Die Orte bleiben, die Namen gehen

Ein Projekt zur Erforschung von Ortsverzeichnissen.

Obwohl Ortsverzeichnisse (engl.: Gazetteers) kaum noch in gedruckter Form erscheinen, ist es trotz oder gerade aufgrund der Unzahl an digitalen Quellen keineswegs unproblematischer geworden, benötigte Informationen für Orte zu finden. Dies ist insbesondere der Fall, wenn man zu Regionen recherchiert, die sich wie im Fall von Ostmitteleuropa durch eine große ethnische Vielfalt auszeichnen, als auch auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. Im Laufe der Zeit ist eine Vielzahl an Ortsverzeichnissen mit jedoch unterschiedlichen- Schwerpunkten entstanden: Die einen Gazetteers legen den Fokus auf die eine oder andere Minderheitensprache der Orte, die anderen wiederum auf die jeweilige Amtssprache. Andere hingegen bieten einen Querschnitt über nebeneinander bestehende Namen, allerdings beschränken sich diese wiederum oftmals entweder auf den gegenwärtigen oder auf den historischen Zustand.

Schreibweisen der Ortsnamen waren nicht normiert

Ein allumfassender diachroner Überblick fehlt zumeist. Eine weitere Herausforderung historischer Toponyme stellt der Umstand dar, dass die Schreibweise der Orte vielfach nicht normiert war. Als interessantes Beispiel kann hierfür das Toponym Breslau angeführt werden, da im deutschsprachigen Raum erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bestrebungen zur Vereinheitlichung der deutschen Orthographie einsetzten. Sucht man auf alten Karten nach den Bezeichnungen für die Stadt Breslau, dann findet man für den deutschen Namen ganz unterschiedliche Schreibweisen: Breslav, Breslaw, Bresslav, Bresslaw, Breßla. Auf ihren polnischen oder tschechischen Namen (pl. Wrocław, tschech. Vratislav) stößt man hingegen eher selten.

Evolution des Toponyms Breslau in Karten
Die Evolution des Toponyms Breslau in Karten [Ausschnitte: Slesiae descriptio ca. 1:1.000.000 (um 1545), Ducatus Silesiae Tabula geographica generalis ca. 1:860.000 (1749) Topografische Karte 1:25.000 (1942), Blatt 4868]. Bis ins 19. Jahrhundert wurden mehrere Namensvarianten parallel verwendet, was zum Teil auch an der Herkunft und Sprachkompetenz der Verfasser lag. Auf der letzten Karte sind auch Ortsnamen sichtbar, die ab 1936 eingedeutscht wurden.

Noch komplizierter wird der Überblick über die Namenshistorie auf der Verwaltungsebene. So fungierte beispielsweise die seit 1924 als Leningrad bezeichnete Stadt (1914-1924: Petrograd) ebenfalls als Hauptstadt des nach ihr benannten Verwaltungsgebiets (leningradskaja oblast‘). Nach der 1991 erfolgten Restitution des amtlichen Städtenamens in Sankt-Peterburg (dt. Sankt Petersburg) blieb diese Hauptstadtfunktion erhalten, wobei die Oblast ihren alten Namen beibehielt. Allgemein gestaltete sich die toponymische Praxis auf der administrativen Ebene im Verlauf des 20. Jahrhunderts ungleich komplexer, da die Entwicklung der Verwaltungseinheiten durch insbesondere zwei entgegengesetzte Tendenzen geprägt war: Zum einen durch die stärkere Einbindung lokaler Gegebenheiten und zum anderen durch die Anforderungen supranationaler Institutionen wie es im Kontext der EU gegeben ist. In den Staaten der EU und ihrer Anwärter wurden teilweise neue Verwaltungsebenen geschaffen, hauptsächlich um den Standards der europäischen Statistikerfassung entgegen zu kommen, welche die Staaten in mehrstufige Bezugseinheiten untergliedert (sogenannte NUTS, franz. Nomenclature des unités territoriales statistiques). Dabei werden bei Verwaltungsreformen häufig historische Zusammenhänge außer Acht gelassen. Ein Beispiel hierfür ist die 1975 in der Volksrepublik Polen erfolgte Reform. Damals wurden 49 anstelle von 16 Woiwodschaften ausgewiesen. Neben der Dezentralisierung und Demontage regionaler bzw. historischer Zusammenhänge sollten dabei neue Impulse zur Entwicklung von peripher gelegenen Mittelstädten gesetzt werden.

