Die visuelle Geschichte Szczecins – touristische Stadtrouten im Lauf der Zeit

In den meisten Fällen haben wir vor einer Reise bereits eine Vorstellung von dem Ort, zu dem wir fahren. Wir haben uns mithilfe von Prospekten, Reiseführern und einer ersten Suche bei einem Online-Kartendienst informiert. Zweifelsohne prägt das unsere Wahrnehmung einer Stadt, wenn wir sie erstmalig betreten. Das Stadtmarketing nutzt diesen Effekt seit langem, nicht nur um den Tourismus zu fördern, sondern auch um der lokalen Bevölkerung Anhaltspunkte zu geben. Das Bild der Stadt, das kreiert wird, ist jedoch historisch gewachsen. Es basiert auf den urbanen Strukturen, dem materiellen Bauerbe und den landmarks, die in jeder Stadt in ihrer Konstellation einzigartig sind. Gleichermaßen ist die Interpretation offizieller Akteur:innen nicht immer unumstritten und sie kann sogar konträr zur Sicht anderer lokaler Akteur:innen stehen.

Czwojdziński, Bolesław (1968): Szczecin [Karte bearbeitet von Teresa Jucha, Barbara Pyć, Jerzy Kosacki, M., Digitalisat mit Genehmigung von Ryszard Kotla].
Verlauf des Rundweges, der von der studentischen Abteilung der PTTK 1969 anlässlich des 25-jährigen Bestehen der Volksrepublik Polens entwickelt wurde. Er wurde mit Wanderwegsmarkierungen an Gebäuden und Bäumen markiert. Die Beschreibung der „sehenswertesten Objekte Szczecins, die für Besucher zugänglich sind“ wurde zusätzlich publiziert. Czwojdziński, Bolesław (1968): Szczecin [Karte bearbeitet von Teresa Jucha, Barbara Pyć, Jerzy Kosacki, M., Digitalisat mit Genehmigung von Ryszard Kotla].

Dieser Problematik widmet sich das Projekt „Urban Authenticity in Szczecin“. Es wird ermittelt, wie Szczecin anhand der vorhandenen urbanen Strukturenim 20. Jahrhundert visuell dargestellt wurde und welche Bauten, Distrikte und Besonderheiten einer Stadt in bestimmten Zeitabschnitten hervorgehoben oder vernachlässigt wurden. Welche Elemente der Stadt gelten als „authentisch“? Was sind die „Visitenkarten“ der Stadt und wie verändern sie sich?

Die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen der visuellen Repräsentation ist gerade in einer Stadt wie Szczecin komplex, da sie durch den Zweiten Weltkrieg nicht nur einen erheblichen Verlust der Bausubstanz erlitten hat, sondern als Folge der polnischen Grenzverschiebung nach Westen die deutsche Bevölkerung vertrieben und die polnische angesiedelt wurde, was maßgebliche Auswirkungen auf die Stadtplanung hatte. Zudem weist Szczecin durch seinen Hafen und die Anbindung an die Ostsee viele weitere transnationale Bezüge auf. Weitere gesellschaftliche Umbrüche ergaben sich durch die von den Werften ausgehenden Proteste 1970/71, die Solidarność-Bewegung, das Ende des Kalten Krieges 1989 und den EU-Beitritt Polens 2004.

Welches Bild haben wir von Szczecin?

Google Bildersuche: Szczecin. URL: shorturl.at/txzJW [04.04.2022]
Der erste Eindruck noch bevor man als Tourist eine Stadt betritt entsteht häufig bereits online bei einer ersten Bildersuche. Google Bildersuche: Szczecin. URL: shorturl.at/txzJW [04.04.2022].

Eine erste Online-Bildersuche zu Szczecin zeigt das Schloss der Pommerschen Herzöge, die Wały Chrobrego/Hakenterasse an der Oder und die wiederaufgebauten barocken Wohnhäuser der Altstadt, sowie verschiedene Stadt-Panoramen von der Oder aus. Wenn Reisende am Bahnhof ankommen, fällt schnell eine rote gestrichelte Linie auf dem Bürgersteig auf. Folgt man ihr, gelangt man auf einen touristischen Rundwanderweg, den „Szlak czerwony“ oder „Roten Weg“. Er führt an den als Sehenswürdigkeit ausgezeichneten Elementen der Stadt vorbei. Hier findet man wieder, was die Bildersuche versprochen hat. Entworfen wurde dieser Rundweg vom westpommerschen Zweig der PTTK (Polnische Touristik- und Landeskundegesellschaft) anlässlich der 750-Jahrfeier Szczecins 1993.

