Deutscher Orden und Preußen im Mittelalter - Über das Modul

Bearbeiter: Marcus Wüst (Bonn)

Erstveröffentlichung: Juli 2013

Nachdem der Deutsche Orden, 1189/90 im Zuge des dritten Kreuzzugs von Lübecker und Bremer Kaufleuten als Feldspital vor Akkon gegründet, 1198/99 päpstlich als Ritterorden bestätigt, bereits im Heiligen Land und im ungarischen Burzenland letztlich erfolglose Territorialisierungsversuche unternommen hatte, gelang es ihm das Kulmer Land als Schenkung des Herzogs von Masowien zu erhalten. Hiervon ausgreifend eroberte er im Kampf gegen die paganen Prußen seit 1231 bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts das Land, das den Namen Preußen tragen sollte. Nach den prußischen Landschaften und nach der Stadt Kulm werden die Landesteile und Bistümer als Samland, Ermland, Pomesanien und Kulmer Land bezeichnet. Das Ordensland Preußen bestand damit aus vier Bistümern, die Suffragane des Erzbistums Riga waren. Außer dem Bistum Ermland waren alle Domkapitel dem Deutschen Orden inkorporiert. Gemäß der päpstlichen Zirkumsskriptionsbulle von 1243, die die Rechtsgrundlage der Bistümer bildete, wurden die Bistümer im Jahr 1254 im Verhältnis 2 zu 1 zwischen dem Deutschen Orden und dem jeweiligen Bischof aufgeteilt, wobei dem jeweiligen Bischof ein Drittel als weltliches Herrschaftsgebiet zufiel; von dem bischöflichen Teil erhielt das Kapitel ein Drittel. Die Inkorporation bedeutete nicht den Verlust der weltlichen Hoheitsrechte. Der Bischofssitz von Kulm war Kulmsee, bischöfliche Residenz später Löbau. Das Kapitel verblieb in Kulmsee. Der Bischofssitz des Samlands war Fischhausen, das zugehörige Kapitel saß in Kneiphof (Königsberg). Das pomesanische Bistum hatte seine Kathedrale und sein Kapitel in Marienwerder, wobei Riesenburg Residenz des Bischofs wurde. Der ermländische Bischof residierte zunächst mit dem Kapitel in Braunsberg, seit 1284 in Frauenburg (dort auch die Kathedrale und dann das Kapitel), ab 1350 in Heilsberg. Der pommerellische Landesteil, 1309 vom Deutschen Orden erobert, unterstand kirchlich dem polnischen Bistum Leslau (Pommersches Archidiakonat) bzw. dem Erzbistum Gnesen.

