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750 Hofzuweisungslisten mit 5500 Umsiedlungsdatensätzen dokumentieren die „Heim-ins-Reich“-Aktion des NS-Staates

  • Tim Buchen

Die historischen Daten entstammen einer seriellen, vom Staatsarchiv Lodz gescannten Quelle aus der sog. „Heim-ins-Reich“-Aktion des NS-Staates im annektierten Polen. Die dabei entstandenen sog. „Hofzuweisungslisten“ dokumentieren die geplante Ansiedlung von „Volksdeutschen“ aus den nach dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 an die Sowjetunion gefallenen Staatsgebieten Lettlands, Estlands und Polens und die euphemistisch „Absiedlung“ genannte Enteignung und Deportation der auf den Bauernhöfen lebenden polnischen Bevölkerung.

Datensatz

Inhalt und historiographische Bedeutung

Zum Ablauf der Umsiedlung am Beispiel der „Wolhyniendeutschen“ siehe Stephan Döring, Die Umsiedlung der Wolhyniendeutschen in den Jahren 1939 bis 1940, Frankfurt 2001.
Das mir zugängliche Sample besteht aus 750 Seiten. Es sind vom SS-Bodenamt im „Warthegau“ des annektierten Polen ausgegebene vorgedruckte Tabellen, die mit Schreibmaschine ausgefüllt und handschriftlich annotiert wurden.

Diese Daten automatisch per OCR einzulesen, hatte sich als langwierig und komplex erwiesen und konnte schließlich in Kooperation mit Arne Rümmler und Robert Sachunsky von der SLUB Dresden erfolgreich abgeschlossen werden. Zum einen stellten die „ausblutenden“ Buchstaben der Schreibmaschinen das OCR vor Probleme, zum anderen bildete die Erkennung der Tabellenfelder und die Zuordnung der oft über die Ränder hinausreichenden Eintragungen ein großes Sequenzierungsproblem dar. Das beste Ergebnis brachte schließlich das modifizierte Script Textract von Amazon, welches auf die Erkennung von Text in Tabellen optimiert wurde. Dennoch mussten im Datensatz viele Lese- und Zuordnungsfehler händisch behoben werden.

Der Datensatz umfasst ca. 5500 Umsiedlungen, die in je einer Zeile angegeben werden. Sie enthalten den Namen des betreffenden Dorfes, die Gemeinde und den Landkreis, in der es sich befindet. Über die angesiedelte sog. „volksdeutsche“ Familie erfahren wir ihren Herkunftsort in Galizien oder Wolhynien, den Namen des Lagers, in dem sie zwischen Ausreise und Ansiedlung untergebracht waren, den Vor- und Familiennamen des Familienoberhauptes, die Zahl der Familienmitglieder sowie die zugewiesene Vomi (Volksdeutsche Mittelstelle) Nummer, aus der sich die Herkunftsregion und der Ort der Musterung in der Herkunftsregion ableiten lassen. Die Hofnummer verweist auf das konkrete Grundstück, das mit der Umsiedlung den Besitzer wechselte. Tatsächlich gibt es vom Bodenamt korrespondierende Tabellen, in der jeweils für ein Grundstück dessen Größe, die Einteilung in Feld, Wald und Wiese, die Bodenqualität, das lebende und tote Inventar sowie der Versicherungswert der Gebäude vermerkt ist. Leider konnten bisher noch nicht jene zu den Hofzuweisungslisten passenden Grundstücke gefunden werden. Schließlich enthalten die Daten den Nachnamen und die Anzahl der Mitglieder der enteigneten und deportierten polnischen Familien sowie den meist abgekürzten Vornamen des Familienoberhauptes.

Der Datensatz stellt einen wertvollen Beitrag zur quantitativen und qualitativen Erforschung dieser Zwangsmigration dar. So können für die Genealogie und die historische Namensforschung Daten von ca. 5500 umgesiedelten deutschen Familien sowohl für Orts- als auch für Vor- und Familiennamen der unterschiedlichen „Volksgruppen“ interessant sein. Die Informationen zu den polnischen Familien können beispielsweise für die Erforschung von Zwangsarbeit von Bedeutung sein, wenn davon auszugehen ist, dass die entwurzelten, oft ins Generalgouvernement abgeschobenen Familien häufig zu Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Der Zusammenhang von NS-Siedlungspolitik mit ethnischer Säuberung und der Ausbeutung menschlicher Arbeit kann damit an weiteren konkreten Beispielen nachgezeichnet werden. Abgleiche mit den Beständen der Arolsen Archives (https://arolsen-archives.org/) etwa versprechen hier interessante Einsichten.

Durch die komplexen und relationalen Daten können etwa die Migrationswege der „Volksdeutschen“ aus ihren Herkunftsgebieten über die Zwischenlager bis zu ihrer Verteilung im „Warthegau“ auch statistisch erforscht werden. Nach der Anreicherung mit Geodaten bieten GIS-Verfahren vielfältige Möglichkeiten der visuellen Analyse.

