Johannes Paul II. und Solidarność

Der polnische Papst und das Ende des Kommunismus in Ostmitteleuropa

Karol Józef Wojtyła, vor hundert Jahren am 18. Mai 1920 im kleinpolnischen Wadowice, knapp 50 Kilometer südwestlich von Krakau geboren, starb als Papst Johannes Paul II. vor fünfzehn Jahren am 2. April 2005 in Rom. Seit dem 16. Oktober 1978 beeinflusste, ja prägte sein Pontifikat Kirche und Welt; mit 26 Jahren und 5 Monaten war es das nach Pius IX. (Papst von 1846 bis 1878) zweitlängste und mindestens gleich faszinierende. In seine Zeit fielen u.a. NATO-Doppelbeschluss (1979), Gründung (1980) und Verbot (1981) von Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im Ostblock, sowjetische Glasnost und Perestroika Michail Gorbačevs seit 1985, die Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 und damit der Sturz aller kommunistischen Regierungen in Ostmitteleuropa, das Ende des Kalten Krieges mit dem Zerfall der Sowjetunion (1991), der blutige Zerfall Jugoslawiens (1991-1999), die islamistischen Terroranschläge am 11. September 2001 und der seither andauernde Krieg in Afghanistan. Johannes Paul II. führte die Katholische Kirche in das dritte Millennium, war als medienwirksamer Papst bekannter als die Rolling Stones, nicht mal Michael Jackson oder ABBA konnten die weltweit höchste Besucherzahl von 4 Millionen mobilisieren, die 1995 im philippinischen Manila zur Messe kamen. Als „eiliger Vater“ absolvierte er nicht nur mehr Auslandsreisen (insgesamt 104 in 127 Länder oder 1,16 Millionen Kilometer) als jeder andere Papst, sondern wurde auch außergewöhnlich rasch selig- (1. Mai 2011 durch seinen Nachfolger Benedikt XVI.) und dann heiliggesprochen (27. April 2014 durch Franziskus). In seiner Heimat erinnern über 700 Standbilder an ihn. Zum Beispiel vor der Bazylika Świętych Apostołów Piotra i Pawła w Strzegomiu oder der Bazylika Nawiedzenia NMP w Bardzie.

„Was ist der kleine Unterschied zwischen Gott und dem Papst? – Nun, Gott ist überall – der Papst hingegen war schon überall“.

Als Pole war Johannes Paul II. der erste, bisher einzige slavische und zugleich seit dem einjährigen Pontifikat des Niederländers Hadrian VI. (1522-1523) wieder der erste nicht-italienische Papst. Spielte er die entscheidende Rolle bei der Überwindung des Kommunismus in seinem Heimatland? Veränderte er nicht nur die Außenwahrnehmung der Katholischen Kirche sondern auch grundlegend die ostmitteleuropäische Politik? Was war das spezifisch „polnische“ an seinem Pontifikat?

Ein polnischer Bauer liest Tygodnik Powszeczny zur Papstwahl (1978) (de Roeck, Der Mann, 1978, S.16)
Ein polnischer Bauer liest Tygodnik Powszeczny zur Papstwahl 1978 (de Roeck, Der Mann, 1978, S.16)

Leben in Polen vor der Papstwahl

Geboren wurde Karol Wojtyła, kurz nachdem seine Heimat als Zweite Polnische Republik die Selbstständigkeit zurückgewonnen und diese durch Piłsudskis Sieg über die Sowjetarmee auch verteidigt hatte. Er gehörte damit zur ersten Generation von Polen seit rund 150 Jahren, die wieder in Freiheit im eigenen Land aufwuchs. Sein Vater war noch habsburgischer Unteroffizier und gab in Erinnerung an das Kaiserhaus seinem Sohn die Vornahmen Karol Józef. Als sehr guter Schüler sprach Karol viele Sprachen fließend (u.a. Ukrainisch, Litauisch, Deutsch), er las Russisch und lernte für seine weltweiten Predigten rasch weitere Sprachen dazu (z.B. Japanisch oder das philippinische Tagalog). Kant oder Marx las er im deutschen Original. Polnische Passagen aus Sienkiewicz Romanen (z.B. Quo vadis) zitierte er auswendig. Besonders verehrte er Cyprian Kamil Norwid (1821-83), dessen Gedanken u.a. in die Sozialenzyklika Laborem exercens einflossen. Aufgewachsen im Grenzgebiet zwischen Katholizismus und Orthodoxie studierte er später Kirchenslavisch und sah die Ostslaven als (kulturelle) Verwandte u.a. der Polen. Mit jüdischen Freunden spielte er Fußball, lernte von seinem Pfarrer, dass das Evangelium Antisemitismus verbietet, und hielt schon damals das jüdische Volk für von Gott unwiderruflich gesegnet.

Johannes Paul II. bittet um Vergebung an der Klagemauer in Jerusalem 2000 (Spiegel Spezial 2005, Nr. 3, S.104)
Bitte um Vergebung an der Klagemauer in Jerusalem 2000 (Spiegel Spezial 2005, Nr. 3, S.104)

Erst 20 Jahre jung hatte er schon seine engsten geliebten Familienangehörigen durch deren frühen Tod verloren. Während der nationalsozialistischen Besatzung arbeitete er im Steinbruch und im Chemiewerk Solvay und lernte dort das harte Arbeitsleben kennen. Er schauspielerte im Untergrundtheater und erkannte die Bedeutung von Kultur für eine gewaltlose Verteidigung nationaler Identität. Karol Wojtyła studierte Philosophie, Literatur, später auch Theologie und trat (erst relativ spät) 1942 ins geheime Priesterseminar der Erzdiözese Krakau ein. Er veröffentlichte Gedichte unter dem Decknamen Andrzej Jawien („der die Wahrheit enthüllt“), schrieb Theaterstücke, promovierte und habilitierte.

