Forschungsprojekt
Laufend

Versicherheitlichung und Diskurse über Rechte von Minderheiten und Mehrheiten in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert

Teilprojekt A06 im Sonderforschungsbereich/Transregio 138 "Dynamiken der Sicherheit"
Laufzeit
2014 - 2025
Seit dem Aufstieg konkurrierender nationaler Bewegungen wurden die multinationalen und multisprachlichen Grenzgebiete der Imperien im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als Unsicherheitsräume wahrgenommen, nicht zuletzt weil Konflikte mit verschiedenen nationalen Gruppen zunehmend in Gewalt eskalierten: Je nach Akteursperspektive (Behörden, politische Aktivisten, Expertengruppen) kam es zur Konzeptualisierung und Imagination solcher Gebiete als von Konflikten zerrissen, als unzureichend verwaltet und durch Irredentismus gefährdet. Im Umfeld der Weltkriege und in deren Nachwirkungen wurden sie letztlich als Sicherheitsrisiko in den Neukonzipierungen (zwischen-)staatlicher Konstruktionsprinzipien wahrgenommen. Innerhalb der versicherheitlichenden Diskurse spielten vor allem Minderheitenrechte eine zentrale Rolle.
Aufbauend auf den Befunden der Teilprojekte A 06 sowie B 03 (religiöse Minderheiten) der ersten und zweiten Förderphase widmet sich das Teilprojekt nun den Wechselwirkungen zwischen Sicherheitsvorstellungen und sprachenpolitischen Programmatiken und Maßnahmen in einer Phase dynamischer Industrialisierung und Urbanisierung. Am Beispiel dreier ostmitteleuropäischer Industriestädte (Pilsen, Drohobycz, Lodz) fragt es danach, wie und von wem städtische Sprachenvielfalt zwischen 1860 und 1918 versicherheitlicht wurde. Hierbei untersucht A06 Debatten über Sprachenrecht und Sprachengerechtigkeit vor Ort und will einen Beitrag zum Verständnis der Wechselwirkungen von kultureller Ausdifferenzierung und Intersektionalität von sozialen Kategorien im Prozess der Versicherheitlichung und deren Beitrag zur Identitätsbildung liefern.
Industrialisierung, Sprachenfragen und Versicherheitlichungsprozesse in Pilsen 1860-1914
**Bearbeitung: Kajetan Stobiecki M.A.
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In Böhmen kam es, ausgehend von einem hohen Maß an Zweisprachigkeit in alltäglichen Kontaktsituationen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Herausbildung zweier fast durchgehend klar definierbarer nationaler Kollektive. Unter dieser Voraussetzung wurden Sprachenfragen zunehmend zum Referenzargument für alle politischen Felder. Das Teilvorhaben, das von Peter Haslinger und Kajetan Stobiecki gemeinsam bearbeitet wird, widmet sich vor diesem Hintergrund der Industriestadt Pilsen als zweitgrößte Stadt des Kronlands Böhmen. Pilsen verfügte bereits über eine bereits etablierte städtische Gesellschaft, ihre sprachliche Zusammensetzung veränderte sich jedoch auf Grund des Zuzugs aus dem Umland umfassend. Daher bildet diese Stadt ideale Grundlagen, um zu untersuchen, wie zwischen Gemeinde, politischem Bezirk, Kronland und Gesamtstaat Sprechregulierung durch den Verweis auf Sicherheit verhandelt wird.
Es soll auch danach gefragt werden, ob und von wem Sprachenpolitik als Instrument zur Herstellung von Sicherheit für bestimmte Gruppen begriffen wurde. Probleme in der Sprachenregelung sollen daher in Hinblick auf die Gesetzgebung und die Rechtsprechung vergleichend und dahingehend untersucht werden, wie die Verbindung zwischen Sprache und Sicherheit zwischen den Ebenen verhandelt wurde. Einen weiteren Schwerpunkt wird das Arbeitsvorhaben auf die Regulierung sozialpolitischer Fragen legen, die im Zusammenhang mit dem industriellen und urbanen Wachstum zutage traten.
Förderung von Identitäten in einer mehrsprachigen Erdöl-Boom Town durch Versicherheitlichung: Strategien und lokale Politik in Drohobycz vor 1918
Bearbeitung: Aaron Blüm M.A.
