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Die Kunst des Widerstands

  • Tatsiana Astrouskaya und Pavel Voinitski

Eindrücke aus der Ausstellung „Belarusian Art Across Borders & Boundaries: Vladimir Tsesler und Sergey Grinevich“

Die Ausstellung wurde vom Kunsthistoriker Pavel Voinitski, der selbst Künstler und ein bekannter Bildhauer ist, konzipiert und organisiert. Er hat die Ereignisse, über die wir in diesem Beitrag sprechen, selbst hautnah erlebt. Er verlor seine Stelle an der Kunstakademie und musste 2022, nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, seine Heimat Belarus verlassen. Seitdem lebt er in Montenegro. Deshalb ist diese Ausstellung auch eine sehr persönliche Geschichte.

A Land on the Move

Die Ausstellung war eines der Ergebnisse unseres Forschungsprojekts „A Land on the Move: Transnational Perspectives on Belarusian History and Culture“ („Ein Land im Umbruch: Transnationale Perspektiven auf die belarussische Geschichte und Kultur“), das im Rahmen der EU4Belarus-SALTII-Förderlinie von Februar 2025 bis Januar 2026 durchgeführt wurde. [i] Das Projekt befasst sich mit dem Thema der Transnationalität. Belarus liegt zwischen Polen und Russland, zwischen der Ukraine und den baltischen Staaten. Dieses Land war und ist Teil Europas. Unser Ziel ist es, Geschichte und Kultur Belarus’ so dazustellen, dass diese transnationalen Verbindungen sichtbar werden – und dass Belarus nicht lediglich als Einflusszone Russlands wahrgenommen wird.

Zum Kontext: Das Jahr 2020 in der belarussischen (Kunst) Geschichte

Die Ausstellung ist den Ereignissen des Jahres 2020 in Belarus gewidmet – dem massiven, friedlichen Protest gegen den belarussischen Machthaber Aljaksandr Lukaschenka und dessen gewaltsame Niederschlagung.

Im Jahr 2025 jährten sich diese Ereignisse zum fünften Mal. Sie sind noch immer sehr präsent im Gedächtnis der Beteiligten, der Beobachter:innen und vor allem der Opfer des Regimes. Tausende Belarussinnen und Belarussen wurden verhaftet, viele erlitten physische Gewalt, Dutzende wurden getötet oder starben im Gefängnis. Hunderttausende waren gezwungen, das Land zu verlassen.

Im Spätsommer und Herbst 2020 waren Bilder aus Belarus auf den Titelseiten der wichtigsten europäischen Medien zu sehen. Sie beeindruckten Europa und die Welt: Hunderttausende Menschen auf den Straßen von Minsk, mit humorvollen Plakaten, Blumen und weiß-rot-weißen Fahnen, singend und musizierend. Über Monate hinweg kämpften die Belarussinnen und Belarussen für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und das Recht auf Selbstbestimmung.

Dieser Protest entwickelte sich zugleich zu einer einzigartigen transnationalen Erfahrung bürgerschaftlicher Solidarität. Auch die Diaspora beteiligte sich aktiv, und die Bewegung erhielt breite internationale Unterstützung.

Damit stellt sich eine zentrale Frage:
Wie können Individuen und Gemeinschaften autoritären Regimen wirksam widerstehen?

Diese Frage begleitet die belarussische Gesellschaft seit Langem – im Russischen Imperium, in der Sowjetunion und seit über dreißig Jahren unter dem Regime Lukaschenkas. Der Protest von 2020 war eine eindrucksvolle Antwort darauf.

Neu und besonders bedeutsam waren dabei die Selbstorganisation der Gesellschaft, der Aufbau horizontaler Netzwerke, der Einsatz digitaler Medien sowie Kreativität, Gewaltlosigkeit und breite Beteiligung.

Kunst und Protest

Das Jahr 2020 besitzt daher eine herausragende Bedeutung – nicht nur für die Geschichte Belarus’, sondern auch für die europäische Kunstgeschichte. Künstlerische Arbeiten wurden zu Instrumenten gesellschaftlichen Wandels, Kulturschaffende spielten eine aktive Rolle in der Protestbewegung. Kunst und Politik rückten so eng zusammen wie selten zuvor.

Viele Künstlerinnen und Künstler gehörten zu den Opfern der Repression. Der junge Künstler Raman Bandarenka wurde von Regime-Anhängern ermordet. Ales Puschkin, einer der bekanntesten Regimekritiker, starb im Gefängnis, nachdem ihm die dringend benötigte medizinische Hilfe verweigert worden war. Viele weitere landeten in Haft.

Das Regime setzte seine Repressionen fort, unter anderem durch „schwarze Listen“, die Kulturschaffenden öffentliche Auftritte, Ausstellungen und Kooperationen untersagten. De facto entstand so ein Berufsverbot, das viele zur Emigration zwang.