Als Seminarist 1944 in Krakau
Seminarist 1944 in Krakau (Hülsebusch, Fels, 2005, vor S. 25)

Geistliche Prägung

Die väterliche Erziehung prägte von Beginn an seine katholische Frömmigkeit. Zudem zeichnete er sich durch gewinnende Menschlichkeit und große Solidarität, z.B. mit Kindern, Jugendlichen, Armen aus. An der Universität Krakau, dann Lublin lehrte er Philosophie und Moralphilosophie. Parallel engagierte er sich als Priester, dann Bischof, schließlich Erzbischof als Seelsorger und Prediger, als Beichtvater, als geistlicher Gesprächspartner für die studentische Jugend, die er als Ersatzfamilie (Środowisko) um sich scharte, mit der er regelmäßige Kajakfahrten und Skitouren unternahm.

Dozent Karol Wojtyła mit Studentinnen in Krakau (ca. 1953/54)
Dozent Karol Wojtyła mit Studentinnen in Krakau (ca. 1953/54) (Zenter, Johannes Paul, 2005, S. 44)
Karol Wojtyła auf Kajaktour mit Jugendlichen (1958)
Karol Wojtyła auf Kajaktour mit Jugendlichen (1958) (Zenter, Johannes Paul, 2005, S. 43)
Karol Wojtyła auf einer Radtour mit der Jugend (Ende 1950er?)
Karol Wojtyła auf einer Radtour mit der Jugend (Ende 1950er?) (Hülsebusch, Fels, 2005, nach S. 25)

Speziell die junge, nachwachsende Generation liebte er als (Erz)Bischof, wie auch später als Papst, besonders. Von ihr forderte er zwar durch klare (moralische) Ansagen viel, verlangte ihr Anstrengungen und Opfer ab, aber vermittelte ihr zugleich ein deutliches Leitbild, eine tiefe religiöse Dimension ihres Lebens. Zugleich akzeptierte er Leid und Alter und ließ die alternde westliche Gesellschaft als „Papst zum Anfassen“ daran teilhaben.

„Die Jugendzeit ist schön, weil sie eine Perspektive hat. Gibt es, wenn man auf die 80 zugeht, noch eine Perspektive? Ja, die des ewigen Lebens.“

Strenge und Konsequenz in der Lehre verband er mit natürlicher Herzlichkeit und grenzenloser Liebe. Sein kompromisslos an Christus und der christlichen Wahrheit orientierter, klar formulierter und öffentlich gelebter Glaube gründete sich im regelmäßigen, innigen Gebet, das, wie er am 29.10.1978 formulierte „die erste Bekundung der Freiheit und der Wahrheit des Menschen“ sei, das durch seine Ausrichtung auf Gott auch allein wahre Freiheit stiften könne. „Totus Tuus“ – ganz der Deine/ganz Dein, völlige Zugehörigkeit zu Jesus Christus durch innige Verehrung der Jungfrau Maria, blieb sein Wahlspruch. Wojtyła überzeugte, da er zwar voller Mitleid, aber ohne Abstriche das Evangelium predigte, denn er glaubte zutiefst, dass nur diese biblische Radikalität die Krise der Moderne heilen könne. Orientiert an göttlichen und damit menschlicher Verfügbarkeit entzogenen Wertmaßstäben überstand er den Nationalsozialismus und geriet zwangsläufig mit dem Kommunismus in Volkspolen in Konflikt.

Johannes Paul II. Anfang der 1990er
Johannes Paul II. Anfang der 1990er (Spiegel Spezial 2005, Nr. 3, S. 1)

Erzbischof im kommunistischen Polen

Seit 1960 kämpfte er um die Errichtung einer Kirche in Polens „Erster Sozialistischer Stadt“, in Nowa Huta. Die kommunistische Ideologie sah dort keinen Platz für Gotteshäuser vor. 1977 schließlich weihte er die „Kirche der Mutter Gottes, der Königin von Polen“ ein. 1963 sollte ein neuer Erzbischof von Krakau, dem polnischen Rom und seit jeher Polens kultureller Hauptstadt, ernannt werden. Der Staatsratsvorsitzende der Volksrepublik lehnte zwei adlige Kandidaten ab und stimmte 1964 der Ernennung des Mannes aus dem Volke, Karol Wojtyła, zu. Damit war dieser in Krakau der erste nichtadlige und landesweit der jüngste Erzbischof. Die Geheimpolizei urteilte noch 1967 fälschlich über ihn, er sei „zweifellos einer der wenigen Intellektuellen im polnischen Episkopat … er hat bisher keine offenkundig gegen den Staat gerichteten Aktivitäten entfaltet. Es hat den Anschein, als ob Politik nicht seine starke Seite ist; er ist zu sehr im abstrakten Denken befangen …. Ihm fehlen Organisationstalent und Führungsqualitäten“. Wojtyła stand loyal hinter dem Primas Stefan Kardinal Wyszyński, galt zwar eher als ausgleichend, kooperierte aber mit der katholischen Intelligenz rund um die Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“, stand nach 1976 im Austausch mit Dissidenten von KOR, dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, stellte sich charismatisch zwischen Jugend und Staat und bedrohte damit die Grundfesten des Regimes. Damals schon schlug er Brücken für eine klassenübergreifende antikommunistische Solidarität zwischen Arbeitern, Intellektuellen und der Kirche. Aktiv wirkte er beim II. Vatikanischen Konzil (1962-65) mit, glaubte an dessen geistliche Bedeutung für das missionarische und apostolische Leben der Kirche, u.a. die Mitverantwortlichkeit aller Laien und die Forderung weltweiter Religionsfreiheit, und setzte dessen geistlichen Gehalt in seiner Diözese durch die Krakauer Synode um. Dadurch übte die dortige Gesellschaft durch außerstaatliche Selbstorganisation zahlreicher Schulungen, Gespräche und Austauschrunden sowohl Bürgersinn als auch zivilgesellschaftliche Verantwortung.