Markierungen des „Czerwony Szlak” in Szczecin
Markierungen des „Czerwony Szlak” in Szczecin auf dem Bürgersteig. Ihnen folgend erblickt man alle sehenswerten Objekte Szczecins, so die PTTK.

Stadtrundwege, ob auf den Bürgersteig gemalt oder in Reiseführern beschrieben, stellen die komplexen Strukturen der Stadt vereinfacht dar und bilden ab, wie sie wahrgenommen werden möchte. Sie heben sich ab von der Debatte um einzelne ikonische Sehenswürdigkeiten und verknüpfen eine Reihe von Gebäuden miteinander, die durch ihre Verkettung kontextualisiert werden. Der Szlak czerwony der PTTK von 1993 fokussiert sich hauptsächlich auf Kulturdenkmäler, die unter Denkmalschutz stehen. 2015 wurde der Rundweg überarbeitet und neue Elemente hinzugefügt, darunter neu gebaute repräsentative Gebäude wie z.B. die Philharmonie, die restaurierten Barock-Wohnhäuser am Marktplatz, sowie neu gebaute Museen und eine orthodoxe Kirche. Elemente, die erst ab 2015 hervorgehoben wurden, obwohl sie vorher bereits vorhanden waren, sind der Platz der bei den Novemberpogromen 1838 zerstörten Synagoge und die ältesten Kinos der Stadt.

Szczecin aus „moderner“ Sicht in den 1960er Jahren

Vergleicht man den Szlak czerwony mit einem Rundweg, der von der studentischen Abteilung der PTTK 1969 anlässlich des 25-jährigen Bestehen der Volksrepublik Polens entworfen wurde, formt sich ein anderes Bild der Stadt. Der Rundweg ist geprägt durch die Anweisung der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR), einen für die damalige Zeit neuen Stil von Stadtführungen zu verfolgen – er nannte sich „nowoczesne krajoznawstwo“ (=moderne Landeskunde). Hier sollte die Geschichte genutzt werden um die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Errungenschaften der Volkrepublik zu zeigen, wobei der Fokus von der Vergangenheit auf die Gegenwart und Zukunft gerichtet werden sollte. In Szczecin führte dies beim Rundweg der studentischen PTTK zu einem Spagat in der Darstellung zwischen den neusten Errungenschaften, wie z.B. Wohngebäuden, neu errichteten oder restaurierten Straßen, dem wiederaufgebauten Hafen und den Kulturdenkmälern mit einer historischen Anknüpfung im Sinne der „wiedergewonnenen Gebiete“, z.B. dem Schloss der Pommerschen Herzöge, dem „Piastenturm“/Siebenmantelturm, dem Loitzenhof im Renaissance-Stil, dem Brunnen des Weißen Adlers und den teilweise gotischen Altstadt-Rathaus. Durch sie sollte gezeigt werden, dass Szczecin ursprünglich polnisch war und nach dem Zweiten Weltkrieg in den polnischen Staat zurückgekehrt war.

Piskorski, Czesław (1968): Szczecin. 2. Aufl. Warszawa: Sport i Turystyka (Piękno Polski), Abb. 31, 47, 51
In der Reihe „Piękno Polski” wurden jeweils verschiedene Städte vorgestellt. Die Abbildungen zeigen Szczecin aus der Perspektive der „modernen Landeskunde“ („nowoczesny krajoznawstwo“). Piskorski, Czesław (1968): Szczecin. 2. Aufl. Warszawa: Sport i Turystyka (Piękno Polski), Abb. 31, 47, 51

