Von Inseln im südchinesischen Meer, kanadischen Flüssen und ostpreußischen Städten
- Christian Lotz
Was haben Inseln im südchinesischen Meer, Flüsse im Norden Kanadas und ostpreußische Städte gemeinsam? Um die Namen dieser Inseln, Flüsse und Städte wird gestritten. Denn geografische Namen sind mehr als eine Bezeichnung für einen Ort auf der Erde. Menschen bringen mit einem Ortsnamen ihr kulturelles Selbstverständnis zum Ausdruck. In Grenzregionen können unterschiedliche geografische Namen sogar Ausdruck territorialer Forderungen sein.
UNGEGN-Konferenz 2023
Das Gazetteer-Projekt auf der Konferenz der „United Nations Group of Experts on Geographical Names“ in New York (Mai 2023)
Um in der internationalen Staatengemeinschaft ein Forum für den Austausch über geografische Namen zu schaffen, haben die Vereinten Nationen die „United Nations Group of Experts on Geographical Names“ (UNGEGN) eingerichtet. Auf regelmäßigen Konferenzen beraten Vertreter:innen der Mitgliedsländer zahlreiche Fragen und Probleme, die mit geografischen Namen verbunden sind. Die UNGEGN kann auch Wissenschaftler:innen einladen, neueste Forschungsergebnisse vorzustellen. Und so erhielt das Team des Gazetteer-Projekts eine Einladung, über die Resultate unserer Arbeit auf der UNGEGN-Konferenz im Mai 2023 in New York zu berichten. Im Rahmen des Gazetteer-Projekts erarbeiten das Herder-Institut und das Institut für Länderkunde historisch-geografische Fallstudien zu Ortsnamen und Ortsnamen-Verzeichnissen; außerdem entwickelten wir eine Online-Anwendung, die es ermöglicht, die Inhalte vorhandener digitaler Ortsnamen-Verzeichnisse (wie etwa Geonames oder Wikidata) zu durchsuchen und zu vergleichen. [www.gazetteers.net]
Auch wenn die Mitglieder des Gazetteer-Projekt-Teams schon manche internationale Tagung bestritten haben, war die Reise nach New York für Ihor Doroshenko (Institut für Länderkunde), Dariusz Gierczak (Herder-Institut) und mich eine besondere Sache: Denn ein Zusammentreffen von Vertretern aus so vielen verschiedenen Ländern, noch dazu im Hauptquartier der UNO, hatten wir noch nicht erlebt. Die Konferenz dauerte fünf Tage (1.-5. Mai 2023) und die Tagesordnung war breit gefächert: Einzelne Länder berichten über den Fortgang der Standardisierung von Ortsnamen auf ihrem Gebiet, über den Aufbau eigener Ortsverzeichnisse, über grenzübergreifende Projekte mit Nachbarländern und vieles mehr.
Da die UNO die Jahre 2022-2032 zur Internationalen Dekade der indigenen Sprachen (International Decade of Indigenous Languages) erklärt hat, spielte auf der UNGEGN-Konferenz das Verhältnis zwischen Amtssprachen der Länder und weiteren Sprachen eine große Rolle. Zwei Vertreterinnen Kanadas berichteten bspw. über ein Projekt, um systematisch Namen zu erfassen, die Inuit im Norden des Landes für geografische Objekte (Flüsse, Berge, Täler usw.) verwenden. Eine lettische Delegierte schilderte ein Vorhaben, in dem die Bevölkerung Lettlands aufgerufen ist, Ortsnamen in lokalen Dialekten zu erfassen. Diese und ähnliche Projekte sollen helfen, das Wissen um solche regional spezifischen Namen zu vertiefen.
Verschiedene Namen für einen Ort zu sammeln und in Datenbanken zu erfassen, sagt allerdings noch nichts darüber aus, welche Bedeutungen mit diesen Namen einhergehen. In Mitteleuropa hat sich die Diskussion um solche Namensfragen inzwischen deutlich abgekühlt. War es nach 1945 beinahe ein politisches Bekenntnis, ob man „Breslau“ oder „Wrocław“ sagte, gibt es inzwischen ein kreatives Nebeneinander der verschiedenen Namen, deren Verwendung auch davon abhängt, in welcher Sprache und zu welchem Publikum man spricht.
Vor diesem Hintergrund warb ein Vertreter der International Cartographic Association dafür, diese Vielfalt verschiedener Namen als eine Wertschätzung für einen Ort anzusehen: Denn die Menge unterschiedlicher Namen für einen Ort zeige, dass viele verschiedene Kulturen Beziehungen zu diesem Ort hätten. Dieser Beobachtung stellte Südafrikas Vertreterin die Kritik entgegen, dass aus ihrer Sicht Ortsnamen, die nicht der Landessprache entstammen, kein Ausdruck von Wertschätzung seien. Vielmehr zeigten sich in ihnen Spuren des Kolonialismus, den die Europäer über andere Teile der Welt gebracht hätten.
Solche und ähnliche Diskussionen gaben einen lebendigen Ausdruck davon, dass die Bedeutung von Ortsnamen (und auch anderer Facetten der historischen Geografie) nicht nur von der Zeit, sondern auch vom jeweils regionalen und thematischen Zusammenhang abhängen, in dem sie verwendet werden.
Da im Selbstverständnis der UNGEGN die Konferenzen dem fachlichen Austausch dienen sollen, tauchten solche politischen Akzente allerdings eher am Rand der Diskussionen auf. Dies betraf nicht nur Spuren der kolonialen Vergangenheit, sondern vieles mehr: Die Vertreter Chinas und der Philippinen erläuterten diplomatisch, aber deutlich, dass sie unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Benennung von Inseln im südchinesischen Meer haben. Russland war zwar nicht mit einer Delegation auf der UNGEGN-Konferenz vertreten; aber Russlands Krieg gegen die Ukraine war mehrmals Thema: Der Vertreter Polens etwa berichtete, dass die zuständige Namenskommission in Warschau beschlossen habe, dass im polnischen Sprachgebrauch nicht länger der Ortsname Kaliningrad benutzt werden solle, sondern der historisch überlieferte Name Królewiec. Denn der Namensgeber Mihail Ivanovič Kalinin sei aus Sicht der Kommission für Polen untragbar.
In solchen Einzelheiten spiegeln sich die Spannungen, von denen die historische Geografie der Gegenwart geprägt ist. In der UNO waren solche Spannungen nicht nur an den Kontroversen um Ortsnamen abzulesen, sondern in manchen anderen Dingen des Alltags. So kann man bspw. in den Fluren und Foyers des UNO-Gebäudes viele Plakate und Tafeln sehen, auf denen die UNO über ihr Engagement für nachhaltige Entwicklung in der Welt informiert. Aber in der Kantine, die die Diplomatinnen, UNO-Mitarbeiter und Gäste während der Mittagspausen zu Hunderten aufsuchen, gibt es das Essen nur aus Plastikgeschirr, das anschließend weggeworfen wird. Auf die Checkliste für eine Reise nach New York gehört also zukünftig nicht nur der Adapter für US-amerikanische Steckdosen, sondern auch ein Porzellanteller.
- Die Konferenz der UNGEGN wurde aufgezeichnet. Die Präsentation des Gazetteer-Projekts finden Sie hier: https://media.un.org/en/asset/k1d/k1dxdyxb8x