Wojtyłas Auftreten in der in Rom beim Vatikanum versammelten Weltkirche, Pastoralreisen nach Europa (u.a. im Zeichen der Versöhnung 1974 und 1978 nach Deutschland) oder in die USA, seine erfolgreiche erzbischöfliche Arbeit unter dem Kommunismus machten ihn über Polen hinaus bekannt. Im Februar 1976 schrieb er im L’Osservatore Romano, der Tageszeitung des Vatikans: „es ist unerträglich, dass eine Gruppe von Menschen einem ganzen Volk eine Ideologie aufdrängt, eine Überzeugung, die gegen die Auffassungen der Mehrheit verstößt“. Dem setzte er christliche Freiheit, christlich fundierte Moral statt sittlicher Beliebigkeit, Selbsthingabe statt Selbstbehauptung, Mut statt Angst, universale aus dem Glauben geschöpfte Wahrheit und damit Gottes Realität in der Geschichte statt (kommunistischer) Lüge, Liebe statt Hass, Solidarität statt ideologisch gewollter Atomisierung der Gesellschaft, eine durch Gottes Schöpfungstat begründete und damit unverlierbare menschliche Würde entgegen. Eben um diese Würde des Menschen, den Ursprung aller Menschenrechte, das von Gottes Wertsetzung her geprägte Menschenbild stritt er seit seiner Erfahrungen unter dem Nationalsozialismus gewalt- und zugleich kompromisslos mit jedem totalitären Regime und trat ein für eine Kultur des Lebens. Während des Krakauer Ringens mit den Kommunisten um die Wiederzulassung freier Fronleichnamsprozessionen formulierte er am 25.5.1978: „ eine Nation… hat ein Recht darauf, die Wahrheit über sich selbst zu kennen“.

Als Papst schrieb er: „Der Mensch arbeitet nicht nur, um zu produzieren, sondern auch, um seine Menschenwürde zu entfalten“ und „Gott will von freien Menschen angebetet werden“.

Sein klares und beharrliches Eintreten für Religionsfreiheit und Beachtung der Menschenrechte schockierte nicht nur den kommunistischen Kreml, da es mit herrschendem Totalitarismus unvereinbar war, sondern stärkte Dissidenten und weckte Polen auf. Polnische Kommunisten wiesen die Lehrer des Landes 1979 insgeheim deutlich darauf hin: „Der Papst ist unser Feind … Er ist gefährlich, weil er den hl. Stanislaus [als Krakauer Märtyrer-Bischof einer der polnischen Nationalheiligen] zum Patron der Opposition gegenüber den Behörden und zu einem Verteidiger der Menschenrechte machen wird … Wegen der Aktivierung der Kirche in Polen dürfen unsere Maßnahmen, die die Jugend atheistisch machen sollen, nicht nachlassen.“

Polnischer Papst

Am 16. Oktober 1978 wählten den 58jährigen Wojtyła, Kardinal aus der Kirche eines betenden Landes im kommunistischen Machtbereich, im 8. Wahlgang fast 100 von 111 im Konklave versammelten Kardinälen zum 264. Papst, nachdem sein „lächelnder“ Vorgänger Johannes Paul I. nach nur 33 Tagen verstorben und es zu einem Patt zwischen zwei italienischen Nachfolgekandidaten gekommen war.

Feierliche Papst-Inthronisation in Rom am 22.10.1978
Feierliche Papst-Inthronisation in Rom am 22. Oktober 1978 (Zenter, Johannes Paul, 2005, S. 48)

Bewußt führte der Pole schon durch die Wahl seines Papstnamens die Politik der Öffnung seines sympathischen Vorgängers fort. Anders als dieser war er, wie u.a. zuvor Pius IX. deutlich jünger und v.a. durch Ski- und Kajakfahren sowie Schwimmen körperlich fit. Als ihn einmal ein Journalist gefragt hatte, wie viel Prozent der polnischen Kardinäle Ski führen, hatte er geantwortet: „40%“, obwohl es nur zwei polnische Kardinäle gab, denn „in Polen zählt Wyszyński für 60%“.

Johannes Paul II beim Abfahrtslauf in Italien 1984
Johannes Paul II beim Abfahrtslauf in Italien 1984 (Hülsebusch, Fels, 2005, nach S. 60)

Der Papst blieb mit „unzerstörbarer Liebe“ seinem Heimatland verbunden, wie schon die erste Botschaft am 17.10.1978 nach seiner Wahl betonte. Die Geschichte seiner Heimat hatte ihn gelehrt, „die Eigenwerte jeder Nation, jedes Volkes, seine Tradition und seine Rechte unter den anderen Völkern zu respektieren“ (20.10.1978 bei seiner Ansprache an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps). „Geschichte und Kultur Polens sind aus dem Christentum hervorgegangen. Und ihm haben wir es zu verdanken, dass wir unseren nationalen Charakter besitzen, unsere Literatur und unsere Tradition, die sich von allen Ländern in Europa und in der Welt unterscheidet. Wenn wir dies alles erhalten, bewahren wir unsere nationale Identität“. Er sah sich damit als „Sohn eines Volkes, dessen Geschichte von Anfang an und in tausendjähriger Tradition geprägt ist von einer lebendigen, starken, ununterbrochenen, bewußten und gewünschten Bindung an den Sitz des hl. Petrus, eines Volkes, das dieser römischen Kathedra immer treu geblieben ist“ und rief von Anfang an auf „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschrittes seiner rettenden Macht!“ (22.11.1978: Ansprache bei der Messe zur Amtsübernahme). Schon diese aufrüttelnden Worte wurden via Fernsehen nach Polen übertragen. Drei Stunden hatte das polnische Fernsehen dafür reserviert. Johannes Paul ließ die Messe genau so lange dauern, damit kein Raum mehr blieb für kommunistische Kommentierung. Seine Ansprache verdeutlichte, für den neuen Papst bestimmten weniger Politik und Wirtschaft den Geschichtsverlauf als vielmehr Moral und Kultur, die wiederum maßgeblich durch den christlichen Glauben und Kult geprägt waren. Der sowjetische KGB und das ZK der KPdSU spürten sofort die Herausforderung dieser Wahl und ordneten Sonderuntersuchungen an. Gerüchte besagten, dass die Kreml-Führung Aleksandr Solženicyn als Generalsekretär der Vereinten Nationen einem Polen als Papst vorgezogen hätten.

