Forschungsprojekt
Abgeschlossen

Kartenwelten – Textwelten

Kartographische und textliche Diskurse des Wiederaufbaus ostmitteleuropäischer Städte
Laufzeit
2020 - 2024
Nach politischer Unabhängigkeit kamen NS-Besatzung und Kommunismus: Die Städte Ostmitteleuropas sind in der Mitte des 20. Jahrhunderts von zahlreichen Umbrüchen und Zäsuren geprägt. Krieg und Zerstörung, wechselnde Verwaltungen, der sich anschließende Wiederaufbau und neue, ideologisch geprägte Städtebaukonzepte schlagen sich nicht nur im Stadtbild, sondern auch in Karten, Plänen und weiteren schriftlichen Quellen nieder. Wie aber werden diese Entwicklungen hier dargestellt? Wie werden sie eingeordnet – oder bewertet?
Geographisches Wissen und Raumaneignung vereinen immer historische, soziale, politische und ökonomische Aspekte. Das Projekt setzt sich zum Ziel, nicht nur die Herstellung, Verteilung und Rezeption von Städtekarten und Begleittexten zu untersuchen, sondern fragt, wie Karten auch die Wahrnehmung von Städten und deren „Charakter“ formen.
Das Projekt analysiert sechs Städte (Brieg/Brzeg , Kolberg/Kołobrzeg , Elbing/Elbląg , Drohobycz/Drohobytsch , Hrodna/Grodno , Brześć/Brest ), die im Zeitraum 1939-1953 massive politische, administrative, ethnische und bauliche Veränderungen durchliefen und analysiert diese anhand von vier Leitfragen:
  1. In welchem Verhältnis stehen Diskurse über Um- und Aufbau von Städten einerseits in kartografischen Quellen, andererseits in textlichen Quellen?
  2. Welche Akteure (Kartenautor:innen und Textautor:innen) prägen diese Diskurse, und wer kann sich im Verlauf des Untersuchungszeitraums mit welchen Diskursen durchsetzen?
  3. Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen einerseits den städtischen Neu- und Umbauvorhaben ab 1941 im Zuge der Inbesitznahme der Städte durch NS-Zivilverwaltungen bzw. ab 1944/45 durch den Einzug einer sozialistischen Stadtverwaltungen, und andererseits den Zielsetzungen eines Wiederaufbaus und der jeweils lokalen Aneignung von historischer Bausubstanz?
  4. In welcher Weise stritten die Akteur:innen darum, was unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs an „Verlust“ und was als „Gewinn“ oder auch „Fortschritt“ im Um- und Wiederaufbau der Städte zu werten sei? 
Der interdisziplinäre Ansatz bringt Kartenmaterial (Karten und Kartenentwürfe zur Planung oder Bestandserhebung, interne und veröffentlichte Stadtpläne) und Textmaterial verschiedener Provenienz zusammen (Reiseführer, universitäre und schulische Lehrwerke und sog. graue Literatur wie Jubiläumsschriften und Städtechroniken).
Neben der Analyse der Gewinn- und Verlustrhetorik der jeweiligen Städte im Angesicht von Kriegszerstörungen, gilt es das Zusammenspiel zwischen allgemeiner sozialistischer Maxime und den jeweils länderspezifischen (Polen , Belarus , Ukraine ) Interpretationen des Städtebaus zu hinterfragen: Wie werden die Neuformung des historischen Bewusstseins mit nationalen Stadtraum-Narrativen in Einklang gebracht? Wie wird z.B. die Verantwortlichkeit für die Zerstörung thematisiert, kam es doch in vielen Städten nach Ende des Krieges zu massiven Schäden durch Brandlegungen im Zuge von Plünderungen durch verschiedene Gruppen, denen die stark eingeschränkt funktionierende Feuerbekämpfung wenig entgegensetzen konnte. Wie versuchen zudem die lokalen Akteur:innen (im Angesicht der Zensur) eigene Visionen des Wiederaufbaus zu präsentieren?
Das Projekt ist ein Teilprojekt des Forschungsverbunds „UrbanMetaMapping – Kartieren und transformieren: Interdisziplinäre Zugriffe auf Stadtkarten als visuelles Medium urbaner Transformation in Mittel- und Osteuropa, 1939-1949“. Beteiligt sind darüber hinaus das Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte (KDWT) der Universität Bamberg, das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim (GESIS), das Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) und die Technische Universität Wien. Geleitet und koordiniert wird das Verbundvorhaben von Dr.-Ing. Carmen M. Enss.
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