Seit den späten 1860er Jahren hatten die polnischen Akteure auf Landes- und städtischer Ebene die Sprachenfrage in ihrem Verständnis gelöst. Die mit der Durchsetzung der Sprachenfrage verbundenen Praktiken auf lokaler und Provinzialebene wurden argumentativ als für die jeweilige ethnische Gruppe wesentliche Sicherheitsprobleme dargestellt. Das Arbeitsvorhaben möchte die Resonanz der galizischen auf die Sprachenfrage bezogenen Sicherheitsdiskurse in der galizischen Erdöl-Boom Town Drohobycz fokussieren, in dem es nach dem Verhältnis von Versicherheitlichung und nationalisierender Politik auf lokaler Ebene fragt. Drohobycz nahm als Industriestadt in dem habsburgischen Kronland Galizien und Lodomerien im vergleichsweise nur sehr gering industrialisierten Galizien eine singuläre Position ein, während ihre mehrheitlich jüdische Bevölkerung wiederum keine Ausnahme gerade für die ostgalizischen Städte darstellte. Wie in zahlreichen anderen Industriestädten wuchs die Bevölkerung rasch durch Land-Stadt-Flucht ärmerer, ungebildeter Schichten, sodass die Soziale Frage zu einem drängenden Problem wurde, zumal durch den Einfluss moderner politischer Parteien. Daher fragt das Projekt nach den Wechselwirkungen zwischen Sprachen-, nationaler und sozialer Frage und fokussiert die jeweiligen Strategien und Politiken, insbesondere die Sprachenfrage zu versicherheitlichen.
Promotionsprojekt an der Justus-Liebig-Universität Gießen
Sicherheit in der „bösen Stadt“: Die mehrsprachige Textilmetropole Lodz 1860-1918 im Brennpunkt von sozialen und nationalen Konflikten
Bearbeitung: Lukas Pohl M.A.
In der extrem rasch wachsenden Textilstadt Lodz, in der sich die Bevölkerung zwischen den 1860er Jahren und 1914 fast verzwanzigfachte (von 32.000 auf über 600.000 Einwohner), stellten sich Sicherheitsfragen besonders scharf: Die Stadt wurde 1863, 1892 und 1905/06 von Aufständen und Massenstreiks erschüttert, auf der Unternehmer mit Massenaussperrungen, der Staat mit der Entsendung von Truppen reagierte. Wie konnte in der viersprachigen Stadt, in der Deutsche, Polen, Juden und Russen zusammenlebten und in der sich soziale Spannungen scharf entwickelten, Sicherheit hergestellt werden?
 
Untersucht werden in dem Projekt Konzepte der russländischen Verwaltung, die zwischen militärischer Repression, enger polizeilicher Kontrolle und Gewährung einer sprachlich-kulturellen Autonomie reichten und parallel Konzepte der Stadtverwaltung und die Forderungen der entstehenden Lodzer Parteien. Wie gestalteten sich Alltag und Sicherheitspraktiken, wie suchten Verwaltung und mehrsprachige Unternehmer, Sicherheit zu gewährleisten? Was bedeutete dies für die Lebenswelten und Emotionen in der Bevölkerung? Was änderte sich mit der Zulassung eines mehrsprachigen Schulwesens nach 1905/06?
Schließlich: Die Arbeiterstadt Lodz fand als das „rote Lodz“, aber auch als kulturlose, gewalttätige „böse Stadt“ eine besondere Beachtung in der mittel- und osteuropäischen Publizistik, aber auch in den administrativen, öffentlichen und europäischen Sicherheitsdiskursen. Insbesondere die europäische Arbeiterbewegung bezog sich häufig auf Lodz. Welche Sicherheitsakteure können identifiziert werden und welche Strategien verfolgten sie? Wurden hier anderswo entwickelte Maßnahmen ausprobiert oder entstanden Praktiken, die über Zentralpolen auf das ganze Imperium oder auf Europa ausstrahlten?
Projekte der zweiten Förderphase
Regionale Selbstverwaltung und Dynamiken der Politisierung von Rechtsvorstellungen in Westungarn (1867-1918)
**Bearbeiter: Tamás Székely M.A. **
In Ungarn dienten die regionalen Gebietskörperschaften (die Komitate) traditionell als Refugium ungarisch-ständischer Positionen gegenüber den Habsburger Königen und stellten daher eine wichtige Arena politischer Meinungsbildung dar. Mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich (1867) und der Modernisierung des Staatsaufbaus gerieten die Komitate gegenüber der Zentralisierungs- und Unifizierungspolitik der eigenen ungarischen Regierungen in die Defensive. Nach 1870 verloren sie immer mehr rechtliche und administrative Kompetenzen an die Zentralstellen in Budapest, die Komitatsversammlungen behielten jedoch ihre Funktion als Artikulations- und Verständigungsforum des politisch dominierenden Hoch- und Mitteladels bei.