Rundwege im Stil der „modernen Landeskunde“ waren nach dem Krieg auch in Reiseführern Czesław Piskorskis vertreten und sind neben der klassischen „Altstadt“-Führung oder dem Rundwanderweg am Hafen eine eigene Kategorie, um die Stadt zu erkunden. Czesław Piskorski war eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit in Pommern und Stettin, sowie Förderer des Narratives der „wiedergewonnenen Gebiete“. Zudem war er ein wichtiges Mitglied der PTTK. Der studentische Rundwanderweg baut auf seinen Reiseführern auf, kombiniert die drei Rundwege jedoch zu einem. Betrachtet man die Kategorien, in denen Piskorski seine Rundwege nach 1974 einteilt, fällt auf, dass es keine Kategorie „modernes Szczecin“ mehr gibt. Alle Rundwege werden nach Distrikt oder der Hauptsehenswürdigkeit benannt, z.B. „Schloss“, „Wały Chrobrego“ oder „Unterstadt“, „Stadtzentrum“. Dies bedeutet nicht, dass die Elemente des „modernen Szczecins“ nicht innerhalb der einzelnen Rundwege wiederzufinden wären. Hier werden trotzdem Wohnblöcke, Straßen und Denkmäler der Roten Armee benannt, jedoch werden sie nicht mehr durch eine eigenständige Kategorie hervorgehoben, wie es zuvor der Fall war.

Sukzessive Vernachlässigung des „modernen“ Szczecins im Sinne der 1960er Jahre

Wiślicka, J. (ca. 1970): Orbis bietet an: Polen. Polnisches Zentrum für Touristenauskunft Orbis, Warszawa.
Diese touristische Karte zeigt, welche die fünf wichtigsten Kulturdenkmäler Szczecin um 1970 waren. Ihnen stehen die Stadtobjekte im Sinne des „nowoczesny krajoznawstwo“ gegenüber. Wiślicka, J. (ca. 1970): Orbis bietet an: Polen. Polnisches Zentrum für Touristenauskunft Orbis, Warszawa. [grafisch gestaltete Karte]. In: DSHI 100 Orth/67/171.

Beginnend in den 1970ern wird der Fokus bei Szczeciner Rundwanderwegen weniger auf den Stil der „modernen Landeskunde“ gelegt. Wie kam es zu diesem zaghaften Umdenken schon vor den Umbrüchen 1989? Ein Grund dafür könnten die Dezemberaufstände in Szczecin im Jahr 1970 sein. Ihr Auslöser war die sich verschlechternde soziale und wirtschaftliche Lage Polens und insbesondere die drastischen Preiserhöhungen auch bei Grundnahrungsmitteln gegen Jahresende 1970. Wie in Gdańsk, Słupsk, Elbląg und Gdynia kam es auch in Szczecin zu von den Werften ausgehenden Streiks. Sie eskalierten, als die Protestierenden aus Unmut den Sitz der PZPR demolierten und in Brand stecken. Bei den darauffolgenden Unruhen töteten die Polizei und Armee 14 Bürger:innen der Stadt. Die Geschehnisse, die sich stark in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingeprägt haben, waren Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Parteiführung. Das Verschwinden des Stils der „modernen Landeskunde“ bei Stadtführungen – der schließlich von der Regierung vorgegeben worden ware – in den Reiseführern ab 1974 könnte ein Ausdruck dieses Umdenkens sein, bevor die kommunistische Partei ihren Einfluss 1989 endgültig verlor. Der Szlak Czerwony heutzutage enthält keinerlei Elemente, die ausschließlich dem Stil der „modernen Landeskunde“ zugeordnet werden können.

Vergleich des „Czerwony Szlak“ 1994, 2006 und 2016
Vergleich des „Czerwony Szlak“ 1994, 2006 und 2016. Sichtbar sind hier die neu zugefügten Objekte bei der Nr. 20 (Plac Solidarność mit Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Dezemberproteste 1979/71) und der neu entstandenen Philharmonie Nr. 19. Kosacki, Jerzy Mirosław (1994): Ziemia Szczecińska. Szczecin i okolice. przewodnik turystyczny. Szczecin: Szczecińska Agencja Turystczna SAT (Ziemia Szczecińska, 2), S. 11. Brzeziński, Mariusz (2006): Szczecin. Miejski szlak turysticzny pttk. Szczecin, Oddział Zachodniopomorski PTTK. 2. veränderte Aufl. Brzeziński, Mariusz (2016): Szczecin. Miejski szlak turysticzny pttk. Szczecin, Oddział Zachodniopomorski PTTK, 7. veränderte Aufl.

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