Der Orden richtete, anders als im Reich, keine Balleien (Ordensprovinzen) ein, sondern unterteilte die Gebiete in Komtureien und Pflegeämter. Die Hierarchie im Deutschen Orden in Preußen gliederte sich um 1400 folgendermaßen: Dem Hochmeister als Leiter des Ordens stand der ebenfalls auf der Marienburg residierende Großkomtur als Stellvertreter zur Seite. Für die Ordensfinanzen sorgte dort der Treßler; formal war es der als Komtur in Christburg residierende Oberste Trappier, der die Ausstattung der Brüder besorgte. Der Oberste Marschall, mit militärischer Verantwortung, residierte in Königsberg; der Spittler, formal der Aufseher über die Hospitäler der Ordensgemeinschaft, in Elbing. 1308 gewann der Orden Danzig und Pommerellen hinzu. Militärisch wurde der Orden von den sogenannten Preußenfahrern, adligen Kreuzfahrern aus ganz Europa, unterstützt. Zu den Siedlungen der unterworfenen Prußen kamen Bauernsiedlungen, deren Bewohner mittels Lokatoren nach Preußen gelangten – hinzu kamen Stadtgründungen wie Kulm, Königsberg, Thorn, Elbing, Braunsberg, Heilsberg, Balga oder Allenstein. Insgesamt lebten baltische Prußen, Zugewanderte aus dem Reich, aber auch aus angrenzenden Ländern, im Ordensland. Nachdem zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Prußen keine Gefahr mehr darstellten, rückte der Kampf gegen die paganen Litauer stärker in den Fokus des Ordens, der sein Haupthaus 1309 auf die Marienburg an der Nogat verlegte. Das 14. Jahrhundert war dann von einem enormen Auf- und Ausbauprozess des Landes und der Ordensherrschaft gekennzeichnet. Kulturell stand das Land im 14. Jahrhundert in einer großen Blüte. Seit der polnisch-litauischen Union (1386) geriet der Orden in Konflikt mit Polen-Litauen, wobei er die Konversion der vormals paganen Litauer nicht anerkannte. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts hatte das Ordensland seine größte territoriale Ausdehnung und machtpolitische Höhe erreicht. Zur großen militärischen Auseinandersetzung kam es 1410 in der Schlacht von Tannenberg/Grunwald, die in einer vollständigen Niederlage des Deutschen Ordens und dem Tod der meisten hohen Amtsträger endete. Da der polnische König die Niederlage nicht für sich ausnutzte, konnte der Orden einen günstigen Frieden 1411 in Thorn schließen. Im Dreizehnjährigen Krieg (1454-1466) stellten sich die preußischen Stände gegen den Orden als Landesherrn. Bereits gegen Ende des 14. Jahrhunderts hatte es oppositionelle Bestrebungen der Stände gegen die Ordensherrschaft gegeben. Im 2. Thorner Frieden wurde 1466 der westliche Teil des Ordenslandes als Preußen königlichen Anteils Untertan des polnischen Königs und der Hochmeister gegenüber ihm, jedoch nur für das verbleibende östliche Preußen, treueidpflichtig. Mit dem Hochmeister Friedrich von Sachsen (1498-1510) begann die Säkularisierung des Restordenslandes, der eine Verweltlichung des Ordenslebens vorangegangen war. Der letzte Hochmeister in Preußen, Albrecht von Brandenburg-Ansbach (erwählt 1511), führte nach verlorenem Krieg (Reiterkrieg) gegen Polen-Litauen das Land der Reformation zu. Staatsrechtlich wurde im Vertrag von Krakau (8. April 1525), das ehemalige Ordensland zu einem erblichen Herzogtum Albrechts unter polnischer Lehnshoheit. Das östliche Preußen gelangte so an das Adelsgeschlecht der Hohenzollern, als Zeitmarke sei die Königskrönung als Könige in Preußen von 1701 genannt, die, unter Friedrich dem Großen, das westliche Preußen 1772/73 von Polen zurückgewannen. Durch den Versailler Vertrag verlor das Deutsche Reich fast das gesamte Westpreußen. Die gewaltsame Revision dieses Friedens im 2. Weltkrieg endete 1945 spätestens mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Mit dem Deutsch-Polnischen-Grenzvertrag und dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag (1990) wurde die schon faktische Erledigung West- und Ostpreußens seit dem Ende des 2. Weltkriegs völkerrechtlich durch die deutsche Bundesregierung sanktioniert.

Nachdem Historiker des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Geschichte des Ordenslandes die spätere preußische und Reichsgeschichte präfiguriert sahen, und die polnisch-preußisch-deutschen Konflikte aus dieser Perspektive deuteten, setzte mit dem Verlust der preußischen/deutschen Ostprovinzen und ihrem Übergang an das wiedergegründete Polen nach dem Ende des 2. Weltkriegs ein Umdenken ein. Seit den 1970er Jahren haben deutsch-polnische Historiker das Ordensland, stärker aus seinen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Voraussetzungen gedeutet. Nicht mehr unter dem Begriff Ostforschung, sondern, aufgrund neuer, transnationaler, sozialgeschichtlicher, spiritualitäts- und mentalitätsgeschichtlicher Fragestellungen und infolge von methodischen Neuorientierungen, erlebt die geschichtswissenschaftliche Forschung zum Ordensland Preußen in Polen und Deutschland einen Aufschwung.

