die staatlichen Stellen nicht an den garantierten Minderheitenschutz hielten und die Erteilung der Staatsbürgerschaft an bestimmte Gruppen von Juden in Polen ablehnten. Der polnisch-sowjetische Krieg hinterließ das Schlagwort der Judenkommune [żydokomuna], und stellte Juden als Kollektiv unter Verdacht, eine kommunistische Ordnung errichten zu wollen. Entscheidenden Anteil hieran hatten Vertreter der katholischen Kirche, die versuchten den jungen Staat in einen katholischen Staat zu verwandeln, trotz des Umstands, dass nur zwei Drittel der Einwohner Katholiken waren und die Verfassung die Trennung von Staat und Kirche vorsah. Während des Bestehens der Zweiten Republik wurden immer wieder Zweifel an der nationalen Zuverlässigkeit der polnischen Juden geäußert, und etwa der angeblich zu geringe Anteil von Juden in der Armee als Beweis angeführt.  

Dennoch ermöglichte die Zwischenkriegszeit den polnischen Juden die Ausbildung einer modernen jüdischen Identität und eine breite Beteiligung am gesamtpolnischen Kulturleben. Nach dem Tod von Marschall Józef Piłsudski verschärfte sich in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre das innenpolitische Klima. Das Verbot des traditionellen Schächtens im Jahr 1936 erschwerte die Ausübung des jüdischen Glaubens und sollte zudem jüdische Unternehmer in der Lebensmittelindustrie schwächen. Von der Nationaldemokratie, Teilen des Klerus und insbesondere von faschistischen Organisationen wie der ONR und OZON wurden abermals Boykottkampagnen organisiert und Antisemitismus in Demonstrationen und körperlichen Übergriffen auf die Straßen getragen. Ein besonderer Schauplatz wurden die Universitäten, in denen nationalistische Organisationen eine Zugangsbeschränkung für Juden („numerus clausus“, bzw. „numerus nullus“) einforderten und teilweise gewaltsam die Segregation der jüdischen Studenten von den Christen („Ghetto-Bänke“) durchsetzten. Diese zunehmenden Spannungen trugen ihren Teil dazu bei, dass überproportional viele Juden Polen verließen. Die polnische Regierung unternahm offene und verdeckte Maßnahmen, um die Zahl der Juden in Polen weiter zu verringern, indem Modelle des Entzugs der Staatsbürgerschaft ebenso diskutiert wurden, wie die Suche nach einem geeigneten Auswanderungsziel in den Jahren vor dem Überfall Deutschlands auf Polen.

Diese Quellensammlung versucht die Dynamik und Komplexität von Antisemitismus in Polen bis zum Zweiten Weltkrieg widerzuspiegeln. Berücksichtigt wurden nicht nur Dokumente, aus denen die Inhalte und die Semantik von Judenfeindschaft hervortreten, sondern ebenso Quellen, in denen Handlungen gegen Juden beschrieben oder über ihre Ursachen reflektiert wird. Aufgrund des relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteils in Polen waren Diskurs und Praxis der Judenfeindschaft besonders eng miteinander verwoben, hatte Antisemitismus häufig eine alltägliche Komponente in den Kontakten zwischen Juden und Nichtjuden. Die Quellen sollen daher dazu einladen, sich mit den Wechselwirkungen zwischen antisemitischer Propaganda und der sozialen Praxis des Zusammenlebens auseinanderzusetzen. Eine große Bedeutung bekommen daher solche Dokumente, welche Einblicke in Gewalttaten gegen Juden liefern, oder solche, die diese rechtfertigen, leugnen oder verharmlosen. Daher sind auch solche Quellen berücksichtigt worden, die nicht von bedeutenden Persönlichkeiten hervorgebracht worden sind, sondern von unbekannten Menschen hinterlassen wurden. Es wird der Versuch unternommen, weniger einen Elitendiskurs oder eine Ideologiegeschichte anhand von Dokumenten nachzuzeichnen, sondern vielmehr verschiedene Spielarten und Beispiele der Diskriminierung von Juden an die Hand zu geben.

Zeitlich setzten die Dokumente mit der Kritik am Judentum für die nicht erbrachte Assimilationsleistung nach der Gleichberechtigung ein. Mit Beispielen aus Galizien und dem Königreich werden den geschilderten unterschiedlichen politischen und sozialen Bedingungen und der Rolle des politischen Katholizismus Rechnung getragen und der Übergang zum dezidierten Ausschluss der Juden nachvollziehbar.

Die Zeit der Gründung der Zweiten Republik ist mit Dokumenten vertreten, welche Einblicke in gefährliche Lage der Juden in den östlichen Grenzregionen und zugleich in den Umgang der Regierungsvertreter mit der Gewalt und deren Thematisierung auf diplomatischem Parkett liefern.

Die Dokumente zur Zweiten Republik zeigen die Rhetorik der Amtskirche im Umgang mit Juden und liefern Einblicke in die radikale nationalistische Propaganda gegen Juden. In den späten 1930er Jahren wurde die „jüdische Frage“ nicht mehr als eine Angelegenheit der kulturellen Anpassung gedacht, sondern in demographischen Kategorien von Auswanderung und Reproduktion hermetischer „Elemente“ diskutiert. Deutlich wird in den ausgewählten Quellen der ständige Verweis auf das nationalsozialistische Deutschland, dessen Entrechtung der jüdischen Bevölkerung zu einem wichtigen Bezugspunkt für die Diskussion des eigenen Umgangs mit der jüdischen Frage in Polen wird.

Die Quellensammlung beinhaltet keine Einwände oder Gegenstimmen von nichtjüdischer Seite gegen antisemitische Erscheinungen oder Äußerungen. Dies geschieht nicht, weil es diese nicht gegeben hätte oder sie nicht erwähnenswert und für das Verständnis von Antisemitismus wichtig wären. Es kann und soll jedoch weniger ein repräsentativer Einblick in die Debatte um Antisemitismus geliefert werden, als dass vielmehr Dokumente an die Hand gegeben werden, welche die Wirkweise von Judenfeindschaft in der „großen Politik“ wie im Handeln in Konflikten und Krisen demonstrieren können. Die Dokumente sollen zur Interpretation und Diskussion über die Zusammenhänge von Wort und Tat sowie über Kontinuitäten und Veränderungen anregen. Neben Zeitungsartikeln und Broschüren finden sich daher Reden im Parlament und vor Gericht, Interpellationen, Denkschriften, Flugzettel, Briefe, Notizen und Protokolle.

Die Literaturliste möchte dem Benutzer helfen, die einzelnen Debatten, Affären und ihre Kontexte relativ schnell zu rekonstruieren und vertiefend kennen zu lernen. Die Materialien bereichern die Sammlung durch Anschauungsmaterial in Zahlen und Bildern.