Die Sowjetunion rechnete mit verstärktem Drängen auf (Religions)freiheit nicht nur in Polen und damit innerhalb des von ihr dominierten Ostblocks, sondern über die katholischen Kirchen in Litauen, Ukraine und Weißrußland auch innerhalb des vom Kreml direkt regierten Landes. Fatal war für Moskau zudem, dass der Papst die Muttersprachen der jeweiligen Völker sprach, wenn er als Zeuge für die Wahrheit, nicht als antikommunistischer Politiker, den kommunistischen Anspruch infrage stellte, den wahren Humanismus zu vertreten und wahrer „Befreier der Menschheit“ zu sein. Schon am 13.11.1979 verabschiedete das Moskauer Zentralkomitee einen „Beschluss über Maßnahmen gegen die Taktiken des Vatikans in bezug auf die sozialistischen Staaten“ und erklärte damit gleichsam dem Papst den Krieg. Als am 2. Dezember 1980 griechisch-katholische Diaspora Bischöfe auf ihrer Synode in Rom die 1946 von Moskau erzwungene Eingliederung ihrer Kirche in die russisch-orthodoxe Kirche annullierten, reagierte die sowjetische Propaganda scharf mit der Behauptung, der Papst habe sich mit US-Präsident Jimmy Carter und dessen Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński zwecks Destabilisierung der UdSSR zusammengeschlossen.

Eine weißrussische Zeitschrift nannte den Papst im März 1981 einen „boshaften, niedrigen, heimtückischen und rückständigen Speichellecker der amerikanischen Militaristen“, einen „gerissenen und gefährlichen ideologischen Feind“, der im Zweiten Weltkrieg sich gemeinsam mit Nazis und Vatikan verschworen habe, das polnische Volk auszurotten. Doch der Papst selbst unterschied stets zwischen Antikommunismus und Antirussismus. Sein Interesse an Rußland und den Russen blieb. Er las u.a. den Religionsphilosophen Vladimir S. Solov’ëv und setzte sich wie dieser für die Versöhnung zwischen Katholizismus und Orthodoxie ein. Informationen über Rußland erhielt er u.a. durch Kontakte und Gespräche mit Widerständlern und Menschenrechtlern, wie Andrej Sacharov, den er 1989 zur antikommunistischen politischen Aktivität ermutigte. Dessen Frau, Jelena Bonner, urteilte nach einem Gespräch mit Johannes Paul: „Er ist der bemerkenswerteste Mann, den ich jemals kennengelernt habe. Er ist nur Licht. Er ist eine Quelle des Lichts“.

Johannes Paul II. fängt Primas Wyszyński beim Gehorsamsgelöbnis auf, 1978
Johannes Paul II. fängt Primas Wyszyński beim Gehorsamsgelöbnis auf, 1978 (de Roeck, Der Mann, 1978, S. 93)

An den polnischen Primas Wyszyński (und damit indirekt an alle Polen) schrieb er am 23.10.1978 „auf dem Stuhl Petri säße jetzt nicht dieser polnische Papst, der heute voll Gottesfurcht, aber auch voll Vertrauen ein neues Pontifikat beginnt, wäre nicht Dein Glaube weder vor Kerker noch vor Leid zurückgewichen, gäbe es nicht Deine heroische Hoffnung und Dein grenzenloses Vertrauen in die Mutter der Kirche, gäbe es nicht Jasna Gora und die ganze Geschichte der Kirche in unserer Heimat“, und er forderte alle Polen auf „wahrt die Treue zu Christus, zu seinem Kreuz, zur Kirche und zu Ihren Hirten.

Und noch etwas: Widersetzt euch allem, was der menschlichen Würde widerspricht und die Gebräuche und Gewohnheiten einer gesunden Gesellschaft entehrt, ja bisweilen ihre Existenz und das Gemeinwohl bedroht“ – Johannes Pauls II. Vorstellung einer durch den katholischen Glauben gedeuteten Conditio humana, eines modernen, auf Christus ausgerichteten Humanismus, einer durch den Glauben an Christus begründeten Hoffnung, einer durch Gott garantierten Menschenwürde war von Anfang an klar. Seiner Meinung nach machte Christi Auftrag die Kirche zur Dienerin der Menschenwürde; durch Christus brachte die Kirche Befreiung.