Namensgebung verfestigt Herrschaftsanspruch

Die Namensgebung ist vielfach als ein Akt der Verfestigung eines territorialen oder politischen Herrschaftsanspruches zu verstehen. Als bezeichnende Beispiele können hierfür die Namensschöpfungen der spanischen (und portugiesischen) Konquistadoren für Orte angeführt werden, die gleichzeitig religiöse Konnotationen manifestieren sollten. Beispiel ist hier die unter dem Kurznamen Concepción bekannte chilenische Großstadt, deren amtlicher Name weiterhin La Concepción de María Purísima del Nuevo Extremo („Die Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria vom Neuen Ende [der Eroberung]“) lautet. Weitere plakative Exeplare sind die russischen Toponyme am östlichen Rand des zaristischen Imperiums (z.B. Vladikavkaz – „Beherrscher des Kaukasus“). In dieser Tradition stehen ebenfalls die nach der Oktoberrevolution erfolgten sowjetischen Namensänderungen. Die in der heutigen Ukraine liegende Stadt Krindačëvka wurde 1920 beispielsweise in Krasnyj Luč („Roter Lichtstrahl“) und im Zuge der ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen 2016 wiederum in Chrustalʹnyj umbenannt.

Nach 1989 kam es in allen Staaten des ehemaligen Ostblocks zu einer, wenn nicht gar mehreren Wellen von Namensänderungen, von der vor allem Straßen, Plätze oder symbolische Orte betroffen waren. Dieser Prozess ist jedoch noch längst nicht abgeschlossen. Eine neue Welle ist jüngst in Polen zu beobachten, wo die Regierung eine Liste von Straßen und Gedenkorten erstellen ließ, deren Semantik auf die Zeit der Volksrepublik oder auf den sowjetischen Einfluss (zum Beispiel auf die während des Zweiten Weltkriegs gefallenen Soldaten der Roten Armee) rekurriert. Zahlreiche weitere Orte in Ost und West ließen sich anführen.

Ortsnamen drücken Macht-Wissen-Konstellation aus

Nach meiner Auffassung ist es zu keiner Zeit möglich, Ortsnamen „neutral abzubilden“, denn immer ist die Bezeichnung eines Ortes mit einer bestimmten Perspektivität verbunden. Mein Formulierungsvorschlag: Ortsnamen sind immer ein Ausdruck einer spezifischen Macht-Wissen-Konstellation. In Ortsnamen drückt sich nationale, regionale oder lokale Identität aus. Um die politische oder kulturelle Bedeutung von Ortsnamen wird teils heftig gestritten. Der Vergleich verschiedener analoger und digitaler Ortsverzeichnisse zeigt, wie sich diese Debatten im Verlauf der Zeit verändert haben und welche Ortsnamenschreibung sich in welcher Region aus welchen Gründen durchsetzen konnte.

Andererseits sind Ortsverzeichnisse wichtige Hilfsmittel für ganz unterschiedliche Forschungsdisziplinen (Geschichte, Geografie, Sprachwissenschaft, Archäologie, Klimaforschung, Politikwissenschaften, Ethnografie und Ethnologie). Zudem können sie auch für außerwissenschaftliche Bereiche, die Orte untersuchen, eine wichtige Faktenquelle darstellen (Bildung, Politik, Journalismus). Als Untersuchungsobjekt stellen sie des Weiteren einen aussagekräftigen Korpus zur Erforschung der Dynamik von Macht-Wissen-Konstellationen dar.