Einen Einblick hierzu bietet das von Arne Rümmler erstellte Poster zum Datensatz, das er auf der Konferenz für geisteswissenschaftliche Raumforschung SpatHum 2024 in Bamberg vorstellte (https://spathum.uni-bamberg.de/).

Im Juni 2024 erhielt ich über das NFDI4Memory FAIR Data Fellowship am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung eine Beratung zur Aufbereitung der Forschungsdaten zur Publikation. Ziel des Fellowships war es, einen Datensatz zu bereinigen, mit Geodaten anzureichern sowie einen geeigneten Publikationsort für die Daten zu finden. Die Expertise am Herder-Institut und im NFDI4Memory-Netzwerk zu Datensätzen und Repositorien sowie den Herausforderungen historischer Ortsnamen in Polen im 20. Jahrhundert waren hierbei eine große Hilfe.

Beratung durch das NFDI4Memory FAIR Data Fellowship 

Inhaltliche Beratung und Hinweise erhielt ich während des Stipendiums in mehreren virtuellen Treffen mit den Mitarbeitenden des Herder-Instituts Anna-Lena Körfer, Simon Donig und Grigori Chlesberg. Eine erste Publikation des Datensatzes noch ohne angereicherte Geodaten erfolgte auf diese Anregung hin bei Zenodo (https://zenodo.org/records/14170202).

Ausführlich erörterten wir Möglichkeiten im Umgang mit historischen Ortsnamen. So bestanden im „Reichsgau Wartheland“ nebeneinander unterschiedliche Ortsnamen für gleiche Dörfer und Gemeinden, da teilweise gültige polnische Namen, teilweise vor 1918 gültige deutsche Schreibweisen verändert und in manchen Fällen Umbenennungen vorgenommen wurden. Einerseits kann der Datensatz also ein Beitrag zur Erforschung des Umgangs im NS-Apparat mit der Problematik der Ortsbezeichnungen leisten, andererseits ist natürlich die Eindeutigkeit der Zuordnung von Geo-Daten und die möglichst automatisierte Zuweisung von Koordinaten im Sinne einer Auswertung der Migrationswege und der stattgefundenen Bevölkerungsverschiebung von Bedeutung. Sehr wertvoll war hier die Vermittlung innerhalb des 4Memory-Verbunds nach Halle, wo Anne Purschwitz einen Abgleich der Ortsnamen aus unserer Datenbank mit den Namen und Koordinaten aus dem Geschichtlichen Ortsverzeichnis GOV durchführte und zudem auf FactGrid als möglichem weiteren Publikationsort der Daten verwies, da hier nicht nur komplexe Abfragemöglichkeiten zu den Daten direkt bestehen, sondern auch das Matching mit anderen Datensätzen, die kollaborative Nutzung der Daten durch andere Historiker*innen erleichtert und die Anreicherung und Verknüpfung mit weiteren Metadaten über Wikidata erleichtert wird. 

Projekt in FactGrid

Inzwischen ist durch die freundliche Hilfe von Olaf Simons ein Projekt in FactGrid angelegt, FactGrid:VoMi expulsions and resettlements - FactGrid das zukünftig vielfältige Abfragen und Visualisierungen über die Prozesse der An- und Umsiedlung und die betroffenen Menschen ermöglichen wird, etwa in Form von Graphen, Diagrammen oder Karten.

Nachdrücklich sensibilisiert wurde ich in den Beratungen am Herder-Institut für eine ausführliche Dokumentation, Problembeschreibung und Erläuterung der zu Grunde liegenden Quellen, den vorgenommenen Schritten in der Bereinigung der Daten und den historischen Kontexten. Das auf GitHub von Arne Rümmler angelegte Projekt (GitHub - rue-a/hofzuweisungslisten) kommt diesen Anforderungen nach.

Das NFDI4Memory FAIR Data Fellowship bot mir die Möglichkeit, mich systematisch mit dem Datensatz auseinanderzusetzen und brachte mir kompetente Hilfe und Ratschläge sowie Impulse für zukünftige Anwendungen und Verknüpfungen der Daten mit bestehenden Ressourcen und Tools. Während die Arbeit am Datensatz noch lange nicht abgeschlossen ist, bin ich durch das Fellowship einen guten Schritt vorangekommen um eine nachhaltige und möglichst effektive und breite Nutzung der Daten zu erzielen. Zudem konnte ich in kurzer Zeit enorm viel lernen und wertvolle Anregungen für Möglichkeiten einer datenbasierten Geschichtswissenschaft erhalten. Der vielleicht schönste Gewinn waren zahlreiche Kontakte zu Kolleg*innen die historisch mit Methoden der Digital Humanities arbeiten und deren freundliche Hilfsangebote mich mehrfach erfreut haben.