Vernetzung

Geschlechterforschung über das östliche Europa

Herder-Institut in der hessischen Landesexzellenz-Initiative erfolgreich

Was haben Antifeminismus, Demokratie und autoritäre Tendenzen miteinander zu tun? Dieser Frage widmet sich der neue LOEWE-Schwerpunkt „Verflechtung von Antifeminismen: Gender, Demokratie und Autoritarismus in ‚Entangled Modernities‘“ (kurz: GenDem), den ein Forscherinnenteam des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen der Universitäten Marburg und Gießen beim Land Hessen für vier Jahre eingeworben hat.

Sprecherin des Schwerpunkts ist Prof. Dr. Annette Henniger, Politikwissenschaftlerin an der Philipps-Universität Marburg. Ihr zur Seite stehen die Co-Sprecherinnen Prof. Dr. Christine Klapeer, Politikwissenschaftlerin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, und PD Dr. Anna Veronika Wendland, Historikerin am Herder-Institut, das seine Expertise zum östlichen Europa in den Verbund einbringt. 

Das Forschungsprojekt untersucht erstmals vergleichend antifeministische Mobilisierungen in verschiedenen Ländern Ost- und Westeuropas sowie im Südkaukasus. Ziel ist es, systematisch herauszuarbeiten, unter welchen Bedingungen diese Bewegungen entstehen, wie sie transnational verflochten sind und welchen Einfluss sie auf Prozesse der Demokratisierung oder Autoritarisierung ausüben. Eine besondere Herausforderung: Einzelne Fallstudien werden über autoritäre Regime oder Kriegsgebiete wie die Türkei, Aserbaidschan oder die Ukraine durchgeführt.

Im Zentrum des Projekts steht die Beobachtung, dass aktuelle antifeministische Bewegungen keine spontanen Reaktionen auf gesellschaftlichen Wandel sind, sondern das Ergebnis strategisch geplanter Kampagnen. Diese richten sich gezielt gegen die Gleichstellung der Geschlechter, die Rechte von queeren Menschen und eine liberale Sexualpolitik. Dabei bedienen sich die Akteure – von rechtskonservativen Parteien bis hin zu religiös-fundamentalistischen Gruppierungen – grenzüberschreitender Narrative, Netzwerke und Medien. In sieben Teilprojekten analysieren die Forschenden unter anderem Männerrechts-Bewegungen in Deutschland und der Türkei, Drag Panic-Diskurse in Österreich, antifeministische Rhetorik islamistischer Influencerinnen sowie historische Entwicklungen seit dem frühen 20. Jahrhundert im östlichen Europa.

Am Herder-Institut sind zwei wissenschaftliche Teilprojekte mit einer Promotionsstelle und einer Postdoc-Stelle angesiedelt.

Projektleiterin PD Dr. Anna Veronika Wendland beschreibt die Aufgaben der Projekte am Herder-Institut: 

„Ein Promotionsprojekt wird sich mit der ukrainischen Gesellschaft unter den Bedingungen des russischen Angriffskriegs beschäftigen und danach fragen, wie sich ukrainische Akteure mit Gleichgesinnten im Ausland vernetzen. Antifeministische Akteure haben bestimmte Vorstellungen von einer ‚normalen‘ wehrhaften Nation: Nur die traditionellen Geschlechterrollen sind für sie akzeptabel.  Auf der anderen Seite kämpfen ukrainische Frauen und LGBTQ+-Personen für ihre Gleichstellung, aber auch für das Recht, in der Armee ihr Land verteidigen zu dürfen, und suchen sich Verbündete im Ausland. Das russische Regime wiederum flicht die antifeministische Programmatik in sein Narrativ des „Anti-Gender“-Systemkampfes ein, den es in der Ukraine gegen den „kollektiven Westen“ auszutragen vermeint.“

Das PostDoc-Projekt untersucht die Vorgeschichten solcher heutigen Mobilisierungsformen im östlichen Europa. Es wird in vergleichender Perspektive den Zusammenhang von Nationsbildungsprozessen, der Entwicklung von Frauenrechten und antifeministischer Mobilisierung über die Systemwechsel des 20. Jahrhunderts hinweg untersuchen. Der Schwerpunkt wird hier auf Polen, Tschechien und der Slowakei liegen.

Der LOEWE-Schwerpunkt möchte mit seinen Forschungsergebnissen und Gesprächsangeboten aber auch in die eigene Gesellschaft wirken. 

„Gender ist längst ein globaler Kampfbegriff geworden – und Antifeminismus eine Strategie, mit der autoritäre Akteure demokratische Aushandlungsprozesse zurückdrängen wollen“, 

erklärt Gesamtprojektleiterin Prof. Dr. Annette Henninger von der Universität Marburg. 

„GenDem will diese Dynamiken sichtbar machen – nicht nur wissenschaftlich, sondern auch im öffentlichen Diskurs.“ 

Zu diesem Zweck sind enge Kooperationen mit dem Demokratiezentrum Hessen und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung geplant.

Öffentliche Veranstaltungen, Ringvorlesungen und internationale Tagungen, etwa mit Partnerinstitutionen in Mostar und Tunis, sollen dazu beitragen, das Wissen aus der Forschung in die Gesellschaft zurückzuspielen und damit einen Beitrag zur politischen Bildung und Demokratieförderung zu leisten. Im Herder-Institut wird unter Leitung von Dr. Antje Johanning-Radzienė eine weitere Stelle angesiedelt sein, die diese Transfer-Vorhaben koordiniert und außerdem das Forschungsdatenmanagement für den gesamten Projektverbund organisiert. Dazu gehören sowohl Fragen der sicheren Aufzeichnung und Speicherung von sensiblen Forschungsdaten als auch Fragen der Datenethik und die Organisation von Fortbildungen.