Papst und Solidarność

Insgesamt neunmal reiste Johannes Paul II. nach Polen. Sein Heimweh blieb: nur polnischen Boden küsste er jedes Mal wieder bei der Ankunft. Mehr als ein Drittel aller Polen sahen ihn 1979 bei seinem ersten, gegen Leonid Brežnevs Willen von Parteichef Edward Gierek genehmigten Besuch persönlich, als er zur Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche, aber nicht zu den Bedingungen des Staates, aufrief. Beim offiziellen Zusammentreffen mit der Staatsführung verdeutlichte der Papst: „Gestatten Sie mir, meine Herren, dieses Wohl [Polens] auch weiterhin als das meine zu betrachten und zutiefst daran Anteil zu nehmen, ganz so, als ob ich noch in diesem Land lebte und Bürger dieses Staates wäre“. Schlesien und Nowa Huta durfte er zwar nicht besuchen, aber dafür gedachte er vor Ort der Heiligen Adalbert (Gnesen), Stanislaus (Krakau) und natürlich der Schwarzen Madonna in Tschenstochau. Alle drei verknüpften symbolisch Katholizismus mit nationaler (nichtkommunistischer) Identität.

Johannes Paul II. in Tschenstochau beim 1. Polenbesuch, 1979
Johannes Paul II. in Tschenstochau beim 1. Polenbesuch, 1979 (Spiegel Spezial 2005, Nr. 3, S. 74)

In Gnesen sah er Christi Willen darin, „dass dieser polnische, dieser slawische Papst gerade jetzt die geistige Einheit des christlichen Europas sichtbar macht“. In Krakau betonte er, „die Zukunft Polens wird davon abhängen, wie viele Leute reif genug sind, Nonkonformisten zu sein“. Er bekräftigte öffentlich, was bisher nur insgeheim geglaubt werden durfte, sprach in der Muttersprache des Volkes, rüttelte sein Heimatland auf, machte den Menschen Mut, der Wahrheit statt der Lüge zu dienen, und begründete dadurch eine <Revolution des Gewissens>. Er stärkte ihre Ausdauer, ihr Selbstbewußtsein, ihre Selbstverantwortung und Selbstdisziplin, da Millionen sich selbst, fern von staatlicher Einflußnahme, für seinen Besuch organisierten, die Besuchsorte schmückten oder Pilger versorgten. Millionen standen öffentlich für die Kirche und gegen das Regime ein. Ein Wir-Gefühl jenseits der Partei war da. Die Papst-Predigten wurden durch Fernsehen oder Radio Vatikan übertragen; die Partei hatte fälschlich gehofft, damit den Massenansturm vor Ort begrenzen zu können. Doch da seit 1945 Gedrucktes unter kommunistischer Zensur stand, hatte das live gesprochene und gehörte Wort für Polen entscheidende Bedeutung. Überall im Land hingen zwar die Parteislogans „Die Partei ist für das Volk“, aber das Volk war für den Papst.

Von dieser großen Mobilisierung, von der moralischen Revolution profitierte Solidarność (Solidarität) seit August 1980 und richtete sich erinnernd daran aus. Möglicherweise prägten dabei zudem Wojtyłas Ausführungen zur solidarischen Gesellschaft in der philosophischen Schrift „Person und Tat“ (1969). Messen, Beichte und Gebet begleiteten gewaltlose Streiks. (Gedenk-)Kreuze wurden errichtet. Papstporträts hingen in den Fenstern und Bilder der Schwarzen Madonna an den Werfttoren. Lech Wałęsa trug die Muttergottes am Revers und unterschrieb das mühsam mit den Kommunisten ausgehandelte Abkommen mit einem Stift, den das Bild des Papstes zierte. Dieser hatte von Rom aus von Anfang an vorsichtig aber klar den oppositionellen Kurs unterstützt und war für die kirchliche Unterstützung in Polen eingetreten. Gewaltlos, entschlossen und voller Würde erstrebten Arbeiter gemeinsam mit Intellektuellen und Geistlichen die soziale und politische Revolution.

Als sich die Lage in Polen zuspitzte, die Tschechoslowakei die Grenze zu Polen schloß und DDR-Staatschef Erich Honecker vom sowjetischen Generalsekretär Leonid Brežnev ein Einschreiten forderte, um das sozialistische Polen nicht zu verlieren, unterstützte Johannes Paul II. 1980 Jimmy Carters Warnung an Moskau, eine sowjetische Intervention in Polen wäre das Ende der Entspannung in Europa, durch einen unverblümten direkten Brief an Brežnev. Er mahnte Nichteinmischung, wie in der KSZE-Akte garantiert, an und führte aus „Die Ereignisse, die in den letzten Monaten in Polen stattgefunden haben, sind durch die unabwendbare Notwendigkeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaus des Landes verursacht, der gleichzeitig einen moralischen Wiederaufbau erfordert auf der Grundlage des bewussten Engagements, in Solidarität aller Kräfte der ganzen Gesellschaft“.

Bei seinem 1. Deutschlandbesuch Mitte November 1980 spielte eine Militärkapelle die polnische Nationalhymne „Noch ist Polen nicht verloren“. Der Papst kommentierte leise „welch ein Augenblick. Es ist noch nicht verloren! Tatsächlich nicht“. Am 15. Januar 1981 empfing er eine Solidarność-Delegation mit Wałęsa zur Audienz in Rom. Mitten in dieser hektischen Zeit, am 13.5.1981, dem Gedenktag der Marienerscheinung in Fatima, verübte ein professioneller Killer ein Attentat auf den Papst.

Kurz nach dem Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981
Kurz nach dem Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 (Zenter, Johannes Paul, 2005, S. 55)

Viele vermuten bis heute die Auftraggeber in Moskau, die eine unbequeme Autorität zum Schweigen bringen wollten und damit im Wissen um den todkranken Primas in Polen gleichsam durch einen Doppelschlag die Katholische Kirche in Polen enthauptet hätten. Eventuell sollten Wałęsa und Johannes Paul sogar schon im Januar durch den gleichen Killer gemeinsam umgebracht werden. Der Papst wurde schwer verletzt, aber gerettet und erkannte den Schutz Marias „eine Hand hat geschossen, eine andere hat die Kugel gelenkt“. Als die Ärzte ihm aus Sorge um seine Genesung verboten, amtsbezogenes Material zu lesen, las der Papst zur Entspannung nochmals Sinkiewicz’s Quo vadis und Jan Nowaks Bericht über den Warschauer Aufstand der Heimatarmee. Am 14. September 1981 lieferte die Enzyklika Laborem exercens u.a. eine philosophische Verteidigung der Solidarność-Bewegung.