Dennoch bleibt das Jahr 2020 – trotz Repression, Massenemigration und politischer Isolation – ein Moment der Hoffnung und Inspiration. Gerade deshalb ist es wichtig, die Erinnerung daran wachzuhalten.

Die Ausstellung

Unsere Ausstellung rückt diese Ereignisse in den Mittelpunkt und betrachtet sie durch die Linse zeitgenössischer visueller Kunst. Sie vereint Werke zweier herausragender belarussischer Künstler: Vladimir Tsesler (Plakatkunst) und Sergey Grinevich (Malerei). Beide gelten als lebende Klassiker.

Vladimir Tsesler

Vladimir Tsesler wurde 1951 in Slutsk geboren. Er studierte Design und angewandte Kunst am Belarussischen Staatlichen Theater- und Kunstinstitut und arbeitet seitdem als Plakatkünstler und Designer.

Er ist Preisträger zahlreicher internationaler Wettbewerbe (bis 2004 im Tandem mit Sergej Woitschenko). Wegen der Verfolgung seitens des Regimes musste er im August 2020 das Land verlassen und lebt heute auf Zypern.

Im Jahr 2020 entschied sich Tsesler anstelle des klassischen Plakats für die unmittelbarste und zugleich äußerst wirkungsvolle Form seines künstlerischen Ausdrucks: Er veröffentlichte täglich grafische Arbeiten in seinen Blogs. Seine bissigen, paradoxen, präzisen und hochaktuellen Aussagen im Stil Tseslers erreichten ein breites Publikum, verspotteten die Diktatur und inspirierten zum Widerstand. Bis heute erscheinen auf seinem Instagram- und Facebook-Profil seine ironischen Bildkommentare zu den Ereignissen in Belarus. In unserer Ausstellung sind Werke Vladimir Tseslers aus dem Jahr 2020 zu sehen, die den revolutionären Geist und die Forderung nach Veränderungen eindrucksvoll widerspiegeln.

Sergey Grinevich

Sergey Grinevich wurde 1960 in der Nähe von Hrodna geboren. Er studierte Monumentalkunst in Minsk und arbeitet mit europäischen Galerien zusammen.

Er gilt als einer der international bekanntesten belarussischen Maler, er arbeitet er mit europäischen Galerien zusammen. Der Schweizer Kunsthistoriker und Gallerist Friedrich Kisters bezeichnete ihn als „Künstler der inneren Wahrheit“ [ii].

Seine ausgefeilte Technik verbindet Elemente des sozialistischen Realismus mit Impressionismus und Pop-Art. [iii] Seine Werke zeichnen sich durch eine kritisch-zeitgenössische Themenwahl aus. Im Kontrast zu Tseslers lakonischer Bildsprache bietet Grinevich eine vielschichtige Interpretation der Realität. Die in der Ausstellung gezeigten Werke von Grinevich stammen ebenfalls aus dem Jahr 2020. Sie tragen weiterhin eine „revolutionäre Botschaft“ in sich, indem sie die Gesichter und Ideen des belarussischen Protests festhalten.

Mit den Arbeiten dieser beiden Künstler zeigt die Ausstellung ein gesellschaftlich relevantes Kunstschaffen: Kunst als Waffe, als kritische Reflexion von Gewalt und Ungerechtigkeit. Zugleich stellen die Werke eine eindrucksvolle Dokumentation der belarussischen friedlichen Proteste dar. Weit überzeugender und ausdrucksstärker als Fotografien oder nüchterne Zeilen in Dokumenten und Büchern vermitteln die künstlerischen Zeugnisse von Tsesler und Grinevich die Spannung und Atmosphäre des wichtigsten Ereignisses der jüngeren belarussischen Geschichte.

Über die Autor:innen

Tatsiana Astrouskaya ist Osteuropahistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Herder-Institut. Sie leitet das EU-geförderte Projekt „A Land on the Move“.

Pavel Voinitski ist Kurator, Künstler Bildhauer) und Kunsttheoretiker. Seit Februar 2025 arbeitet er als Projektmitarbeiter am genannten Forschungsprojekt.


 

[i] Das EU-geförderte Forschungsprojekt untersucht die Geschichte und Kultur Belarus’ anhand von vier Fallstudien, die jeweils zur Entwicklung eines transnationalen theoretischen Rahmens beitragen. Dieser Ansatz betont die gemeinsame Hervorbringung und die wechselseitige Vernetzung von Geschichten und Kulturen. Zugleich fördert er den interdisziplinären Dialog zwischen Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Kulturtheorie. Projektmitarbeitende: Dr. Tatsiana Astrouskaya (Leitering), Dr. Ala Pihalskaya, Dr. Pavel Voinitski, Dr. Uladzimir Valodzin. Kooperationspartner: Prof. Dr. Simon Lewis (Universität Bremen), Prof. Dr. Thomas Bohn (Justus-Liebig -Universität Giessen) 

[ii] Friedrich Kisters, Sergey Grinevich: Der Meister der inneren Freiheit. Seazen 2025/2026.

[iii] Ebenda.