Untersucht werden sollen in diesem Arbeitsvorhaben die Einstellung und das Verhalten von Sicherheitseliten (lokale Verwaltung, Vertreter der staatlichen Exekutive, der lokale Adel, Vertreter der Minderheiten) in der Sprachen- und Nationalitätenfrage und die Ambivalenzen von Sicherheit vor dem Hintergrund des ungarisch-nationalen State-building. Das Arbeitsvorhaben verbindet Methoden der historischen Diskursanalyse mit Ansätzen der Nationalismus-, Mikro- und Regionalgeschichte. Es wird insbesondere danach gefragt, welche Sicherheitskonzeptionen in der dualistischen Zeit (1867-1918) in Hinblick auf die multiethnischen westungarischen Komitate (Vas, Sopron und Moson) vorherrschten und welche Sicherheitsheuristiken die konkurrierenden Eliten jeweils entwickelten.
Auch sollen die anlassbezogen Debatten in Stadträten über Sprachverwendung, Patriotismus und die politische Repräsentation der sozialen Gruppen untersucht werden. Gedacht ist hier an die sogennanten königlichen Freistädte Westungarns: Sopron (Ödenburg), Kőszeg (Güns), Kismarton (Eisenstadt) und Ruszt (Rust). Außerdem ist gerade für die regionale Ebene noch wenig untersucht, ob und wie die dortigen Medien die Nationalitätenfrage thematisierten und ob eine eigenständige Dramatisierung von Sicherheitsthemen erfolgte.
Die Sicherung einer Nation – Nationalitätenfrage und Sprachpolitik in Südungarn 1860–1890
Bearbeiter: Szilveszter Csernus-Lukács M.A.
Nach dem Eintritt in die Ära des Nationalismus beherbergte das Königreich Ungarn mehrere Gemeinschaften, die ihre Nationen an verschiedenen Orten aufbauten. Die wichtigsten Sicherheitskonflikte der Nationalitätenfrage konnten sowohl auf nationaler (staatlicher) als auch auf regionaler Ebene bewältigt werden. Das plausibelste Ziel, um diese nationale Politik der letzteren zu untersuchen, sind die Gemeinden und Kommunen Südungarns, da dies das vielfältigste Gebiet des Königreichs Ungarn (und Europas) war und diese Heterogenität sicherheitsbezogene politische Konflikte vor dem Zeitalter des Nationalismus voraussetzte. Die Untersuchung des ersteren erforderte Forschungen darüber, welche Bereiche die nicht-ungarische Elite in Bezug auf Sprachgebrauch, Anerkennung als Nation, nationale Versammlungen und Symbole usw. sichern wollte und welche davon als Bedrohung für die Vorstellung der ungarischen Elite von der Integrität des Staates angesehen wurden. Die Gesetzgebungen von 1865-1868 regelten diese Angelegenheiten und liefern eine Einschätzung darüber, warum der Kompromissversuch scheiterte. Auf lokaler Ebene war der Sprachgebrauch der Verwaltung und der Einzelpersonen das Thema, bei dem die Sicherheitsinteressen aufeinanderprallten.
Ende der 1860er Jahre gelang es dem Staat nach mehreren Versuchen, gewisse Garantien für den Erhalt der orthodoxen (rumänischen und serbischen) kulturellen Identität zu geben, wenn auch nicht in dem Maße, wie es die jeweiligen ethnischen Gruppen/Nationalitäten für eine langfristige Sicherheit für notwendig erachteten. Daher wurde die ungarische Staatspolitik von den nicht-ungarischen Eliten ständig als Bedrohung mit schwankender Intensität angesehen.  Wir stellen eine Überschneidung der Interessen der großen Mehrheit fest. Dies lässt sich vereinfacht so ausdrücken: Die Sicherheit der einen Partei wurde als Bedrohung für die andere Partei angesehen. Diese Pattsituation hielt während der gesamten Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie an, allerdings mit einigen Unterschieden in der Umsetzung des Nationalitätengesetzes und unterschiedlichen politischen Maßnahmen auf lokaler (kommunaler und gemeindlicher) Ebene. Auf kommunaler Ebene stellt sich vor allem die Frage, ob es zu praktischen Veränderungen im Sprachgebrauch und in der Politik der lokalen Behörden gegenüber Serben, Bunjevci, Deutschen und anderen Nationalitäten/nationalen Minderheiten kam.