Als Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängte, Solidarność verbot und führende Oppositionelle inhaftierte, reagierten Tausende auf dem Petersplatz durch eine Nachtwache mit Gebeten für Polen. Der Papst dankte ihnen für ihre Sorge um sein Heimatland und erwähnte dabei sechsmal das Wort „Solidarität“. Fünf Tage später schieb Johannes Paul an Jaruzelski mahnend, in Polen sei in der Vergangenheit schon viel Blut aus Unrecht vergossen worden. „In dieser geschichtlichen Perspektive darf man nicht weiter polnisches Blut vergießen …. Der allgemein menschliche Wunsch nach Frieden spricht dafür, den Kriegszustand in Polen nicht fortzusetzen. Die Kirche ist Sprecher dieses Wunsches“. In seiner Weltfriedenstagsbotschaft zu Neujahr 1982 kritisierte er den „falschen Frieden totalitärer Regime“ und bat beim Angelus-Gebet alle, fortzufahren für Polen zu beten, da es „um ein wichtiges Problem für die Geschichte des Menschen geht“.

Um dies zu bekräftigen, um die begonnene Revolution am Leben zu erhalten, reiste er 1983 erneut nach Polen, weil ihm, anders als der Parteiführung klar war, dass nach der moralischen Revolution seit 1979 eine Rückkehr des Landes zum Stand vor August 1980 nicht mehr möglich war. Er ermutigte Frustrierte, stärkte Initiativen kulturellen Widerstands und beschwichtigte Radikale. In der Warschauer Kathedrale betonte er, er wolle in Polen gemeinsam „unter dem Kreuz“ Christi stehen, „besonders mit denen, die am schmerzlichsten den herben Geschmack der Enttäuschung, der Demütigung, des Leidens, des Freiheitsentzugs, des Unrechts, der niedergetretenen Menschenwürde spüren“.

Messe im Warschauer Stadion am 17. Juni 1983
Messe im Warschauer Stadion am 17. Juni 1983 (L’Osservatore Romano, 1983, S. 16)

In Tschenstochau sprach er ruhig das offiziell verpönte Wort aus: Nächstenliebe bedeute „grundlegende Solidarität zwischen den Menschen“. Von Jaruzelski forderte er einen offenen, innerpolnischen Dialog mit der verbotenen Gewerkschaft.

Offizielle Begrüßung durch Wojciech Jaruzelski am 17.6.1983
Offizielle Begrüßung durch Wojciech Jaruzelski am 17. Juni 1983 (L’Osservatore Romano, 1983, S. 10)
Austausch mit General Jaruzelski beim 2. Polenbesuch 1983
Austausch mit General Jaruzelski beim 2. Polenbesuch 1983 (Spiegel Spezial 2005, Nr. 3, S. 74)

In Kattowitz wich er vom mit der Regierung abgestimmten Manuskript ab und rief unter großem Beifall dreimal „Solidarność“ in die Menge. Er bestand auf einem Treffen mit dem offiziell unter Hausarrest stehenden Wałęsa, während der gefeierten Messen tauchten offiziell verbotene Solidarność -Plakate wieder auf.

Zu einem Dialog konnte der Papst den Staat damals noch nicht bewegen, aber er hatte verdeutlicht, dass daran kein Weg vorbeiführte. „Vergebung ist stark durch die Kraft der Liebe. Vergebung ist keine Schwäche. Vergebung bedeutet nicht, auf Wahrheit und Gerechtigkeit zu verzichten“.

Johannes Paul II. in Kattowitz am 20. Juni 1983
Johannes Paul II. in Kattowitz am 20. Juni 1983 (L’Osservatore Romano, 1983, vor S.41)
Beim Besuch in Tschenstochau tauchen verbotene Plakate auf, 19. Juni 1983
Beim Besuch in Tschenstochau tauchen verbotene Plakate auf, 19. Juni 1983 (L’Osservatore Romano, 1983, S. 29)

Vor Vertretern von EU-Ministerrat, EU-Parlament und EU-Kommission betonte er am 20. Mai 1985 die Einheit Europas östlich und westlich der Teilungslinie von Jalta, die auf einer gemeinsamen, christlich begründeten Kultur fuße. Diese Einheit gelte es zu vollenden. Als ihm die Prager Kommunisten die Einreise zu den Feierlichkeiten zum 1100. Todestag von Method verweigerten, schrieb er einen Brief, den Kardinal Tomášek auf dem größten Treffen katholischer Geistlicher seit 1948 am 11.4.1985 öffentlich verlas. Bei diesem Treffen verbanden sich Volksfrömmigkeit und Widerstand gegen die Regierung durch das Wagnis des öffentlich gezeigten gemeinsamen Glaubens, für Religionsfreiheit eintreten zu können.

Auf den Philippinen orientierte sich 1986 der ebenfalls kirchlich organisierte gewaltlose Widerstand gegen die Marcos-Diktatur am polnischen Vorbild. Der dortige Kardinal Sin war „von der Solidarność der Arbeiter und der Art, wie die Kirche, vor allem der Papst, diese Bewegung zum Wohle Polens und letztlich zum Wohle Europas und der ganzen Menschheit unterstützt“ hatte, „tief berührt“.

