Stadtentwicklung in Polen im Mittelalter - Über das Modul

Bearbeiterin: Ewa Wółkiewicz (Warschau)

Erstveröffentlichung: Dezember 2013

Die Anfänge der selbstständigen Stadtgemeinden in Polen sind untrennbar mit den Transformationsprozessen des 13. Jahrhunderts verbunden. Die ältesten Stadtgründungen können als ein Element der Sozial- und Verfassungsmodernisierung betrachtet werden, dessen Wurzeln in den demographischen und wirtschaftlichen Veränderungen des 12. Jahrhunderts liegen – vor allem bei der progressiven Monetarisierung des Marktes. Den wichtigsten Modernisierungsimpuls brachte die Welle der Migration von Siedlern aus Westeuropa, zu der vor allem die Kolonisten aus dem deutschsprachigen Gebieten (aber auch Wallonen und Flamen) zählten.  Die Existenz der ältesten wallonischen Kolonie in Breslau ist bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bezeugt. Es scheint, dass die Genese der rechtlichen Autonomie der Städte durch die Existenz von autonomen und fremden ethnischen Gemeinden verursacht wurde, die nach ihrem eigenen Recht funktioniert haben. Die Prozesse der Kolonisierung und die Rezeption des deutschen Rechts im 13. Jahrhundert hat die polnische Geschichtsschreibung lange durch die Linse der nationalistischen Ressentiments betrachtet. Historische Bedingungen des 19. und 20. Jahrhunderts haben dazu geführt, dass die Migration der deutschen Siedler als eine Form der versteckten politischen Expansion in die slawischen Länder wahrgenommen wurde. Die polnischen Historiker entwickelten ein eigenes alternatives Konzept der "Städte des polnischen Rechts", welches die Entwicklung des städtischen Lebens in der Epoche vor der deutschen Kolonisation beweisen sollte. Derzeit werden diese Probleme ohne politische Verstrickungen und nationale Ressentiments untersucht. Die Entstehung der großen polyzentrischen städtischen Siedlungen rund um die wichtigsten Burgen (Krakau, Breslau, Posen, Gnesen, Płock) im 11. und 12. Jahrhundert ist unbestritten, aber ihre rechtliche Autonomie und die räumliche Planung sind Folgen von Transformationen im 13. Jahrhundert. Die Besiedlung der polnischen Gebiete wurde am stärksten durch die deutschen Stadtgründungsmuster in dem Gebiet zwischen Elbe und Oder geprägt. Das Magdeburger Recht und seine Modifikationen (Kulmer Recht und Neumarkter Recht), Muster der Stadt-Land-Kolonisation und Weichbildverfassung, wurden während des 13. und 14. Jahrhunderts auf polnischen Boden adaptiert.

Die Verbreitung des deutschen Rechts auf polnischem Gebiet lief zeitlich nicht einheitlich ab. Die frühesten Stadtgründungen sind in Schlesien bezeugt, wo es während des 13. Jahrhunderts zu grundlegenden Umwandlungen der Städtelandschaft kam. In Kleinpolen und Großpolen wurden die größten Zentren zwar bereits in der Mitte des 13.  Jahrhunderts nach deutschem Recht gegründet; die meisten urbanen Lokationen sind jedoch erst im 14.  Jahrhundert bezeugt. In Masowien wiederum kann man eine noch größere Verspätung dieser Prozesse sehen: die größte Anzahl der Städte ist erst an der Wende des 14. und 15. Jahrhunderts entstanden. Eine Besonderheit dieser Region war die große Verbreitung des Kulmer Rechts bei den Lokationen. In den übrigen polnischen Gebieten hat im späten Mittelalter das Magdeburger Recht dominiert. Es wurde auch in Rotrußland adaptiert, welches seit der Mitte des 14. Jahrhunderts dem Königreich Polen politisch untergeordnet war. Eine Besonderheit der Urbanisierung polnischer Gebiete war die Dominanz von kleinen Städten, dessen Bewohner sich wenig von Ackerbauern unterschieden haben (sog. Ackerbürgertum). In der europäischen Perspektive können nur wenige Zentren des Königreichs Polen sich zu der Kategorie der mittelgroßen Städte zählen (Krakau, Posen, Lemberg, nach der Mitte des 15. Jahrhunderts auch die größten Städte Preußens). In Folge der Lokationsprozesse, deren wichtiger Bestandteil die räumliche Vermessung war, hat sich ein Typus der Kolonisationsstadt mit regelmäßigem, schachbrettartigem Plan verbreitet.

Die Verwaltung der Stadt lag zunächst in den Händen der Erbvögte, während die kommunalen Organe (Räte) sich erst langsam entwickelten. Zur Autonomisierung der Gemeinde hat der spätere Kauf der Erbvogtei wesentlich beigetragen. Zusammen mit dem ökonomischen Wachstum des Bürgertums hat sich ihre politische Rolle verstärkt. Die Bürger versuchten manchmal sogar die Besetzung des Krakauer Throns zu beeinflussen (Aufstand des Vogtes Albert 1311/12). Das 15. Jahrhundert ist durch soziale Spannungen zwischen Bürgertum und Adel geprägt. Die in der polnischen Gesellschaft dominierenden Adligen haben die Erlassung antistädtischer Gesetzgebung bewirkt.