Sowjetische Hegemonie in Ostmitteleuropa (1922-1991) - Über das Modul

Bearbeiter: Guido Hausmann (München), Dimitri Tolkatsch (Freiburg) und Jos Stübner (Chemnitz)

Erstveröffentlichung: Juni 2014

Das Themenmodul dokumentiert die ungleichen politischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den ostmitteleuropäischen Staaten, die als hegemonial charakterisiert und exemplarisch für Polen und die Tschechoslowakei dargestellt werden. Chronologisch setzt das Modul zwar mit dem Gründungsjahr der Sowjetunion 1922 an und umfasst die gesamte Sowjetperiode bis zur Implosion des sowjetischen Staates 1991, politisch erkennbar und darstellbar sind die hegemonialen Beziehungen aber erst ab 1939 („Hitler-Stalin-Pakt“) bzw. zwischen 1945 und der Endphase der Sowjetunion. Das bedeutet, dass die 1918 beginnende und gewaltsame Eroberung der Ukraine und Weißrusslands durch die zunächst weitgehend ohne einheimische Kräfte operierende Rote Armee und Kommunistische Partei (und damit verknüpft die Frage der östlichen Grenze Ostmitteleuropas) genauso wenig thematisiert werden wie der polnisch-sowjetische Krieg 1920 und die folgende Lösung der polnisch-sowjetischen Grenzfrage oder etwa die Rolle der Komintern und anderer Akteursgruppen in der Zwischenkriegszeit.

Ideologische Konkurrenzen und territoriale Bedrohungen an der östlichen Grenze (durch Japan in den 1930er Jahren) und in Europa (Hitlerregime in Deutschland ab 1933) förderten unter Stalin die Aktivierung der sowjetischen Bündnispolitik („kollektive Sicherheitsstrategie“) und mobilisierten eigene imperiale Traditionen. In dieser Perspektive steht die Beanspruchung der östlichen Gebiete Polens, der baltischen Staaten, Finnlands und Bessarabiens als Interessenssphäre der Sowjetunion im Geheimen Zusatzprotokoll des Nichtangriffsvertrages zwischen Deutschland und der Sowjetunion (23.8.1939) und dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag (28.9.1939) in einem größeren historischen Zusammenhang, da die genannten Gebiete vor 1917 zu Russland gehört hatten. Das gilt umso mehr für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die siegreiche Sowjetunion zur Weltmacht aufstieg und in Ostmitteleuropa und Südosteuropa ein System von Staaten schuf, das von ihr beherrscht und als Ostblock bekannt wurde. Diese Politik war defensiv eine Sicherheitspolitik zum Schutz vor zukünftigen Invasionen und offensiv-aggressiv eine gewaltsame Unterordnung unter sowjetische Oberherrschaft. Instrumente der Herrschaftssicherung und -durchdringung waren vor allem die Rote Armee, die Durchsetzung der Alleinherrschaft der jeweiligen Kommunistischen Parteien und die unterschiedlich rigide durchgeführte Sowjetisierung nationaler Wirtschaften, Kulturen und Gesellschaften. Im eskalierenden Kalten Krieg zwischen den von der Sowjetunion und den USA angeführten Staatenblöcken, der Europa spaltete, festigten sich die neuen Regime (abgesichert durch Verfassungen) und verfestigte sich die sowjetische Hegemonie ihnen gegenüber durch die Schaffung des COMECON (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) im Jahr 1949 sowie des Warschauer Paktes im Jahr 1955. Die Volksrepubliken Ostmitteleuropas können so nicht als politisch souveräne Staaten im klassischen Sinn bezeichnet werden, wie anlässlich des amerikanischen Marshallplanes deutlich wurde, als Stalin der Tschechoslowakei im Juli 1947 die Annahme amerikanischer Hilfe untersagte.