Bei seiner dritten Polenreise (1987) begegnete Johannes Paul II. mit Adam Michniks Worten in seiner Heimat keinem „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“, sondern einem „Kommunismus mit ein paar ausgeschlagenen Zähnen“. Er verlangte erneut die Einhaltung der Menschenrechte und betete am Grab des 1984 durch den Staatssicherheitsdienst ermordeten oppositionellen Priesters Jerzy Popiełuszko, der sich im Sinne des Papstes für Gewaltlosigkeit und Widerstand, für Überwindung des Bösen durch das Gute eingesetzt hatte, und dessen Grab zu einer heiligen Stätte, zu einem Stück freies Polen geworden war. Grundlage für kulturellen Widerstand, für Wahrheit statt Lüge, waren freie Informationen, die in Polen maßgeblich durch die Kirche verbreitet werden konnten. „Die Leute kamen in die Kirche, um herauszufinden, was zum Teufel im Rest des Landes vor sich ging“, formulierte es Pater Mieczysław Maliński.

1983 hatte die Regierung Danzig als Besuchsort abgelehnt, doch diesmal hatte der Papst auf Messen auch an der Ostseeküste bestanden. Offen ermahnte er Jaruzelski bei der Begrüßung im Warschauer Königsschloss, Voraussetzung für Frieden, auch im Innern, sei die wirkungsvolle Verteidigung der unveräußerlichen Menschenrechte. Der einzige Weg zu einer allseits gewünschten nationalen Erneuerung sei es, die Menschenwürde der Polen ernst zu nehmen. Der Staat existiere zum Wohle der Gesellschaft und nicht umgekehrt. Er schloß mit einem Zitat aus Gaudium et spes, einem der Abschlußdokumente des II. Vatikanum: „Anerkennung verdient das Vorgehen jener Nationen, in denen ein möglichst großer Teil der Bürger in echter Freiheit am Gemeinwesen beteiligt ist“.

Erneut besuchte er „mein Krakau. Stadt meines Lebens. Stadt unserer Geschichte“. Doch sein Schwerpunkt lag diesmal auf seinen Ansprachen an der Ostseeküste, die betonten, dass die Solidarität der Weg zur nationalen Erneuerung, zur Überwindung der menschenverachtenden klassenkämpferischen kommunistischen Ideologie sei. „Solidarität – das bedeutet: der eine mit dem anderen, und wenn eine Last zu tragen ist, dann gemeinsam, in der Gemeinschaft. Also nie: einer gegen den anderen. Nie: die einen gegen die anderen.“ Johannes Paul Kritik am Verbot der Solidarność, das schließlich erst Mitte Januar 1989 mit Ende der kommunistischen Herrschaft aufgehoben wurde, bereitete den Boden für den Sieg der Revolution zwei Jahre später. Im Frühjahr 1988 erinnerten die Streikparolen („Ohne Solidarność keine Freiheit“) an seine Predigten. Dabei dachte der Papst bereits vorausschauend über Grundfragen eines freien Polen nach.

Der Papst hat somit in der polnischen Gesellschaft die Gründung von Solidarność entscheidend moralisch vorbereitet. Er hat die Gewerkschaft ermutigt, durch seine verantwortungsvolle und doch stets klare Haltung, durch seine geistlich-moralische und kirchliche Autorität geschützt. Weit über Polen hinaus hat er gegen (kommunistische) Diktaturen aufstehende Gesellschaften bestärkt durch sein kompromissloses, persönlich-engagiertes Eintreten für Menschenrechte (u.a. 1979 vor der UNO), das die dank der KSZE-Vereinbarungen bestehenden Möglichkeiten offensiv nutzte.

Öffentliche religiöse Massenveranstaltungen in unfreien Gesellschaften machten anläßlich seiner Besuche gesellschaftliche Solidarität außerhalb staatlicher Reglementierung erfahrbar. Bürger gewannen ihre authentische nationale Kultur gegen die staatliche Politik der Gewalt zurück. Der Papst säte geistlich-moralisch begründeten Widerstandswillen, rüttelte das Gewissen auf, das sich als stärker erwies als kommunistischer Zwang. Durch seine Erfahrungen unter Diktaturen von Jugend auf, durch seine dadurch und durch inniges Gebet geformte Persönlichkeit war er der vom Heiligen Geist durch die Kurienkardinäle zur rechten Zeit berufene Brückenbauer an der Spitze des Weltkatholizismus.

Ostmitteleuropas Befreiung vom Kommunismus

Bei seinem zweiten Deutschlandbesuch hielt der Papst es 1987 schon für möglich, „ein neues, geeintes Europa vom Atlantik bis zum Ural“ zu schaffen. Zugleich mahnte er immer wieder, das öffentliche Leben dürfe nicht auf ethische Kriterien verzichten, „die Achtung vor Gott und die Achtung vor den Menschen“ gehörten zusammen. Am 28. Juni 1988 ernannte er einen Litauer zum Kardinal, ehrte so die dortige verfolgte Kirche und setzte gegenüber Moskau ein deutliches Zeichen. In Polen verweigerte sich die Kirche dem kommunistischen Wunsch, Anfang 1989 bei Verhandlungen als Vertreter der Gesellschaft zu fungieren. Warschau mußte die Solidarność wieder anerkennen.