Erste Förderphase
Seit dem Aufstieg konkurrierender nationaler Bewegungen wurden multinationale Grenzgebiete der Imperien im östlichen Europa seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend als Unsicherheitsräume wahrgenommen: Je nach Akteursperspektive (Behörden, politische Aktivisten, Expertengruppen) kam es zur Konzeptualisierung solcher Gebiete als von Konflikten zerrissen, als unzureichend verwaltet, durch Irredentismus gefährdet, und schließlich als Sicherheitsrisiko in der Frontstellung des Ersten Weltkriegs sowie nach dem Zweiten Weltkrieg.
Als Lösungsversuche dieser Problemlagen in potenziellen Konflikträumen traten neben die auf Kontrolle und Sicherung ausgerichteten polizeilich-militärischen Ansätze seit der Jahrhundertwende zunehmend auch Versuche einer Verrechtlichung von Konflikten und einer Aushandlung von Ausgleichen. Das Teilprojekt will offenlegen, wie solche Verrechtlichungsdiskurse mit bereits etablierten oder gewohnheitsrechtlich tradierte Verfahrensweisen und Praktiken des Interessenausgleichs auf lokaler Ebene zusammenwirkten, die auf Rechtsvorstellungen und Rechtswirklichkeit gleichermaßen bezogen waren. Die rechtliche Umsetzung von Sicherheitsvorstellungen wird dabei als kommunikativer Gesamtprozess begriffen, der auf unterschiedlichen Ebenen abläuft (national, regional, lokal) und spezifische Akteursgruppen umfasst. Es stehen somit Perspektivverschränkungen zwischen Sicherheitsvorstellungen von Staat, Mehrheiten- und Minderheitenvertretern, Parteien und Medien im Fokus. Untersucht wird außerdem, unter welchen Bedingungen und in welcher Weise externe Rechtskonzepte (d.h. von gesamtstaatlichen Administrationen und Parteien, politischen und gesellschaftlichen Kräften in Nachbarstaaten oder auch durch internationale Gremien formulierte Lösungsansätze) rezipiert wurden. 
Das in der ersten Förderphase bearbeitete Teilprojekt besteht aus zwei Teilvorhaben, die einen Teil der Ostgebiete der Zweiten Republik Polen sowie die tschechoslowakische Karpatoukraine während der Zwischenkriegszeit in den Blick nehmen. In der ersten Studie wird die Verschränkung der Versicherheitlichungsdiskurse zwischen Regierungs- und Regionalpolitik, Fachwissenschaft und medialen Diskursen analysiert. Das zweite Vorhaben untersucht deren praktische Umsetzung bzw. die Rückwirkungen vor Ort, an Fallstudien aus den Regionen Pińsk (heute Weißrussland), Stanisławów (heute Westukraine, Ivano-Frankivs’k), Užhorod (heute Westukraine, Transkarpatien).
Projekte der ersten Förderphase
Projekte der ersten Förderphase Fremde Peripherie – Unsicherheitsperipherie? Die Podkarpatská Rus aus der Perspektive zentralstaatlicher Akteure (1918-38/39)
 
Bearbeiter: Sebastian Ramisch-Paul M.A.
Im ersten Teilvorhaben soll untersucht werden, inwiefern staatliche sowie nicht-staatliche Akteure und Akteursgruppen in der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit sich auf zentralstaatlicher Ebene diskursiv mit der Podkarpatská Rus als östlichste Peripherie des Staates unter dem Aspekt von Sicherheitskonzepten auseinandersetzten und wie diese Diskurse miteinander verschränkt wurden. Bei dem ausgewählten Gebiet handelt es sich um ein Territorium, das sich der  tschechoslowakische Staat nach dem Ersten Weltkrieg im Zuge militärischer Auseinandersetzungen angeeignet hatte und dessen innen- wie außenpolitische Situation als prekär eingeschätzt wurde. Dieses aus dem Zentrum heraus als rückständig beschriebene Grenzgebiet, in dem mit einer in bedeutenden Teilen illoyalen Bevölkerung gerechnet wurde, wurde als potenziell konfliktreich wahrgenommen. Auch war dieser Landesteil Gegenstand irredentistischer und revisionistischer Strömungen, die sich für den Gesamtstaat ein existenzielles Sicherheitsproblem darstellten, dem von zentralstaatlicher Ebene aus mit unterschiedlichen Handlungskonzepten begegnet wurde.
