Lebenswelten der Grafen von Lehndorff-Steinort

Die „Lebenswelten der Grafen von Lehndorff-Steinort“ sind online. Ein Open-Science-Forschungsprojekt an der BBAW ist abgeschlossen

2016 nahm an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Zentrum Preußen–Berlin das Forschungsprojekt „Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert“ seine Arbeit auf. Im Fokus stand die schriftliche Hinterlassenschaft des Guts- und Familienarchivs. Ziel war es, am Beispiel der Grafen von Lehndorff ein quellenfundiertes Bild vom Leben und Handeln des ostpreußischen Adels in der Neuzeit zu vermitteln. Gefördert wurde das Projekt durch die Bundesministerin für Kultur und Medien. Seit 2019 abgeschlossen, steht mit der Online-Edition von mehr als 1.200 Quellen und einer kommentierten Quellenstudie umfangreiches Material für eine Kulturgeschichte dieser ostpreußischen Adelsfamilie zur Verfügung.

Startseite des Projektes auf der Website der BBAW
Die Startseite des Projektes auf der Website der BBAW.

Das Projekt – ein Beitrag zur ostmitteleuropäischen Adelsforschung

Das Projekt „Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert“ ist eingebettet in das Forschungsfeld der ostpreußischen und ostmitteleuropäischen Adelsgeschichte. Die im 15. Jahrhundert mit der „Großen Wildnis“ in Masuren belehnten Lehndorffs hatten seit dem Mittelalter an der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes entscheidenden Anteil. Seit dem 16. Jahrhundert zu den bedeutendsten Gutsbesitzern Ostpreußens gehörend, verfügten sie am Ende des 19. Jahrhunderts über einen Grundbesitz von ca. 9.000 Hektar in den Kreisen Angerburg (dem heutigen Węgorzewo) und Rastenburg (dem heutigen Kętrzyn).

Ausbildungen an angesehenen Bildungseinrichtungen und ausgedehnte Bildungsreisen hatten ihnen über Jahrhunderte den Weg zu Karrieren im Militär, in der Diplomatie und Verwaltung geebnet. Zu verschiedenen Zeiten hatten die Lehndorffs Verbindungen zu den Höfen in Kopenhagen, Amsterdam, Warschau, St. Petersburg und Berlin. Ihre verwandtschaftlichen Beziehungen reichten mit Brandenburg, dem Herzogtum Magdeburg und Pommern weit in andere Regionen hinein. Überregionale Kulturbeziehungen verbanden sie mit Polen, dem Baltikum und mit Russland. In Berlin, im liberalen Königsberg, aber auch auf Schloss Steinort, dem Sitz der Familie, pflegte man einen intensiven Umgang mit Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern, engagierte sich in historischen, Kunst- und vaterländischen Vereinen. Über Jahrhunderte waren die Lehndorffs als Patrimonialherren und als Kirchen- und Schulpatrone eng mit der Entwicklung der Gutsdörfer verbunden. Über 500 Jahre hinterließen sie so ihre Spuren im ostpreußischen Masuren, in Königsberg, in Berlin und an vielen anderen Orten in- und außerhalb Preußens.

Schloss Steinort (Sztynort) in Masuren, Stammsitz der Lehndorffs,hier auf einer Aufnahmen vom Sommer 2019
Schloss Steinort (Sztynort) in Masuren, hier auf einer Aufnahmen vom Sommer 2019, war der Stammsitz der Lehndorffs.

Das Archiv der Grafen von Lehndorff-Steinort

Das Archiv der ostpreußischen Grafenfamilie von Lehndorff ist erstaunlich umfangreich erhalten. Heute befindet sich die Überlieferung an verschiedenen Standorten: im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem, im Staatsarchiv Leipzig sowie im Archivum Państwowe w Olsztynie (Staatsarchiv Allenstein). Weitere Briefe und Dokumente sowie Bücher der gräflichen Bibliothek in Steinort wurden der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin/Standort: Ostpreußisches Landesmuseum übergeben. Ausführlicher, als hier möglich, beschreibt ein Aufsatz im Herold-Jahrbuch 2020 (NF Bd. 25) die Geschichte und Überlieferung des Familienarchivs.