Die Teilnahme an der Tausendjahrfeier der Taufe der Rus blieb Johannes Paul II. vom Moskauer Patriarchat wegen des Streits um die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine verwehrt. Aber er feierte Anfang Juli 1989 ukrainische Messen in Rom und mahnte die Ukrainer und Russen „wie könntet besonders ihr, Söhne und Töchter der ukrainischen Nation, vergessen, dass ihr das Erbe der Taufe eurer Vorfahren gemeinsam mit den orthodoxen Brüdern eures Volkes besitzt? Und wie könntet ihr das geschichtliche Band außer Acht lassen, das eure Nation mit der weißrussischen und der russischen Nation verbindet?“

Am 12.11.1989 sprach er Agnes von Böhmen heilig. Tschechen waren seit 700 Jahren überzeugt, dass dann etwas Wunderbares geschehen werde. Bei der Zeremonie in Rom trafen sich tausende tschechische Katholiken, die bisher nur einzeln und im Untergrund gearbeitet hatten. Dadurch gestärkt wirkten sie daheim mit an der „sanften Revolution“, die die wunderbare Befreiung ihrer Heimat brachte. Gorbačev gab schließlich durch seinen Besuch im Vatikan, am 1.12.1989 zu, dass der sowjetische atheistische Kampf, der atheistische Humanismus, gescheitert war. In der Sozialenzyklika Centesimus annus, schloss der Papst am 1.5.1991, der Marxismus habe versucht, „das Verlangen nach Gott aus dem Herzen der Menschen zu tilgen“ und dabei bewiesen, „daß dies nicht gelingen kann, ohne dieses Herz selber zu zerrütten“.

Bei seinem dritten Deutschlandbesuch stand am 23.6.1996 Helmut Kohl mit ihm in Berlin und erinnert sich, wie der Papst sagte „Herr Bundeskanzler, das ist ein großer Augenblick in meinem Leben. Ich stehe mit Ihnen am Brandenburger Tor, und das Tor ist offen. Die Mauer ist gefallen, Berlin und Deutschland sind nicht mehr geteilt. Und Polen ist frei“. Seine Ablehnung der auf sowjetkommunistischen Druck und damit allein auf Macht statt auf Moral gegründeten, in Jalta beschlossenen Teilung Europas beinhaltete volles Verständnis für die deutsche Einheit. Kein echter Friede ohne Freiheit, war seine Überzeugung. Gorbačev erinnerte sich, dass „alles, was in den vergangenen Jahren in Osteuropa geschah, ohne die Aktivitäten dieses Papstes nicht möglich gewesen wäre“.

Doch Johannes Paul sagte selbst: „Ich habe das nicht verursacht. Der Baum war schon in seinem Inneren verfault. Ich habe ihn nur noch ordentlich geschüttelt, und dabei sind die verfaulten Äpfel heruntergefallen“.

1982 hatte er noch den Witz erzählt: „Der Papst fragt den himmlischen Vater: <Herr, wird Polen jemals Freiheit und Unabhängigkeit erlangen?< – <Ja>, erwidert Gott, <aber nicht, solange du lebst>. – Der Papst fragt weiter: <Herr, wird es nach mir wieder einen polnischen Papst geben?> – <Nicht, solange ich lebe>, antwortet Gott. Dennoch: Johannes Paul war zweifellos die Schlüsselfigur für Begründung und Stärkung der „Revolution des Gewissens“ 1989. Am 13.1.1990 war er rückblickend überzeugt, der „nicht zu unterdrückende Durst nach Freiheit“ habe „Mauern einstürzen und Tore sich öffnen lassen“. Oft sei der Ausgangspunkt der Revolutionen eine Kirche gewesen. „Nach und nach wurden die Kerzen angezündet und bildeten eine wahre Lichterprozession, so, als ob sie denen, die sich jahrelang bemüht hatten, den Horizont des Menschen auf diese Erde einzugrenzen, sagen wollten, dass er nicht auf Dauer in Ketten gelegt bleiben kann“. Der Pilgerweg zur Freiheit sei möglich geworden, weil „Frauen, Jugend, Männer… die Angst überwunden“ hätten. Als genügend Menschen ihrem Gewissen wieder folgten und die kommunistischen Lügen ablehnten, zerfiel der Kommunismus.

Collage aus Artikeln im Presseausschnittarchiv zur 1. Polenreise 1979
Collage aus Artikeln im Presseausschnittarchiv zur 1. Polenreise 1979: Herder-Institut, Forschungsbibliothek, Presseausschnittarchiv, P 29 Karol Wojtyła, III (1.3.-20.6.1979)
Weiterführende Literatur

In Bibliothek und Pressesammlung des Herder-Instituts finden sich knapp 20 Titel bzw. Artikel zum Geburtsort Wadowice, über 1800 Titel bzw. 8 Leitz-Ordner mit Presseausschnitten zu Krakau, rund 900 Titel bzw. 22 Presseordner, die sich mit Karol Wojtyła beschäftigen; hinzu kommen noch etliche hundert Aufsätze, die im Bibliographieportal nachgewiesen wurden. Weitere über 1300 Bücher bzw. 60 Ordner enthalten Informationen zur Katholischen Kirche in Polen.

Für den Beitrag benutzte und zugleich weiterführende Literatur:
George Weigel: Zeuge der Hoffnung: Johannes Paul II. Eine Biographie, Paderborn, 2002;
Christian Zentner (Hg.): Johannes Paul II.: das war sein Leben, St. Gallen 2005;
Johannes Paul II.: 1920 – 2005. Nachruf auf einen Jahrtausend-Papst, Hamburg 2005 (Spiegel Spezial 2005, Nr. 3);
Jef de Roeck: Der Mann aus Polen: Papst Johannes Paul II., Düsseldorf 1978;

Weitere Quellen für im Beitrag verwendete Illustrationen:
Bernhard Hülsebusch: Ein Fels mit Charme: Papst Johannes Paul II.. Anekdoten und Erinnerungen, [Leipzig] 2005;
L’Osservatore Romano. Wydanie Polskie, 16.-23.6.1983 (Numer specjalny)

Dr. Jan Lipinsky

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