Ziel dieses Teilvorhabens ist es, anhand des im SFB „Dynamiken der Sicherheit“ verwendeten methodischen Zugangs der Versicherheitlichung (securitization) zu untersuchen, wie aus zentralstaatlicher Perspektive diese Sicherheitsproblematiken wahrgenommen, diskutiert und ihnen durch politisches Handeln begegnet wurde. Dabei wurde auf das Wissen von Sicherheitseliten zurückgegriffen (Historiker, Juristen, Ethnologen etc.), deren Rückwirkungen auf die Regierungspolitik in Prag ebenso berücksichtigt werden sollen wie der Einfluss medialer Diskurse, wobei hier von einer Verschränkung von medialen und fachwissenschaftlichen Debatten und einer Überschneidung von Akteuren und Akteursgruppen ausgegangen wird.
Versicherheitlichung vor Ort zwischen Diskurs und Praxis. Rechte von Minderheiten und Mehrheiten: Stanisławów, Pińsk und Užhorod, 1919-1938
Bearbeiter: Felix Heinert M.A.
Das Teilvorhaben untersucht Versicherheitlichungsdiskurse im Hinblick auf ihre praktische Umsetzung bzw. die Rückwirkungen vor Ort. Grundlage dieser Regionalstudie sind Mittelstädte in östlichen Grenzgebieten der Zweiten Polnischen Republik und der Karpatoukraine, die über ihre administrative Rolle (unterschiedliche) zentralörtliche Funktionen übernahmen und daher auch Orte von (sub)regionaler Rechtsprechung, Politikgestaltung bzw. Verwaltung waren. Diese Städte bildeten im Untersuchungszeitraum Teile der östlichen Peripherien Polens und der Tschechoslowakei. 
Generell hat das Teilprojekt zum Ziel, die Verschränkung zwischen Diskursen über den Rechtsstatus von „Minderheiten“ sowie Praktiken der Versicherheitlichung und Entsicherheitlichung zu analysieren. Die rechtliche Umsetzung von Sicherheitsvorstellungen wird im Teilprojekt als kommunikativer Gesamtprozess begriffen, der auf den unterschiedlichen Ebenen (national, regional, lokal) auch spezifische Akteursgruppen umfasst. Vor diesem Hintergrund untersucht das Teilprojekt die mit lokalen Gruppenkonstellationen verbundenen Sicherheits- und Bedrohungsvorstellungen und die damit korrespondierenden Verrechtlichungsdiskurse und -praktiken. Analysiert wird außerdem, in welchen Konstellationen im lokalen Kontext tradierte Praktiken des Interessenausgleichs beibehalten wurden und unter welchen Bedingungen externe Rechtskonzepte in welcher Weise rezipiert wurden. Insofern interessiert sich das Projekt insbesondere für lokale Akteure sowie lokale RepräsentantInnen des Staates. Hier und nicht auf der „abstrakten“ zentralstaatlichen Ebene, so lautet die Arbeitshypothese, wurde über Erfolg und Misserfolg staatlicher Versicherheitlichungspraktiken und Zivilisierungsmissionen entschieden.
Speziell in Polen – und hier wiederum in Ostgalizien bzw. gegenüber Juden in den 1930er Jahren – trat der gesetzgebende Staat Minderheiten gegenüber mitunter auch repressiv auf, teils auch unter dem Einsatz von erheblicher Gewalt. Dieses Szenario, das man aus der bisherigen Forschungs- sowie Erinnerungsliteratur kennt, soll an Hand von bottom-up Prozessen überprüft und ggf. neu bewertet werden. Auf der lokalen Ebene jenseits der großen Konflikt- und Diskursarenen sind hier, so eine Arbeitshypothese, differenziertere Befunde sowie Aushandlungsgrammatiken zu erwarten.
Anhand der Fallstudien soll neben anderen Beispielen insbesondere der Lebensmittelmarkt als einen (physischen und diskursiven) Ort intensiver Interaktion und Kommunikation in den Blick genommen werden, um entsprechende Aushandlungen, Konflikte, Verrechtlichungs- und Versicherheitlichungsdiskurse und -praktiken zu fokussieren, wobei etwa Fragen von Steuereintreibung, Hygiene, konfessioneller und sonstiger Differenz (Sonntagsruhe, Regelungen für Juden, Schächten/Schlachten etc.) und Gewalt mitverhandelt werden sollen.