Forschungsprojekt untersucht Ortsnamenverzeichnisse

Im Rahmen des Projekts „Herausforderungen der Geodaten-basierten Erforschung von Ortsnamensverzeichnissen (Gazetteers)“ haben sich daher Forscherteams des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft in Marburg, des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) in Leipzig und der Justus-Liebig-Universität Gießen zusammengeschlossen, um das komplexe Gebiet der Ortsverzeichnisse tiefergehend zu betrachten. Unter der Leitung von Christian Lotz (Herder-Institut) und Francis Harvey (IfL), eingebettet in ein internationales Netzwerk von Expert*innen, soll nicht nur untersucht werden, wie sich das Macht-Wissen-Gefüge und dessen Mechanismen im Laufe der Zeit gewandelt haben, sondern auch, inwiefern sich Ortsverzeichnisse im Kontext der Digitalisierung weiterhin verändern. Am Beispiel der Gazetteers werden Mechanismen und Konsequenzen von Digitalisierungsprozessen analysiert, die sich ebenfalls auf andere Bereiche übertragen lassen, wie etwa die Transformation von analogen zu digitalen Nachschlagewerken und wie diese den jeweils aktuellen Stand von Spezialwissen beeinflussen.

Der konzeptionelle Rahmen des Projekts umfasst insbesondere folgende Themenfelder:

  • Die Vorgehensweise politischer und wissenschaftlicher Akteure in Ostmitteleuropa bei der Gestaltung von territorialen Diskursen
  • Die Betrachtung von Akteuren, die sowohl in nationalen als auch internationalen Zusammenhängen aktiv waren
  • Die Erforschung der Auswirkungen von technischen Innovationen auf Gazetteers (standardisierte Kartenproduktion seit dem 18. Jahrhundert oder computerbasierte Technologien seit den 1970er Jahren)
  • Die Untersuchung des Einflusses von technischen, politischen und ökonomischen Faktoren auf territoriale Diskurse
  • Die Analyse von Gazetteers im Hinblick auf die Veränderung von Macht-Wissen-Konstellationen in verschiedenen Wissenschaftsfeldern von der Frühen Neuzeit bis zum digitalen Zeitalter
  • Das Recherchepotential der e-Gazetteers und seine Grenzen

Diese Aspekte werden am Beispiel von ausgewählten Regionen untersucht. Räumlich fokussiert ist das Projekt auf Ost-Mitteleuropa, wo die Umbrüche des 20. und der vorherigen Jahrhunderte zahlreiche Besonderheiten in den Wechseln und der Verankerung von Ortsnamen in nationalen Narrativen mit sich gebracht haben.

Die praktischen Aufgaben des Projekts bestehen in der Sichtung der Datenbanken, die sich hinter den vorhandenen digitalen Ortsnamensverzeichnissen unterschiedlicher, interdisziplinärer Provenienz (Humanwissenschaften, Umweltforschung, Geografie) befinden, und zwar im Hinblick auf Metadatenstrukturen, Umfang, Inhalt und Anwendung in Forschungsprojekten. Auch die Möglichkeiten zur Einbeziehung von gedruckten Ortsverzeichnissen wird diskutiert, zumal eine zunehmende Zahl inzwischen in digitalisierter Form zugänglich ist. Eine davon abgeleitete Web-Anwendung, deren erster Prototyp sich inzwischen in der Erprobungsphase befindet, soll vergleichende Auswertungen verschiedener Gazetteers ermöglichen. Sie wird eine kartenbasierte Visualisierung von Verbindungen und raum-zeitlichen Veränderungen von Geo-Objekten zur Nutzung in inter- und multidisziplinären Zusammenhängen bieten. Indem diese Applikation der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird, befördert das Projekt eine breite Auseinandersetzung mit Fragen geografischer Wissensordnung in Datenbanken.

Auf der Grundlage der Auswertung der Testdaten sollen Anforderungen in Bezug auf die Funktionalität digitaler Ortsverzeichnisse formuliert sowie Konzepte zu ihrer Weiterentwicklung mit Expert*innen und Experten aus Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen diskutiert werden.

>> Weitere Informationen zum Projekt

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