Kronland Galizien und Lodomerien - Über das Modul

Bearbeiter: Börries Kuzmany (Wien)

Erstveröffentlichung: März 2015

Galizien – Galicja – Галичина – גאַליציע
Das Habsburgerreich annektierte 1772 im Zuge der Ersten Teilung Polen-Litauens ein Territorium, das mit gut 82.2000 km2 zirka so groß war wie das heutige Österreich und rund 2,5 Millionen Einwohner hatte. Die Wiener Verwaltung gab dem neuen Kronland den Namen Galizien und Lodomerien. Dabei berief man sich auf vage Thronansprüche der Habsburger als Könige von Ungarn auf das mittelalterliche Fürstentum Halyč-Wolhynien, dessen lateinischer Name Galicia et Lodomeria war. Das angegliederte Gebiet umfasste im Westen jedoch auch Gebiete der historischen Region Kleinpolen, auf das keinerlei Ansprüche erhoben werden konnte. Als administrative Einheit wurde Galizien daher auch deshalb „erfunden“, um die Unrechtmäßigkeit der Annexion zu kaschieren.

Das neue Gebiet war ökonomisch weniger entwickelt als die Habsburgischen Kernländer und unterschied sich auch in seiner sozialen und konfessionellen Struktur. Neben seiner militärischen Funktion als Glacis gegenüber einem immer stärker werdenden Russland, diente Galizien auch als Experimentierfeld für die josephinischen Reformen in Wirtschaftsfragen, bei der Säkularisierung und bei der Entmachtung lokaler adeliger Eliten zugunsten einer Zentralisierung des Staats.

In ethno-konfessioneller Hinsicht unterschied sich Galizien stark von anderen Kronländern. Es bestand zu jeweils gut 40 Prozent aus polnischsprachigen Römisch-Katholischen und ukrainischsprachigen Griechisch-Katholischen. Das Zünglein an der Waage bildeten die rund zehn Prozent meist jiddischsprachigen Juden. Ferner lebten hier Armenier, Lippowaner, Ungarn und Deutsche, letztere vor allem infolge der Kolonisationsbemühungen unter Joseph II. aber auch durch Zuzug von habsburgischen Beamten. Diese kleineren Gruppen machten jedoch zusammen nie mehr als ein Prozent der Gesamteinwohnerzahl aus.

Galizien wurde 1784 in das österreichische Zollgebiet integriert, in seiner wirtschaftlichen Entwicklung hinkte es aber den meisten Kronländern der Habsburgermonarchie weiterhin hinterher. Galizien blieb ein agrarisch geprägtes Land, während Handwerk und Industrie wenig entwickelt waren. Nur die Salzbergwerke in Bochnia und Wieliczka wurden intensiv genützt, und die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckten Erdölvorkommen in Borysław (ukr. Boryslav) und Drohobycz (ukr. Drohobyč) wurden industriell ausgebeutet. Um 1910 war Österreich dank Galizien das drittgrößte Ölförderland der Welt nach den USA und Russland. Doch brachte die trotz des „galizischen Kaliforniens“ eher schleppende Industrialisierung bei gleichzeitig rasantem Bevölkerungsanstieg viele Leute dazu, ihre Heimat zu verlassen. Die bäuerliche Bevölkerung suchte meistens ihr Glück in Übersee, unterdessen verschlug es die Einwohner der Schtetl sowohl nach Amerika als auch in die urbanen Zentren der Habsburgermonarchie und Europas.

Neben den wirtschaftlichen Problemen war Galizien auch einer der Brennpunkte des Nationalitätenkonflikts in der Donaumonarchie. Hauptkonfliktparteien waren die polnische und die ruthenische/ukrainische Nationalbewegung. Während in Westgalizien über 90 Prozent der Bevölkerung Polen waren, hatten in Ostgalizien die Ruthenen die Mehrheit, wenn auch nicht in den Städten. In den urbanen Zentren Galiziens machten neben Polen auch Juden einen gewichtigen Teil der Einwohnerschaft aus. In Kleinstädten stellten sie häufig sogar die Mehrheitsbevölkerung.