Der Ostmitteleuropabegriff kann in diesem Zusammenhang zwar positiv bestimmte staatenübergreifende Systemkennzeichen und Prozesse erkennbar machen, er ist jedoch negativ auch vereinfachend und lässt Differenzierungsmöglichkeiten vermissen. Dabei unterschieden sich zumal Polen und die Tschechoslowakei politisch, wirtschaftlich und kulturell in vielerlei Hinsicht, inklusive ihrer historisch-kulturell gewachsenen Beziehungen zur Sowjetunion und ihrer gleichzeitigen Abgrenzungswünsche und -interessen gegenüber (West-)Deutschland als Folge von ethnonationalen Konflikten, Krieg, Zerstörung und Unterdrückung. In der Tschechoslowakei führten die stärkere gesellschaftliche Verwurzelung der Kommunistischen Partei, verzögerte Entstalinisierung und größere Abgrenzungsbereitschaft gegenüber Westdeutschland dazu, dass erst 1968 eine Reformbewegung in und außerhalb der Kommunistischen Partei zum Durchbruch kam, in der sowohl demokratische als auch nationale Forderungen artikuliert wurden. Die militärische Unterdrückung des „Prager Frühlings“ durch Truppenverbände des Warschauer Paktes mit der Sowjetarmee an der Spitze führte zur so genannten Brežnev-Doktrin, der eingeschränkten Souveränität der Ostblockstaaten, und zur weitgehenden Unterdrückung öffentlicher Artikulation unabhängigen politischen Denkens und autonomen politischen Handelns. Sie ist auch darin erkennbar, dass die Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei Ende der 1980er Jahre erst relativ spät Fuß fasste. In Polen dagegen artikulierte die Gesellschaft – Intellektuelle wie Arbeiter und Kirchenleute – seit der Entstalinisierung der Partei immer wieder ihren Unmut gegenüber sozialen Missständen, Menschenrechtsverletzungen, der sowjetischen Hegemonie und nationalen Bevormundung. In den Jahren 1956, 1970 und 1980 (mit der Folge der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarität) kam es zu den bekanntesten, jedoch nicht einzigen Ausdrücken sozialer und nationaler Unzufriedenheit.

Die Textquellen

Eine Darstellung sowjetischer Hegemonie in Ostmitteleuropa in Textquellen kann leicht dazu führen, die Sowjetunion und die ostmitteleuropäischen Länder Polen und Tschechoslowakei allzu einfach und einheitlich gegenüberzustellen. Eine differenziertere Darstellung wird demgegenüber (einige Textquellen geben Zeugnis davon) hervorheben wollen, dass es auch in der Sowjetunion Stimmen der unterdrückten Öffentlichkeit gab, die sich immer wieder gegen die sowjetische politische Unterdrückung der ostmitteleuropäischen Länder gewandt haben. Gleichzeitig hat es auch Stimmen in Polen und der Tschechoslowakei gegeben – in- und außerhalb der Partei und insgesamt sicherlich nur wenige –, die sich mehr oder wenig freiwillig für eine militärische Invasion der Sowjetunion und die Loyalität gegenüber der Sowjetunion ausgesprochen haben. Die Textquellen des Themenmoduls tragen dem vereinzelt Rechnung, sie zielen jedoch eher auf einen Überblick und können die gegenseitigen Beziehungen nicht in der ganzen Breite und Vielfalt abbilden.

Der erste Teil der Quellenauszüge dokumentiert die länderübergreifende Politik der Sowjetunion gegenüber den Staaten Ostmitteleuropas und dem gesamten so genannten Ostblock seit 1939 / 1945. Die beiden folgenden Teile werfen einen genaueren Blick auf die gegenseitigen politischen und gesellschaftlichen Beziehungen. Ziel der Dokumentation ist in diesen beiden Teilen zum einen gewesen, klassische Quellen der Politikgeschichte aufzunehmen, die Aussagen über den Charakter des Staates (Verfassung) und seine Grenzen treffen und das Machtungleichgewicht zwischen der Sowjetunion auf der einen Seite und Polen und der Tschechoslowakei auf der anderen Seite zeigen. Zum anderen sollen die Dokumente aber auch Stimmen des Dissenzes und der Opposition aus Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion zu Wort kommen lassen, die neben ihrer Haltung zu politischen und gesellschaftlichen Fragen verdeutlichen, wie der sowjetische Staat und die sowjetische Gesellschaft wahrgenommen wurden. Die inhaltliche Konzentration und die quantitative Beschränkung der Quellenzahl führen dazu, dass weder das Thema der sowjetischen Hegemonie in Ostmitteleuropa ausgeschöpft noch die ganze Breite der gegenseitigen Wahrnehmung und die Vielfalt der Beziehungen dargestellt werden können.

Die Materialien

Die Materialien zum Themenmodul beziehen sich nicht auf die einzelnen Staaten (die Sowjetunion, Polen, Tschechoslowakei), da sich diese in anderen Themenmodulen finden. In dem vorliegenden Themenmodul findet der Nutzer dagegen länderübergreifende Materialien. Dazu gehören eine kontinuierlich ergänzte und überarbeitete Auswahlbibliographie mit der Auflistung wichtiger Atlanten, Quellensammlungen und der Forschungsliteratur (in deutscher, englischer und französischer Sprache), eine Chronologie mit den Eckdaten der politischen Geschichte, thematische Karten sowie ein Stichwörterverzeichnis. Die Materialien werden in der nächsten Zeit durch einige Überblicksstatistiken ergänzt werden.