Mit dem Übergang der Landesherrschaft von einer geistlichen Korporation an einen weltlichen Dynasten war aber keineswegs der Deutsche Orden vernichtet, auch wenn die meisten Mitglieder in Preußen widerstandslos Konfession und Stand wechselten. Im geographisch nahen Livland war der Deutsche Orden 1237 nur in die Rechte des mit ihm vereinigten Schwertbrüderordens eingetreten und hatte sich im ständigen Konflikt mit dem Erzbistum Riga befunden. Auch hier hielt die Reformation Einzug. Schließlich unterwarfen sich 1561 der Erzbischof von Riga und der Ordensmeister Gotthard Ketteler dem polnischen König und litauischen Großfürsten. Ketteler selbst hatte den Orden verlassen, war Protestant geworden und erhielt das neue Herzogtum Kurland zum Lehen, wobei andere Teile Livlands unter schwedischen und dänischen Einfluss gerieten. Im Reich existierte der Orden, besonders im Süddeutschen, bis in die Zeit Napoleons weiter und bemühte sich um die Rekuperation der verlorenen preußischen Besitzungen, die nun formal von einem Hochmeisteradministrator verwaltet wurden, der mit dem Deutschmeister identisch war. Die Hochmeisterwürde wurde zum Ende 18. Jahrhundert zunehmend als Versorgung für die nachgeborenen Habsburgersöhne vergeben. Nach dem 1. Weltkrieg erfolgte die Umwandlung der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem in einen Orden, der mit Priester-, Schwestern- und Familiarenzweig bis heute existiert.

Die Einzigartigkeit einer geschlossenen Landesherrschaft eines geistlichen Ritterordens am Rande des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reiches macht es interessant, Preußen unter vielfachen Aspekten in Wissenschaft und universitärer Lehre zu behandeln, wobei für dieses nach wie vor umfassende Quelleneditionen fehlen. Das Modul wurde daher so konzipiert, dass ein Überblick über alle relevanten Themenbereiche wie die paganen Bewohner, die Eroberung durch den Orden, der Landes- und Herrschaftsausbau, die Städtegründungen, Wirtschaftsführung des Ordens, Auseinandersetzung mit den Ständen, Konflikt mit Polen-Litauen und die Reformation im Rahmen eines Seminars möglich wird; einzelne Themen können natürlich separat behandelt werden. Zugleich bieten die edierten Quellen eine Möglichkeit des Vergleichs mit anderen Systemen und Regionen.

Die Textquellen

Zentrale chronikalische Quellen zur Geschichte des Ordenslandes wurden aufgenommen, um die Selbstsicht des Ordens auf sich und, wo möglich, die Position seiner Gegner zu dokumentieren.  Andere Quellen, so z.B. Briefe, Auszüge aus Amtsbüchern und urkundliche Quellen, zur Rechts-, Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Preußenlandes ergänzen und erweitern die Perspektive.


Die Materialien

Die im Kapitel Materialien zusammengefassten Medien vertiefen nicht nur die Textquellen, sondern ergänzen sie auch in inhaltlicher Hinsicht. Hierzu dienen Chronologien, Karten, Zeichnungen, Bilder und Photographien.

Die Auswahlbibliographie berücksichtigt wichtige Quelleneditionen, Handbücher, Ausstellungskataloge, Kartenwerke, Bibliographien und vor allem Literatur in westlichen Sprachen sowie ausgewählte, zentrale polnische Publikationen. Zahlreiche Verweise auf das Internet (Links) bieten Hinweise auf Forschungsvereinigungen und -zentren und Archive. Materialien zur Rezeption der Deutschordensherrschaft im deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in Polen runden das Bild ab und leiten an zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und ihrer Instrumentalisierung.