Eichenallee im Schlosspark Steinort, Masuren, Bildarchiv Herder-Institut
Eichenallee im Schlosspark Steinort, Masuren, Bildarchiv Herder-Institut, Inv.-Nr. 144988

Die Quellen

Die im Guts- und Familienarchiv überlieferten Briefe und Aufzeichnungen dokumentieren die Geschichte der Familie seit dem 13. Jahrhundert. Nur ein Teil dieser Überlieferung wurde im Rahmen des Projektes ausgewertet. Dokumente aus anderen Archiven ergänzen die Quellenlage dort, wo die Überlieferung des Familienarchivs heute fehlt.

Die ausgewählten Dokumente umfassen neben privater Korrespondenz und Briefen zur Güterverwaltung auch königliche Edikte und amtliche Schreiben, Statistiken und Inventare, Denkschriften, Zeitschriftenartikel und Tagebücher. Diese bilden in vielfältiger Weise das Leben und Wirken der Lehndorffs auf dem Gutsbesitz Steinort in Ostpreußen, in Königsberg und Berlin vom 18. bis in das 20. Jahrhundert ab. Sie berühren Besitz und Familienbeziehungen, politische, militärische, ökonomische, soziale Tätigkeiten sowie kulturelle, genealogische und religiöse Themen. Die Quellen gewähren Einblicke in adliges Selbstverständnis, regionale und nationale Identität, gelebte Adelskultur, kollektive Erfahrungen und Wahrnehmungen. Die enge Verflechtung der Familie mit dem polnischen, baltischen und russischen Raum ermöglicht dabei den Blick über Region und Nation hinaus.

Projektquellen
Die Quellen des Projektes.

Die Edition

Mit der Online-Edition ist das Material des Guts- und Familienarchivs der Grafen von Lehndorff-Steinort nicht nur virtuell erstmals wieder zusammengeführt, sondern durch die wissenschaftliche Erschließung werden inhaltliche Zusammenhänge hergestellt. Einleitende Texte geben Einblicke in das Projekt, den Untersuchungsgegenstand und die Fragestellungen, die Überlieferungslage der Quellen und zugrunde gelegten Editionsprinzipien.

Eine Vielzahl von Recherche- und Auswertungsmöglichkeiten und verschiedene Register ermöglichen ein komfortables Arbeiten mit Dokumenten und Briefen.

Zusätzlich aufgenommen wurden Abbildungen wie Baupläne, Karten, Gemälde, Fotos, die eine Bereicherung der schriftlichen Überlieferung darstellen. Eine Bibliographie themenspezifischer Literatur sowie der Zugriff auf die Findmittel der Archive in Olsztyn und Leipzig und auf ein durch die Bearbeiterin erstelltes vorläufiges Findmittel in Berlin sind über die Website abrufbar.

Projektwebsite
Über die Website des Projektes gelangt man zu den Dokumenten, Bildern, Registern.

Die kommentierten Quellenstudie – mehr als „Familiengeschichte“

Basierend auf der digitalen Auswahl-Edition rekonstruiert eine kommentierte Quellenstudie die Geschichte der Grafen von Lehndorff vor dem Hintergrund der allgemeinen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Abfolge mehrerer Generationen. Die Sachgebiete, die dabei angesprochen werden, reichen von der Ansiedlung bis zur Errichtung des Herrenhauses, von adliger Herrschaftsausübung bis zum Lehnsrecht, von der Dorfverfassung bis zum Landesrecht, von der Religion bis zur Politik, von der Bildung bis zum kulturellen Leben. Kontinuitäten und Brüche in den Besitz- und Vermögensverhältnissen, Rückständigkeit und Modernisierungswille, Kulturbeziehungen und politische Haltungen lassen sich am Beispiel der Familie bis in das 20. Jahrhundert verfolgen. Durch die enge Verbindung adliger Familien in der Region und darüber hinaus werden Gemeinschaftsschicksale erkennbar.

TELOTA – „The Electronic Life Of The Academy“

Die digitale Zusammenführung des Quellenbestands wurde von dem Digital Humanities-Team TELOTA („The Electronic Life Of The Academy“) der BBAW unter Mitarbeit von Frederike Neuber, Stefan Dumont und Philipp Linß begleitet. TELOTA entwickelt seit rund 20 Jahren Forschungssoftware für die Geisteswissenschaften, darunter die Editionsumgebung ediarum, die auch im Lehndorff-Projekt eingesetzt wurde.

ediarum – eine digitale Editionsumgebung

ediarum integriert Standards und best-practice-Formate der Digitalen Geisteswissenschaften wie das Langzeitarchivierungsformat XML, das Textkodierungsvokabular TEI (kurz für „Text Encoding Initiative“), das an der BBAW entwickelte Basisformat des Deutschen Textarchivs (DTA-Bf) und Normdaten (z.B. GND-Nummern).