Trotz der ethno-konfessionellen Konflikte nimmt Galizien in der polnischen und ukrainischen Nationalgeschichtsschreibung einen tendenziell positiven Stellenwert ein, da infolge der prinzipiell multinationalen und rechtstaatlichen Struktur der Habsburgermonarchie der Entfaltung der Nationalbewegungen weniger Repression erwuchs als in den anderen Teilungsgebieten. Grundlegende Werke der nationalen Historiographien konnten an galizischen Universitäten verfasst werden; in Architektur und Bildender Kunst durfte sich polnisches und ukrainisches Nationalgefühl manifestieren; und auch in den Literaturen der jeweiligen Sprachen, gab es Autoren von überregionaler Bedeutung, etwa Stanisław Wyspiański oder Ivan Franko. In der deutschsprachigen Literatur spielt Galizien ebenfalls eine bedeutende Rolle, neben Leopold von Sacher-Masoch und Karl Emil Franzos steht vor allem Joseph Roth für die Bearbeitung galizischer Themen. Roth genauso wie seine polnisch schreibenden Zeitgenossen Bruno Schulz und Józef Wittlin schrieben in der Zwischenkriegszeit über Galizien, als dieses als politische Einheit bereits verschwunden war.

Das Ende Galiziens hatte der Erste Weltkrieg gebracht. Zwei Mal zog die Frontlinie über den östlichen Landesteil hinweg, 1915 fiel sogar die Festung Przemyśl und Zar Nikolaus II. verkündete in Lemberg (pol. Lwów, ukr. L’viv, russ. L‘vov) den Anschluss Ostgaliziens an das Russländische Reich. Leidtragende waren in erster Linie die Zivilbevölkerung. Viele Bewohner ergriffen die Flucht oder wurden von der Armee evakuiert. Während die österreichisch-ungarische Armee besonders der ruthenischen Bevölkerung misstraute, Massendeportationen anordnete und standgerichtliche Todesurteile fällte, vermutete die russländische Armee hinter jedem galizischen Juden einen potentiellen Spion.

Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte in Galizien noch kein Ende der Gewalt. Im November 1918 kam es zu einem blutigen Pogrom in Lemberg, nachdem polnische Einheiten die Stadt eingenommen hatten, in der kurz davor die kurzlebige Westukrainische Volksrepublik proklamiert worden war. Außerdem besetzte die Rote Armee bis zum Ende des polnisch-sowjetischen Krieges 1921 immer wieder Teile des einstigen Kronlands.

In der Zwischenkriegszeit wurde ganz Galizien in die Zweite Polnische Republik integriert, durch den Hitler-Stalinpakt 1939 jedoch zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion ungefähr entlang der noch heute bestehenden polnisch-ukrainischen Grenze geteilt. Der Zweite Weltkrieg brachte das Ende dieses multikulturellen Landstrichs. Die jüdische Bevölkerung wurde von den Nazis ermordet; die in der Sowjetukraine verbliebenen Polen wurden nach 1945 vertrieben und die im Nachkriegspolen lebenden Ukrainer in verschiedene Gebiete des Landes zwangsumgesiedelt.

In kommunistischer Zeit war Galizien aus den offiziellen Diskursen gänzlich verbannt und wurde nur von polnischen und ukrainischen Dissidenten am Leben erhalten. Für sie war Galizien ein antisowjetisches beziehungsweise antirussisches Identifikationsangebot und untermauerte die Zugehörigkeit zu Mitteleuropa und damit zum Westen. Während im heutigen Polen Galizien eine geringere Rolle spielt und das einstige Kronland eher touristisch vermarktet wird, ist der Zugehörigkeitsaspekt in der Westukraine weiterhin von Bedeutung. Der Begriff Galizien steht jedoch nicht nur für eine vermeintliche Westorientierung und für ein distinktives regionales Selbstbewusstsein, sondern auch für die Betonung einer gesamtukrainischen Identität, da das mittelalterliche Fürstentum Galizien-Wolhynien häufig als einer der Vorläufer des modernen ukrainischen Nationalstaats dargestellt wird.

