LOEWE-Schwerpunkt GenDem – Verflechtung von Antifeminismen ist Teil der neuen Förderstaffel des Landes Hessen
Gender, Demokratie und Autoritarismus in ‚Entangled Modernities‘ (GenDem)
LOEWE-Schwerpunkt GenDem untersucht antifeministische Mobilisierungen in Europa und dem Südkaukasus
Was haben Antifeminismus, Demokratie und autoritäre Tendenzen miteinander zu tun? Dieser Frage widmet sich der neue LOEWE-Schwerpunkt „Verflechtung von Antifeminismen: Gender, Demokratie und Autoritarismus in ‚Entangled Modernities‘“ (kurz: GenDem), der unter Federführung von Prof. Dr. Annette Henniger, Politikwissenschaftlerin an der Philipps-Universität Marburg, steht. Das Forschungsprojekt untersucht erstmals vergleichend antifeministische Mobilisierungen in verschiedenen Ländern Ost- und Westeuropas sowie im Südkaukasus. Ziel ist es, systematisch herauszuarbeiten, unter welchen Bedingungen diese Bewegungen entstehen, wie sie transnational verflochten sind und welchen Einfluss sie auf Prozesse der Demokratisierung oder Autoritarisierung ausüben. Das Land Hessen fördert GenDem im Rahmen der Exzellenzinitiative LOEWE mit rund vier Millionen Euro für vier Jahre (2026–2029). Eine besondere Herausforderung: Einzelne Fallstudien werden über autoritäre Regime oder Kriegsgebiete wie die Türkei, Aserbaidschan oder die Ukraine durchgeführt.
„Forschung wie GenDem hilft, die gesellschaftlichen Kräfte zu analysieren, die demokratische Prozesse gefährden und damit unsere freiheitliche Ordnung infrage stellen“, erklärt Universitätspräsident Prof. Dr. Thomas Nauss. „Gerade in Zeiten politischer Polarisierung ist eine interdisziplinäre, international vergleichende Forschung zur Rolle von Antifeminismus in autoritären Dynamiken essenziell. Die Uni Marburg steht für diese kritische Wissenschaft.“
Im Zentrum des Projekts steht die Beobachtung, dass aktuelle antifeministische Bewegungen keine spontanen Reaktionen auf gesellschaftlichen Wandel sind, sondern das Ergebnis strategisch geplanter Kampagnen. Diese richten sich gezielt gegen die Gleichstellung der Geschlechter, die Rechte von queeren Menschen und eine liberale Sexualpolitik. Dabei bedienen sich die Akteure – von rechtskonservativen Parteien bis hin zu religiös-fundamentalistischen Gruppierungen – grenzüberschreitender Narrative, Netzwerke und Medien. In sieben Teilprojekten analysieren die Forschenden unter anderem Männerrechts-Bewegungen in Deutschland und der Türkei, Drag Panic-Diskurse in Österreich, antifeministische Rhetorik islamistischer Influencerinnen sowie historische Entwicklungen seit dem frühen 20. Jahrhundert in Osteuropa.
Getragen wird GenDem von einem breiten Forschungsverbund: Neben der Universität Marburg sind die Justus-Liebig-Universität Gießen und das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung beteiligt. Die Koordination liegt bei der Marburger Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Henninger. Historikerinnen am Herder-Institut untersuchen die langen Linien antifeministischer Mobilisierung im östlichen Europa sowie den Einfluss des russisch-ukrainischen Krieges. In Gießen forschen Wissenschaftlerinnen zu anti-queeren Mobilisierungen und zu islamistisch geprägten antifeministischen Diskursen. Die Universität Marburg verantwortet zusätzlich die Fallstudien zu Deutschland, zur Türkei und zum Südkaukasus.
„Gender ist längst ein globaler Kampfbegriff geworden – und Antifeminismus eine Strategie, mit der autoritäre Akteure demokratische Aushandlungsprozesse zurückdrängen wollen“, erklärt Projektleiterin Prof. Dr. Annette Henninger. „GenDem will diese Dynamiken sichtbar machen – nicht nur wissenschaftlich, sondern auch im öffentlichen Diskurs.“
Zu diesem Zweck sind enge Kooperationen mit dem Demokratiezentrum Hessen und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung geplant. Öffentliche Veranstaltungen, Ringvorlesungen und internationale Tagungen, etwa mit Partnerinstitutionen in Mostar und Tunis, sollen dazu beitragen, das Wissen aus der Forschung in die Gesellschaft zurückzuspielen und damit einen Beitrag zur politischen Bildung und Demokratieförderung zu leisten.
Kurz zu:
| Federführung: | Philipps-Universität Marburg |
| Partner: | Justus-Liebig-Universität Gießen, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung |
| LOEWE-Förderung: | rund 3,6 Millionen Euro |
| weitere Informationen: | Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur |
Wann und warum kommt es zu antifeministischen Mobilisierungswellen? Inwiefern sind deren nationalspezifische Artikulationen mit transnationalen Grenzziehungs- und Abgrenzungs-Prozessen verbunden?
Aktuelle antifeministische Mobilisierungen in geschlechterpolitischen Konfliktfeldern wie Familienrecht, Selbstbestimmungsrecht von Frauen, Geschlechtergewalt oder Rechte für LGBTIQ+ werden meist von rechtskonservativen bis extrem rechten und religiös-fundamentalistischen Akteuren getragen. Antifeminismen artikulieren sich einerseits national spezifisch. Andererseits haben sie auch eine transnationale Dimension und verknüpfen sich mit Grenzziehungs- und Abgrenzungs-Prozessen im Kontext globaler Hierarchien und kolonialer und postkolonialer Geschichte. Das Projekt GenDem untersucht antifeministische Mobilisierungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals in ihrer transnationalen Verwobenheit und mit historischer Tiefendimension. Die Ausgangsthese ist, dass solche Mobilisierungen verstärkt in Krisen- und Umbruchsituationen auftreten, wenn gesellschaftliche Ordnungen infrage gestellt werden und politische Herrschaftsverhältnisse an Legitimität einbüßen. Um diese These zu prüfen, werden Fallstudien in Ländern durchgeführt, die (post-)kolonial und geopolitisch verflochten sind (Deutschland, Österreich; Slowakei, Ukraine; Georgien, Armenien, Aserbaidschan; Tunesien, Marokko, Türkei).