Zentrale Komponenten der Editionssoftware sind die XML-Datenbank eXistdb, in der die Dokumente gespeichert sind, und der Oxygen XML Author, in dem die Quellen ediert werden. Die Bearbeitung erfolgt dabei nicht in einer XML-Codeansicht, sondern in einer benutzerfreundlichen Autoransicht, die u. a. eine Werkzeugleiste integriert, über die man per Knopfdruck kommentierende oder textkritische Auszeichnungen vornehmen kann. Indizierung und Verlinkungen von Personen- oder Ortsnamen mit dem Register kann man außerdem bequem über eine Auswahlliste setzen. Der gesamte Text kann dadurch einfach und schnell mit TEI-konformen XML ausgezeichnet werden.

Digitale Editionsumgebung ediarum
Wie funktioniert ediarum?

Neben der Arbeitsumgebung entwickelte TELOTA auch die Webseite, die bereits früh als BETA-Version freigeschaltet wurde. Bei der Wahl der Technologien (u. a. XQuery, XSLT, digilib) wurde auf Lösungen zurückgegriffen, die bereits in vielen anderen an der BBAW herausgegebene Editionen (schleiermacher-digital.de, edition-humboldt.de, actaborussica.bbaw.de etc.) zum Einsatz kommen.

Die Arbeitsumgebung ediarum.
Die Arbeitsumgebung ediarum. Durch die Verknüpfungen ergeben sich direkte Verzweigungen in die Anmerkungen und Register.

Vernetzung über Schnittstellen

Die Arbeitsumgebung ediarum.
Die Arbeitsumgebung ediarum. Durch die Verknüpfungen ergeben sich direkte Verzweigungen in die Anmerkungen und Register.

Durch die Erfassung der Metadaten und Texte nach den Richtlinien der TEI und die Verwendung von Normdaten konnte sich die Edition mit anderen Angeboten und Ressourcen im WWW vernetzen. Zum einen stellt die digitale Edition eine Schnittstelle im „Correspondence Metadata Interchange-Format“ (CMIF) bereit, wodurch der Briefbestand in den ebenfalls an der BBAW entwickelten Webservice correspSearch integriert wurde. correspSearch aggregiert Metadaten (Sender, Empfänger, Datum, Ort) digitaler und gedruckter Briefeditionen und macht sie projektübergreifend durchsuchbar. Zum anderen bietet die Edition eine BEACON-Schnittstelle, wodurch mit einer GND identifizierte Personen bzw. deren Registereinträge als Quellennachweise in die digitale Deutsche Biographie aufgenommen wurden.

correspSearch
Wie funktioniert correspSearch?

„Open Science“ in der Wissenschaft

Grundsätzlich umfasst die Publikation der digitalen Edition nicht nur die Bereitstellung der Webseite, sondern auch die Verfügbarmachung der dahinterliegenden Daten. Neben den bereits erwähnten Schnittstellen sind die vollständigen XML-Datensätze der Dokumente und Register einerseits über ein GitHub-Repositorium verfügbar und andererseits im digitalen Repositorium zenodo integriert, wo sie über eine DOI zitierbar sind. Durch Bereitstellung aller Daten unter Creative Commons-Lizenz (CC BY 4.0), ist die Lehndorff-Edition ein aktiver Beitrag zur „Open Science“-Bewegung in der Wissenschaft.

Bärbel Holtz (Projektleiterin) Gaby Huch (Bearbeiterin) Frederike Neuber (DH-Arbeitsgruppe TELOTA)

Schloss Steinort, Masuren, Bildarchiv Herder-Institut
Schloss Steinort am Mauer-See, Masuren, Bauherr: Graf Lehndorff 1680, Bildarchiv Herder-Institut, Inv.-Nr. 104376
Eichenallee im Schlosspark Steinort, Masuren, Bildarchiv Herder-Institut
Eichenallee im Schlosspark Steinort, im Hintergrund der klassizistische Gartensaal, Bildarchiv Herder-Institut, Inv.-Nr. 104375

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