Galizien ging stets und geht bis heute über die räumlichen Grenzen des habsburgischen Kronlands hinaus. Durch die starke Emigration, insbesonders von jüdischen Galizianern, in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg und den literarischen Erfolgen galizischer Autoren ist Galizien genauso in Wien, New York oder Jerusalem zu finden. In der Nacherinnerung erscheinen die einstigen Nationalitätenkonflikte häufig relativiert und soziale Ungleichheit romantisiert. Als vermeintliches Arkadien einer intakten vornationalen Welt ist Galizien ein wesentlicher Bestandteil des Habsburgermythos und eines idealisierten Mitteleuropas.

Dokumente

Die Auswahl der Dokumente versucht, einen möglichst breiten Überblick über Themenfelder zur galizischen Geschichte abzubilden. Quellen zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Handel wurden genauso aufgenommen wie sozialgeschichtliche Dokumente zum galizischen Adel, Bauerntum, der schmalen Schicht von Industriearbeitern und der Frauenbewegung. Des Weiteren gibt es Ordner zur Politik- und Verwaltungsgeschichte des Kronlands. Kulturelle Themen fanden ebenso Eingang wie Galiziens zahlreiche ethno-konfessionellen Gruppen (Polen, Ruthenen, Juden, Deutschen und Armeniern) und deren Konflikte im Zeitalter der Nationalisierung. Dieses Modul schließt mit einem eigenen Ordner zum Ersten Weltkrieg. Die Zuordnung zu den einzelnen Ordnern ist nicht immer ganz eindeutig, da viele Dokumente mehrere Aspekte umfassen.

Eines der wichtigsten Ziele dieses Moduls ist es, Galizieninteressierte auf die breite Palette von Quellen und Archiven aufmerksam zu machen, die für eine Untersuchung in Frage kommen. Die ungedruckten und gedruckten Quellen bestehen aus Archivmaterial, Belletristik, Erinnerungsbüchern, Gesetzessammlungen, Parlamentsprotokollen, Reiseberichten, Reiseführern, Tageszeitungen, Vereinsstatuten, Vereinszeitungen und allgemeinen Verlautbarungen. Das Originalmaterial stammt aus Bibliotheken und Archiven in der Ukraine, Polen, Österreich und Frankreich und ist in Deutsch, Polnisch, Ukrainisch und Jiddisch, den vier wichtigsten Sprachen dieses Habsburgischen Kronlands, verfasst.

Materialien

Die Materialien enthalten statistisches Material zur demografischen Entwicklung der Bevölkerung, zu den Einwohnerzahlen der größeren Städte sowie Listen zur Produktion der wichtigsten Rohstoffe und Nahrungsmittel. Außerdem Listen mit allen Habsburgischen Herrschern und galizischen Gouverneuren/Statthaltern im Zeitraum zwischen 1772 und 1918, des Weiteren eine Liste der seit 1871 in der Wiener Zentralregierung vertretenen Minister für Galizien, die de facto einen polnischen Interessensvertreter in der Regierung darstellten. Schließlich gibt es noch eine Liste sämtlicher römisch-katholischer, griechisch-katholischer und armenisch-katholischer Erzbischöfe in Lemberg unter österreichischer Herrschaft. Eine Ortsnamenkonkordanz, Landkarten, Stadtpläne und historische und aktuelle Abbildungen (Bilder, Fotografien und Ansichtskarten) runden das Bild der Materialien ab. Eine Auswahlbibliografie steht ebenso zur Verfügung wie eine Übersicht über Archive und Institutionen, die für Galizienforschung von Relevanz sein könnten.

 

Dank

Die Erstellung dieses Moduls stützt sich auf Konsultationen mit anderen Galizienspezialisten und –spezialistinnen, die erst die Breite dieses Moduls ermöglichten. Viele der folgenden Namen finden sich auch in der Auswahlbibliografie wieder:
Alison Frank, Simon Hadler, Elisabeth Haid, Philip Hofeneder, Nicole-Melanie Goll, Clemens Jobst, Klemens Kaps, Angelique Leszczawski-Schwerk, Christoph Mick, Isabel Röskau-Rydel, Francisca Solomon, Kai Struve, Jan Surman, Philipp Ther, Nadja Weck, Anna Veronika Wendland und Marianne Windsperger.